Jürg Altwegg und Roger de Weck / Sind die Schweizer die besseren Deutschen?

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern ist ein Thema, das in den letzten Monaten besonders hier in der Schweiz kontrovers diskutiert wurde und eine gewisse Spannung in sich birgt.
Dabei haben Schweizer und Deutsche ja durchaus viel gemeinsam – und sei es nur der argwöhnische Blick auf die Eigenheiten des anderen…

Immer mehr Deutsche ziehen in die Schweiz. Vielen von ihnen schlägt, offen oder verdeckt, Feindseligkeit entgegen. Den Schweizern scheint jeder Anlass recht, die Deutschen nicht zu mögen. Die Medien heizen die Stimmung an, einige Deutsche wehren sich, der Vorwurf der Arroganz steht gegen den der Fremdenfeindlichkeit. Haben die Schweizer ein Problem mit den Deutschen – oder mit sich selbst? Und wie geht es bei alledem den Schweizern in Deutschland? Jürg Altwegg und Roger de Weck, die Herausgeber der Bestseller-Anthologie „Kuhschweizer und Sauschwaben“, haben prominente Autoren gebeten, von ihren Erfahrungen zu berichten. Das ultimative Handbuch zur Deutsch-Schweizer Nachbarschaftshilfe.

Quelle: Hanser Literaturverlage

Monatelang lag dieses Buch auf meinem Nachttisch, immer wieder habe ich es zur Hand genommen, noch mal diesen Beitrag und jenes Gedicht gelesen, darüber nachgedacht. Das wird sicherlich auch so bleiben, denn es lohnt sich, die einzelnen Beiträge immer mal wieder zu lesen und sacken zu lassen.

In der Schweiz herrscht vielerorts dicke Luft zwischen Schweizern und Deutschen, dieser Konflikt hat die Landesgrenzen auch längst verlassen.
In diesem Buch findet man nun eine Sammlung von Texten und Gedichten, einige von Deutschen, andere von Schweizern und viele stellen die Frage: Haben die Schweizer wirklich ein Problem mit den Deutschen – oder doch eher mit sich selbst?

Da ist der ewige Fußballkonflikt zwischen der Schweiz und Deutschland, der die Gemüter bei jedem Länderspiel hoch kochen lässt.
Jürg Altwegg schildert unter anderem diesen Fußballkonflikt in seinem Beitrag „Keine Mauer am Rhein“ und zeichnet das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz anhand ihrer Fußballbegegnungen nach, die in direkter Relation zu den jeweiligen politischen Verhältnissen standen. Noch nie war Fußball für mich so interessant😉. Es ist wirklich faszinierend, wie sich politische Verhältnisse im Sport widerspiegeln können.

Auch spricht Altwegg in seinem Beitrag den schweizinternen Konflikt zwischen den Welschen (den französischsprachigen Schweizern) und den Deutschschweizern an – wofür ich sehr dankbar bin.
Viele Bücher und viele mediale Beiträge unterschlagen praktisch die Existenz der Romandie. Wenn von der Schweiz geredet wird, ist die deutschsprachige Schweiz gemeint. Nicht die Romandie, nicht das Tessin, obwohl beide unbestritten ebenso fester Bestandteil der Schweiz sind.
Ich lebe in der Romandie, hier kann man nur sehr bedingt das Problem zwischen den Deutschschweizern und den Deutschen nachvollziehen (was dem Deutschschweizer die Deutschen, sind dem Romand die Franzosen – eine Hassliebe). Hier stößt es sauer auf, wenn von gewissen Politikern aus der Deutschschweiz propagiert wird: „In der Schweiz spricht man Deutsch!“.
Nein, meine lieben Politiker. In der Schweiz spricht man Deutsch, aber auch Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
Die französischsprachigen Schweizer lernen Deutsch inzwischen meistens als Fremdsprache (wenn überhaupt). Hochdeutsch in den meisten Fällen. Und tun sich dann entsprechend schwer mit Schwiizerdütsch und sind froh, wenn man hochdeutsch mit ihnen spricht (obwohl es ihnen grundsätzlich am liebsten ist, wenn man französisch parliert, aus diesem Grund geben die wenigstens Romands zu, überhaupt die deutsche Sprache zu beherrschen – aber das ist ein anderes Thema …).
Doch fatalerweise mögen viele Deutschschweizer grad das Hochdeutsche nicht, es ist ihnen zu deutsch, das Idiom ist heilig, es ist ihre Identität, doch leider blockiert es auch die inländische Kommunikation.
Die Katze beißt sich im eigenen Land in den Schwanz.

In den einzelnen Beiträgen des Buches ist die Rede von der Liebe zu Land und Leuten, von der tief in uns allen verwurzelten Verbundenheit zur eigenen Heimat und Herkunft, von Mentalitäten und Identitätsgefühlen. Beides ist bei Schweizern und Deutschen gleichermaßen vorhanden, wird jedoch zuweilen verschieden ausgelebt.

Hatte ich anfänglich einfach nur wieder eins dieser Bücher erwartet, die Klischees bedienen und die gegenseitige Abneigung noch mehr fördern, wurde ich angenehm überrascht.
Klischees kommen nur am Rande vor und dienen meist dem Verständnis, die Beiträge sind allesamt fair, meist sogar liebevoll gegenüber dem Anderen.

Berührt hat mich der Briefwechsel zwischen Isabell und Peer Teuwsen, zwischen Mutter und Sohn, die 1971 in die Schweiz gekommen sind und sowohl Hass als auch Freundschaft kennenlernen durften, die hinterfragen, was Identität ausmacht, und das Ganze auf einer sehr persönlichen, fast schon intimen Ebene.

Ebenso berührt hat mich „Heimatort: Deutschland“ von Geri Müller, der Deutscher, Schweizer und Franzose in Personalunion ist und die Konflikte somit aus dreifacher Position heraus betrachten kann.Oder Sibylle Bergs Liebeserklärung in „Mein Schweiz-Museum“. Oder Felix. E. Müllers kritische, politische Betrachtung des „Muttermythos“.

Eigentlich könnte ich nun an dieser Stelle alle Beiträge aus dem Buch aufzählen, denn jeder hat etwas, das zum Nachdenken anregt. Ob da nun die Schweizer von ihrer Wahrnehmung der Deutschen schreiben und ihren Erfahrungen in Deutschland, oder die Deutschen von ihren Erlebnissen in der Schweiz und mit Schweizern: Es wird erklärt, erzählt und am Ende steht fest, dass wir uns alle sehr ähnlich sind.

Was wir wahrnehmen, hängt doch größtenteils davon ab, was wir wahrnehmen WOLLEN. Es ist unsere persönliche Einstellung, die zwischen Abneigung und Zuneigung entscheidet und nicht selten hängen wir genau dazwischen fest, nehmen die Vorurteile wahr, beziehen aber selbst nicht Stellung, weil wir gar nicht wissen, wo wir denn überhaupt nun genau stehen. Auch das kann seinen Reiz haben – und reizen.

 

Titel: Sind die Schweizer die besseren Deutschen?
Herausgeber: Jürg Altwegg und Roger de Weck
Broschiert: 160 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche/ Hanser Literaturverlage
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3312004577

2 Gedanken zu „Jürg Altwegg und Roger de Weck / Sind die Schweizer die besseren Deutschen?

  1. thrillerkiller

    Huhu Grete,

    mir war gar nicht bewusst, dass der Konflikt in der Schweiz genauso herrscht. Ich dachte eigentlich, durch den Volksentscheid vor kurzem, dass die Schweizer die Deutschen eigentlich schon mögen.
    Die Situation kenne ich ja aus Österreich. Hier ist man meiner Meinung nach noch deutlich rechts gerichteter als man das in Deutschland sich je trauen würde. Hier werden offen fremdenfeindliche Witze gemacht und selbst in der Politik greift man regelmäßig relativ direkt die ausländischen Mitbürger an.
    Ich bin trotz allem nach Österreich, weil die Österreicher nett sind wenn man sie kennen lernt und sie einen kennen lernen. Dann heißt es plötzlich „weisch eh, die scheiß Deitschen, aber ihr seids joa eh ondersch!“. Ich habe viele österreichische Freunde und komme damit gut klar. Was mich aber enorm stört ist die rumhackerei, sowohl medial, als auch politisch, auf den deutschen Studenten, die den Österreichern die Studienplätze wegnehmen. Schaut man sich die Akademikerquote in Österreich einmal genauer an, sieht man, dass hier im Schnitt viel weniger die akademische Reife erreichen und dann auch studieren gehen als im europäischen Schnitt. Was lernen wir also daraus? Richtig: wären die Deutschen nicht da, wären die Hälfte der Universitäten zumindest deutlich geleerter. Zieht man dann die ganzen deutschen Urlauber, Tanktouristen und Arbeiter (=Steuerzahler) ab, sieht man schnell, dass das auch keine Lösung sein kann. Ein friedliches Zusammenleben, wie es in Deutschland im umgekehrten Fall durchaus üblich ist, wird es wohl sowohl in der Schweiz, als auch in Österreich nicht geben. Ich lebe trotzdem gerne hier, auch wenn ich dazu manchmal ganz schön was einstecken muss.

    LG
    Sascha

    Antwort
    1. Grete_o_Grete Autor

      Schade, dass es in Österreich so ähnlich ist.

      Im letzten Jahr wurde auch hier viel gegen aus Deutschland stammende Akademiker gewettert und dabei oft außer Acht gelassen, dass man selbst diese akademischen Stellen gar nicht abdecken kann. Ähnlich ist es im medizinischen Bereich.
      Ich denk mir oft, anstatt zu wettern, sollten die Politiker lieber den eigenen Nachwuchs fördern und überzeugen, in diese Branchen zu gehen und im Inland zu bleiben. Und mit Förderung meine ich nicht, dass man allen anderen das Leben schwer macht und die Einwanderer vergrault! Das ist ein feiner Unterschied, den manche Politiker offenbar nicht verstehen wollen.
      Dann kommt natürlich auch der Punkt (der ebenfalls jüngst hier SEHR diskutiert wurde), dass Ausländer die Studienplätze wegnehmen würden, umgekehrt die Schweizer aber im Ausland kaum Studienplätze bekommen würden. Das kann ich so nicht bestätigen, ich hatte sehr viele Kommilitonen an der HU Berlin, die aus der Schweiz kamen, die Zugangsvoraussetzungen waren für alle gleich und Studiengebühren gab es keine, während Ausländer hier höhere Gebühren zahlen müssen als inländische Studenten.

      Doch schimpfen (und nicht über den Tellerrand sehen) ist eben oft einfacher als etwas aktiv zu tun.
      In dem Punkt nehmen sich dann vermutlich Deutsche, Schweizer und Österreicher herzlich wenig😉, wieder eine Gemeinsamkeit.

      In einem Beitrag in diesem Buch beschrieb ein Schweizer, wie er in Deutschland auf den Behörden Ärger hatte wegen seiner Aufenthaltsbewilligung, er bezeichnete diese Schwierigkeiten als typisch deutsch. Ich musste laut lachen, denn was ich hier auf den Behörden erlebt habe, unterschied sich davon kein bisschen😉.

      Antwort

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