Die Buchhandlung des Vertrauens

Seit rund einem Jahr lebe ich in der Schweiz, in der französischsprachigen, um genau zu sein. Wunderschöne Berge, tolle Natur – eine Wohltat nach vielen Jahren des Großstadtlebens in Berlin. Eigentlich vermisse ich kaum etwas, mal abgesehen von Freunden und Familie. Aber eine Sache fehlt mir wirklich: die Buchhandlung meines Vertrauens.

In Berlin war das bei mir keine von den großen und bekannten.
Obwohl ich auch Dussmann wirklich sehr mag und bei jedem Berlin-Besuch mindestens einmal dort vorbeischaue (diese Auswahl!), ist und bleibt meine Lieblingsbuchhandlung ein ganz kleiner Laden namens Chaiselongue.
Abgelegen vom ärgsten Großstadttroubel, fast schon am Stadtrand im nördlichen Pankow, an einer vielbefahrenen Bundesstraße und gegenüber einer sehr fragwürdigen Kneipe.
Dort kennt man sich noch und die Buchhändlerinnen kennen vor allem ihre Bücher.
Ich weiß nicht, wie oft ich in die Chaiselongue gegangen bin, auf der Suche nach einem schönen Schmöker für mich oder einem Geschenk für jemanden und ich bin nie mit leeren Händen gegangen, denn die Damen dort hatten immer die richtige Empfehlung und konnten mit den Jahren sehr genau einschätzen, welches Buch mir gefallen könnte und welches nicht. Gerade letzteres macht die Chaiselongue für mich bis jetzt unübertroffen. In den heutigen Zeiten, in denen es nur um Geld und Verkaufen geht, erlebt man es nicht allzu oft, dass die Buchhändlerin einem das Buch aus der Hand nimmt und mit wissendem Lächeln sagt: „Glauben Sie mir, das ist nichts für Sie.“

Ich liebe beim Bücher kaufen diesen haptischen Aspekt: das Buch in die Hand nehmen können, blättern können, dazu noch der brandneue Geruch – herrlich!
Und so hab ich unzählige Male in der Chaiselongue gesessen, mit einem Stapel Bücher um mich herum, geschmökert und in aller Seelenruhe überlegt, welches Buch mich mit nach Hause begleiten darf.

Ja, genau das fehlt mir hier sehr.
Die nächste deutschsprachige Buchhandlung ist weit weg. Viel zu weit, als dass ich sie oft genug aufsuchen könnte, damit die Buchhändlerinnen meinen Geschmack kennen lernen können.

Und so greife ich derzeit auf den Internetbuchhandel zurück, der mir aber nie ein so schönes Buchkaufgefühl wird verschaffen  können wie die Buchhandlung meines Vertrauens.

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15 Gedanken zu „Die Buchhandlung des Vertrauens

  1. Winterkatze

    Ich bin mir sicher, dass auch die meisten Buchhändler es vermissen, in dem Laden zu arbeiten, den jemand als die „Buchhandlung seines Vertrauens“ bezeichnet. Ein guter Kontakt zum Kunden macht doch einen großen Reiz dieses Berufes aus – keiner hat den gelernt, um nur noch Kartons auszupacken und an der Kasse zu stehen!

    Die „Chaiselongue“ sieht sehr gut aus! Schöne Öffnungszeiten, das Foto mit der Leseecke ist wirklich einladend und mir gefallen die Buchempfehlungen auf der Seite. 🙂

    Mir geht es wie dir, nach einem Umzug fehlt einfach eine Buchhandlung, in der ich mir sicher sein kann, dass man mir nicht irgendein Buch andrehen will, sondern mich gut beraten mag. Bei den großen Ketten, die man überall findet, kommt dieses Gefühl nicht auf – und auch die große Auswahl sieht dort doch nicht so viel anders aus, als in der Filiale nebenan. Der Online-Buchhändler ist zwar praktisch, aber auch schrecklich unpersönlich und es fehlt einfach dieses Einkaufserlebnis!

    Vielleicht liest du ja demnächst nur noch französische Bücher – und dann sind die Chancen doch ganz gut, dass du eine neuen Buchhandlung deines Vertrauens findest. 😉

    Antwort
    1. Grete_o_Grete Autor

      Ich fürchte, da bin ich noch ganz weit von weg 😉 Ich lese zwar schon französische Bücher, aber entspannender Lesegenuss kommt dabei nicht auf und das wird wohl auch noch länger so bleiben. Bis dahin muss ich von den Berlin-Besuchen zehren 😉

      Antwort
  2. Winterkatze

    Hm, soll ich dir nun wünschen, dass du möglichst oft nach Berlin kommst, oder hoffen, dass das Lesen der französischen Bücher bald so richtig gut läuft? 😉

    Antwort
  3. Nina [libromanie]

    Ein sehr schöner Text, den ich dir nachfühlen kann. Zumindest, was den Wunsch nach einer solchen Buchhandlung anbelangt. Meine Wohnsituation ist ja doch eine andere. 😉

    Es ist allerdings erschreckend, wie wenig Kunden dieses Persönliche noch schätzen. Für die meisten muss alles nur noch schnell und bequem sein.
    Dass der gute alte Buchhandel damit allerdings kaputt geht und Fachkräfte nicht mehr gebraucht werden, interessiert kaum jemanden. Das ist mir heute sowohl im realen Leben bei der Arbeit im Buchladen als auch in der virtuellen Welt mal wieder gezwitschert worden. Das kann einen schon traurig machen.

    Antwort
    1. Grete_o_Grete Autor

      Ich finde das auch ganz furchtbar, wie die kleinen Läden kaputt gehen. Aber woran liegt es wirklich? Bequemlichkeit der Kunden? Mangelndes Interesse an Empfehlungen durch die Fachkraft?

      Antwort
  4. Birgit_M

    Ja, „Die Buchhandlung des Vertrauens“, ich kann das nachfühlen, umso mehr als das es mir ganz ähnlich, wenn nicht sogar gleich, geht. Ich lebe nun auch schon beinahe vier Jahre im äussersten Westen der Schweiz und habe bis jetzt eine einzige deutschsprachige Buchhandlung gefunden, die man wirklich als solche bezeichnen kann:

    Buchhandlung Literart
    Blvd. Georges Favon 15
    1204 Genf

    Nach typisch Genfer Manier zeichnen sich die dortigen Damen zwar nicht gerade durch ihre überschäumende Freundlichkeit aus, allerdings sind sie recht kompetent und schaffen es, gewünschte Bücher in relativ kurzer Zeit zu bestellen, sollten diese nicht vorrätig sein. Ansonsten hat nur Payot nahe des Genfer Bahnhofes einige deutschsprachige Bücher. Oder du fährst ins nahe gelegene Bern, da gibt’s eine wunderschöne Buchhandlung gleich in der Nähe des Bahnhofs und auch sonst ist es dort sehr nett.

    Und wenn du leicht verständliche unterhaltsame französischsprachige Lektüre, quasi zum „Reinkommen“ brauchst, empfehle ich Anna Gavalda und Marc Levy oder, ein Klassiker, die Geschichten des „Petit Nicolas“.

    Viel Glück in jedem Fall bei deiner Suche nach der „Buchhandlung deines Vertrauens“! (Und bitte lass es mich wissen, solltest du sie gefunden haben)

    Liebe Grüsse und „à bientôt“!

    Birgit

    Antwort
    1. Grete_o_Grete Autor

      Wenn Genf nicht doch etwas weit wäre (via Lausanne rund 1,5 Std.), ich würde mich sofort auf den Weg machen 🙂 Vielen lieben Dank für den Tipp, ich werde sicher in absehbarer Zeit dort vorbei schauen!
      Weisst du zufällig auch den Namen der Buchhandlung in Bern?
      Danke auch für die Büchertipps, Marc Levy hab ich sogar schon auf frz. hier liegen 🙂

      Antwort
      1. Birgit_M

        Ich schau dir gleich heute abend nach wegen der Buchhandlung in Bern, die haben mir letztes Mal meine Bücher sogar in einen netten Stoffsack gepackt und der liegt als Erinnerung noch bei mir rum 😉

        p.s.: du kannst dich auch gern jederzeit melden, wenn du dich mal nach Genf verirrst.

        Antwort
        1. Birgit_M

          Hallo noch einmal! Also wegen der Buchhandlung in Bern: ich war bei Stauffacher nahe am Bahnhof (www.stauffacher.ch, Neuengasse 25). Eine wirklich schöne Buchhandlung mit viel Auswahl und netter Beratung, genau richtig, um für einen Tag vorbei zu fahren und sich mit Lesestoff einzudecken.

          Antwort
  5. thrillerkiller

    Ein sehr interessanter Artikel. Ich muss ehrlich zugeben, dass es mich nie in eine bestimmte Buchhandlung gezogen hat. In Innsbruck sind sie einfach zu groß und damit kann diese Bindung zwischen Händler und Kunde einfach nicht entstehen.
    Das Gefühl kenne ich nur vom Plattenladen. Als DJ hat man da nicht viel Auswahl und so bin ich jedes mal 80km gefahren, um ca. 10 Platten zu kaufen. Der Händler wusste aber schon als ich rein kam wer ich bin und was ich mag und deshalb hab ich auch oft Platten bekommen die unter dem Ladentisch verkauft wurde, weil es rechtlich fraglich war, ob diese Platten überhaupt verkauft werden dürfen. Das sind aber meistens die besten und werden nach einem gewissen Erfolg dann sowieso lizensiert und frei verkauft. Aber den entscheidenden Vorteil haben dann die DJs die die Platten eben schon vorher haben 😉
    In der kleinen Stadt in der ich damals gewohnt habe, gab es nur 2 kleine Buchläden und das waren eigentlich mehr Schreibwarenfachgeschäfte und die Auswahl miserabel, sodass diese auch keine Alternative waren.
    Und so bin ich, sowieso schon als Generation Internet verschrien, dazu verdammt meine Bücher online zu kaufen oder bei großen Ketten…wie auch immer…ein Lieblingsbbuchhändler-Gefühl kommt da nicht auf 😦

    Antwort
    1. Birgit_Wo

      Also ohne da jetzt allzu sehr in lokalpatriotische Buchhandlungsdiskussionen abgleiten zu wollen, muss ich doch eine Stange brechen für die Innsbrucker Buchhandlungen. Ich bin zwar kein grosser Fan der Wagner’schen mehr, seit sie von der Thalia aufgekauft wurde, aber gegen die Tyrolia kann man nun wirklich nichts einwenden zumal auch die Baratung dort wirkich sehr gut ist!!!!

      Zumindest komme ich nach jedem Heimatbesuch mit einem bücherbedingt 3 kg schwereren Koffer wieder zurück in die Schweiz (dabei fällt mir grad ein, dass ich das nächste mal tax free Bücher shoppen sollte…).

      Antwort
      1. thrillerkiller

        Also ich fand die Wagnersche immer toll, denn bei denen hatte man wenigstens noch den Ansatz dieses Gefühls, aber seit sie von Thalia gekauft wurden geht deren Service auch zurück.

        Die Tyrolia ist nett und die Leute sind auch nett und kompetent, aber diese Bindung zum Kunden kann einfach nicht mehr entstehen. Das was Grete meint ist ja, dass man rein kommt der Händler einen mit Namen kennt und er genau weiß was für dich das richtige ist. Das kann die Tyrolia einfach nicht bieten und das ist auch total ok! Trotzdem geh ich auch gern hin 😉

        Antwort
        1. Birgit_Wo

          Ja, schade das mit der Wagner’schen. Da sind wir wohl einer Meinung! Was die Tyrolia angeht, hab ich wohl schlicht und einfach Heimvorteil… Auch wenn ich sagen muss, dass ich meist ohnehin genau weiss, was ich will bzw. von vorn herein immer viel zu viele Bücher auf meiner Liste habe. Da brauch ich meistens niemanden, der mir noch was empfiehlt.

          Antwort

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