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Benedict Wells / Fast genial
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Gelesen, Roman am 20. Mai 2012
Lieber Benedict,
ich sag jetzt einfach mal “du”, weil ich die Ältere von uns beiden bin (wenn auch nur unwesentlich älter
).
Du schuldest mir 3,00€. Und wenn wir schon dabei sind, wäre eine schriftliche Entschuldigung für mich auch nicht schlecht.
Dank dir und deines Buches habe ich nicht nur einen außerplanmäßigen Ausflug in das Berliner Umland gemacht (weil ich mich so festgelesen hatte, dass ich meine Haltestelle um lockere 20 Minuten verpasst habe), nein, ich werde vermutlich noch einige Wochen eine ganz bestimmte Buslinie großräumig meiden. Die Haarfarbe habe ich sicherheitshalber auch gleich gewechselt, so kann ich wenigstens nicht mehr als “die wirre Blonde, die ein Buch anbrüllt” identifiziert werden. Vielleicht solltest du gleich einen Warnhinweis auf das Buch kleben lassen: “Bitte nicht die letzten Seiten in der Öffentlichkeit lesen, dies kann zu unkontrolliertem, lautstarkem Leseverhalten führen”.
Und für den Fall, das mich trotz neuer Haarfarbe jemand erkennt, hätte ich dann gerne die schriftliche Entschuldigung, so als Ausgleich für diesen blutdruckerhöhenden letzten Absatz, normalerweise schreie ich Bücher nämlich nicht an, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen die 3,00€ für den Rückfahrschein aus der Tarifzone C. Wobei ich darüber mit mir reden lassen würde, ein Kaffee täte es notfalls auch.
Herzlichst
deine Grete
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“Fast genial” – damit ist der Protagonist des Buches, Francis Dean, gemeint. Das Buch selbst hätte, ginge es nach mir, durchaus den Titel “Absolut genial” verdient, denn selten bin ich so in eine Geschichte abgetaucht, dass ich wirklich alles um mich herum vergessen habe, selten hat mich ein Autor so mit seinen Formulierungen auf eine Reise mitgenommen, selten sitzt jedes Wort so perfekt wie in diesem Buch.
Francis ist knapp 18 Jahre alt und lebt mit seiner psychisch kranken und ständig suizidgefährdeten Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey. Wirkliche Zukunftsperspektiven hat er nicht, denn seit der Scheidung der Mutter ist es nur bergab gegangen und während seine Mutter mehr Zeit in Kliniken verbringt als Zuhause, weiß Francis nichts mit sich anzufangen und hat keine Ziele.
Dann lernt er, passenderweise in der Psychiatrie, die labile Anne-May kennen und erfährt zeitgleich von den Umständen seiner Zeugung: Offenbar wurde er nicht von einem Versager gezeugt und im Stich gelassen, sondern er ist das Ergebnis eines gewagten und absurden Experiments, das als “Samenbank der Genies” zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Sein Vater soll ein preisgekrönter, herausragender Wissenschaftler sein.
Und auf einmal wendet sich für Francis das Blatt. Er will unbedingt seinen Vater kennenlernen und macht sich zusammen mit Anne-May und seinem besten Freund Grover auf den Weg quer durchs Land, zur Westküste, um herauszufinden, wer er eigentlich ist …
Francis’ tragisch-komische Geschichte und seine roadtripartigen Erlebnisse auf der Suche nach dem Vater und nach sich selbst haben mich zutiefst berührt, amüsiert und mitgenommen.
Benedict Wells hat ein atemberaubendes Gespür für Sprache und Handlung, überrascht mit immer neuen Entwicklungen, sodass keine Langeweile aufkommt, allenfalls ein Moment Zeit bleibt, um durchzuatmen, bevor es rasant weiter geht. Vermutlich war es der größte Coup des Diogenes-Verlags, diesen jungen Autor direkt unter Vertrag zu nehmen (“Fast genial” ist nun sein dritter Roman), denn ich wage mir kaum auszumalen, welche Geschichten, Worte und überraschende Handlungen noch von ihm zu erwarten sind – und ich kann es kaum erwarten, sie zu lesen!
Der erste Satz:
“Ich werde fliehen!”
Satte fünf Sterne für “Fast genial”, das die Bewertungsmesslatte für alle anderen Bücher in diesem Jahr schier unerreichbar hoch angelegt hat.

Autor: Benedict Wells
Titel: Fast genial
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257067897
[Gastrezension] Lukas Hartmann / Finsteres Glück
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Gastrezension, Gelesen, Roman am 28. April 2012
Ich freue mich sehr, euch heute erneut eine wunderschöne, gefühlvolle Gastrezension von Amy vorstellen zu dürfen.
Schon recht weit am Ende angelangt, notierte ich mir – einer spontanen Eingebung folgend – meinen eigenen, wesentlich optimistischer gefärbten Titel für dieses kleine, feine Buch: „Familienzusammenführung“ (leider verkauft sich Spektakuläres besser).
Denn obwohl der Kern des Plots exakt das Gegenteil dessen bildet, nämlich die tragische, plötzliche Zerstörung einer fünfköpfigen Familie, einen fürchterlichen, abrupten Riss, dreht sich am Ende doch alles nur darum: Um das, was geblieben ist, zu kitten, zu heilen, die scheinbar nicht (mehr) passenden Bausteine doch wieder irgendwie zusammen zu basteln.
Die alte, verlorene Familie durch ein völlig neues Konstrukt zu ersetzen, mühsam … gewagt, unorthodox.
Ein achtjähriger Junge, Yves, wird Zeuge eines Autounfalls, bei dem sämtliche Mitglieder seiner Familie – Vater, Mutter, Schwester, Bruder – auf dem Heimweg von einer gemeinsam bestaunten Sonnenfinsternis ums Leben kommen. Yves kleine, heile Welt, die längst doch schon keine mehr war, hört binnen weniger Sekunden auf zu existieren. Der Familienwagen bricht in einem Tunnelabschnitt aus unerfindlichem Grund plötzlich aus und kracht ungebremst an die Wand.
Nur Yves überlebt die Tragödie und droht an ihr zu zerbrechen, ins Wahnhafte abzudriften, in der verzweifelten Hoffnung, die geliebten Toten durch imaginäre Gespräche ins Leben zurück zu rufen.
Es ist Aufgabe der erfahrenen Trauma-Psychologin Elaine, und ihr schon bald ein Herzensanliegen, seinen überwältigenden Schmerz über den erlittenen Verlust ins Bewusstsein zu locken, damit er betrauert und integriert werden kann in ein kleines Leben, das ebenfalls zu verlöschen droht.
An Kastanien dachte ich, an Moorwasser, in dem sich der Herbstwald spiegelt …
Die unidentifizierbare Farbe von Yves Augen lässt Elaine nicht mehr los, irgendetwas in ihm rührt sie über alle Profession hinaus und lässt mehr und mehr die Mutter in ihr zu Tage treten.
Eine Mutter, die mit ihren beiden Töchtern in ihrem eigenen Kampf gegen Ablösung, Widerstand, Emanzipation gefangen ist und die mit deren unterschiedlichen Vätern noch längst nicht abgeschlossen hat. Diese fragmentarische Kleinfamilie bildet den Kontrast zu dem für immer Verlorenen. Auch die lebendige Kleinfamilie ist in Auflösung begriffen, sehr zerbrechlich; aber auf einmal ist da Yves – und durch die unfassbare Tragödie, die ihn wie ein schwerer Mantel umhüllt, gelingt es ohne sein eigenes bewusstes Zutun, das in Starrsinn und Sturheit aneinander geschmiedete Dreiersystem langsam aufzuweichen.
Das ist schön zu lesen, herzerwärmend und niemals platt oder billig pathetisch, gar voyeuristisch.
Yves droht an seinem unausgesprochenen Schmerz zu ersticken, man kann es fast körperlich spüren – und wie die drei Mitglieder der (noch) heilen Familie sich erst mit Mitleid und dann mit Liebe und Intuition einbringen, jedes auf seine eigene Weise, um dadurch selbst ungewollt wieder ein Stück weit zusammen zu rücken, das geht schon ans Herz.
Hilfe der (hilflosen) Außen- und doch Nahestehenden kann nur insoweit geleistet werden, als sie eben präsent sind, intensiv und doch geduldig an seiner Seite abwarten, und sich im entscheidenden Moment ungefragt und bereitwillig als Auffangbecken für Tränen, Geschrei, Wutanfälle und den ewigen brennenden Schmerz zur Verfügung stellen.
Mehr kann nicht getan werden.
Dieses Buch über eine Horrorerfahrung, vor der niemand von uns gefeit sein kann, ist zugleich ein positives Beispiel für einen würdevollen, achtsamen Umgang mit den Geschädigten, den Leidenden – ob wir nun selbst unmittelbare Betroffene, LeidTRAGENDE, sind oder “nur” schreckerstarrte Beobachter.
Letztendlich rückt ein jeder Einzelne der sich um Yyes behutsam kümmernden Parallel-Familie ab vom eigenen Egoismus, von den Ärgernissen und Nichtigkeiten des eigenen Alltags und wird dadurch ein winziges bisschen erhöht zu einem besseren, einem mitfühlenden, mitleidenden Menschen.
Und ganz am Schluss, soviel sei hier verraten, wird sich die Kleinfamilie vergrößert haben.
Fazit:
Für mich persönlich ist es wichtig, dass Bücher von Leid und Elend und dem Umgang mit beidem so wahrhaftig wie möglich erzählen. Ohne Beschönigung, ohne Theatralik, ohne romantisierendes Beiwerk; meiner Ansicht nach beherrschen Bücher und Traktate über großherzige Möchtegern-Heldentaten und den Sehnsuchtswünschen nach einem möglichst leicht zu lebendem Leben leider zu unrecht den Markt. Ich brauche, ja, mich hungert nach Literatur, die von Leid und leidvoller Erfahrung exakt so berichtet, dass sie mich nicht in tiefer Niedergeschlagenheit regunglos verharren lässt, sondern mir bei aller bedrückender Beschreibung von Tod und Düsternis auch immer noch Hoffnung schenkt und mich dazu anspornt, auf meine eigene bescheidene Art und Weise das Leid der Welt wenigstens ein klitzekleines bisschen zu lindern.
Vielleicht auch deshalb der Titel “Finsteres Glück”.
Um die Feinheit und Klarheit der Sprache des Autors deutlich zu machen, hier ein kurzer Textauszug:
Wolken, die an nasse Lappen in ausgewaschenen Farben erinnerten, alles mit Graustich, und dann, wie eine blendende Faust, die dazwischenschlug, das kurze Erscheinen der Sonne.
Bitte unbedingt lesen!!!
***
Titel: Finsteres Glück
Autor: Lukas Hartmann
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257240948
Robert Harris, der UNESCO-Welttag des Buches und ich
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Literaturallerlei am 23. April 2012
Fröhlichen Welttag des Buches wünsche ich euch allen!

Seit 1995 ist der 23. April der UNESCO Welttag des Buches. In diesem Jahr gab es nun erstmals die Aktion “Lesefreunde”.
Die Freude und die Lust am Lesen millionenfach teilen – das ist das Ziel der „Lesefreunde“, einer Aktion, die jetzt erstmalig gemeinsam von der Stiftung Lesen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und deutschen Buchverlagen initiiert wurde.
33.333 Lesefreunde haben insgesamt eine Million Bücher zur Verfügung gestellt bekommen, um sie am heutigen Tag zu verschenken.
Ich habe mich auch als Lesefreund beworben und so hielt ich vor einiger Zeit ein Paket mit 30 Sonderausgaben des Romans “Ghost” von Robert Harris in den Händen.
Hierüber habe ich mich besonders deswegen gefreut, weil ich das Buch schon vor längerer Zeit gelesen habe und es großartig fand, ebenso wie die Verfilmung von Roman Polanski mit Ewan McGregror und Pierce Brosnan in den Hauptrollen
.
Bewaffnet mit meinem Buchpaket machte ich mich also letzte Woche auf den Weg.
Erste Station: Mein Haus. Ich wohne ja erst seit ein paar Monaten wieder in Berlin, und habe, was die Nachbarn angeht, einen richtigen Glückstreffer gelandet. Die Atmosphäre hier im Haus ist toll und weil das nicht selbstverständlich ist, weiß ich es umso mehr zu schätzen. Deswegen waren meine lieben Nachbarn die ersten, die ich mit einem Buch beglücken durfte und sie waren allesamt überrascht und haben sich sehr gefreut.
Weiter ging es in das Institut, in dem ich arbeite. Erst waren die lieben Kollegen dran, danach ein Seminar voller Erstsemester und im Anschluss die lieben Damen der Institutsbibliothek. Auch hier war die Freude riesig, was ganz sicher auch daran lag, dass der Roman, der Autor und die Verfilmung einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und man so einfach ganz schnell ins Gespräch kommt.
Am Ende des Tages dann unbekanntes Revier: Die Tram. Ich hatte ja so meine Zweifel, ob das Verschenken dort ebenso laufen würde wie in bekanntem Terrain, aber diese Zweifel waren vollkommen unbegründet. Die Leute haben sich riesig gefreut, niemand hat ablehnend oder skeptisch reagiert, ich bin die gesamten 40 Minuten Fahrzeit in angenehme Gespräche verwickelt worden, über Bücher, über das Verschenken, über alles mögliche. Nebenbei konnte ich beobachten, dass die meisten Leute das Buch unmittelbar aufschlugen und direkt zu lesen begannen, aber auch, dass vorher wildfremde Menschen, die nun nebeneinander saßen und beide dieses Buch in der Hand hielten, miteinander ins Gespräch kamen.
Ein paar Exemplare waren noch übrig und befinden sich nun auf dem Postweg zu Leuten, von denen ich glaube, dass auch sie sich freuen werden.
Mit Erstaunen las ich also heute einen Beitrag Literaturcafé, der ein so ganz anderes Verschenk-Erlebnis schildert und nicht gegensätzlicher zu den Erfahrungen sein könnte, die ich gemacht habe.
Natürlich drängt sich da die Frage auf: Wie kommt das?
Liegt es am Buch? Denn zweifellos dürfte “Agnes” einen etwas geringeren Bekanntheitsgrad haben als “Ghost”. Liegt es vielleicht an einer anderen Mentalität, ist Berlin womöglich generell aufgeschlossener und buchaffiner? Oder liegt es an der Art des Verschenkens?
Mir hat es einfach riesigen Spaß gemacht, die Bücher zu verschenken und ich glaube, genau das habe ich den Leuten auch vermittelt. Ich hoffe, dass die Bücher allesamt ein schönes neues Zuhause gefunden haben. Erstes Feedback gab es auch schon, eine Nachbarin erzählte mir, sie habe das Buch in einer Nacht verschlungen und am Freitag kam ich morgens im Büro mitten hinein in eine angeregte Diskussion über das Buch.
Für mich war die Aktion der Lesefreunde ein voller Erfolg und ich gehe mit einem durchweg positiven, schönen Schenk-Erlebnis daraus hervor.
Nachtrag:
Was ich übrigens überhaupt nicht ok finde, weil es dem Sinn der Verschenk-Aktion absolut widerspricht, ist, dass “Verschenker” ihre Titel in Tauschbörsen oder bei eBay reinsetzen. Dazu fällt mir vieles ein, aber im Sinne der Jugendfreigabe meines Blogs verzichte ich jetzt auf jeden weiteren Kommentar dazu.
Eric W. Steinhauer / Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs.
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Gelesen, Sachbuch am 27. März 2012
Es ist ja unter fleißigen Bloglesern kein Geheimnis, dass ich nicht unbedingt zu den größten Vampirfans gehöre. Geht mir weg mit Twilight und diesem ganzen Mist! Ich hab mich ja auch das eine oder andere Mal schon auf Twitter dazu geäußert:

In Tarantino-Manier wie bei Anonymus oder klassisch wie bei Stoker find ich sie ganz ok und ja, als Teenie hab ich auch mal die Vampirheftchen von Cora gelesen (und weiß seit dieser Woche nun auch, dass die wohl sehr angesagte Vampirserie “Vampire Diaries” darauf beruht), ich fand den kleinen Vampir ganz toll (oder, um mal ganz ehrlich zu bleiben, v.a. seinen Cousin Lumpi in der Fernsehserie) und als Kind hatte es mir der bissige Benjamin mit der Vorliebe für Himbeereis angetan, das wars dann aber auch. Dachte ich.
Eric W. Steinhauer ist nicht nur der Mann, der mir das Urheberrecht nahe gebracht hat, sondern er ist auch derjenige, der die “Halloween Lecture” am Institut für Bibliothekswissenschaft in Berlin hält. Als Folge der Lecture von 2010 entstand dieses Büchlein, das dank Tobias Wimbauer nun auch alle die an der wissenschaftlichen Vampirgeschichtsaufarbeitung teilhaben lässt, die zur Live-Performance nicht erscheinen konnten. Und ich muss zugeben, es hat mich mit dem Thema Vampir ein wenig versöhnt.
Den Vampir als ein bibliothekarisches Phänomen zu beschreiben und zu verstehen, ist das Ziel dieser kleinen Abhandlung.

Der Autor und sein Werk
Steinhauer nimmt uns mit auf eine Reise durch Literatur-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte auf den Spuren der Vampire, klärt eingängig die Begrifflichkeiten (jetzt kenne ich endlich den Unterschied zwischen “Vampyr” und “Vampir” – die Feinheiten der deutschen Sprache können solch ein Genuss sein!) und zieht den roten Faden vom Volksglauben (samt Zeugenberichten) über die literarische Verbreitung, sei es als Roman oder als wissenschaftliche Abhandlung, bis hin zum Überleben des “Nachzehrers” in Büchern und Bibliotheken, ohne die -und das belegt der Autor mit Nachdruck- die heutige mediale Verbreitung undenkbar wäre.
Dabei wandelt Steinhauer stetig auf dem Grat zwischen Wissenschaftlichkeit und Unterhaltung, und so hat man nach Lektüre des knapp hundertseitigen Büchleins nicht nur etwas über den Vampir und dessen mannigfaltige Geschichte gelernt, sondern ist dabei auch noch durch allerlei Anmerkungen, vor allem in Form von Fußnoten, aber auch mittels Illustrationen bestens unterhalten worden.
Absolute Leseempfehlung!
In unseren Bibliotheken sind wir also von Toten oder besser von UNtoten nur so umgeben. Sobald wir ein Buch aufschlagen, suchen sie uns heim. Und wenn wir dies nicht gut dosieren, verlieren wir unsere eigenen Gedanken. Am Ende können wir gar nicht mehr unterscheiden, was von uns und was von den Büchern ist.
Abgestandene Ideen und längst überwunden geglaubte Vorstellungen können so wie modrige Vampire den Grüften der Magazine entsteigen und durch die Vitalität der Leser zu neuem Leben erwachen.
Abschließend möchte ich hier gerne noch auf Petras Blog und ihr Interview mit dem Autor verweisen.
Übrigens ist im Rahmen der Halloween Lecture 2011 ein weiteres Büchlein im Eisenhut-Verlag erschienen, in dem sich Eric W. Steinhauer diesmal mit der sagenumwobenen “Bibliotheksmumie” befasst.
Titel: Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs.
Autor: Eric W. Steinhauer
Broschiert: 104 Seiten
Verlag: Eisenhut Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3942090063
[Gastrezension] Paul Auster / Unsichtbar
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Gelesen, Roman am 25. März 2012
Amy liest gern und viel und schreibt wunderschöne Rezensionen, bislang jedoch nur für ihre Freunde. Ich freue mich sehr, dass sie sich nun entschlossen hat, in Zukunft gelegentlich die eine oder andere Gastrezension für diesen Blog zu verfassen
.
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Ich habe zwei Lieblings-Schriftsteller: Der eine ist Paul Auster, der andere Stewart o’Nan. Stil und Sprache sind bei beiden von absoluter Perfektion, dennoch könnte ihre Intention unterschiedlicher nicht sein. Stewart o’Nan liebt die Menschen und sucht nach dem Guten selbst in der blassesten, unbedeutendsten Seele; Paul Auster blickt mit Kühle und Faszination in die Abgründe derselben. In die Abgründe von jedem von uns. Er seziert Leben wie der Pathologe Leichen.
Seine Spezialität ist das Buch im Buch. Die Geschichten seiner Protagonisten sind stets auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben – und als Leser bleibt man manchmal verstört, manchmal empört, manchmal seltsam beschmutzt zurück. Als würde er auch uns anklagen, uns zwingen, einen Blick in unseren eigenen Abgrund zu wagen – und zu erschauern. Er lässt uns zweifeln, ob das Gute wirklich existiert.
“Unsichtbar” handelt von der Bosheit des Menschen, von Berechnung und Kalkül, vor allem aber von Rache.
Ein idealistischer Student trifft Ende der 1960er in den USA auf seinen vermeintlichen Gönner und verfällt in dessen Abwesenheit für kurze Zeit seiner Gefährtin. Vermutlich gibt diese kurze und leidenschaftliche Affäre den Startschuss für einen Strudel von Gewalt und Begierde und Besessenheit. Vermutlich.
“Unsichtbar” trieft vor Sex, vor ungehemmter Lust, vor verbotener Lust.
Paul Auster serviert sie uns in nicht unappetitlicher Weise, trotzdem lässt uns der Eindruck nicht los, dass sie zu einer großen Portion Anteil hat an der sich langsam entwickelnden Schlechtigkeit des jungen Mannes.
Binnen kürzester Zeit sind anfangs völlig Unbeteiligte in einem Netz aus Unglück und Verzweiflung gefangen – und, wie immer bei Paul Auster, stellt man sich die Frage: Womit fing es an, wer hat Schuld? Niemand – oder doch alle, jeder auf seine eigene Weise?
Paul Auster fordert mich intellektuell, keine Frage. Nicht EIN Wort, nicht EIN Satz steht ohne Grund geschrieben, jede einzelne Aussage, der Wechsel von Ich-Erzählung zum Roman aus der Sicht einer zweiten oder dritten Person ist bedeutsam und zwingt dem Leser eine aufmerksame, angespannte Lektüre auf.
Paul Auster bereichert mich nicht, niemals. Er fördert weder das Beste aus mir selbst zutage, noch lehrt er den Glauben an das Gute in der Welt, im Gegenteil: Er erinnert schonungslos, fast unbarmherzig an die eigene Unvollkommenheit, die eigene Schwäche, Bosheit, Ich-Sucht.
Auch dahinter steht Absicht.
Paul Auster möchte nicht moralisieren im Sinne von: Tut Gutes, euphorisiert Euch an guten Werken, dann wirst Du, dann bist Du gut.
Paul Auster möchte versöhnen, den Leser versöhnen, MICH versöhnen mit der Schwäche meines Gegenübers, mit der Schwäche aller Menschen auf der Welt.
Versöhnung mit Deiner und meiner Schwäche wiederum entlastet von allzu hochfahrenden Ansprüchen an die Welt im Allgemeinen und mich selbst im Speziellen.
Jedes Mal nach Beendigung (s)eines Romans fällt es mir leichter, zu vergeben: Den von Lust und Gier und Hass und Schmerz Getriebenen überall um mich herum – und vor allem mir selbst.
Autor: Paul Auter
Titel: Unsichtbar
Originaltitel: Invisible
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Rowohlt
gelesen auf: Deutsch
ISBN-10: 3498000810
[Gastrezension] Elisabeth Zöller / Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Biographie/ Autobiographie, Gastrezension, Gelesen, Historisches, Kinder-/ Jugendbuch am 17. Februar 2012
Yvonne wollte gerne Bekanntschaft mit Anton machen und so hat sie sich nach meinem Beitrag zum 27. Januar, in dem Bücher zum Thema Nationalsozialismus ein Zuhause suchten, bei mir gemeldet. Anton ist inzwischen wohlbehalten bei ihr angekommen und hier folgt nun ihr Leseeindruck. Herzlichen Dank, liebe Yvonne!
*** *** ***
Das Buch erzählt die Geschichte von Anton. Anton ist ein sehr liebenswerter Junge, der mir sofort ans Herz gewachsen ist.
Er ist unglaublich gut in Mathematik, aber leider hilft ihm das in der Zeit, in der er aufgewachsen ist nicht viel – es ist die Zeit des Nationalsozialismus.
Anton ist durch einen Unfall behindert. Er stottert, kann seinen rechten Arm nicht richtig bewegen und spricht von sich selbst in der dritten Person.
Trotz seiner Einschränkungen ist Anton ein sehr aufgewecktes Kind mit vielen Fragen und Gedanken.
Das Buch ist ein Jugendbuch und in einer sehr flüssigen Sprache geschrieben, sodass es sich gut lesen lässt.
Ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht und habe im Kopf neben Anton auf dem Schulhof gestanden und die Gemeinheiten der anderen Kinder ertragen. Das fand ich auch eigentlich das Schlimmste. Sicherlich hat der mit einer normalen Allgemeinbildung versehene Mensch von heute eine Vorstellung davon, wie schlimm die im Dritten Reich verübten Gräueltaten waren. Aber so hautnah aus der Sicht eines Kindes zu lesen, wie sehr auch die ganz kleinen Kinder schon von der Ideologie geprägt waren und wie grausam sich erwachsene Menschen gegenüber Kindern verhalten haben, hat mich doch sehr mitgenommen.
Etwas schade fand ich, dass man so wenig darüber erfährt, wie die anderen Kinder der Familie damit umgegangen sind ,einen behinderten Bruder zu haben.
Ich denke mal, dass auch sie wahrscheinlich deswegen Anfeindungen ausgesetzt waren.
Darüber hätte ich, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Antons Schwester Marie noch lebt und direkt hätte erzählen können, doch gerne mehr erfahren.
Beim Lesen dieses Buches macht man sich deutlich, dass es niemals wieder so weit kommen darf und wir alle dafür einstehen müssen.
Sehr berührt hat mich folgender Dialog von Seite 27:
Marie seufzt. Kleine Brüder konnten einem fast die Seele aus dem Leib fragen. Und Anton erst recht.
Da erklärte Mama: “Wer fragt, lebt.”
“Und wenn er mal nicht mehr fragt?”, fragte Marie.
“Dann ist er tot”, sagte Mama.
Nach einer Weile sagte Anton: “Jetzt weiß Anton, warum Gott nicht alle Fragen beantwortet.”
“Und warum?”, fragten Marie und Mama.
“Weil er will, dass die Menschen leben.”
Mein Fazit: Lesenswert! Aufrüttelnd!
Autorin: Elisabeth Zöller
Titel: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Taschenbuch: 223 Seiten
Verlag: Fischer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3596805167
Roma Ligocka / Die Handschrift meines Vaters
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Biographie/ Autobiographie, Gelesen, Historisches am 18. August 2011
Jeder, der den Film “Schindlers Liste” gesehen hat, wird sich an das kleine Mädchen im roten Mantel erinnern.
Roma Ligocka war dieses kleine Mädchen; sie besaß einen roten Mantel, sie irrte bei der Räumung des Krakauer Gettos durch die Straßen.
Als sie gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden bei der Premiere den Film “Schindlers Liste” sieht, erkennt sie sich wieder und beginnt, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Dies tut sie zunächst in dem wunderbar geschriebenen und sehr berührenden Buch “Das Mädchen in dem roten Mantel” (Rezension von Ada Mitsou), doch damit ist die Vergangenheitsbewältigung noch nicht vollendet, denn die Bekanntheit, die ihr nun zuteil wird, birgt auch Schattenseiten.
Erst ein seltsamer Anruf, dann ein Brief.
“Es gibt Briefumschläge, die signalisieren: Es ist nichts Gutes darin. Man mag sie gar nicht öffnen.
[...]
Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich tun werde, wenn jemand diese alte Geschichte herausholen sollte. Die Wahrheit ist: Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Selbst mit mir selber nicht. Möglicherweise habe ich das Unglück meiner Familie mein Leben lang mit mir herumgetragen – seitdem ich sieben Jahre alt war.”
Roma öffnet den Brief, er bezieht sich auf den Anruf, anbei ein Zeitungsartikel mit Fotos ihrer Eltern und einem Text, der sie wie ein Keulenhieb trifft:
“Der Vater der Bestsellerautorin Roma Ligocka, deren Buch über eine Kindheit im Holocaust in der Welt bekannt geworden ist, soll ein Kapo im Lager gewesen sein. Angeblich hat er Menschen geschlagen und in den Tod geschickt. Nach dem Krieg ist er verhaftet worden und starb kurze Zeit später im Gefängnis.”
Roma macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.
War ihr Vater wirklich ein grausamer Kapo? Obwohl doch Menschen, die mit ihm im Lager waren, etwas ganz anderes berichten?
In “Die Handschrift meines Vaters” geht es nicht nur um die Spurensuche an sich, sondern vor allem um das Gefühlsleben von Roma Ligocka, dass sie wunderbar zu Papier zu bringen versteht. Es handelt sich nicht um eine stringente Erzählung, nicht um einen schieren Bericht, viele Passagen sind eher tagebuchartig, psychologisch angehaucht, sehr emotional und stark auf das Umfeld, das Drumherum während der Spurensuche, konzentriert.
Mir gefällt genau dieser Aspekt, mir gefällt die Art, wie hier ein schweres Trauma aufgearbeitet wird und mir gefällt, wie die Autorin schreibt.
Manches hätte vielleicht etwas anders angeordnet sein können, manche Abschnitte wären vielleicht nicht nötig gewesen, aber alles in allem halte ich das Buch für sehr lesens- und empfehlenswert.

Leseprobe: “Die Handschrift meines Vaters”.
Autorin: Roma Ligocka
Titel: Die Handschrift meines Vaters
Broschiert: 335 Seiten
Verlag: Diana
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3453351615
Tobias Wimbauer (Hg.) / Ausweitung der Bücherhöhle
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Biographie/ Autobiographie, Gelesen am 11. August 2011
Tobias Wimbauer, Autor und Antiquar in Hagen, spricht in fünf Interviews über Leben und Schreiben, Bibliophilie, Biokochen, die Jüngerforschung und über seine politische Vergangenheit.
„muss mal gesagt werden. wunderbar, was wimbauer von seinem leben erzählt. klingt wie eine katze hinter warmen ofen. also noch lebend, das tier.“
Sibylle Berg
Und da hat die Frau Berg recht!
Wem Tobias Wimbauer kein Begriff ist, der ist ganz offensichtlich weder auf Twitter noch auf Facebook oder neuerdings auf Google+ , und wenn ich normalerweise solche Social-Media-Verweigerer auch beglückwünsche, in diesem Fall kann man einfach nur sagen: Da entgeht euch was.

Tobias Wimbauer
Umtriebig ist er da, der Herr Wimbauer, seines Zeichens Antiquar, Autor und Verleger. Neben einem eigenen Buchversand (klickt auf den Link, kauft reichlich!
) ist er Verleger des Eisenhut-Verlags.
Im (oder eher dem?) Web 2.0 zeigt der Herr Wimbauer Dinge aus seiner Welt, zum Beispiel kätzisches aus seinem sechs-Katzen-Katzarchiat oder postet Fotos von verlockendem, von ihm gekochtem Bio-Essen.
Mein persönliches Zeichen dafür, dass es Zeit ist, Feierabend zu machen, ist, wenn Herr Wimbauer in die Küche hüpft (umso tragischer, dass er das gelegentlich vergisst und ich dann viel zu spät vom Schreibtisch aufstehe
).
Tobias war einer der ersten, denen ich bei Twitter regelmäßig folgte und ich finde die Berichte aus seinem Alltag hoch interessant und war daher erfreut, durch “Ausweitung der Bücherhöhle” noch mehr von und über ihn zu erfahren.

"Mit Büchern leben" - einen passenderen Titel gibt es für die Bücherhöhle und Familie Wimbauer wohl kaum.
Im vorliegenden Büchlein findet man nun fünf Interviews, die von Martin Böcker, Frank Fischer, Nicole Rensmann, Andreas Schneider und André Seelmann geführt wurden und dank der man die Person Tobias Wimbauer noch besser kennenlernt.
Offen und ehrlich steht er Antwort, erzählt aus seinem Leben, spricht auch völlig offen über seine “Rechtskurve”.
Mit Anfang zwanzig ist die Mischung aus Grössenwahn, Samenstau und grandios überzogenem Konto ein politischer Beschleuniger, und mit Anfang zwanzig ist wohl jeder irgendwie radikal, oder nicht? Mit Familie und eigener Firma werden andere Dinge wichtig, auch änderte sich meine Bewertung der Dinge [...].
Natürlich kommt auch seine Leidenschaft für Ernst Jünger nicht zu kurz und endlich erfährt man, wie das alles eigentlich begann und er erzählt ebenfalls, wie er seine Frau Silvia kennengelernt hat und wie so ein Alltag als Antiquar und Verleger aussieht (so viel sei gesagt: so ein Tag ist verdammt lang).

Einblick in die Bücherhöhle inkl. Kater Casimir

... und vom Wein (Bio-Wein!) versteht der Herr Wimbauer auch noch etwas.

Kater Omma Alfred, der sogar seine eigene Facebook-Seite mit rund 150 Freunden und Sklaven hat, posiert in der Bücherhöhle.
Mir hat die Lektüre von “Ausweitung der Bücherhöhle” ausgesprochen gut gefallen, was zum einen daran lag, dass es einfach spannend ist, auf die Art Neues über jemanden zu erfahren, an dessen Leben man irgendwie tagtäglich Anteil nimmt, zum anderen aber auch, weil der Herr Wimbauer sich großartig ausdrücken kann. Es macht einfach Spaß, seine Worte, seine Texte und Antworten zu lesen.
Was macht ein Antiquar, wenn er gerade nicht liest, schreibt oder Bücher katalogisiert, verpackt und versendet?
Er schläft, kocht, krault die Katzen, ist im Garten und kümmert sich um die Rosen. Weniger konkret: So taumeln wir voran … der pluralvirtuelle Sog, der einen aufschlürft und als Marginalie wegspült, auskotzt aus Angstgebilden und Peripherwahrheiten, durch die man sich durchgehangelt und hindurchgewühlt hat, ein paar Lichter hier und da. Das Wenige, das Echte, das lebt und pulsiert und bleibt …

Katzenkino mit vier von derzeit sechs Herrschern der Bücherhöhle.
Wer also etwas (mehr) über Tobias Wimbauer oder generell das Leben eines selbständigen Antiquars und Verlegers erfahren möchte, dem sei dieses Büchlein dringend ans Herz gelegt!
Titel: Ausweitung der Bücherhöhle.
Herausgeber: Tobias Wimbauer
Broschiert: 64 Seiten
Verlag: Eisenhut Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3942090094
José-Alain Fralon / Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30.000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte.
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Biographie/ Autobiographie, Gelesen, Historisches am 6. August 2011
Die meisten Menschen haben schon einmal von Oskar Schindler gehört, der während des Zweiten Weltkriegs rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bewahrt und ihnen so das Leben gerettet hat. Schindler tat dies jedoch nicht ganz uneigennützig, zumindest anfänglich waren finanzielle Interessen im Spiel.
Doch es ging auch anders, es gab auch Menschen, die völlig ohne Eigennutz halfen.
Einer von ihnen war Aristides de Sousa Mendes.
Er rettete rund 30.000 Menschen, darunter etwa 10.000 Juden, und dennoch ist sein Name bis zum heutigen Tag nur wenigen Menschen außerhalb Portugals ein Begriff.
Das vorliegende Buch befasst sich eingehend mit dem Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes, angefangen bei seiner Kindheit bis weit über seinen Tod hinaus. Detailliert und in angenehm sachlichem Ton schildert der Autor nicht nur das Leben und die äußeren Umstände von Aristides, sondern auch das seiner Familie und macht es so möglich, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der so viel Gutes tat, den die Geschichte jedoch viel zu lange in Vergessenheit ruhen ließ.
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An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass der folgende Text auf Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes Bezug nehmen wird, wie es auch im Buch geschildert ist.
Wer also nichts über den Inhalt des Buches und die Biographie Aristides de Sousa Mendes’ erfahren möchte, bricht die Lektüre bitte jetzt ab.
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Aristides de Sousa Mendes, geboren 1885, war 1940 portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux.
Flüchtlingsströme aus Deutschland, den besetzten Teilen Frankreichs und des restlichen Europas strömen zu dieser Zeit gen Süden, um über die noch nicht besetzten französischen Teile und via Spanien nach Portugal zu gelangen, von wo aus man sich die Flucht weg vom europäischen Kontinent erhofft.
Doch nach Spanien gelangt nur der, der ein Visum hat …
Der portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, von de Sousa Mendes gerne auch als “der portugiesische Stalin” bezeichnet, hatte ein Jahr zuvor im Rundbrief “Circular 14″ erlassen, dass für “Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden…” keine Visa auszustellen seien.
Aristides de Sousa Mendes stürzt dieses Rundschreiben in einen schweren Gewissenskonflikt und in eine schlimme seelische Verfassung. Er sieht täglich die Flüchtlingsströme, er erkennt, was mit ihnen geschehen wird, wenn niemand hilft. Besonders die wachsende Freundschaft mit Rabbi Chaim Krüger lässt ihn mehr und mehr erkennen, was falsch und was richtig ist.
Am 16. Juni, nach drei Tagen Isolation und innerer Einkehr, steht Aristides auf, rasiert sich, kleidet sich an und beginnt, was der Historiker Yehuda Bauer später als “die größte Rettungsaktion, die während des Holocaust von einem einzelnen Menschen durchgeführt wurde” bezeichnen wird.
“Von nun an werde ich allen ein Visum geben, es gibt keine Nationalitäten, Rassen, Religionen mehr. [...] Ich kann nicht zulassen, dass alle diese Menschen umkommen. Viele von ihnen sind Juden, und in unserer Verfassung steht eindeutig, dass Ausländern weder aufgrund ihrer Religion noch ihrer politischen Überzeugung der Aufenthalt in Portugal verweigert werden darf.
Ich habe beschlossen, diesem Prinzip treu zu sein, werde aber nicht zurücktreten. Ich kann dem christlichen Glauben, dem ich angehöre, nur treu bleiben, wenn ich so handle und der Stimme meines Gewissens folge.”
Visum um Visum wird ausgestellt, wie am Fließband wird gestempelt und unterschrieben. Die Nachricht, dass jedermann ein Visum erhalten kann, verbreitet sich wie ein Lauffeuer, immer mehr und mehr Flüchtlinge stürmen die Kanzlei, darunter auch die Familie de Rothschild und Otto von Habsburg, der freilich nicht selbst erscheint, sondern einen Sekretär schickt. Nicht einmal Gebühren erhebt de Sousa Mendes mehr, es muss schnell gehen, Zeit darf nicht verplempert werden, schließlich verstößt er gegen das Gesetz Salazars.
Und dieser erfährt auch bald davon, bereits am 20. Juni fordert die Regierung den Konsul auf, seine Aktivitäten einzustellen, am 23. Juni reist de Sousa Mendes in die Heimat, nicht jedoch, ohne auf dem Weg noch weitere Visa auszustellen und einige Flüchtlinge persönlich über die Grenze zu begleiten.
Am 24. Juni erklärt Salazar sämtliche durch den inzwischen entlassenen Konsul ausgestellte Visa für nichtig, mehr noch, er fordert seine Botschafter auf, in Zukunft nur noch den “reinen Menschen”, also den Nichtjuden, Visa auszustellen.
In Portugal wird Aristides nicht nur seines Amtes enthoben, er wird auch in einem Disziplinarverfahren für schuldig erklärt, sämtliche Gelder, die Pension, sogar seine Lizenz als Rechtsanwalt werden gestrichen. Schlimmer ist jedoch die gesellschaftliche Ächtung, der er und seine gesamte Familie in Zukunft ausgesetzt sein werden; diesbezüglich leistet Salazar ganze Arbeit: Aristides de Sousa Mendes ist nun ein Niemand.
Die ehemals wohlhabende Familie verarmt, ist zeitweise sogar auf die Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen. Gesundheitlich geht es ebenso mit Aristides bergab.
1954 verstirbt er, ohne rehabilitiert zu sein.
Um die Anerkennung der Taten de Sousa Mendes’ und um seine politische Rehabilitierung müssen seine Nachkommen und Unterstützer lange kämpfen.
Yad Vashem in Jerusalem wird aufmerksam gemacht. Yad Vashem ist die “Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust”, auch die größte Gedenkstätte zur Erinnerung und Dokumentation der Taten nichtjüdischer Personen. Die Verantwortlichen der Gedenkstätte werden mit der Untersuchung des Falles Aristides de Sousa Mendes beauftragt.
1961 wird zu Ehren von Aristides ein Baum in der “Allee der Gerechten unter den Völkern” gepflanzt – de Sousa Mendes ist bis heute der einzige Portugiese, der in der Allee vertreten ist.
1966 lässt Yad Vashem sogar eine Gedenkmedaille prägen, die Aufschrift lautet: “Für Aristides de Sousa Mendes, das dankbare jüdische Volk”. Auf der Rückseite steht: “Wer ein Menschenleben rettet, rettet die Menschheit”.
Verschiedene amerikanische Zeitschriften berichten über de Sousa Mendes, dies nicht zuletzt, weil die nach Amerika ausgewanderten Familienmitglieder nicht davon ablassen, Aristides rehabilitieren lassen zu wollen. Große Unterstützung erhalten sie von den Kindern Rabbi Krügers und dem portugiesischstämmigen Politiker John Paul, der 1986 eine Petition zur Rehabilitierung von Sousa Mendes initiiert, diese in der New York Times veröffentlicht und an die portugiesische Regierung schickt. 1987 nimmt das amerikanische Abgeordnetenhaus eine Resolution an, Mitinitiator ist Ted Kennedy.
Auch Otto von Habsburg setzt sich ein und bedankt sich bei den Nachfahren seines Retters:
“Ich möchte Ihnen noch einmal schriftlich mitteilen, dass ich Ihrem Großvater auf ewig dankbar sein werde. Er war ein großer Gentleman, ein Mann von bewundernswertem Mut und Integrität, der seinen Grundsätzen treu blieb, ohne dabei an seine persönlichen Interessen zu denken.
In einer Zeit, in der viele Menschen feige waren, war er ein wirklicher Held des Abendlandes.”
Am 13. März 1988, über 30 Jahre nach dem Tod de Sousa Mendes und fast 50 Jahre nach seinem Einsatz für die Flüchtlinge, wird er durch das Parlament in Lissabon offiziell rehabilitiert.
Die Gesten der Anerkennung mehren sich seitdem. So ist in der Negev-Wüste ein Wald mit etwa 10.000 Bäumen -in Anlehnung an die Zahl der durch de Sousa Mendes geretteten Juden- nach ihm benannt, Straßen und Plätze in Portugal, aber auch in Österreich oder Kanada tragen seinen Namen und seit 2008 initiiert der Verein Vision und Verantwortung e.V. eine Ausstellung.
Vor zwei Jahren erschien unter dem Titel “Désobéir” (engl: The consul of Bordeaux) ein Film über Leben und Handeln von Aristides de Sousa Mendes. José-Alain Fralon, Autor der Biographie, war als Drehbuchautor maßgeblich an der Entstehung des Films beteiligt.
Eine Leseprobe des Buches findet sich auf der Verlagsseite.
Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
Verlag: Urachhaus; Auflage: 1 (13. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3825177683
Herzlichen Dank an BloggDeinBuch.
Alexandra Reinwarth/ Das Glücksprojekt. Wie ich (fast) alles versucht habe, der glücklichste Mensch der Welt zu werden.
Veröffentlicht von Grete_o_Grete in Biographie/ Autobiographie, Gelesen, Humor, Ratgeber am 29. Juli 2011
Um es gleich vorweg zunehmen: Dieses Buch ist bislang mein Jahreshighlight 2011.
Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, wann mir jemals ein Buch so einen Spaß gebracht hat!

Alexandra Reinwarth hat ein Jahr lang alles Mögliche und Unmögliche getestet, um ihr persönliches Glückslevel zu optimieren.
Nicht, dass sie zuvor übermäßig unglücklich gewesen wäre, aber eine gewisse Grundunzufriedenheit war einfach da und das Gefühl: Das muss noch besser gehen.
Mein Entschluss steht fest: Ich will aus meinem Leben das Größtmögliche herausholen. Ich will größt-glücklich-möglich sein.
Und zwar ab: Jetzt.
Und so hat sich die tapfere Heldin in die Schlacht gestürzt, hat sich mit vielen Ratgebern bewaffnet und es mit Sport und Buddhismus, mit Lach-Yoga, Wallfahrten, Kleiderschrankoptimierung, Bestellungen beim Universum oder auch Tricks aus der Psychokiste aufgenommen und sich (was längst überfällig war) ein Haustier angeschafft. Eben all die Dinge, die in den ach so populären “wie werde ich zufrieden”-Ratgebern immer so empfohlen werden (als Beispiele seien hier mal Eckart von Hirschhausens “Glück kommt selten allein” oder Marie Mannschatz’ “Buddhas Anleitung zum Glücklichsein” genannt, auf beide Bücher bezieht sich die Autorin immer wieder und sie stehen auch bei mir im Regal, aber das nur so am Rande…).
Wer jetzt einen drögen Ratgeber erwartet, liegt Kilometer, ach, Galaxien weit entfernt von der Realität!
Mit viel Humor geht die Autorin an die Sache, berichtet von Pleiten, Pech und Pannen, lässt sich auch immer wieder überraschen und überrascht auch den Leser, denn so unterhaltsam das Buch auch ist, aus jedem Kapitel kann man etwas für sich selbst mitnehmen, reflektieren, sich selbst mal einer kleinen Bestandsprüfung unterziehen. Und immer wieder lachen.
Insbesondere das Haustierkapitel hat mir einen Lachflash par excellence beschert, die Tränen liefen mir dermaßen, dass der Hausherr schon ganz besorgt ob meines Geisteszustandes war.
Ich will jetzt gar nicht weiter auf den Inhalt des Buches eingehen, das endet dann nur wie in Rezensionsversuch 1 + 2 damit, dass ich mich wieder festlese und außerdem will ich auch nicht zu viel verraten, ihr sollt nämlich selbst mit Lachmuskelkater gesegnet werden.
Bestellt hatte ich mir dieses Buch mehr oder weniger durch Zufall, ich hatte mir bereits die “Yoga Bitch” in den Warenkorb gelegt und sah dann, dass “Das Glücksprojekt” von den Käufern des Buches wärmstens empfohlen wurde.
Neugierig habe ich es also auch bestellt, aber ich hätte nie, wirklich NIE erwartet, dass es mich derart begeistern könnte. Und damit steh ich nicht allein da, Katrin von BuchSaiten ging es nicht anders als mir
und inzwischen findet man immer mehr begeisterte Rezensionen zu dem Buch.
Spart euch all die anderen Ratgeber, dieses Buch macht schon beim Lesen glücklich, versprochen!
Geht am besten sofort in den Buchladen und holt euch dieses Buch. Jetzt gleich!

Der erste Satz:
Dies ist kein Glücksratgeber.
Bewertung:
Eigentlich müsste ich für “Das Glücksprojekt” die sechs Sterne einführen
, aber ich belasse es einfach bei der Höchstnote, den fünf Sternen und betone noch einmal: Lest dieses Buch!

Titel: Das Glücksprojekt. Wie ich (fast) alles versucht habe, der glücklichste Mensch der Welt zu werden.
Autorin: Alexandra Reinwarth
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: mvg Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3868822052











