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Benedict Wells / Fast genial

Lieber Benedict,

ich sag jetzt einfach mal “du”, weil ich die Ältere von uns beiden bin (wenn auch nur unwesentlich älter ;-) ).
Du schuldest mir 3,00€. Und wenn wir schon dabei sind, wäre eine schriftliche Entschuldigung für mich auch nicht schlecht.
Dank dir und deines Buches habe ich nicht nur einen außerplanmäßigen Ausflug in das Berliner Umland gemacht (weil ich mich so festgelesen hatte, dass ich meine Haltestelle um lockere 20 Minuten verpasst habe), nein, ich werde vermutlich noch einige Wochen eine ganz bestimmte Buslinie großräumig meiden. Die Haarfarbe habe ich sicherheitshalber auch gleich gewechselt, so kann ich wenigstens nicht mehr als “die wirre Blonde, die ein Buch anbrüllt” identifiziert werden. Vielleicht solltest du gleich einen Warnhinweis auf das Buch kleben lassen: “Bitte nicht die letzten Seiten in der Öffentlichkeit lesen, dies kann zu unkontrolliertem, lautstarkem Leseverhalten führen”.
Und für den Fall, das mich trotz neuer Haarfarbe jemand erkennt, hätte ich dann gerne die schriftliche Entschuldigung, so als Ausgleich für diesen blutdruckerhöhenden letzten Absatz, normalerweise schreie ich Bücher nämlich nicht an, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen die 3,00€ für den Rückfahrschein aus der Tarifzone C. Wobei ich darüber mit mir reden lassen würde, ein Kaffee täte es notfalls auch. ;-)

Herzlichst
deine Grete

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“Fast genial” – damit ist der Protagonist des Buches, Francis Dean, gemeint. Das Buch selbst hätte, ginge es nach mir, durchaus den Titel “Absolut genial” verdient, denn selten bin ich so in eine Geschichte abgetaucht, dass ich wirklich alles um mich herum vergessen habe, selten hat mich ein Autor so mit seinen Formulierungen auf eine Reise mitgenommen, selten sitzt jedes Wort so perfekt wie in diesem Buch.

Francis ist knapp 18 Jahre alt und lebt mit seiner psychisch kranken und ständig suizidgefährdeten Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey. Wirkliche Zukunftsperspektiven hat er nicht, denn seit der Scheidung der Mutter ist es nur bergab gegangen und während seine Mutter mehr Zeit in Kliniken verbringt als Zuhause, weiß Francis nichts mit sich anzufangen und hat keine Ziele.
Dann lernt er, passenderweise in der Psychiatrie, die labile Anne-May kennen und erfährt zeitgleich von den Umständen seiner Zeugung: Offenbar wurde er nicht von einem Versager gezeugt und im Stich gelassen, sondern er ist das Ergebnis eines gewagten und absurden Experiments, das als “Samenbank der Genies” zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Sein Vater soll ein preisgekrönter, herausragender Wissenschaftler sein.
Und auf einmal wendet sich für Francis das Blatt. Er will unbedingt seinen Vater kennenlernen und macht sich zusammen mit Anne-May und seinem besten Freund Grover auf den Weg quer durchs Land, zur Westküste, um herauszufinden, wer er eigentlich ist …

Francis’ tragisch-komische Geschichte und seine roadtripartigen Erlebnisse auf der Suche nach dem Vater und nach sich selbst haben mich zutiefst berührt, amüsiert und mitgenommen.
Benedict Wells hat ein atemberaubendes Gespür für Sprache und Handlung, überrascht mit immer neuen Entwicklungen, sodass keine Langeweile aufkommt, allenfalls ein Moment Zeit bleibt, um durchzuatmen, bevor es rasant weiter geht. Vermutlich war es der größte Coup des Diogenes-Verlags, diesen jungen Autor direkt unter Vertrag zu nehmen (“Fast genial” ist nun sein dritter Roman), denn ich wage mir kaum auszumalen, welche Geschichten, Worte und überraschende Handlungen noch von ihm zu erwarten sind – und ich kann es kaum erwarten, sie zu lesen!

Der erste Satz:

“Ich werde fliehen!”

Satte fünf Sterne für “Fast genial”, das die Bewertungsmesslatte für alle anderen Bücher in diesem Jahr schier unerreichbar hoch angelegt hat.

Autor: Benedict Wells
Titel: Fast genial
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257067897

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[Gastrezension] Lukas Hartmann / Finsteres Glück

Ich freue mich sehr, euch heute erneut eine wunderschöne, gefühlvolle Gastrezension von Amy vorstellen zu dürfen.

Lukas Hartmann: Finsteres Glück   ©Diogenes VerlagSchon recht weit am Ende angelangt, notierte ich mir – einer spontanen Eingebung folgend – meinen eigenen, wesentlich optimistischer gefärbten Titel für dieses kleine, feine Buch: „Familienzusammenführung“ (leider verkauft sich Spektakuläres besser).
Denn obwohl der Kern des Plots exakt das Gegenteil dessen bildet, nämlich die tragische, plötzliche Zerstörung einer fünfköpfigen Familie, einen fürchterlichen, abrupten Riss, dreht sich am Ende doch alles nur darum: Um das, was geblieben ist, zu kitten, zu heilen, die scheinbar nicht (mehr) passenden Bausteine doch wieder irgendwie zusammen zu basteln.
Die alte, verlorene Familie durch ein völlig neues Konstrukt zu ersetzen, mühsam … gewagt, unorthodox.

Ein achtjähriger Junge, Yves, wird Zeuge eines Autounfalls, bei dem sämtliche Mitglieder seiner Familie – Vater, Mutter, Schwester, Bruder – auf dem Heimweg von einer gemeinsam bestaunten Sonnenfinsternis ums Leben kommen. Yves kleine, heile Welt, die längst doch schon keine mehr war, hört binnen weniger Sekunden auf zu existieren. Der Familienwagen bricht in einem Tunnelabschnitt aus unerfindlichem Grund plötzlich aus und kracht ungebremst an die Wand.
Nur Yves überlebt die Tragödie und droht an ihr zu zerbrechen, ins Wahnhafte abzudriften, in der verzweifelten Hoffnung, die geliebten Toten durch imaginäre Gespräche ins Leben zurück zu rufen.
Es ist Aufgabe der erfahrenen Trauma-Psychologin Elaine, und ihr schon bald ein Herzensanliegen, seinen überwältigenden Schmerz über den erlittenen Verlust ins Bewusstsein zu locken, damit er betrauert und integriert werden kann in ein kleines Leben, das ebenfalls zu verlöschen droht.

An Kastanien dachte ich, an Moorwasser, in dem sich der Herbstwald spiegelt …

Die unidentifizierbare Farbe von Yves Augen lässt Elaine nicht mehr los, irgendetwas in ihm rührt sie über alle Profession hinaus und lässt mehr und mehr die Mutter in ihr zu Tage treten.
Eine Mutter, die mit ihren beiden Töchtern in ihrem eigenen Kampf gegen Ablösung, Widerstand, Emanzipation gefangen ist und die mit deren unterschiedlichen Vätern noch längst nicht abgeschlossen hat. Diese fragmentarische Kleinfamilie bildet den Kontrast zu dem für immer Verlorenen. Auch die lebendige Kleinfamilie ist in Auflösung begriffen, sehr zerbrechlich; aber auf einmal ist da Yves – und durch die unfassbare Tragödie, die ihn wie ein schwerer Mantel umhüllt, gelingt es ohne sein eigenes bewusstes Zutun, das in Starrsinn und Sturheit aneinander geschmiedete Dreiersystem langsam aufzuweichen.

Das ist schön zu lesen, herzerwärmend und niemals platt oder billig pathetisch, gar voyeuristisch.
Yves droht an seinem unausgesprochenen Schmerz zu ersticken, man kann es fast körperlich spüren – und wie die drei Mitglieder der (noch) heilen Familie sich erst mit Mitleid und dann mit Liebe und Intuition einbringen, jedes auf seine eigene Weise, um dadurch selbst ungewollt wieder ein Stück weit zusammen zu rücken, das geht schon ans Herz.
Hilfe der (hilflosen) Außen- und doch Nahestehenden kann nur insoweit geleistet werden, als sie eben präsent sind, intensiv und doch geduldig an seiner Seite abwarten, und sich im entscheidenden Moment ungefragt und bereitwillig als Auffangbecken für Tränen, Geschrei, Wutanfälle und den ewigen brennenden Schmerz zur Verfügung stellen.
Mehr kann nicht getan werden.

Dieses Buch über eine Horrorerfahrung, vor der niemand von uns gefeit sein kann, ist zugleich ein positives Beispiel für einen würdevollen, achtsamen Umgang mit den Geschädigten, den Leidenden – ob wir nun selbst unmittelbare Betroffene, LeidTRAGENDE, sind oder “nur” schreckerstarrte Beobachter.
Letztendlich rückt ein jeder Einzelne der sich um Yyes behutsam kümmernden Parallel-Familie ab vom eigenen Egoismus, von den Ärgernissen und Nichtigkeiten des eigenen Alltags und wird dadurch ein winziges bisschen erhöht zu einem besseren, einem mitfühlenden, mitleidenden Menschen.
Und ganz am Schluss, soviel sei hier verraten, wird sich die Kleinfamilie vergrößert haben.

Fazit:
Für mich persönlich ist es wichtig, dass Bücher von Leid und Elend und dem Umgang mit beidem so wahrhaftig wie möglich erzählen. Ohne Beschönigung, ohne Theatralik, ohne romantisierendes Beiwerk; meiner Ansicht nach beherrschen Bücher und Traktate über großherzige Möchtegern-Heldentaten und den Sehnsuchtswünschen nach einem möglichst leicht zu lebendem Leben leider zu unrecht den Markt. Ich brauche, ja, mich hungert nach Literatur, die von Leid und leidvoller Erfahrung exakt so berichtet, dass sie mich nicht in tiefer Niedergeschlagenheit regunglos verharren lässt, sondern mir bei aller bedrückender Beschreibung von Tod und Düsternis auch immer noch Hoffnung schenkt und mich dazu anspornt, auf meine eigene bescheidene Art und Weise das Leid der Welt wenigstens ein klitzekleines bisschen zu lindern.
Vielleicht auch deshalb der Titel “Finsteres Glück”.
Um die Feinheit und Klarheit der Sprache des Autors deutlich zu machen, hier ein kurzer Textauszug:

Wolken, die an nasse Lappen in ausgewaschenen Farben erinnerten, alles mit Graustich, und dann, wie eine blendende Faust, die dazwischenschlug, das kurze Erscheinen der Sonne.


Bitte unbedingt lesen!!!

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Titel: Finsteres Glück
Autor: Lukas Hartmann
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257240948

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[Gastrezension] Paul Auster / Unsichtbar

Amy liest gern und viel und schreibt wunderschöne Rezensionen, bislang jedoch nur für ihre Freunde. Ich freue mich sehr, dass sie sich nun entschlossen hat, in Zukunft gelegentlich die eine oder andere Gastrezension für diesen Blog zu verfassen :) .

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Paul Auster: Unsichtbar ©Rowohlt VerlagIch habe zwei Lieblings-Schriftsteller: Der eine ist Paul Auster, der andere Stewart o’Nan. Stil und Sprache sind bei beiden von absoluter Perfektion, dennoch könnte ihre Intention unterschiedlicher nicht sein. Stewart o’Nan liebt die Menschen und sucht nach dem Guten selbst in der blassesten, unbedeutendsten Seele; Paul Auster blickt mit Kühle und Faszination in die Abgründe derselben. In die Abgründe von jedem von uns. Er seziert Leben wie der Pathologe Leichen.
Seine Spezialität ist das Buch im Buch. Die Geschichten seiner Protagonisten sind stets auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben – und als Leser bleibt man manchmal verstört, manchmal empört, manchmal seltsam beschmutzt zurück. Als würde er auch uns anklagen, uns zwingen, einen Blick in unseren eigenen Abgrund zu wagen – und zu erschauern. Er lässt uns zweifeln, ob das Gute wirklich existiert.

“Unsichtbar” handelt von der Bosheit des Menschen, von Berechnung und Kalkül, vor allem aber von Rache.
Ein idealistischer Student trifft Ende der 1960er in den USA  auf seinen vermeintlichen Gönner und verfällt  in dessen Abwesenheit für kurze Zeit seiner Gefährtin. Vermutlich gibt diese kurze und leidenschaftliche Affäre den Startschuss für einen Strudel von Gewalt und Begierde und Besessenheit. Vermutlich.
“Unsichtbar” trieft vor Sex, vor ungehemmter Lust, vor verbotener Lust.
Paul Auster serviert sie uns in nicht unappetitlicher Weise, trotzdem lässt uns der Eindruck nicht los, dass sie zu einer großen Portion Anteil hat an der sich langsam entwickelnden Schlechtigkeit des jungen Mannes.
Binnen kürzester Zeit sind anfangs völlig Unbeteiligte in einem Netz aus Unglück und Verzweiflung gefangen – und, wie immer bei Paul Auster, stellt man sich die Frage: Womit fing es an, wer hat Schuld? Niemand – oder doch alle, jeder auf seine eigene Weise?

Paul Auster fordert mich intellektuell, keine Frage. Nicht EIN Wort, nicht EIN Satz steht ohne Grund geschrieben, jede einzelne Aussage, der Wechsel von Ich-Erzählung zum Roman aus der Sicht einer zweiten oder dritten Person ist bedeutsam und zwingt dem Leser eine aufmerksame, angespannte Lektüre auf.
Paul Auster bereichert mich nicht, niemals. Er fördert weder das Beste aus mir selbst zutage, noch lehrt er den Glauben an das Gute in der Welt, im Gegenteil: Er erinnert schonungslos, fast unbarmherzig an die eigene Unvollkommenheit, die eigene Schwäche, Bosheit, Ich-Sucht.
Auch dahinter steht Absicht.
Paul Auster möchte nicht moralisieren im Sinne von: Tut Gutes, euphorisiert Euch an guten Werken, dann wirst Du, dann bist Du gut.
Paul Auster möchte versöhnen, den Leser versöhnen, MICH versöhnen mit der Schwäche meines Gegenübers, mit der Schwäche aller Menschen auf der Welt.
Versöhnung mit Deiner und meiner Schwäche wiederum entlastet von allzu hochfahrenden Ansprüchen an die Welt im Allgemeinen und mich selbst im Speziellen.
Jedes Mal nach Beendigung (s)eines Romans fällt es mir leichter, zu vergeben: Den von Lust und Gier und Hass und Schmerz Getriebenen überall um mich herum – und vor allem mir selbst.

Autor: Paul Auter
Titel: Unsichtbar
Originaltitel: Invisible
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Rowohlt
gelesen auf: Deutsch
ISBN-10: 3498000810

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[Gastrezension] Edgar Hilsenrath/ Der Nazi und der Friseur

Nach meinem Beitrag zum 27. Januar meldete sich der von mir sehr geschätzte Flattersatz bei mir und bekundete Interesse an Edgar Hilsenraths Buch “Der Nazi und der Friseur”.
Ich freue mich sehr, euch nun seine Rezension der Extraklasse präsentieren zu dürfen. Und dir, lieber Flattersatz, recht herzlichen Dank!

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Es ist schon eine provozierende Konstellation, die der Autor für seinen Roman gewählt hat. “Der Nazi & der Friseur”: ein makabres Rollenspiel, in dem der Max Schulz die Hauptrolle innehat. Aber der Reihe nach…

Im Mai 1907 wurden in einem kleinen schlesischen Städtchen, Wieshalle, zwei Jungen geboren, praktisch gleichzeitig: der Max Schulz und der Itzig Finkelstein. Noch spielt es zwar nicht die große Rolle (das sollte sich später dann ändern), aber so wie der kleine Itzig Finkelstein ein Jude war mit frommen jüdischen Eltern war der ebenso kleine Max Schulz arisch bis ins x-te Glied, wie man es später nannte. Und auch ansonsten unterschieden sich die beiden Knaben… der Itzig war blond und groß mit blauen Augen, seine Eltern sittsam und fromm. Der Vater führte einen gutgehenden Frisiersalon mit guter Kundschaft und verdiente damit sein Geld. Der kleine Max hingegen – sehen wir es so, wie es ist: sah aus, wie später die Hetzkarikaturen des “Stürmers”: Hakennase, wulstige Lippen und dunkle Behaarung, von den Froschaugen ganz zu schweigen. Seine Mutter, die Minna Schulz, war dick und stand auf dünnen Beinen. Oft lag sie auch und verdiente sich ein Zubrot mit den Herrenbesuchen, die sie empfing. So nimmt es nicht wunder, daß nicht weniger als fünf Herren infrage kämen, leibliche Erzeuger des kleinen Max zu sein.

Aufgewachsen ist Max Schulz aber bei einem anderen Mann, dem Friseur Slavitzki, dem ein so großes .. ähämmm.. nachgesagt wurde, daß man vermutete, er würde es mit einem Gummiband an seinem Bein festbinden, damit es nicht so schlackerte. Diese Tatsache ist nicht ganz unwichtig, da der Dachschaden, den man bei Max vermutete, der mütterlichen Ansicht nach davon herrührt, das der Slavitzki dem Kleinen mit seinem Ding bis ins Hirn gestoßen habe… und dann die Prügel, die gab es außerdem.. mit den Stöcken, einen für die Mutter, einen für den Stiefsohn….

Und trotz all dieser Unterschiede und der natürlichen Konkurrenz zwischen dem aus polnischen Wurzeln stammenden Friseur Slavitzki und dem Juden Finkelstein, die sich gegenseitig durchs Fenster beobachten konnten, freundeten sich der Max und der Itzig an… und Max lernte die jüdischen Gebete, die im Haus Finkelstein gesprochen wurden, er ging mit in die Synagoge und lernte die Vorschriften, die der Jude zu befolgen hatte. Sie spielten zusammen, gingen zusammen in die Schule und irgendwann begann der Max eine Ausbildung als Friseur – im Salon “Der Herr von Welt” des Juden Finkelstein…

Unterschiedlicher hätten die Lebensumstände der beiden Jungens kaum seien können und doch… Hilsenrath läßt da gar keine Illusion aufkommen, sie sind völlig irrelevant. Auch wenn er es nicht weiß, Itzig ist qua Geburt Verlierer und mag er noch so blaue Augen haben und blondes Haar und ebenso ist Max qua Geburt auf der Gewinnerseite, trotz seiner Stürmerjudenaussehens. Weil nämlich eines Tages so etwas wie eine Erscheinung kommt nach Wieshalle, auf den Ölberg, einer wie ein Messias, der den Geknechteten und Entrechteten, die ihm andächtig zuhören, Erlösung verspricht, einen Stock verspricht, mit dem sie zurückschlagen können auf die, die sie beherrschen und unterdrücken.

Und der Führer sprach: “…. Wahrlich ich sage euch: In der Hand des wahren Meisters wird der Stock zum Schwert, auf daß die Hand herrsche bis in alles Ewigkeit. Amen. …” Und ich sagte zu mir: Max Schulz. Höchste Zeit, daß du selber den Stock in die Hand nimmst, den gelben und den schwarzen.

Es ist keine Rede, die Hitler dort auf dem Ölberg hält, es ist eine Predigt, Hitler ist der Messias der Erniedrigten Deutschlands, er ist der Mensch mit der Vision, dem Heilsversprechen, dem die schreiende, tobende, weinende Masse zujubelt, Hitler ist der Erlöser. [1]

Max bekommt seinen Stock, seinen Prügel, einen Schiessprügel nämlich. Im Gegensatz zu seinem Vater, der nur bei der SA landen kann, tritt Max der SS bei. Als Totenkopfmann fährt er dann im Krieg mit Sonderkommandos durch Polen und andere Länder, um Juden zu liquidieren, hier ein paar, dort ein paar. Wenn die Gegend gesäubert ist, zieht das Kommando weiter. Wegen Herzproblemen wird Max Schulz, der MaSSenmörder dann in ein Vernichtungslager geschickt. Zum Vernichten. Wieviele werden es gewesen sein? Wer weiß das schon, so um die 10.000 sagt der Max Schulz irgendwann am Ende des Romans, einfach, um eine Zahl zu nennen. Und er war gut beim Morden, der Massenmörder und Oberscharführer Schulz. Er musste gut sein, weil er doch aussah wie ein Jude auszusehen hat (dem “Stürmer” sei dank), sogar ein bischen besser musste er sein als die anderen.. dabei war es ja nicht so, daß er die Juden hasste oder irgendetwas gegen sie hatte. Auch und erst recht nicht gegen die Finkelsteins, die er in Laubwalde auch erschießen musste. Er hatte nur endlich den ersehnten Stock in seiner Hand und die Erlaubnis, den Befehl, zuzuschlagen… die empfangenen Schläge, die Vergewaltigungen, den Dreck, die Entrechtung zurückzuzahlen demjenigen, der ihm benannt worden ist von seinem Erlöser.

Es war hektisch, als die Russen immer näher kamen, der Geschützdonner schon zu hören war. Noch schnell das Lager von Überlebenden befreien und dann im LKW nach Deutschland fliehen, durch den Wald. Doch im Wald, da sind die Partisanen.. piff-paff.. alles tot mit halben Hirnschalen nur noch. Alle? Nein, zwei hingen mit bloßen Arsch über der Reling zum Scheissen: Max Schulz und Hans Müller, der Lagerkommandant. Ihre Hirnschalen blieben heile, auch der Schwanz blieb dran und die Uniform drumherum, um den Körper, den frierenden in der eisigen polnischen Kälte im Wald. Das einzige, was man retten konnte, war eine Schachtel mit Gold. Zähnen. Das Startkapital für ein neues Leben, sozusagen. Max Schulz (wo Müller ist, wissen wir nicht) irrt mit einem Sack auf den Rücken durch den Wald und kommt irgendwann halb erfroren an eine Hütte, in der die Einsiedlerin Veronja haust.

Die alte, seltsame, verhuzelte Veronja sieht einen Gott in ihrer Tür stehen. Einen abgehalfterten Gott auf der Flucht, einen Gott ohne Macht, einen ohnmächtigen Gott, einen Ex-Gott, sozusagen. Und was macht man mit einem Ex-Gott, der ein dunkler Gott war, ein tötender? Man fickt ihn! Max Schulz ist von Veronja abhängig, er kann sie nicht töten, ohne selbst verloren zu sein. Und Veronja… sie gibt ihm Drogen, Kräutersude und sie reitet ihn, ein ums andere mal, bis ihn sein Herz fast im Stich läßt, sie prügelt ihn mit ihrer Peitsche und päppelt ihn dann wieder auf, um einen neuen Ausritt zu wagen… Welch eine Szene! Der SS-Mann auf der Flucht vor der alten, runzeligen, krummbeinigen und peitschenschwingenden Kräuterhexe, die ihm buchstäblich die Seele aus dem Leib schlägt und schläft…. Letztlich aber tötet Max die Hexe doch, in einem Akt von Notwehr und er zieht mit seinem Sack und den Goldzähnen weiter gen Deutschland… oder dem was übrig geblieben ist.

Kürzen wir die Geschichte etwas ab.. Es gelingt dem Max Schulz tatsächlich mit seinen Goldzähen im Gepäck nach einem längeren Zwischenstopp bei Witwe Holle in das zerstörte Berlin zu kommen. Dort entschließt er sich zu zweierlei: zum einen versilbert er die Goldzähne (bis auf drei, die er als Andenken behält) und bekommt so daß Startkapital, um als kleiner jüdischer Schwarzhändler Karriere zu machen. Jawohl, jüdisch, denn natürlich hat er Angst davor, entdeckt zu werden bei der Jagd auf die Nazis, die jetzt einsetzt und so entschließt er sich, aus dem Schein (meint: wie ein “Stürmer”-Jude auszusehen) Sein zu machen: Max Schulz erinnert sich seiner jüdisch geprägten Kindheit und mutiert zum Juden, nicht zu irgend einem, nein, Max Schulz, der Massenmörder wird zu Itzig Finkelstein. Ein alter Kamerad, ein Arzt, schneidet ihm das ab, was er zwischen den Beinen zuviel hat und ein anderer tätowiert ihm eine Lagernummer auf den Arm, die ihn als Insasse von Auschwitz kennzeichnet [2]. Wenn schon, denn schon…

Der kleine Schwarzhändler Itzig Finkelstein macht seine Geschäfte, auch lernt er Frauen kennen, bei denen er logiert. Ihnen gegenüber verteidigt er sein Judentum, er erklärt es, erläutert es, versucht zu überzeugen. So sehr er früher SS-Mann war, so überzeugend und überzeugt ist er jetzt als Jude. Nach einigen geschäftlichen Turbulenzen entschließt sich Itzig Finkelstein, mit einem Blockadebrecher aufzubrechen, ins Land seiner Väter zu fahren, 2000 Jahre Exil zu beenden: Palästina ruft, der Staat der Juden, der dort und nirgends anders gegründet werden soll.

Es ist eine wilde Überfahrt auf einem wilden Seelenverkäufer (der “Exitus”), aber sie kommen an, durchbrechen die britische Blockade. Und Itzig lebt sich ein in Palästina, er fängt wieder an, als Friseur zu arbeiten und unterhält die Kunden mit patriotisch-zionistischen Reden. So werden die örtlichen Untergrundkämpfer auf ihn aufmerksam und da er mit Waffen umgehen kann, wird er in die Gruppe aufgenommen… Später dann, nach Gründung des Staates, wird er Soldat, der heimliche Liebling aller Militärs, ist er es doch in einem der frühen Kriege, der als Speerspitze der Armee mit seinem Jeep den Suez-Kanal erreicht (eine Szene, die von Kishon sein könnte, der Sergeant Finkelstein, der in die falsche Richtung abbiegt und am Kanal landet…).

Auf diese Weise zeigt uns Hilsenrath die Beliebigkeit der Dinge. Ausgerechnet die Fähigkeiten, die er bei den Nazis gelernt hat, bringt er hier für den Judenstaat ein: schießen, Waffenkenntnisse, militärisches Gespür. Eine unendlich schmerzvoll zu lesende Szene ist die, wie er die Kinder auf dem Schiff Vitamine spritzt und zwar so gut, daß alle nachher Freunde sind von “Chawer Itzig” (Kamerad Itzig). Aber gelernt ist schließlich gelernt, nur daß er in Laubwalde Phenol in den Spritzen hatte, mit denen er dort -zig kleine Engel machte…..

… und so lebt Max Schulz ein ganz normales jüdisches Leben. Er findet sogar eine Frau, so dick, nein, fetter noch als seine Mutter, seine Traumfrau also, eine stumm gewordene in den Lagern, eine, die noch immer vom Hungerengel verfolgt [3] wird. Den Frisiersalon seines Chefs übernimmt er nach dessen Tod als sein fleissigster Geselle, er freut sich über die Siege der Juden gegen die Araber, auch wenn er langsam zu alt geworden ist, selbst zu kämpfen.

… und nie schöpft jemand Verdacht, er übersteht sogar die Begegnung mit entfernten Verwandten, die unerwarteter Weise noch existieren und einen blonden Itzig zu treffen erwarteten. Aber die Lager… alles verändert sich in den Lagern, selbst das Aussehen…. sogar als er in späten Jahren einem alten Bekannten vom Schiff gegenüber bekennt, er sei Max Schulz, ein Massenmörder, man glaubt ihm nicht, er inszeniert eine Gerichtsverhandlung gegen sich selbst: man hält es für ein seltsames Spiel…. erst das jüdische Herz, das ihm transplantiert werden soll, weigert sich, in seiner Brust zu schlagen.

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Manchmal bleibt einem beim Lesen schon das Lachen im Hals stecken. Man kann noch nicht einmal sagen, Max Schulz, dieser Mensch mit dem Allerweltsnamen, sei uns als besonders schlechter Mensch geschildert worden. Im Gegenteil, aus sozialer Unterschicht stammend (die Mutter prostituiert sich, der (Stief)Vater schlägt und vergewaltigt ihn) schafft er mit Hilfe seines jüdischen Freundes und dessen Familie einen gewissen Aufstieg, erwirbt Bildung und Ausbildung, mithin gute Chancen für seine Zukunft. Was also verführt ihn, zum Massenmörder zu werden? Ist es die Chance, mit einem Schlag auch sozusagen offiziell (und nicht nur durch Geburt) auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen und Macht zu bekommen, das erlittene Unrecht, die erlebten Schmerzen zurückzahlen zu können, egal wem? Erliegt er einfach der Faszination der Lichtgestalt Hitler, der ihm erlösergleich befiehlt: “Steh auf und morde!” Sicherlich ist die Szene, in der Hitler auf dem Ölberg zu den versammelten Menschen spricht, eine Schlüsselszene für das Buch. In dieser Versammlung erscheint Hitler gleich einem Messias und er setzt ein neues Göttergeschlecht ein in Deutschland und bietet den Menschen an, diesem beizutreten und zu huldigen. Und die Masse nimmt die Worte auf in sich, in ihre innere Leere und jubelt ihm in Verzückung zu…

Max Schulz ist eine Hülle, die alle Rollen spielen kann, er hat nichts eigenes. Er ist Judenfreund bis ihm etwas anderes mehr verspricht. Er ist SS-Mann und mordet, bis die Umstände ihn zwingen, damit aufzuhören. Und schließlich schlüpft er in die Haut seiner ehemaligen Opfer, als ihm dies opportun erscheint und wird zum Juden. All diese Rollen spielte er so perfekt, daß zwischen “Sein” und “Schein” kein Unterschied zu sein scheint, er ist der Konvertit, der bekanntlich immer noch ein wenig besser ist….

Natürlich, in den Figuren des Itzig Finkelstein, blond und groß, arisch aussehend wie aus dem Bilderbuch und des Max Schulz, im Aussehen wie aus dem “Stürmer” [4] entsprungen, persifliert Hilsenrath die Stereotypen “Jude” und “Arier”, die sicherlich heute noch in vielen Köpfen herumgeistern. Die Persiflage hört nicht beim Äußeren auf, die gebildete, strebsame Familie ist die jüdische, während die deutsche soziale Unterschicht darstellt. Ähnlich übrigens überzeichnet der Autor auch andere Personen der Geschichte wie z.B. die israelischen Untergrundkämpfer. Überhaupt gibt das Buch in dieser Hinsicht einen Schnelldurchgang in israelischer Geschichte, angefangen von der illegalen Einwanderung von Juden nach Palästina, der britischen Besatzung des Gebiets über die Staatsgründung bin hin zu den Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten.

Die lange Geschichte des Max Schulz von seiner Geburt bis zu seinem Ende erzählt Hilsenrath in einem oft der gesprochenen Sprache angepasstem Ton. Diese relativ einfache Sprache passt natürlich gut zu seinem einfachen Max Schulz mit dem Dachschaden, den er immer dann hervorholt, wenn er ihn gerade braucht. Im zweiten Teil des Romans (der seinerseits in 6 Bücher aufgeteilt ist) wird ein großer Teil der Geschichte in imaginären Monologen des falschen Itzig an die Adresse des toten erzählt, vllt ein Zeichen dafür, daß dieser Mord dann doch nicht so ganz an Schulz vorbei gegangen ist. Ansonsten mordete Schulz mit ungefähr derselben inneren Beteiligung wie er isst oder mit Frauen schläft oder atmet: es war sein Leben. Zum Teil ist der Text derb bis hin zum obszönen, besonders im ersten Buch, in dem die Minna Schulz eine Rolle spielt, kommt viel geschlechtliches vor, meist in Gossensprache.

Was bleibt nach dem Buch? Es ist seltsam, aber ich habe keine Meinung… Der Roman ist rein aus Tätersicht geschrieben, eines Täters, der nie als solcher erkannt wird, im Gegenteil, der als Opfer gesehen und behandelt wird. Dabei wirkt Schulz in seinem Eifer so harmlos, daß man ihm, von dem man weiß, wie wenig ihm das Morden ausmachte, kaum negative Gefühle entgegenbringt, ein Zwiespalt bricht da auf. Die angedeutete Erklärung der Wirkung Hitlers auf die Massen sind interessant, aber zu eindimensional. Vllt treffen sie auf eine bestimmte soziale Schicht zu, aber so einfach kann es nicht für alle gewesen sein, ein rauschhaftes Erleben, Verzückung und dann Totschlag und Mord….

Natürlich, ein Schelmenroman, einer tut schlimmes und läuft durch die Szene, ohne daß man ihn fassen kann oder es gar weiß. Eine Satire, so wird geschrieben. Aber abgesehen davon, daß ich das Buch gerne gelesen habe, weiß ich einfach nicht, was ich davon halten soll. Nun gut, vllt ist das ja sogar ein Ziel des Buches, gewohnte Gedankengänge ins Schlingern bringen.

Links und Anmerkungen:

[1] Hilsenrath interpretiert in diesen Passagen das Auftreten Hitlers vor den Massen als religiöses Ereignis, an anderer Stelle bezeichnet er die engsten Gefolgsleute des Führers als Apostel. Das erinnert natürlich sofort an Lems Gedanken in “Provokation
[2] Wiki-Artikel zur Kennzeichnung der Häftlinge in Konzentrationslagen
[3] Herta Müller: Atemschaukel
[4] Wiki-Artikel zum “Stürmer

Edgar Hilsenrath
Der Nazi & der Friseur
dtv, 2006, 480 S.

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Mila Lippke / Morgen bist du noch da

Provokation war der wichtigste Bestandteil meiner Kunst. Ich setzte sie strategisch ein, um eine Reaktion beim Publikum zu erzielen, und ich war damit weit gekommen. Doch in diesem Augenblick fühlte ich mich befangen. Ich ahnte, dass ich genau dadurch etwas von dem verloren hatte, was ich mit meiner Kunst einmal auszudrücken versucht hatte: Gefühle. Gefühle, die sich sonst nicht beschreiben ließen, die sich den Möglichkeiten meiner Sprache entzogen.

Mila Lippke: Morgen bist du noch da ©Ullstein VerlagLioba ist 42 Jahre alt, Künstlerin und hat, seit sie denken kann, ein schwieriges, sehr distanziertes Verhältnis zu ihrer Mutter.
Umso überraschter ist sie, als ihre Mutter zur Ausstellungseröffnung der Tochter extra nach Berlin anreist.
Konfrontiert mit den ausgestellten “Kuschelmuschis” und “Fellfotzen” und den Ansichten ihrer Tochter zum Thema weibliche Sexualität, verlässt die spröde Mutter die Ausstellung schnell wieder, erleidet jedoch in der Bahn einen Schlaganfall.

Meine Mutter war kein körperlicher Mensch. Zärtlichkeiten hatte sie stets sparsam verteilt.

Nun ist Lioba als einzige Verwandte in der Verantwortung, sie muss sich um die Mutter kümmern, muss deren Angelegenheiten regeln.

Trotz aller Aufgewühltheit, trotz aller innerer Zerrissenheit war dies ein Moment, in dem ich die Ironie verspürte, dass ich all die Jahre meines bisherigen Lebens darum gekämpft hatte, mich als eigenständiges Wesen zu definieren. Ausgerechnet während meine Mutter im Krankenhaus lag und ich ihrem Einfluss gänzlich hätte entzogen sein müssen, war ich ihr unmittelbar ausgeliefert.

Dabei ist Liobas Leben gerade kompliziert genug, denn seit Kurzem weiß sie, dass sie ein Kind erwartet. Ungeplant, ungewollt, unehelich, so wie sie selbst einst in die Welt kam.

Sie reist in ihre alte Heimat Köln, in die Wohnung ihrer Mutter. Diese Reise und die Krankheit der Mutter öffnen jedoch eine Tür in die Vergangenheit, durch die Lioba erst unfreiwillig und gequält, dann jedoch wie von einem Sog angezogen schreitet. Sie lernt die Mutter von einer vollkommen neuen Seite kennen, erfährt über die Familie, was ihr bisher vorenthalten wurde und muss ihre Sicht der Dinge so manches Mal überdenken.

Indem ich mich erinnerte, diesmal ganz neu und anders, spürte ich, wie ich meiner Mutter ihre Vergangenheit zurückgab und dadurch auch eine Zukunft für sie und mich schuf.

Die Entwicklung, die die Protagonistin im Laufe des Buches erfährt, lässt auch den Leser nicht unberührt.

Mila Lippke verfügt über ein selten-wunderbares Sprachgefühl und die Fähigkeit, den Leser während der Geschichte mit Worten wie in einen Mantel einzuhüllen. Während Lioba dem Familiengeheimnis näher kommt, das in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht, wärmen wir uns in diesen Worten und den wunderschönen Formulierungen, fühlen uns geborgen und sind doch selbst mittendrin in der Erzählung. Ich wünschte, ich könnte so manchen Satz einfach aus dem Buch herausreißen und in meinem Herzen einschließen, damit er immer bei mir ist.

Schon lange habe ich kein solch vereinnahmendes Buch mehr gelesen, das mich so sehr berührt hat, ohne mich zu erschüttern oder aufzuschrecken; das so eine Tiefe hat, mich aber mit Leichtigkeit bei der Hand nimmt und mitzieht. Es ist ein leises Buch und hinterlässt doch eine laute Erinnerung.

Mir selbst fehlen leider die Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, welche Wirkung das Buch auf mich hatte und mit Beruhigung sehe ich, dass es anderen auch so geht.
Durch die Rezension von Dorota bin ich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam geworden und wollte es unbedingt sofort lesen.An dieser Stelle einen herzlichen Dank dafür, denn ich weiß nicht, ob ich in der Buchhandlung “einfach so” über den Roman gestolpert wäre und ob mich Cover und Klappentext hätten überzeugen können, es zu kaufen.

Bei Ada Mitsou kann man ein sehr schönes Interview mit der Autorin lesen und sie selbst bloggt gemeinsam mit drei Kolleginnen auch ab und an über sich und ihre Arbeit.

Ein wunderbares Buch, glatte fünf Sterne.

Autorin: Mila Lippke
Titel: Morgen bist du noch da
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3548283494

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Laurie Notaro / Spooky little girl

Lucy hat mehr als nur eine Pechsträhne: Aus dem Traumurlaub wird ein Horrortrip, nach ihrer Rückkehr muss sie feststellen, dass ihr Verlobter sie kommentarlos vor die Tür gesetzt hat und dann wird sie auch noch gefeuert. Man sollte meinen, das würde ausreichen, doch nein, falsch gedacht, denn zur Krönung dieser Pechsträhne gerät Lucy auch noch unter einen Bus. Und selbst im Jenseits hat die arme Lucy nicht ihre Ruhe, denn ihr wird der Zugang zum “Großen Land” verweigert. Offenbar hat Lucy im Leben einiges vermasselt und muss nun zum Ausgleich eine Mission bewältigen, die es in sich hat …

Buchtitel und Cover verleiten dazu, dieses Buch als simple “ChickLit” abzustempeln. Wie schön, dass das Buch selbst dann doch einiges mehr zu bieten hat und ich mich überzeugen ließ, dass es mir gefallen könnte ;-)
Irgendwie ist diese Storyline “Mädchen stirbt und muss noch ein wenig rumspuken, eh sie im Jenseits das Paradies findet” ziemlich ausgelutscht und zuerst dachte ich, es sei nur ein müder Abklatsch von Adena Halperns “Die 10 besten Tage meines Lebens”, doch Laurie Notaros Buch bietet mehr als das und abgesehen von der “Mädchen stirbt und kommt ins Jenseits”-Thematik gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen den Büchern.

Es geht um eine junge Frau, der, um es mal deutlich zu sagen, das Leben so richtig in die Fresse gehauen hat.
Ihr Leben gerät ohne ihr Zutun aus den Fugen und sie dabei sprichwörtlich unter die Räder.
Im Jenseits muss sie nun lernen, die Gegebenheiten, sprich: ihren Tod, zu akzeptieren und ihre Mission wird zu einer Reise der Selbsterkenntnis. Lucy muss erkennen, welche Spuren sie im Leben und bei den Menschen hinterlassen hat und zu Beginn scheinen das nicht sonderlich viele zu sein, denn abgesehen von ihrer Schwester, ihrem Neffen und ihrer Hündin Tulip scheint niemand Lucy zu vermissen. Doch wie auch zu Lucys Lebzeiten, sind auch im Tod die Dinge manchmal nicht so, wie sie scheinen.

Die Geschichte wird auf unterhaltsame, aber niemals platte Art und Weise geschildert, manchmal muss man lachen, manchmal wird man nachdenklich, und, so viel darf man wohl verraten, das Ende lässt einen doch relativ beruhigt und fast schon mit Lucys Schicksal versöhnt zurück.

Spoiler (zum lesen bitte die untenstehende weiße Fläche markieren):
Was mich ganz besonders berührte, war das Nachwort, in dem die Autorin von der echten “Lucy” schreibt, einer jungen Frau, die nach einer sagenhaften Pechsträhne auf einmal spurlos verschwindet und deren Freunde erst nach langer Zeit von ihrem Ableben erfahren. Unter diesem Aspekt bekommt die Geschichte dann noch eine Extraportion Tiefgang.

Kritikpunkte:
Ab der Mitte des Buches wird die Handlung sehr gerafft, sodass sich ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass die Autorin eine feste Seitenzahl einzuhalten hatte, in die sie ihre Geschichte “quetschen” musste. Vieles, was gerne ausführlicher hätte geschildert werden können, wird nur noch “mal eben schnell” erwähnt und es gab doch manche Schlüsselszene, auf die ich mich das ganze Buch hindurch gefreut hatte und die durch diese Straffung sehr an Effekt verloren hat.

Der erste Satz:

Bereits als das Taxi am Straßenrand anhielt, wusste Lucy Fisher, dass sie etwas Außergewöhnliches sah.

Fazit:
Sicher ist “Spooky little girl” nicht das anspruchsvollste aller Bücher, aber es bietet doch weit mehr als man auf den ersten Blick meinen könnte und manch kritischen Blick auf die Menschen und das Leben. Mich hat es einige Stunden sehr gut unterhalten und dafür gebe ich ihm verdiente vier Sterne.

Autorin: Laurie Notaro
Titel: Spooky little girl. Ein Geist zum Verlieben.
Originaltitel: Spooky Little Girl
Broschiert: 352 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3764503857

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Lorna Martin / Das Leben, die Liebe und ein Jahr auf der Couch.

“Die Therapie hatte mir in vieler Hinsicht geholfen, erwachsen zu werden, doch oft fühlte ich mich auch wieder wie ein Kind, als würde ich von vorn anfangen. Viele Dinge, vor allem einfache Dinge, die ich lange als selbstverständlich betrachtet hatte, bestaunte ich wie kleine Wunder.”

Lorna Martin ist Mitte 30 und hat eigentlich schon einiges in ihrem Leben erreicht – glücklich ist sie aber dennoch nicht. Ständig kommt sie zu spät, macht alles komplizierter als es ist und geht damit auch ihrem Umfeld gehörig auf die Nerven. Trotz anfänglichem Widerstand lässt sie sich schließlich von ihrer Schwester und einer guten Freundin -beide Psychologinnen- dazu bewegen, sich selbst mal einer Bestandsaufnahme durch den Profi zu unterziehen. Zu Beginn begegnet Lorna ihrer Therapeutin Dr. J. mit Argwohn, doch mit der Zeit erkennt sie, dass ihr nichts Besseres hätte passieren können, als bei dieser Frau auf der Couch zu landen. Lorna beginnt, sich mit all den Facetten, die ihre Gefühlswelt so parat hält, aktiv auseinanderzusetzen, mit all der unterdrückten Wut und Eifersucht, dem Neid, dem Egoismus und ihrem Wunsch nach Liebe. Dabei schießt sie oft übers Ziel hinaus, was dem Leser manchen Fremdschäm-Moment, aber auch manchen Lacher beschert.

Alles in allem hat Lorna Martin ein sehr persönliches und durchaus tiefgehendes Buch geschrieben und berichtet ganz offen über viele Dinge, über die wir anderen gerne das Mäntelchen des Schweigens decken. Dabei bedient sie sich einer lockeren, humorigen Sprache, die es leicht macht, das Buch in einem Rutsch zu lesen.
Viele Rezensenten werfen der Autorin vor, absolut jedes Klischee zu bedienen, aber mal ehrlich: Zum Klischee werden die Dinge doch erst, weil sie zum Leben vieler Menschen gehören und immer wieder vorkommen und Lorna Martin erzählt eben aus ihrem Leben; wessen Leben ist denn bitte komplett klischeefrei?
Gerade, weil einem so viele Dinge in dem Buch selbst bekannt vorkommen, gewinnt das Buch an Tiefgang, denn es regt dazu an, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, sich zu fragen, wie man in der jeweiligen Situation reagiert und gehandelt hätte, sich mit dem eigenen “Mut zur Mittelmäßigkeit” in einer Welt voller vermeintlicher Perfektionisten zu konfrontieren und auch die eigenen weniger erfreulichen Charaktereigenschaften einfach mal hinzunehmen, ohne permanent Selbstkritik zu üben.

Kritikpunkte:
Ich finde das Cover, im Vergleich zur englischen Ausgabe, saumiserabel, kitschig, weibchenmäßig (ok, das amerikanische Cover ist noch fürchterlicher, aber dennoch) und noch saumiserabler finde ich diesen dämlichen Aufkleber auf dem Buch, der einen Zusammenhang zu “Bridget Jones” herstellen und somit wohl direkt mal die vermeintliche Zielgruppe ansprechen soll: Frauen über 30 mit Hang zu verkitschtem, romantischem Weltbild und geringfügiger Bodenhaftung. Das ist jetzt keine Kritik an “Bridget Jones” oder allen, die das Buch toll fanden, aber beim besten Willen sehe ich keinen Zusammenhang zwischen diesen Büchern, mal abgesehen vom ähnlichen Alter der Protagonistinnen, und ja, es macht mich richtig ärgerlich, dass dieser Vergleich gezogen wird!
Diese Tendenz, das Buch zu “verniedlichen”, kann man auch gut anhand der Titelgebung beobachten. Heißt das Buch im englischen Original noch “Woman on the Verge of a Nervous Breakdown: Life, Love and Talking It Through”, so trägt es im amerikanischen den Titel “Girl on the Couch: Life, Love, and Confessions of a Normal Neurotic”. Aus der Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs wird das normal-neurotische Mädchen wird ein Pendant zu Bridget Jones. Fehlt nur noch die Schokolade. Och nööööööööööö.

Am Buch selbst habe ich recht wenig auszusetzen, lediglich einige langgezogene, zu arg dahin plätschernde Passagen im letzten Drittel wären meines Erachtens nicht nötig gewesen.

Von mir gibt es vier Sterne für Lorna Martin.

Titel:Das Leben, die Liebe und ein Jahr auf der Couch.
Originaltitel: Woman on the Verge of a Nervous Breakdown: Life, Love and Talking It Through.
Autorin: Lorna Martin
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH; Auflage: 1 (1. Januar 2009)
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3596179244

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Ulrike Purschke / Hendrikje, vorübergehend erschossen.

Kurzinfo:
Kennen Sie nicht auch solche Menschen, die sich selber im Weg stehen, weil sie sich immer an allem die Schuld geben? Die sich immer ganz mies fühlen, weil sie gar nicht merken, dass die anderen sie ausbeuten?
Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin.
Und jetzt sitzt sie auch noch im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Doch an Weihnachten schlägt das Schicksal knüppeldick zu: Von einem Tag auf den anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und todunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde ihr beim zweiten Mal helfen. Bloß, dass am Ende nicht Hendrikje, sondern zwei ihrer Freunde tot sind.

Quelle: DTV

Der erste Satz:

“Störe ich?”

Die Hendrikje, ach ja. Erst denkt man: Was für eine Idiotin! Doch diese Idiotin, die hat Herz. Und Courage, auch wenn man eine Weile braucht, das zu verstehen. Hendrikje glaubt, 1,5 Menschen auf dem Gewissen zu haben und erzählt ihrer Psychologin, die stets perfekt und wie “dahingegossen” aussieht, aus ihrem Leben. Das geschieht in einem wunderbaren, oft naiv klingenden Plauderton mit Hamburger Einfärbung, der es leicht macht, in Hendrikjes Welt einzutauchen. Es ist, als säße sie einem gegenüber und flappst in ihrer einfachen Umgangssprache daher, und doch gelingt es der Autorin, ebenso poetisch wie flappsig zu klingen – etwas, was ich bei deutschen Autoren noch nicht oft angetroffen habe. Ich will jetzt nicht die modernen deutschen Romane kritisieren, aber es ist doch oft so, dass sie entweder derbe umgangssprachlich oder gekünstelt poetisch klingen; den meisten geht das gesunde, lesbare, freudenweckende Mittelmaß ab. Ulrike Purschke zum Glück nicht.
Hendrikje macht Spaß und hinterlässt ein wohlig-warmes Gefühl im Herzen und dafür gibt es verdiente fünf Sterne. Ein ganz wunderbares Buch!

Titel: Hendrikje, vorübergehend erschossen.
Autorin: Ulrike Purschke
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3423210317

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Stephen King/ Atlantis

Fünf Novellen, alle miteinander verbunden, obwohl sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten spielen und in jeder ein anderer Protagonist zu Wort kommt.
Die erste Geschichte spielt 1960, die letzte 1999 und mit ihr schließt sich der Kreis rund um die Hauptprotagonisten Bobby, Carol und Sully-John. Nicht jeder von ihnen taucht in jeder Geschichte auf, dennoch erfährt man etwas über sie, über ihren Werdegang, ihre Entwicklung und ihr Leben.
Kinder werden zu rebellischen Jugendlichen, die ihrerseits zu angepassten oder auch aufrührerischen Charakteren heranreifen, aneinander geraten, sich verlieren, sich in komplett verschiedene Richtungen entwickeln.
Ein weiteres zentrales Thema in allen fünf Novellen ist der Vietnamkrieg und seine vielfältigen Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft, die auch im Jahr 1999 noch deutlich spürbar waren.

Stephen King hat mit “Atlantis” eine sehr nachdenkliche Novellensammlung geschrieben, die so rein gar nichts mit Horror zu tun hat, sondern sich sehr kritisch mit der jüngeren amerikanischen Geschichte und Politik sowie der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzt.
Ein paar Fantasy-Elemente kommen selbstverständlich vor, vor allem in der ersten Novelle mit dem Titel “Niedere Männer in gelben Mänteln”. Vor allem hier taucht auch immer wieder ein Bezug zu Stephen Kings Meisterwerk, dem Zyklus rund um den “Dunklen Turm”, auf und wer die Bücher dazu gelesen hat, wird manchen Aha-Effekt erleben können. Doch trotz dieser Fantasy-Elemente ist das Buch keinesfalls zum Fantasy-Genre zu zählen und ebenso wenig zum Horror- oder Spannungsgenre. Spannung kommt zwar vor, aber nicht in dem Maße, wie man es eigentlich von King gewohnt ist.

Wer Stephen King bislang für einen untalentierten Schreiberling hielt, dessen Horizont nicht über Blut, Horror und Gemetzel hinaus reicht, der anspruchslose Bücher für anspruchslose Menschen schreibt (ja, diese Denke ist leider immer noch häufig anzutreffen), der wird hoffentlich durch “Atlantis” endlich eines besseren belehrt.

Was ich an diesem Buch zu bemängeln habe, sind ein paar unschöne Übersetzungsfehler, über die man jedoch in Betrachtung des Gesamtwerks gelassen hinwegsehen kann. Außerdem finde ich das deutsche Cover im Vergleich zur amerikanischen Taschenbuchausgabe nicht sonderlich gelungen, auch wenn es sich natürlich so rein optisch sehr gut in die Neuauflagen der King-Bücher einfügt.

Der erste Satz:

Bobby Garfileds Vater hatte zu denen gehört, die schon mit zwanzig bis dreißig Jahren die Haare zu verlieren beginnen und so circa mit fünfundvierzig völlig kahl sind.

Bewertung:
Nichts anderes kommt in Frage als fünf Sterne.

Ein Song, der vor allem in der zweiten Novelle “Herzen in Atlantis” immer wieder erwähnt wird und sich durch das gesamte Buch zieht, ist “96 tears” von ? and the Mysterians, und wer ihn bisher nicht kannte, hat hier nun die Gelegenheit, sozusagen als Soundtrack zum Buch ;-)

Titel: Atlantis
Originaltitel: Hearts in Atlantis
Autor: Stephen King
Taschenbuch: 800 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (8. Februar 2011)
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453435711

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Yoko Ogawa / Das Ende des Bengalischen Tigers

Seltsame Dinge geschehen in Yoko Ogawas „Das Ende des Bengalischen Tigers“: Ein Kind stirbt in einem Kühlschrank, ein Tiger wird in einem Innenhof gefangen gehalten, ein Arzt wird ermordet und ein Herz wird auf, statt in der Brust getragen.

In ruhiger, poetischer Sprache erzählt die Autorin in elf Geschichten von den verschiedensten Menschen und den haarsträubendsten Ereignissen. Elf Geschichten, alle auf vielfältige Art miteinander verwoben, obwohl Protagonisten, Zeit und Orte wechseln. Jede wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers geschildert, jede konzentriert sich auf ein anderes Geschehnis und doch trägt eine jede dazu bei, die anderen Geschichten besser zu verstehen.

Dem Leser bleibt die Aufgabe, die Geschichten in Kontext zueinander zu setzen und ehe man sichs versieht, wird aus den elf Geschichten ein Roman.

Besonders wird das Buch vor allem durch die Sprache. Gerade der Kontrast zwischen der poetischen, sanften Sprache und dem teilweise grauenerregenden Geschehen ist außergewöhnlich und dadurch sehr reizvoll.

Bewertung:
Das Buch hat mich unterhalten, fasziniert, schockiert, gefesselt und überrascht – fünf Sterne.

Titel: Das Ende des Bengalischen Tigers
Autorin: Yoko Ogawa
Originaltitel: Kamokuna Shigai, Midarana Tomurai
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten
Verlag: Liebeskind
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3935890755

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