Archiv für die Kategorie Spannung

S. J. Watson / Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

Unser Leben besteht aus Erinnerungen – doch was sind wir, nimmt man sie uns? Sind wir noch wir selbst, wenn wir uns an nichts erinnern?

Christine erlebt genau das. Jeden Morgen wacht sie auf, in einem Zimmer, das ihr fremd ist, neben einem Mann, an den sie sich nicht erinnern kann, zwanzig Jahre älter, als sie zu sein glaubte. Jeden Tag versucht sie, sich an ihr Leben zu erinnern und jede Nacht werden die Erinnerungen aufs Neue aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Christine leidet an einer seltenen Form der Amnesie, die Ärzte sind ratlos. Bis ein junger ambitionierter Arzt einen Weg findet, zu Christine und ihren verdrängten Erinnerungen durchzudringen. Doch die ersehnte Wahrheit, wie es zu ihrer Amnesie kommen konnte, birgt manches unangenehme Geheimnis …

Es war das Cover, das mich magisch anzog. Ich kann wohl froh sein, dass es in dieser Form im Laden lag und nicht in der inzwischen verbreiteteren Variante, denn das blaue Cover hätte mich das Buch wohl nicht einmal in die Hand nehmen lassen. Der Klappentext klang viel versprechend und auch der Beginn des Buches konnte mich fesseln. Was Christine erlebt, ihre Verwirrtheit, ihre verzweifelten Versuche, sich zu erinnern, dringen durch die Wahl des Präsens und die Ich-Form gut zum Leser durch, man ist quasi direkt dabei, begleitet Christine durch den Tag. Die Erinnerungen selbst werden in der Vergangenheitsform geschildert, was natürlich nur logisch ist – doch leider liegt auch genau darin die Schwäche des Buches. Der mittlere Teil besteht praktisch nur aus diesen Rückblicken und zieht sich stellenweise wie zäher Kaugummi.  Meiner Meinung nach hätte hier gut gestrafft werden können, es kommen einfach viel zu viele Wiederholungen auf, die zwar Christines Lage gut verdeutlichen, den Lesefluss und v.a. die Spannung aber extrem ausbremsen. Ich hatte zwischendurch kaum noch Lust, weiter zu lesen, doch zum Glück habe ich es getan, denn zum Ende steigert sich wieder das Tempo, wird die Erzählung wieder packend und das Buch wartet mit einer fulminanten Überraschung auf.

Der erste Satz:

Das Schlafzimmer ist seltsam.

Die Grundidee des Buches ist toll, die Erzählart weist jedoch Schwächen auf, die das Ende zum Glück einigermaßen ausgleichen kann. Nichtsdestotrotz reicht es so nur für drei Sterne.

Autor: S.J Watson
Titel: Ich. Darf. Nicht. Schlafen.
Originaltitel: Before I go to Sleep
Broschiert: 464 Seiten
Verlag: Scherz
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3651000087

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Simone van der Vlugt / Klassentreffen

In der Kindheit eng befreundet, findet die Freundschaft zwischen Sabine und Isabel während der Pubertät ein jähes Ende. Isabel avanciert zum beliebtesten Mädchen der Schule und macht Sabine das Leben schwer. Doch eines Tages verschwindet Isabel spurlos, niemand hört je wieder etwas von ihr.
Neun Jahre später holt Sabine die Vergangenheit ein. Depressionen, Probleme auf der Arbeit, eine sich anbahnende Beziehung zu einem Freund aus der Jugendzeit machen ihr zu schaffen und dann steht auch noch ein Klassentreffen an. Immer öfter muss sie an damals denken: Was ist mit Isabel geschehen? Verdrängte Erinnerungen kämpfen sich an die Oberfläche und Sabine muss erkennen, dass sie mehr zu wissen scheint als sie bislang glaubte …

Ich glaube, dies war tatsächlich mein erster niederländischer Thriller und es war mein erstes Buch von Simone van der Vlugt, aber es wird sicherlich nicht mein letztes gewesen sein.
Gekonnt stellt sie die Charaktere vor und baut die Spannung langsam, aber konstant auf. Eh man es merkt, steckt man mitten drin in der Geschichte und kann das Buch kaum noch aus der Hand legen.
Die Sprache ist einfach gehalten, aber sehr präzise, die Sätze sitzen punktgenau und  damit schafft es die Autorin, ihre Leser so in den Bann  zu ziehen. Man stolpert nicht über irgendwelche pompösen Stilmittel, man gleitet einfach durch den Text und kann sich ganz der Geschichte widmen.
Und obwohl man zwischendurch immer wieder ahnt, was mit Isabel geschehen sein könnte und obwohl der mögliche Täterkreis sehr klein und übersichtlich ist, schafft es die Autorin doch, einen immer wieder auf eine andere Fährte zu führen.

Der erste Satz:

“Das letzte Stück fährt sie allein.”

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, einen Stern Abzug gibt es nur, weil für mich am Ende doch noch ein, zwei offene Fragen geblieben sind. Insgesamt handelt es sich bei “Klassentreffen” um einen wirklich fesselnden, atmosphärischen Thriller und ich kann es kaum erwarten, mehr von der Autorin zu lesen.

Autorin: Simone van der Vlugt
Titel:
Klassentreffen
Originaltitel: De reünie
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Diana Taschenbuch
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453351776

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Stephen King/ Atlantis

Fünf Novellen, alle miteinander verbunden, obwohl sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten spielen und in jeder ein anderer Protagonist zu Wort kommt.
Die erste Geschichte spielt 1960, die letzte 1999 und mit ihr schließt sich der Kreis rund um die Hauptprotagonisten Bobby, Carol und Sully-John. Nicht jeder von ihnen taucht in jeder Geschichte auf, dennoch erfährt man etwas über sie, über ihren Werdegang, ihre Entwicklung und ihr Leben.
Kinder werden zu rebellischen Jugendlichen, die ihrerseits zu angepassten oder auch aufrührerischen Charakteren heranreifen, aneinander geraten, sich verlieren, sich in komplett verschiedene Richtungen entwickeln.
Ein weiteres zentrales Thema in allen fünf Novellen ist der Vietnamkrieg und seine vielfältigen Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft, die auch im Jahr 1999 noch deutlich spürbar waren.

Stephen King hat mit “Atlantis” eine sehr nachdenkliche Novellensammlung geschrieben, die so rein gar nichts mit Horror zu tun hat, sondern sich sehr kritisch mit der jüngeren amerikanischen Geschichte und Politik sowie der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzt.
Ein paar Fantasy-Elemente kommen selbstverständlich vor, vor allem in der ersten Novelle mit dem Titel “Niedere Männer in gelben Mänteln”. Vor allem hier taucht auch immer wieder ein Bezug zu Stephen Kings Meisterwerk, dem Zyklus rund um den “Dunklen Turm”, auf und wer die Bücher dazu gelesen hat, wird manchen Aha-Effekt erleben können. Doch trotz dieser Fantasy-Elemente ist das Buch keinesfalls zum Fantasy-Genre zu zählen und ebenso wenig zum Horror- oder Spannungsgenre. Spannung kommt zwar vor, aber nicht in dem Maße, wie man es eigentlich von King gewohnt ist.

Wer Stephen King bislang für einen untalentierten Schreiberling hielt, dessen Horizont nicht über Blut, Horror und Gemetzel hinaus reicht, der anspruchslose Bücher für anspruchslose Menschen schreibt (ja, diese Denke ist leider immer noch häufig anzutreffen), der wird hoffentlich durch “Atlantis” endlich eines besseren belehrt.

Was ich an diesem Buch zu bemängeln habe, sind ein paar unschöne Übersetzungsfehler, über die man jedoch in Betrachtung des Gesamtwerks gelassen hinwegsehen kann. Außerdem finde ich das deutsche Cover im Vergleich zur amerikanischen Taschenbuchausgabe nicht sonderlich gelungen, auch wenn es sich natürlich so rein optisch sehr gut in die Neuauflagen der King-Bücher einfügt.

Der erste Satz:

Bobby Garfileds Vater hatte zu denen gehört, die schon mit zwanzig bis dreißig Jahren die Haare zu verlieren beginnen und so circa mit fünfundvierzig völlig kahl sind.

Bewertung:
Nichts anderes kommt in Frage als fünf Sterne.

Ein Song, der vor allem in der zweiten Novelle “Herzen in Atlantis” immer wieder erwähnt wird und sich durch das gesamte Buch zieht, ist “96 tears” von ? and the Mysterians, und wer ihn bisher nicht kannte, hat hier nun die Gelegenheit, sozusagen als Soundtrack zum Buch ;-)

Titel: Atlantis
Originaltitel: Hearts in Atlantis
Autor: Stephen King
Taschenbuch: 800 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (8. Februar 2011)
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453435711

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Silvia Roth/ Blut von deinem Blute

15 Jahre ist es her, dass Lauras Vater und ihre Stiefmutter in ihrem Haus auf Jersey grausam ermordet wurden- der Täter wurde nicht gefasst. Laura selbst hat keinerlei Erinnerungen an die Nacht. Inzwischen lebt sie in Frankfurt, ist Mitte 30 und hat eine steile Karriere hingelegt. Zwar gibt es einen Mann in ihrem Leben, doch ist die Beziehung eher locker. Umso größer der Schreck, als Laura feststellt, dass sie schwanger ist. Um den Schock zu verarbeiten, aber auch, um den Geistern der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, kehrt Laura zurück nach Jersey, wo ihre Schwester Mia noch immer im Elternhaus lebt. Mia gilt auf der Inseln aus verrückt und durchgeknallt und auch Laura findet nicht wirklich Zugang zu ihr. Im Gegenteil, Mia macht ihr zunehmend Angst. War sie etwa in den Mord an den Eltern verwickelt …?

Meinung:
Dies war mein erstes Buch von Silvia Roth und ich war anfangs etwas skeptisch, da ich ja in jüngster Vergangenheit nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit deutscher Spannungsliteratur gemacht habe. Umso mehr freut es mich, nun sagen zu können: “Blut von deinem Blute” hat mich gepackt.
Die Atmosphäre des Romans ist herrlich düster und oft auch undurchsichtig, die Charaktere wechselhaft, keinesfalls eindimensional oder leicht zu durchschauen -selbiges gilt für die Familienverhältnisse der Hauptfiguren-, die Sprache fesselt. Mir hat die Geschichte und ihre Entwicklung ausgenommen gut gefallen und ich bin dem Täter auch nur sehr kurz vor der Protagonistin auf die Schliche gekommen ;-) .
Das war mit Sicherheit nicht mein letztes Buch von der Autorin.

Der erste Satz:
Ich war neunzehn, als mein Vater mit eingeschlagenem Schädel auf dem Küchenboden gefunden wurde.

Bewertung:
Vier Sterne.

Titel: Blut von deinem Blute
Autorin: Silvia Roth
Gebundene Ausgabe: 542 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3455403107

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Jean-Christophe Grangé / Das Herz der Hölle

Sie sind am Leben, aber sie waren tot. Und dafür nehmen sie Rache.

Mathieu Durey und Luc Soubeyras sind seit ihrer Schulzeit die besten Freunde. Beide sind sie strenggläubige Christen und beide haben sie sich gegen das Leben als Priester und für das Leben als Polizist entschieden – um das Übel der Gesellschaft an der Wurzel packen zu können, anstatt nur darüber zu reden.
Dass nun ausgerechnet Luc einen Selbstmordversuch unternommen haben soll, der unerschütterlich gläubige Luc, das kann Mathieu beim besten Willen nicht glauben. Also beginnt er seine eigenen Nachforschungen. Diese führen ihn raus aus Paris und ins Jura, in die Schweiz und schließlich auch nach Rom und Polen.
Mathieu folgt Lucs letztem Fall und damit einer Spur grauenhafter Morde, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, bis auf eine Gemeinsamkeit: Alle Mörder waren schon einmal tot und wurden ins Leben zurück geholt. Sie sind die “Lichtlosen” und sie scheinen aus irgendeinem Grund in direktem Zusammenhang mit Lucs Selbstmordversuch zu stehen.
Doch nicht nur Mathieu hat Interesse an den “Lichtlosen”, auch der Vatikan und eine Geheimorganisation sind hinter ihnen her. Schlimmer jedoch: Irgendjemand ist auch hinter Mathieu her …

Jean-Christophe Grangé, Autor von “Die purpurnen Flüsse” und “Das Imperium der Wölfe” hat mit “Das Herz der Hölle” einen grandiosen Thriller abgeliefert, der dem Leser zeitweise den Atem raubt.
Voller Spannung hetzt man mit Mathieu durch Europa (und übrigens auch vor meiner Haustür entlang ;-) ), verfolgt die Spur der Verdächtigen, wittert Verschwörungen und kirchliche Geheimnisse, erkennt menschliche Abgründe, verdächtigt mal diesen, mal jenen – um am Ende dann doch vollkommen von der Auflösung des Falles überrascht zu werden. Ich war zumindest überrascht. Meistens hat man ja doch eine gewisse Ahnung, oft genug schon zu Beginn des Buches, hier jedoch wurde mir erst kurz vor Ende klar, auf wen es als “Bösewicht” hinauslaufen muss und genau den Aspekt habe ich sehr genossen.
Der Spannungsbogen ist nahezu perfekt aufgebaut, überflüssige Passagen oder gar Hänger sind meines Erachtens schlichtweg nicht vorhanden.

Der erste Satz:

“Zwischen Leben und Tod.”

Bewertung:
Fünf Sterne. SO muss ein Thriller sein.

Autor: Jean-Christophe Grangé
Titel: Das Herz der Hölle
Originaltitel: Le Serment des Limbes
Gebundene Ausgabe: 784 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3431037371
Originaltitel: Le Serment des Limbes

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Johan Theorin / Blutstein

Die schwedische Insel Öland ist ein Ort voller Geheimnisse. Legenden aus alten Zeiten werden dort nicht nur nicht vergessen, nein, sie sind noch am Leben.

Blutstein, so nennen die Inseleinwohner die blutrot leuchtende Gesteinsschicht, die im Steinbruch von Stenvik bis zum heutigen Tag gut zu sehen ist. Verfärbt vom Blut aus den Schlachten zwischen Trollen und Elfen, so glauben sie.

An Elfen und ihre magischen Kräfte glaubt auch Vendela, die mit ihrem Mann, einem sehr von sich eingenommenen, unsensiblen Schriftsteller, auf die Insel ihrer Kindheit zurückkehrt. Immer wieder zieht es sie zum Elfenstein, einem großen Felsblock in der Alvar, auf dem sie als junges Mädchen Schmuck und Geld geopfert hat, um ihre Wünsche Realität werden zu lassen.

Auch Per würde gerne manche Wünsche Realität werden lassen. Zum Beispiel den Wunsch, dass seine kleine Tochter gesund wird. Oder dass er nicht mit dem verhassten Vater Jerry, einem ehemaligen Pornoproduzenten, der nun an Demenz leidet, in Verbindung gebracht wird. Doch leichter gesagt als getan. Jerry ist nicht nur verwirrt, er hat auch ernstzunehmende Feinde. Als Jerrys Arbeitshaus gemeinsam mit Jerrys Kompagnon in Flammen aufgeht, muss Per notgedrungen seinen Vater zu sich nach Öland holen. Dort hat Per das Haus eines Verwandten geerbt und lebt nun am Steinbruch, direkt neben Vendela und nicht weit entfernt von Gerlof.

Gerlof ist ein Alteingesessener Öländer und ehemaligem Schiffer mit einem Hang zur kriminalistischen Schnüffelei. Nun, im hohen Alter, will er eigentlich nur noch seine Ruhe und überzeugt Pfleger und Verwandte davon, seine letzten Tage nicht im Altenheim, sondern in seinem Haus in Stenvik verbringen zu dürfen. Meist sitzt er im Garten und liest die geheimen Tagebücher seiner geliebten, längst verstorbenen Frau. In ihren Tagebüchern schreibt sie von Trollen und Elfen, von ihrer Einsamkeit, dem Zusammentreffen mit einem seltsamen Jungen und anderen Sonderbarkeiten.
Für sich genommen bloße Erinnerungen, doch als Gerlof seine neuen Nachbarn kennenlernt, sieht er sie mit einem Mal in ganz anderem Kontext …

 

In seinem dritten Roman hat Johan Theorin erneut die Insel Öland in den Mittelpunkt gestellt. Die Figur Gerlof kennen aufmerksame Leser bereits aus “Öland” und “Nebelsturm”, in letzterem hat man auch erfahren, wie Pers Verwandter, der ihm das Haus vererbt hat, ums Leben gekommen ist.
Alles greift ineinander und nimmt Bezug zu den zwei vorangehenden Büchern; und dennoch ist es nicht zwingend notwendig, diese gelesen zu haben, um von der Stimmung und Atmosphäre von “Blutstein” mitgerissen zu werden. “Blutstein” gehört zwar zur Öland-Reihe (aktuell sind hierfür wohl insgesamt vier Bände vorgesehen, es soll also mindestens noch einer folgen), ist aber ebenso ein eigenständiger Roman.

Mehrere Handlungsstränge verlaufen parallel und fließen am Ende zu einem gemeinsamen Kontext zusammen.
Einschübe aus der Vergangenheit schildern Vendelas Kindheitserlebnisse, die zum Verständnis sämtlicher Figuren und Geschehnisse beitragen.
Die Charaktere sind detailliert gezeichnet, jede Figur hat ihre Stärken und ihre Schwächen, ein gut-oder-böse-Klischee sucht man glücklicherweise vergebens, denn die Figuren sind so vielschichtig wie die Gesteinsschichten im Steinbruch von Stenvik.

Die Sprache Theorins ist gewohnt präzise und knapp gehalten. Es gibt keine langen Schachtelsätze, Abschweifungen oder Schnörkel, alles ist auf das Notwendige reduziert und genau dadurch entsteht die für Theorin so typische Atmosphäre.
Es handelt sich bei “Blutstein” nicht um einen klassischen Krimi, es geht nicht um das Aufspüren des Täters, der spielt eher eine kleine, wenn auch am Ende nahezu einschlagende Nebenrolle.
Es geht um die Psychologie des Geschehens, um die Atmosphäre, es geht um Mythen, Legenden und einen Hauch Fantasy.

Johan Theorin ist für mich einer der überzeugendsten Autoren der letzten Jahre und ich freue enorm, dass auch sein dritter Roman an die Magie der beiden Vorgänger anknüpfen kann.

Der erste Satz:

Per Mörner hatte schwere Verbrennungen an seiner linken Hand, mehrere gebrochene Rippen und konnte nur noch verschwommene Umrisse erkennen.

Bewertung:
Volle Punktzahl: fünf Sterne.

 

Autor: Johan Theorin
Titel: Blutstein
Originaltitel: Blodläge
Gebundene Ausgabe: 445 Seiten
Verlag: Piper
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3492054188

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Tana French / Totengleich

Mord, Identätsdiebstahl und jede Menge Geheimnisse, damit wartet Tana French in ihrem zweiten Roman auf und wie schon bei ihrem Erstling versteht sie es, den Leser in ihren Bann zu ziehen.

Cassie Maddox, eine junge Polizistin, hat ein hartes Jahr hinter sich und ist aus guten Gründen vom Morddezernat in das Dezernat für häusliche Gewalt gewechselt.
Als sie zum Schauplatz eines Mordes gerufen wird, kann das nichts Gutes bedeuten – und tut es auch nicht: Das Mordopfer sieht nicht nur aus wie ihr Spiegelbild, sondern es hat sich eine Identität angeeignet, die Cassie selbst vor Jahren im Rahmen eines Undercover-Einsatzes erfunden hat.
Niemand weiß, wer die Tote wirklich ist, geschweige denn, warum sie ermordet wurde oder was sie dazu gebracht hat, eine falsche Identität anzunehmen und sich einer Gruppe von Außenseitern anzuschließen, mit denen sie in seltsamer Konstellation in der Einöde gelebt hat.
Cassies ehemaliger Chef entwickelt eine absurd anmutende Idee: Da bislang niemand vom Tod der Frau weiß, soll Cassie sich als die Tote ausgeben und wieder undercover gehen …

Nach “Grabesgrün” konnte mich Tana French auch mit ihrem zweiten Roman davon überzeugen, dass sie eine Meisterin unter den Krimi-Autorinnen ist.

Mit “Totengleich” knüpft sie dabei an die Handlung ihres ersten Romans an und erzählt die Geschichte von Cassie Maddox, die in “Grabesgrün” eine der wichtigen Nebenfiguren darstellte.
Das Buch lässt sich jedoch auch problemlos ohne Kenntnis des Vorgängers lesen, da Tana French alle wesentlichen Geschehnisse, die zum Verständnis der Cassie Maddox beitragen, in die Handlung einfließen lässt.

Die Figuren sind fein gezeichnet, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und die Autorin versteht es, alle Wesenszüge, sowohl die sympathischen als auch die unsympathischen, glaubhaft zu vermitteln. Besonders der Aspekt, dass wirklich jede Figur und dem Buch über angenehme und unangenehme Charakterzüge verfügt, hat mir sehr gut gefallen, man findet hier also kein klischeehaftes Schwarz-Weiss-Schema mit den Guten auf der einen und den Bösen auf der anderen Seite. Durch geschickt ausgearbeitete Handlungsstränge gelingt es der Autorin, eine Atmosphäre der Spannung zu erzeugen, manchmal sogar mit Gänsehautbonus.

Dennoch bekommt “Totengleich” keine ganz so gute Bewertung von mir wie sein Vorgänger, denn zwischendurch gab es doch die eine oder andere Passage oder Schilderung, die mir etwas langatmig erschien.

Alles in allem ein solider Krimi und ich freue mich bereits darauf, in Kürze Tana Frenchs dritten Roman lesen zu können.

Der erste Satz:

Manchmal Nachts, wenn ich alleine schlafe, träume ich noch immer vom Whitethorn House.

Bewertung:
Vier Sterne.

 

Autorin: Tana French
Titel: Totengleich
Originaltitel: The Likeness
Gebundene Ausgabe: 784 Seiten
Verlag: Scherz
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3502101925

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Stephen King / Zwischen Nacht und Dunkel

Ein Farmer, der von dem, was er getan hat, in den Irrsinn getrieben wird.
Eine Schriftstellerin, die unbedacht eine Abkürzung wählt.
Ein Todkranker, der um eine Verlängerung bittet.
Eine Ehefrau, die glaubte, ihren Mann zu kennen.

Vier Novellen, eine Aussage:
Es kommt sowieso anders, als du es erwartest und es wird schrecklicher, als du es dir je erträumen könntest.

Stephen King zählt definitiv zu meinen Lieblingsschriftstellern.
Keiner versteht es so wie er, in den Abgründen menschlicher Ängste zu wühlen.
Noch mehr als seine Romane liebe ich seine Kurzgeschichten und “Zwischen Nacht und Dunkel” hat mich genau darin wieder bestärkt.

Selbst in seinen besten Romanen entsteht nicht solch eine grauslige, packende Stimmung wie in den Novellen und Kurzgeschichten.
Dabei verzichtet King größtenteils dankenswerter Weise auf allzu detaillierte Beschreibungen; die sind auch überhaupt nicht notwendig, das Kopfkino läuft ohnehin auf Hochtouren.
Was in den Romanen auf mehrere hundert Seiten verteilt wird, ist in den Geschichten komprimiert und wirkt umso heftiger auf den Leser.

Das Buch besteht aus vier Novellen: “1922″, “Big Driver”, “Faire Verlängerung” und “Eine gute Ehe”.
Kein langes Vorgeplänkel, einfach rein in die Geschichte; nicht zu viele Details, nicht zu viele Figuren, dafür umso mehr Atmosphäre und in jeder Geschichte eine Moral: Jeder muss für das, was er tut, einen Preis zahlen.

Ich könnte nicht sagen, welche der vier Geschichten in meinen Augen die stärkste ist, jede für sich hat ihre Vorzüge.
Müsste ich jedoch die schwächste benennen, wäre es für mich eindeutig “Big Driver”, da ich einiges in der Geschichte nicht so schlüssig fand wie in den anderen dreien.
Während ansonsten jeder Gedankengang und jede Handlung für mich gut nachvollziehbar war und das Ergebnis entsprechend passend, gefiel mir bei “Big Driver” vor allem im letzten Drittel einiges nicht so gut. Mehr will ich dazu an dieser Stelle nicht sagen, es soll schließlich jeder ganz für sich allein die Geschichten auf sich wirken lassen und ich möchte hier nicht spoilern und damit den Lesegenuss verderben ;-) .

Kleiner Kritikpunkt:
Für meinen Geschmack hätte der Infotext im Schutzumschlag etwas reduzierter sein können bzw. so formuliert, dass er nicht so viel von der Handlung der einzelnen Geschichten verrät. Das schafft automatisch schon vor dem Lesen eine gewisse Erwartungshaltung und Voreingenommenheit, die den Geschichten durchaus auch schaden kann.

Leseempfehlung? Definitiv!

 

Kleiner Tipp: Wer sich bei “Big Driver” etwas wundert, weil bei der Sache mit der Abkürzung irgendetwas klingelt, der werfe noch einmal einen Blick auf “Mrs. Todds Abkürzung”, veröffentlicht in den Kurzgeschichtensammlungen “Der Gesang der Toten” und “Blut”.

 

Wertung:
Vier Sterne.

 

Autor: Stephen King
Titel: Zwischen Nacht und Dunkel
Originaltitel: Full Dark, No Stars
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453266995

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John Katzenbach / Der Professor

Kurzbeschreibung:
Der pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas bekommt von seinem Arzt eine niederschmetternde Diagnose: Demenz. Damit haben sich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Vor seinem inneren Auge erscheint die Schreckensvision seines unaufhaltsamen, unheilbaren Abgleitens in die Dunkelheit. Verstört blickt der alte Mann auf die Straße hinaus und sieht in der anbrechenden Dämmerung ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen vorübereilen. Gleichzeitig rollt ein Lieferwagen heran, bremst ab und beschleunigt wieder: Das Mädchen ist verschwunden. Der alte Professor ist verwirrt. Hat er gerade eine Entführung beobachtet? Wenn es tatsächlich ein Verbrechen war, muss er handeln. Die Frage ist nur, wie. Kann er noch klar genug denken, um das Mädchen zu finden?

Quelle: Droemer Verlag

Meinung:
Dies war jetzt mein viertes Buch von John Katzenbach und ich stehe etwas ratlos da.
Zwei seiner Bücher fand ich fantastisch, eins habe ich nicht einmal vollendet, weil es mich doch eher gelangweilt hat.
Nun kommt “Der Professor” mit einer sehr zeitgemäßen Story über Sensationsgier und den ungesunden weltweiten Medienkonsum, über Brutalität, Psychoterror und die geistige Gesundheit, die so fragil und früher oder später dem Verfall preisgegeben ist. Eine solide Story. Eigentlich. Von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht. Eigentlich.

Und dennoch hat mich das Buch nicht überzeugt.
Ich habe nicht, wie z.B. bei “Die Anstalt”, das Buch kaum aus der Hand legen können und vollkommen gefesselt bis in die tiefe Nacht hinein gelesen. Es war eher so ein “na dann les ich eben noch ein paar Seiten…” und deswegen habe ich für das Buch auch außergewöhnlich lange gebraucht (für meine Verhältnisse).
Andererseits habe ich es aber auch nicht wie bei “Der Fotograf” irgendwann genervt zur Seite gelegt.
Das Buch hat mich einfach nicht gepackt, die Lektüre verlief eher schleppend und schon lange, bevor im Buch die “Hostel”-Filme erwähnt wurden, hatte ich den Gedanken, ob Katzenbach sich nicht vielleicht ein bisschen zu sehr von genau solchen Filmen hat inspirieren lassen; vieles kommt einem Fan dieses Filmgenre einfach bekannt vor.

Die Handlung des Buches bietet wenig Überraschungseffekte, den Spannungsbogen empfinde ich auch nicht als so richtig gelungen, insgesamt ist alles einfach zu gradlinig und auch ein Stück weit zu vorhersehbar. Zudem fehlt mir am Ende etwas, denn auf das weitere Schicksal einer der zwiespältigeren Hauptfiguren wird nun so gar nicht eingegangen, obwohl mich das sehr interessiert hätte – schade.

Sicherlich ist die Story -junges Mädchen wird entführt, gequält, missbraucht, alter Mann wird parallel dazu allmählich vom Wahnsinn heimgesucht und von der Demenz zerfressen – an sich erschütternd, doch leider ist es John Katzenbach in meinen Augen nicht gelungen, das vollständig rüber zu bringen und mich als Leser an die Geschichte zu binden.

Was ich jedoch als sehr positiv herausheben möchte, ist zum einen der sehr schöne Schutzumschlag, der nicht nur gut zum Inhalt passt, sondern auf der Innenseite auch ein Katzenbach-Interview enthält. Zum anderen habe ich es als sehr angenehm empfunden, dass bei den wirklich harten Geschehnissen quasi ausgeblendet wurde. Das wirkliche Grauen wird nicht plastisch bis ins kleinste Detail geschildert, wie es leider bei vielen Thrillern mittlerweile an der Tagesordnung ist. Katzenbach überlässt es dem Leser, ob und wie er sich Gedanken zu manchem Ereignis im Buch machen möchte, er behandelt den Leser, aber auch das Geschehen selbst mit Respekt und Zurückhaltung und das hat heute fast schon Seltenheitswert.

Der erste Satz:

“Als die Tür aufging, wusste Adrian, dass er tot war.”

Bewertung:
Ich habe mich lange auf das neue Katzenbach-Buch gefreut und bin vielleicht auch wegen der Vorfreude vom Buch selbst nun ein wenig enttäuscht. Von mir gibt es für “Der Professor” leider nur zwei Sterne.

Herzlichen Dank an den Droemer Verlag für dieses Leseexemplar.

 

Autor: John Katzenbach
Titel: Der Professor
Originaltitel: What Comes Next
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Droemer
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3426198247

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Christoph Scholder / Oktoberfest

Inhalt:
Das Gas wirkte in Sekunden. Plötzlich war es in dem riesigen Bierzelt still. Totenstill. Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, Tausende strömen auf das größte Volksfest der Welt. Partystimmung, so weit das Auge reicht, ausgelassen tanzen die Leute in den riesigen Zelten. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70 000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod …

Quelle: Amazon

Meinung:
Endlich mal wieder ein spannender Thriller von einem deutschen Autoren mit Schauplatz Deutschland!

Das Oktoberfest wird Schauplatz einer gigantischen Geiselnahm: Was zunächst etwas hanebüchen klingt, weiß der Autor geschickt in einer fesselnden Story zu verpacken. Mit zunächst immer wieder wechselnden Handlungsorten wirkt der Einstieg etwas verwirrend, doch genau darin liegt auch das Geheimnis des Spannungsbogens, den Scholder gekonnt aufzieht, zwischendurch abflachen lässt, um ihn zum Ende hin dann noch einmal so richtig gen Himmel schießen zu lassen. So schnell werde ich sicherlich nicht mehr das Bedürfnis haben, Teil einer großen Menschenansammlung zu sein ;-) .

Besonders gut gefallen haben mir die wirklich sehr gute und gründliche Recherche zu den militärischen Gegebenheiten und die themenbezogenen Zitate, mit denen die Kapitel eingeleitet werden.

Ein absolut empfehlenswertes Buch, auf das ich ohne die Lovelybooks-Leserunde wahrscheinlich gar nicht aufmerksam geworden wäre, von daher an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an das LB-Team!

Der erste Satz:

Als der alte Mann seinem Besucher lächelnd die Tür öffnete, konnte er nicht wissen, dass er nur noch neunzig Sekunden zu leben hatte.

Bewertung:

 

Autor: Christoph Scholder
Titel: Oktoberfest
Gebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Droemer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3426198889

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