Paul Kohl/ 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Peter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der NazisIch liebe liebe liebe es, mit einem Buch in der Hand (m)eine Stadt zu erkunden.

Nun lebe ich ja schon recht lange in Berlin, habe während meines Studiums jahrelang als Stadtführerin gearbeitet und allein deswegen ohnehin alles über die Stadt verschlungen, was mir so in die Finger kam. Wirklich Neues erwarte ich daher kaum noch von Berlin-Büchern, dieses Büchlein hat mir nun allerdings doch so einiges gezeigt, was ich noch nicht kannte, viel Vergessenes in Erinnerung gerufen und war mir in den letzten Wochen bei einigen Stadtspaziergängen ein treuer Begleiter.

Die meisten Sachen kannte ich zwar schon (bspw. die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, das Jüdische Waisenhaus, die „Euthanasie“-Zentrale, die Comedian Harmonists, den Flakturm Humboldthain usw.), fand aber die Aufbereitung sehr gelungen.

So findet man die Beschreibung der Historie auf der linken Seite und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Abbildungen, einmal aus der Zeit des Nationalsozialismus und darunter aus hePeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisutiger Zeit, was die eindeutige Identifikation der Orte ermöglicht. Auch die Zusammenstellung der einzelnen Orte finde ich gut durchdacht.

 

Und dann waren da eben doch einzelne Sachen, die ich bislang nicht kannte.
Zum Beispiel wusste ich nicht, wo Adolf Hitlers Bruder seine Kneipe hatte, von der „Roten Kapelle“ hatte ich irgendwann zwar schon mal gehört, kannte aber weder Details noch den Ort und ebenso ging es mir mit der Fahnenfabrik Geitel, dem Großmufti von Jerusalem und seiner nationalsozialistischen Propaganda sowie dem Murellenberg.

Dadurch, dass das Buch vPeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisom Titel her auf 111 Orte begrenzt ist, fehlen naturbedingt einige Orte, das tut dem Buch insgesamt aber keinen Abbruch.

Wer sich für Berlin und seine Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus interessiert und die Standard-Städteführer leid ist, wird an diesem Buch sicherlich Gefallen finden.

 

5sterne

Autor: Paul Kohl
Titel: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Emons
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3954512201

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Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet Barol

Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet BarolAmsterdam im Jahr 1907:
Der junge Piet Barol, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, jedoch eine gute Ausbildung genossen hat, ist gewillt, es im Leben zu etwas zu bringen.
Er bekommt dank eines Empfehlungsschreibens und seines außergewöhnlichen Charmes eine Stelle als Hauslehrer bei der vermögenden Hoteliers-Familie Vermeulen-Sickerts.
Sein ungewöhnlich gutes Aussehen, sein Talent für Sprache und Musik und sein Vermögen, jedermann um den kleinen Finger zu wickeln, scheinen ihm den Weg in die feine Gesellschaft zu ebnen. Doch sein Traum ist es, in Amerika das große Geld zu machen und er ist bereit, dafür viel zu riskieren …

Ehrlich gesagt habe ich von diesem Buch lediglich ein bisschen leichte Unterhaltung erwartet. Ich hatte es schon etwa ein Jahr ungelesen im Regal stehen – und könnte mich dafür ohrfeigen.
Was ich bekommen habe, war ein Meisterwerk der schönen Sprache und der bildlichen, fabelhaften Erzählkunst.
Richard Mason hat mich von der ersten Seite an mit seinen Worten verzaubert und das Amsterdam der Belle Époque vor meinen Augen auferstehen lassen, sodass ich das Buch eigentlich am liebsten nie beendet hätte.
Piet Barol ist nicht immer ein feiner Mensch, aber er weiß, was er will und was er dafür tun muss, und er scheut kein Risiko – wie könnte man so einen Protagonisten nicht ins Herz schließen?
Mit Freude habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung des Buches geben soll – ich kann es kaum erwarten!

 

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: Richard Mason
Titel: Die geheimen Talente des Piet Barol
Originaltitel: History of a Pleasure Seeker
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3570101360

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David Levithan/ Letztendlich sind wir dem Universum egal

David Levithan/ Letztendlich sind wir dem Universum egalJeder von uns hat sich sicherlich schon einmal vorgestellt, jemand anderes zu sein, ein anderes Leben zu führen, an einem anderen Ort zu leben, einfach mal in die Rolle eines anderen Menschen zu schlüpfen.
Für A ist das alles Normalität, er kennt es nicht anders.
Jeden Morgen erwacht er in einem anderen Körper, an einem anderen Ort, in einem anderen Leben.
Er selbst bezeichnet sich als Gast, als Treibgut. Nie weiß er, wer er am nächsten Morgen sein wird oder wo, er kann es nicht steuern. Jeden Tag lebt er das Leben eines anderen Menschen und versucht dabei, so unauffällig wie möglich zu bleiben und kein Chaos in den Leben der anderen zu hinterlassen, sich nicht einzumischen.

“Es ist schwer, im Körper von jemandem zu sein, den man nicht mag, weil man ihn trotzdem achten muss. In der Vergangenheit habe ich manchmal Schaden im Leben von anderen angerichtet und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es mich nicht loslässt, wenn ich Mist baue. Also versuche ich, vorsichtig zu sein.”

A selbst hat keinen Namen, keine Eltern, keine Freunde – bis er auf Rhiannon trifft.

“Ich bin Treibgut, und so einsam das mitunter sein kann, es ist auch enorm befreiend. Ich werde mich niemals über jemand anderen definieren. Ich werde nie den Druck von Gleichaltrigen oder die Last elterlicher Erwartung spüren. Ich kann alle Teile eines Ganzen betrachten und mich auf das Ganze konzentrieren, nicht auf die Teile. Ich habe gelernt zu beobachten, weit besser als die meisten anderen Menschen. Die Vergangenheit setzt mir keine Scheuklappen auf, die Zukunft motiviert mich nicht. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart, denn nur in ihr ist es mir bestimmt, zu leben.”

Der Wunsch, sein Leben mit ihr zu verbringen, wird so stark, dass er zum ersten Mal gegen seine Regeln verstößt. Doch wie soll eine Liebe funktionieren, wenn man nie weiß, wer man am nächsten Tag ist? Wie soll Rhiannon jemanden lieben, der jeden Tag anders aussieht, mal Mädchen, mal Junge ist? Genügt es, dass das Innere, das Wesen, immer dasselbe ist, die Hülle jedoch nicht?

“Gestern ist eine andere Welt. Ich will wieder dorthin zurück.”

Ich finde es unglaublich schwer, dieses Buch angemessen zu besprechen, zu sehr hat es mich beeindruckt. Davon abgesehen gibt es natürlich schon haufenweise tolle Besprechungen zu dem Buch, hier zum Beispiel,  hier, hier oder auch hier.

David Levithan hat ein kluges, sensibles, wundervolles Buch über die Liebe und das Erwachsenwerden geschrieben.
Die Idee, dass jemand jeden Tag in einem anderen Körper steckt, klingt zunächst seltsam, doch Levithan hat es geschafft, dass nichts an diesem Buch unstimmig ist.
Zwar wird nicht jede Frage beantwortet – warum ist A so, warum sind die Körper, in die er schlüpft, alle so alt wie er, warum befinden sie sich immer im selben Bundesstaat der USA wie der Körper, in dem A am Tag zuvor war? –, die Beantwortung dieser Fragen ist aber gar nicht notwendig, denn sie sind im Grunde für den gesamten Plot vollkommen irrelevant. Es geht hier um etwas anderes. Um die Frage nämlich, ob Liebe unabhängig vom Geschlecht und vom Körper überdauern und funktionieren kann – und um die Frage, ob man aus Liebe wirklich alles tun darf, oder ob nicht vielmehr der Verzicht, das Loslassen, das größte Zeichen wahrer Liebe sind.

„So wird es immer für mich sein. Eingesperrt in einem Zimmer. Gefangen in mir selbst.”

David Levithan/ Letztendlich sind wir dem Universum egal

“Anfangs war es schwer, einen Tag nach dem anderen durchzustehen, ohne ernsthafte Beziehungen zu knüpfen oder Veränderungen im Leben anderer zu hinterlassen.”

Wirkt A zu Beginn der Erzählung noch recht besonnen, kühl, als habe er sich eben mit seiner seltsamen Existenz abgefunden, bricht im Laufe der Handlung all seine Verzweiflung und Hilflosigkeit auf. Er fühlt sich ausgeliefert, gefangen, wie ein Spielball des Universums. Dabei treten durchaus auch unangenehme Charakterzüge zutage.

Mir hat sehr gefallen, mit welcher Genauigkeit Levithan A’s Gefühle und Gedanken beschreibt, ohne dabei kitschig zu werden. Insgesamt zeichnet sich der Schreibstil durch eine ideale Mitte aus: Nah genug dran, um in die Geschichte eintauchen, aber weit genug weg, um von außen einen Blick auf alles werfen zu können.
Auch das Ende, an dem sich ja, liest man mal einige Rezensionen, offensichtlich die Geister scheiden, hat mir in seiner offenen Art gut gefallen.
A ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, der,  obwohl er es zu wissen glaubt, seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat und auf der Suche ist.
Man weiß nicht genau, welches Geschlecht A eigentlich hat, ich habe nun “er” geschrieben, weil sich das für mich am stimmigsten anfühlte, möchte diesen ungewissen Punkt jedoch nicht unerwähnt lassen.

Das Cover und die Aufmachung des Buches finde ich sehr gelungen und ansprechend, ich hatte das Buch richtig gerne in der Hand und bin doch sehr froh, mich für die Printausgabe und gegen das eBook entschieden zu haben. Ich freue mich schon sehr darauf, andere Bücher von David Levithan zu lesen.

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: David Levithan
Titel: Letztendlich sind wir dem Universum egal
Originaltitel: Every Day
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: FISCHER FJB
Gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3841422194

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Toby Barlow/ Baba Jaga

Toby Barlow/ Baba JagaWill, ein mäßig erfolgreicher amerikanischer Werbetexter, lernt im Paris der 50er Jahre die bezaubernde Zoja kennen.
Was er nicht weiß: Zoja ist eine russische Hexe, die seit Jahrhunderten um keinen Tag gealtert ist, sich von reichen Männern aushalten lässt und diese irgendwann „entsorgt“. Unglücklicherweise war sie bei ihrem letzten Liebhaber ein wenig ungeschickt und hat nun die Polizei auf den Fersen.
Doch auch Will ist nicht das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint, denn hinter der Fassade des Werbetexters versteckt sich ein CIA-Agent, dem das Glück in letzter Zeit allerdings nicht sonderlich hold war und der sich ebenfalls vor einigen Leuten verstecken muss …

“Ein heißes Bad erinnerte sie fast immer an die grimmige, eisige Kälte, die im Laufe der Jahre so oft die Fänge in ihre Knochen geschlagen hatte. Sie musste mit diesen Erinnerungen vorsichtig sein. Wenn sie sie unerwartet überfluteten, ausgelöst vielleicht durch etwas so Geringfügiges wie den Duft blühender Nelken oder den Geschmack von Anis, konnten sie sie überwältigen und ihr die Kräfte rauben. Aber sich jene tödlichen Tage von Eis und Kälte ins Gedächtnis zu rufen, während sie behaglich in einem warmen Bad lag, fühlte sich ungefährlich an. Es war so, als würde der wilde Jäger Frost sie, von der dichten Wolke aufsteigenden Dampfs umwallt und umhüllt, nicht finden können.”

Ich war sehr gespannt auf „Baba Jaga“, hatte ich doch nur Gutes über dieses Buch gehört, ja, regelrechte Begeisterungsstürme. Seit meiner Kindheit liebe ich Geschichten über die Baba Jaga und alleine deswegen musste ich dieses Buch lesen.
Leider kann ich mich nicht so wirklich den Begeisterungsstürmen anschließen. Die Rahmenhandlung hat mir gefallen, allein die Idee schon, Baba Jaga meets CIA-Agent.
Toby Barlow kann sehr schön schreiben, gar keine Frage, vor allem gefällt mir das Vokabular, seine Sätze klingen melodisch und geschmeidig; dennoch wurde ich mit dem Buch nicht so richtig warm. Die immer wieder eingestreuten Rückblenden, die Hexenlieder und das oft langatmige Geschehen haben es mir nicht ermöglicht, in die Geschichte einzutauchen, irgendwie war mir das alles zu durcheinander und es tauchten zu viele Personen auf.
„Baba Jaga“ ist ein nettes Buch, aber nachhaltig in Erinnerung wird es mir eher nicht bleiben.

Drei Sterne.
3sterne


Autor:
Toby Barlow
Titel: Baba Jaga
Originaltitel: Babayaga
Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
Verlag: Atlantik
Gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3455600001

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Nicola Karlsson/ Tessa

Nicola Karlsson/ TessaTessa ist jung, schön und lebt mitten in Berlin. Sie geht viel aus, hat Dates, modelt und dreht Werbespots – auf den ersten Blick alles wunderbar. Doch Tessa ist nicht glücklich.

Ständig pleite, wandert sie von einer Bar zur nächsten, feiert und trinkt. Jeden Tag und immer mehr. Männer kommen und gehen, mit manchen ist der Sex einvernehmlich, mit anderen nicht.

Tessa nimmt alles in Kauf, um nicht allein zu sein. Richtige Freundschaften gibt es kaum noch in ihrem Leben, aber solange genug Alkohol und Drogen da sind, ist es ihr im Grunde egal, mit wem sie unterwegs ist, Hauptsache, sie ist nicht allein. Denn wenn sie allein ist, kommt die Angst, gegen die auch der viele Alkohol, die vielen Tabletten und das Koks nicht ankommen …

Nicola Karlsson hat mit „Tessa“ ein Buch geschrieben, das wie ein Schlag in den Magen ist. Tessa hätte eigentlich alle Optionen, doch sie verschwendet ihr Leben, rutscht immer mehr ab, stößt die wenigen Menschen, die ihr wohlgesonnen sind und ihr helfen wollen, vor den Kopf. Sie ist egoistisch, exzessiv, oft unangenehm, sie will, was sie nicht hat und wenn sie es hat, will sie es nicht mehr.

“Japsend holt sie Luft. Tränen laufen ihre Wangen hinab. Sie schleppt sich zurück zum Bett, will nur weiterschlafen. Schlafen, morgen ist vielleicht alles wieder gut. Sie kann sich nicht bewegen. Schwer drückt sich ihr Körper in die Matratze. Nicht mal einen Selbstmordversuch wäre es jetzt wert aufzustehen. Augen zu. An was Schönes denken. Gibt es was Schönes in dieser Welt? Irgendwas muss es geben, sie ist sich sicher. Und während sie hofft und krampfhaft nach einem schönen Gedanken sucht, schläft sie wieder ein.”

In einigen Rezensionen las ich den Vorwurf, das Buch würde jedes nur erdenkliche Klischee bedienen – ja und? Klischees sind nun einmal Klischees, weil es sie tatsächlich gibt, und zwar verdammt oft. Wer die typischen Berlin-Mitte-Szenegänger kennt, der weiß auch, dass „Tessa“ nicht überzogen ist, sondern verdammt nah an der Realität einer Generation, die sich durchs Leben feiert und mal hier, mal da jobbt, irgendwie orientierungslos und ohne Ziel, dafür oft mit Depressionen und einer Menge Frust, gegen die sie wiederum feiern gehen, immer auf der Suche nach Ablenkung und Flucht aus der Realität – ein Teufelskreis.

“Sie will ihn nicht anrufen, denn er soll zuerst bei ihr anrufen. Am meisten macht ihr der Gedanke Angst, sie könnte ihn mit der Blonden entdecken, aber auch sie sieht sie nie, dabei geht sie fast jede Nacht aus. Und jede Nacht ist sie betrunken. Aber noch ist es Sommer, und den muss man genießen, obwohl sie die Tage meistens verschläft. An morgen will sie jetzt nicht denken, sie will an gar nichts denken. Eigentlich will sie nur den nächsten Drink.”

Wer glaubt, dass Protagonisten nur sympathisch oder unsympathisch sein sollten, kennt vermutlich auch außerhalb von Büchern nur Schwarz oder Weiß. Nicola Karlsson beschreibt Tessa unheimlich intensiv, und dass Tessa eben keine wirkliche Sympathieträgerin ist, sondern oft genug einfach nur Wut in einem erzeugt, damit können einige Leser anscheinend nicht damit umgehen. Anders kann ich mir die Rezensionen nicht erklären, in denen einfach nur steht, Tessa sei unsympathisch und deswegen solle man das Buch nicht lesen. Bumms.

Ich frage mich ganz ehrlich, wieso manche Menschen nicht begreifen, dass es eine enorme schriftstellerische Leistung ist, eine Protagonistin so zu gestalten, dass sie Wut im Leser erzeugt oder auch Ablehnung. Tessa empfindet Schmerz, hat Angst, ist einsam, gleichzeitig fügt sie anderen Schmerzen zu, stößt sie weg, ist sprichwörtlich oft zum Kotzen – genau das macht sie so echt.

“… und sie nutzt den Moment, ihre Hände schnellen hervor, und sie zerkratzt seinen Rücken, so tief und so oft sie kann. Er schubst sie von sich.
‘Au! Scheiße, das tut weh. Das brennt.’
‘Und was sagt deine Frau dazu?’ Sie lacht theatralisch. ‘Hast du verdient, du Sau. Du betrügst deine Frau. Und wie erklärst du ihr das?’
‘Sie wird es nicht zu sehen bekommen.’ Er steht auf, zieht seine Hose hoch und greift nach seinem Hemd.
‘Du bist so ein Schwein. Und was machst du dann? Rennst mit T-Shirt rum oder was? Sie will es nicht sehen, also sieht sie es nicht. Sie weiß es doch eh. Welche Frau kriegt es nicht mit, wenn der Mann mit fremdem Muschigeruch auftaucht? Diese alte Frau scheint so scheiß dämlich zu sein. Wie krank ist das denn?’
[...]
Die Tür fällt ins Schloss. Wieder ist sie allein. Die Wohnung scheint nun noch verlassener.”

Das hier ist kein Buch für Leute, die nur Happy-End-Schmalz und rosa Wattewölkchen wollen – und umgekehrt sind das nicht die Leser, die ich diesem herausragenden Buch wünsche.

Die Art und Weise, wie die Autorin die Geschichte erzählt, gefällt mir ausnehmend gut, weist sie doch viele Elemente einer Kurzgeschichte auf. Man erfährt nicht viel über Tessas Vorgeschichte, man stolpert unvermittelt mitten hinein in ihr Leben, in eine Phase, die mehr als schwierig und unglücklich ist, man beobachtet sie – und geht dann wieder. Die Sprache ist schonungslos und ungeschnörkelt und zielt nicht darauf ab, dass der Leser sich wohlfühlt.

„Tessa“ ist für mich ein unheimlich intensives, atmosphärisches, oft unangenehmes Buch und ich ziehe meinen Hut vor Nicola Karlsson und ihrer gnadenlosen Erzählung. Ich hoffe sehr, dass man von dieser Autorin noch einiges zu lesen bekommt.

Nicht jedes Buch muss Wohlbefinden auslösen, im Gegenteil: Es sind meiner Meinung nach genau solche Bücher, die nachwirken, die lange noch im Gedächtnis bleiben, die einem eine neue Sicht auf die Dinge ermöglichen oder eigene Beobachtungen bestätigen, die vielleicht auch anregen, selbst etwas zu verändern, weil sie einem den Spiegel vorhalten.

Absolute Empfehlung.

Fünf Sterne.

5sterne

Autorin: Nicola Karlsson
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Graf Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3862200467

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Ein Kommentar

23. April – Der UNESCO-Welttag des Buches

Schon wieder ist ein Jahr vergangen und erneut feiern wir heute, am 23.04.2014, den UNESCO-Welttag des Buches.

Eine regionale Tradition ist zu einem internationalen Ereignis geworden: 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung hat sich dabei von dem katalanischen Brauch inspirieren lassen, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Über diesen Brauch hinaus hat der 23. April auch aus einem weiteren Grund besondere Bedeutung: Er ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.

Wie schon vor zwei Jahren, gibt es auch in diesem Jahr wieder die Aktion “Lesefreunde teilen Lesefreude” und ich freue mich sehr, erneut als Buchschenkerin dabei sein zu dürfen. Ganz besonders freut mich, dass ich “Die Korrekturen” von Jonathan Franzen verschenken darf und ich hoffe, diejenigen, die ich heute mit dem Buch überrasche, freuen sich ebenso darüber.

"Die Korrekturen" von Jonathan Franzen. "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen.

Ich wünsche euch allen einen schönen (und buchreichen) Welttag des Buches!

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Roman Graf/ Niedergang

Ein Berliner Paar, er Schweizer, sie gebürtige Mecklenburgerin, bricht in den Schweizer Bergen zu einer mehrtägigen Hüttentour auf. Die Stimmung ist eisig, nicht nur wegen der Kälte am Berg. Vielmehr wird die Wanderung Richtung Gipfel mehr und mehr Sinnbild für die Beziehung der beiden und je höher sie steigen, umso mehr entfernen sie sich voneinander …

Roman Graf/ Niedergang @Knaus Verlag

“Niedergang” ist ein recht kurzes Buch – das mir sehr an die Nieren gegangen ist.
Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, Roman Graf habe meine langjährige Beziehung genommen, ausgewrungen und das Essentielle zwischen diese Buchdeckel gepresst, es war stellenweise beängstigend.

André und Louise bilden von Anfang an kein harmonisches Paar.
Sie, die immerzu meckert und viel lieber an der Mecklenburger Seenplatte Eis essen und schwimmen würde, und er, der hoch hinaus will, der Schmerz spüren will, der Erfolge will, der seine Freundin davon überzeugen will, dass sie gerade das größte Abenteuer ihres Lebens erlebt; der zwar in Berlin lebt, aber in seiner Heimat auf der Wanderung plötzlich seine eigenen Ressentiments gegenüber den Deutschen und ihren Eigenarten realisiert.

Eine Wanderung, bei der es nicht steil aufwärts ging, war für ihn keine Wanderung. Er brauchte die Steigung und das Gewicht des Rucksacks, um zu spüren, dass mit seinem Körper etwas geschah, das ihm guttat; Spaziergänge hingegen auf ebenem Gelände, etwa um einen See herum, waren so leicht, dass er glaubte zu schweben und kaum etwas fühlte. Nein, mit einer richtigen Wanderung war das nicht vergleichbar [...]

Die Wanderung steht von Anfang an unter keinem guten Stern, die Anspannung und unterdrückte Aggression zwischen den beiden ist durch die Zeilen hindurch fast greifbar.

Sie liebten sich schnell und gierig, weder liegend, da zu unbequem, noch stehend – auf allen vieren auf geradezu animalische Art. André mochte ihren mageren Körper sehr; nichts Überflüssiges gab es an ihm, er war wunderbar funktional.

Der Leser wandert mit dem Paar den Berg hinauf und spürt die eisige Stimmung, und so verwundert es nicht, dass es schließlich zur Eskalation zwischen den beiden kommt.
Dies geschieht jedoch nicht auf brachiale, laute Art, denn so ist das ganze Buch nicht. Es geschieht leise, fast beiläufig, fast nicht der Rede wert, doch wird es das Leben beider verändern.

Roman Grafs Sprache ist auf das Notwendige reduziert, kein Wort, kein Satz ist deplatziert oder überflüssig. Gerade diese nüchterne Erzählweise ließ mir die Geschichte umso mehr ans Herz gehen und ich war nach der Lektüre erst einmal eine Weile sprachlos und musste mich sammeln.

“Niedergang” ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein Psychogramm.
Es weckt unangenehme Gefühle, es hat mir Magenschmerzen bereitet.
Aber es hat mir auch dabei geholfen, einige Dinge zu verstehen und mit einigem aus meiner Vergangenheit meinen Frieden zu machen.

Für ein Buch, das solche Emotionen weckt und sprachlich so einwandfrei ist, kann es nur volle fünf Sterne geben.
5sterne

 

 

Autor: Roman Graf
Titel: Niedergang
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (26. August 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3813505665

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Liebe – The World Book of Love

Lassen Sie uns doch mal über Liebe sprechen.

The World Book of Love/ Leo Bormans @Dumont Verlag

Liebe ist so eine Sache: Jeder erlebt sie, mal in dieser, mal in jener Form. Mal erzeugt sie Glück, mal Schmerz, Eifersucht, Leidenschaft, Hass, Hingabe … aber ein Leben ohne Liebe ist undenkbar und unmöglich. Sie wirklich zu verstehen leider auch.

Der Herausgeber Leo Bormans hat in “Liebe – The World Book of Love” den Versuch unternommen, dem Leser die Thematik “Liebe” aus verschiedenen Blickwinkeln näherzubringen. Dazu hat er eine Vielzahl internationaler Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen dazu gebracht, sich dem Thema anzunähern und über verschiedene Aspekte zu berichten.

Man findet in dem Buch keine bloße Abhandlung darüber, was Liebe ist.
Vielmehr ist das Buch als Lesebuch zu verstehen.
Die Kapitel sind unabhängig voneinander zu lesen und laden dazu ein, das Buch stets griffbereit (in meinem Fall auf dem Nachttisch) liegen zu haben und immer mal wieder darin zu schmökern.

The World Book of Love/ Leo Bormans @Dumont Verlag

Mir gefällt besonders gut, dass im Inhaltsverzeichnis neben dem Kapiteltitel und dem Autorennamen auch dessen Herkunftsland verzeichnet ist, denn so kann man (wenn man denn mag) die Puzzlestücke wunderbar aneinanderreihen und alles in einen internationalen Kontext setzen.
Thematisiert wird so ziemlich alles, was einem zum Stichwort Liebe einfällt, als Beispiele seien hier die Kapitel “Glückliche Singles”, “Ökonomie der Liebe”, “Die Chemie der Liebe”, “Reife Liebe”, “Liebende Eltern”, “Liebe in Vietnam”, “Heilige Regeln” oder auch “Aus Liebe töten” genannt.

Der Aufbau und die Zusammenstellung des Buches gefallen mir ausgesprochen gut und ich gehe stark davon aus, dass das Buch noch eine lange Zeit als Dauerlektüre auf meinem Nachttisch liegen wird, denn auch mit mittlerweile 34 Jahren stellt sich mir in Liebesdingen oft nur eine Frage: WTF?!? ;) Da ist es dann nicht schlecht, einfach mal zum “World Book of Love” zu greifen und so irgendeine Erklärung für die schrägen Dinge zu finden, die mal wieder geschehen.

Von mir gibt es für dieses Buch volle fünf Sterne.
5sterne

 

Ich habe das Buch inzwischen auch schon zweimal verschenkt, falls ihr also mal ein für nahezu jedermann geeignetes Buchgeschenk sucht, liegt ihr mit dem “World Book of Love” sicher nicht verkehrt.

Herausgeber: Leo Bormans
Titel: Liebe. The World Book of Love
Broschiert: 352 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag; Auflage: 1 (26. August 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3832194734
Originaltitel: World Book of Love

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Rückblick auf das Lesejahr 2013, Ausblick auf das Lesejahr 2014

2013 war ein gutes Lesejahr für mich.
Das hat sich nun nicht unbedingt im Blog widergespiegelt, aber das muss es ja auch nicht zwingend, denn letztlich ist Lesen doch etwas sehr persönliches, für mich jedenfalls.
Seit ich den Vorsatz abgelegt habe, jedes gelesene Buch im Blog zu besprechen, bereitet mir das Lesen auch wieder mehr Freude. Ich lese analog und digital, je nachdem, wo ich gerade bin und wozu ich gerade Lust habe. Ich habe generell das Lustprinzip wiederentdeckt, das meinem Leseverhalten seit längerer Zeit abhanden gekommen war. Dieses Lustprinzip gilt nicht dem Lesen allein, sondern auch dem Bloggen.
2013 habe ich erlebt, wie es ist, etwas zu bloggen, das jemandem mit großer Reichweite nicht gefällt. Das war ein unangenehmes und aufreibendes Erlebnis, aber im Grunde bin ich dafür dankbar, denn genau deswegen habe ich meinen eigenen Leseweg wiedergefunden, von dem ich irgendwann vollkommen abgekommen war (siehst du, S., du hattest dann doch recht, dass ich irgendwann auch die positiven Seiten des Shitstorms sehe ;) ).
Es gab sehr gute, es gab weniger gute, es gab ganz grauenvolle Bücher, die meinen Weg 2013 kreuzten.
Ich habe mich durch die Longlist des Deutschen Buchpreises gelesen – einfach, weil ich Lust dazu hatte, weil ich Lust auf moderne deutschsprachige Literatur hatte, die in den Jahren zuvor bei mir doch recht kurz gekommen ist, vielleicht auch des Brotjobs wegen, dessen Profil sich 2013 doch sehr gewandelt hat. Auch Hörbücher haben wieder einen festen Platz in meinem Leben gefunden.

Vor allem aber habe ich jedes “MUSS” im Zusammenhang mit meinem Hobby eliminiert. Ich muss nicht lesen, was ich nicht lesen will, ich muss nicht über das Lesen schreiben, ich muss ein Buch nicht beenden, wenn es mir nicht gefällt und selbes gilt auch für Hörbücher, und wenn ich keine Lust aufs Lesen habe, weil ich zu müde bin oder zu unkonzentriert, dann ist es auch vollkommen legitim, stattdessen Serien zu gucken. Das macht mich nicht zu einer schlechteren Leserin, das macht mich nicht ungebildeter oder unkultivierter – es macht mich einfach nur frei.
Wir müssen schon genug im Leben. In meiner Freizeit will ich ganz alleine regulieren, was ich tue, ungehindert und unblockiert von jedem “MUSS”.
Das liest sich jetzt so selbstverständlich, aber diese Erkenntnis war wichtig für mich und hat aus so manchem den Druck herausgenommen.

2013 habe ich (so ich mich nicht verzählt oder ein Buch vergessen habe) 72 Bücher vollständig gelesen und acht Bücher als Hörbuch angehört.
Das war schon mal mehr – aber gerade in den letzten 2,5 Jahren, nach dem schmerzhaften und unfreiwilligen Einschnitt in meinem Leben, war es doch deutlich weniger und ich hatte zeitweise wirklich Angst, die Liebe zu den Büchern verloren zu haben.
Die abgebrochenen Bücher und Hörbücher habe ich nicht gezählt oder aufgelistet, sie landen bei mir auf einem Stapel und ich verschenke oder tausche sie.
Auch das ist neu: Ich behalte nicht mehr jedes Buch, ich gebe auch nicht mehr jedem Buch eine zweite oder dritte Chance. Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht (siehe auch diesen Beitrag von Zoë Beck).
Ich kaufe etwa 70% meiner Neuanschaffungen gebraucht über Rebuy.de oder das ZVAB, auch mal auf Flohmärkten, denn es macht mir nichts aus, wenn ein Buchrücken Knicke hat oder ein Buch sichtbar bereits gelesen wurde. Das werde ich so auch beibehalten. Grundsätzlich achte ich beim Buchkauf mehr darauf, ob ich ein Buch auch wirklich lesen werde und lasse mir mehr Zeit bei der Auswahl, damit die Bücher nicht auf dem SuB (Stapel ungelesener Bücher) verstauben.

Mein SuB bringt mich in Verlegenheit, denn der zeugt immer noch sehr vom Sammler-Gen und meiner Zeit in der Romandie, wo ich nicht jederzeit Zugang zu deutschsprachigen Büchern hatte und infolgedessen bei jedem Deutschlandbesuch Bücher gehamstert habe.
Und damit komme ich auch direkt zu meinen Plänen für das Lesejahr 2014: SuB-Abbau.
Ok, das liest man immer wieder in vielen Literaturblogs, viele Blogger nehmen dafür an Challenges teil oder erstellen Regeln, wie sie ihren SuB abbauen wollen (als Beispiel sei hier stellvertretend Ada Mitsous Projekt “Ungelesene Bücher” genannt).
Das würde nun allerdings wieder meinem Lustprinzip widersprechen. Bislang haben Challenges nur unnötigen Druck bei mir erzeugt, ich habe keine einzige je erfolgreich und planmäßig beendet.

Für den Anfang möchte ich Ordnung in meinen SuB bringen. Meine ungelesenen Bücher stapeln sich in einem verdammt großen Raumteiler im Schlafzimmer, grob sortiert nach Genre, im wesentlichen jedoch mit mechanischer Aufstellung. Sprich: Das Buch wird dahin gestopft, wo es gerade noch reinpasst. Das sieht nicht nur nicht schön aus, es macht mir bei jedem Gang ins Schlafzimmer schon ein schlechtes Gewissen.
Ich werde kritisch durch den SuB gehen und aussortieren. Viele Bücher befinden sich seit Jahren in diesem Regal. In diesen Jahren haben sich meine Leseansprüche verändert und es ist unwahrscheinlich, dass ich diese Bücher je lesen werde – also werde ich sie aussortieren.
Eine grobe Zählung ergab 250 Bücher auf dem SuB – ich schäme mich richtig. Na klar ist es toll, jede Menge ungelesener Bücher zu haben, für jede Stimmung etwas parat zu haben. Aber 250 ist absurd viel und nimmt auch absurd viel Raum in Anspruch. Anders als bei eBooks, die man nicht jederzeit vor Augen hat.
Meine eBooks sind hübsch in Calibre geordnet nach Anschaffungsdatum, Genre und Verlag. Die Zahl der ungelesenen eBooks bewegt sich im mittleren dreistelligen Bereich, dies vor allem deswegen, weil darunter auch viele eBooks sind, die mir unaufgefordert zugesandt wurden oder die ich im Rahmen meiner Arbeit zur Verfügung gestellt oder einfach so geschenkt bekommen habe. Auch der digitale SuB ist also verdammt hoch, aber ich habe ihn nicht ständig vor Augen und dank Calibre zumindest System dabei. Ich möchte aber auch bei eBooks wählerischer werden und nicht mehr jedes abspeichern, das mir geschickt/geschenkt wird oder unreflektiert welche kaufen, weil sie gerade in einer Aktion so supergünstig zu bekommen sind.

Sichtbarer SuB-Abbau also durch kritisches Aussortieren und vor allem: Lesen.
Achtsamer werden, nicht mehr unreflektiert kaufen oder tauschen, sondern mich fragen: Warum möchte ich dieses Buch haben?

Das ist also mein Plan für dieses Jahr. Und natürlich möchte ich den Kontakt zu den lieben Buchmenschen, die ich über Blogs, Twitter oder Facebook kennengelernt habe, aufrechterhalten und gerne auch vertiefen, nicht nur virtuell. Ich bin froh über diese Kontakte und glücklich darüber, dass auf diesem Wege einige echte Freundschaften entstanden sind, die das Internet längst verlassen und im Alltag Platz gefunden haben.

Auf ein gutes Lesejahr!

Do more what makes you happy!

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Alexander Wolkow/ Der Zauberer der Smaragdenstadt

Ich bin ostsozialisiert. So selten in meinem Leben Unterschiede zwischen Ost und West noch eine Rolle spielen (immerhin schreiben wir in diesem Jahr den 25. Jahrestag des Mauerfalls), so schlägt es eben doch manchmal durch. Ein Beispiel dafür ist wohl die Tatsache, dass ich nie, nie nie niemals den “Zauberer von Oz” lieber mögen könnte als den “Zauberer der Smaragdenstadt”. Alexander Wolkow hat mit seinen Geschichten rund um Elli und die Smaragdenstadt meine Kindheit sehr bereichert und bringt mich auch als Erwachsene zum Schwärmen und Träumen.

Alexander Wolkow/ Der Zauberer der Smaragdenstadt

Alexander Wolkow/ Der Zauberer der Smaragdenstadt

1939 erschien “Der Zauberer der Smaragdenstadt” erstmals auf Russisch. Laut Wikipedia handelt es sich hierbei um eine “Nachdichtung des amerikanischen Kinderbuches ‘The Wonderful Wizard of Oz'” von Lyman Frank Baum. Diese Nachdichtung ist jedoch facettenreicher, aufgrund der Fortsetzungsgeschichten (von Wolkow sind insgesamt sechs Bücher rund um Elli und ihre Freunde erschienen, die Reihe wurde später von anderen Autoren fortgesetzt) umfangreicher und für mein Leseempfinden auch liebevoller als das Original.
Hauptfiguren sind die kleine Elli aus Kansas und ihr Hund Totoschka, kurz auch Toto genannt, die aufgrund eines durch Zauberei entstandenen Wirbelsturms im Zauberland landen, wo sie Freundschaft mit der Vogelscheuche Scheuch, dem Eisernen Holzfäller und dem Feigen Löwen schließen und gemeinsam gegen böse Feinde kämpfen. Elli und Toto möchten einen Weg zurück nach Hause finden, Scheuch wünscht sich Verstand, der Eiserne Holzfäller ein Herz und der Feige Löwe Mut, und so führt sie ihr Weg zu Goodwin, dem Zauberer der Smaragdenstadt, der alle ihre Wünsche erfüllen soll …

Gerade die vielen Details, die Wolkows Buch doch sehr vom Original unterscheiden, machen es in meinen Augen so liebenswert. Die Figuren sind wie echte Menschen nicht nur gut und böse, auch die Guten sind nicht fehlerfrei und jeder kann sich verändern und besser werden, wenn er es nur wirklich will und bereit ist, etwas dafür zu tun, das war für mich eine wichtige Lektion, die zu verstehen dieses Buch mir half.
Der Feige Löwe war von Anfang an meine Lieblingsfigur, ich war eben schon von kleinauf ein Katzenfan ;).
Als ich klein war, hatten wir alle Wolkow-Bände im Regal und ich habe sie wieder und wieder begeistert gelesen.
Irgendwann zeigte sich allerdings, dass es schwierig ist, wenn vier Geschwister dieselben Lieblingskinderbücher haben ;) und so zogen die Bücher zusammen mit meinen Geschwistern aus.
Ich wurde größer und vergaß sie – bis ich im letzten Jahr auf einmal wieder an Elli und Toto, die Scheuche und alle ihre Freunde denken musste. Seitdem versuche ich, auf Flohmärkten, im ZVAB und Co. die Originalausgaben aus den 1960ern zu jagen. So toll es auch ist, dass es Neuauflagen gibt, man möchte doch lieber die Formate im Regal haben, die man schon als Kind kannte; noch wichtiger aber: Man möchte genau die Inhalte lesen, die man schon damals las.
Offenbar dachten sich bei den Neuauflagen allerdings ein paar Leute, man könne ruhig an Klassikern rumpfuschen und diese neu übersetzen, zusammenstreichen und Passagen wegkürzen – noch ein Grund mehr für mich, weiter die Originalausgaben zu jagen.
Auf dem Bild zu sehen ist die ungekürzte Taschenbuchausgabe des S. Fischer Verlags, die ich meinem Patenkindkind (nein, kein Verschreiber) zum Geburtstag schenke.

Müsste ich Bücher aufzählen, die mich geprägt haben und auf die ich niemals verzichten möchte, “Der Zauberer der Smaragdenstadt” wäre garantiert dabei.

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