Uta Treder / Die Alchemistin

Uta Treder: Die AlchemistinDieses Buch ist anders als alle anderen.
Wer auf seichte, schnell zu konsumierende Lektüre steht, der kann direkt die Finger von der „Alchemistin“ lassen!

Uta Treder berichtet in ihrem Büchlein vom seltsamen Geschehen in einer wissenschaftlichen Bibliothek.
Die Geschichte spielt in den 1980ern, von Computern und Internet ist man also noch weit weg und Bücher und Handschriften spielen die größte Rolle.
In dieser Bibliothek treffen verschiedene Charaktere aufeinander:
Fiona, die irgendwie durchgeknallt ist und ständig aus dem Fenster springt, das Leben einfach leicht nimmt, über barocke Pferdeballete schreibt und immer mit den Türen knallt.
Der geistig etwas desolate Anthanasius-Kircher-Forscher, ein Kleingeist und Fachidiot vor dem Herrn.
Maren Söderbaum, die Theologie studiert und mit ihrem Lächeln wildgewordene Affen bändigt.
Maria, die schweigsame, aber begnadete Köchin aus Italien.
Die zurückgezogene Miriam aus Israel.
Der kränkelnde polnische Professor und der nervöse Schweizer Uhrenforscher.
Und natürlich die Ich-Erzählerin, deren Namen man erst auf der letzten Seite erfährt: Adriana.

Jene findet eines Tages zwischen ihren Handschriften ein Manuskript, unterzeichnet von „Maria, der Jüdin“ und beginnend mit den Worten:

In einem dunklen Wald wohnte ein Ungetüm. Es war sehr un, ungemein un, Tag und Nacht unangemessen un. Und es tümte. Es tümte ungebührlich.

Und damit beginnt ein wildes Verwirrspiel. Immer wieder tauchen neue Geschichten auf und niemand will dafür verantwortlich sein, obwohl sie doch immer wieder Bezug zu allen Menschen in der Bibliothek haben.

Wer steckt hinter den Manuskripten, die wirre Geschichten aus längst vergangenen Zeiten schildern? Warum spielt immer wieder der Name „Maria“ in all seinen Variationen die Hauptrolle und wieso die ständigen biblischen Anspielungen?
Und was haben die anderen Bibliotheksnutzer damit zu tun?
Die Situation gerät außer Kontrolle und irgendwie ist ohnehin alles anders, als man vermuten würde…

Der erste Satz:

Es regnete.

Uta Treder spielt in diesem Buch mit der Sprache. Sie jongliert mit Worten, sie verschafft ihnen neue Bedeutungen, sie trennt sie voneinander und erklärt so ihren Ursprung; alles ist anders, als es an der Oberfläche zu sein scheint.
Das macht dieses Buch außergewöhnlich und schafft Bewunderung für die Autorin, für die Worte so viel mehr sind als eine simple Aneinanderreihung von Buchstaben.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen.
Immer wieder muss man inne halten, nachdenken, sacken lassen. Auch mal zurück blättern, sich neu sortieren, die Worte neu sortieren, im Hinterkopf nach Wissen suchen, um verstehen zu können. Vielleicht sogar mal etwas nachschlagen.
Dieses Buch ist nicht simpler Lesekonsum, es ist eine Anregung für die grauen Zellen und ein Genuss für jeden, der das Spiel mit der Sprache liebt.

Titel: Die Alchemistin
Autor: Uta Treder
Gebundene Ausgabe: 169 Seiten
Verlag: Insel Verlag
Erscheinungsjahr: 1993
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3458165071

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