Archiv für den Monat April 2011

Giuseppina Torregrossa / Kirschen auf Ricottaschnee

„Als die Geschichte zu Ende war, hing ein merkwürdiger Duft nach Heiligkeit und Ricotta in der Luft.“

Cassatelle sind heilig in Agatas Familie.
Cassatelle, das sind die kleinen Agathenküchlein; Küchlein in Form von Brüsten, gefüllt mit Ricottaschnee und verziert mit einer Kirsche.
Traditionell werden sie am Tag des Festes der Heiligen Agatha gebacken.
Die Heilige und ihre Küchlein spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte der Familie, um die es in diesem Buch geht.

Die Hl. Agatha lebte einst in Catania auf Sizilien und war der Legende nach eine gottesfürchtige, von allen geachtete Jungfrau. Von der Schönheit der jungen Frau angezogen, machte der Statthalter ihr Avancen, die Agatha ablehnte. Aus Zorn verschleppte der Statthalter sie und steckte sie für einen Monat in ein Hurenhaus, doch auch danach zeigte sich die junge Frau standhaft und wehrte die Annäherungsversuche des Mannes ab. Aus Zorn ließ dieser ihr schließlich die Brüste abschneiden. In der Nacht darauf erschien Agatha im Traum Petrus, der ihre Wunden versorgte und wie durch ein Wunder waren die Brüste am kommenden Morgen nachgewachsen.

Aufgrund dieser Legende gilt die Hl. Agatha unter anderem als Helferin bei Brusterkrankungen und wird besonders auf Sizilien verehrt.
So auch in der Familie von Agata, um die es in dieser Geschichte geht und die die Tradition der Cassatelle, der Agathenküchlein, sehr ernst nimmt.

Agata erfährt nicht besonders viel Liebe oder gar Aufmerksamkeit durch ihre Eltern. Die einzigen Konstanten in ihrem Leben sind Großmutter Agata, die wie Klein-Agatas Familie in Palermo lebt, sowie die Großeltern Margherita und Alfonso draußen auf dem sizilianischen Land, im Dorf Malavacata, wohin Agata von ihren Eltern für einige Zeit abgeschoben wird.

Von ihren beiden Großmüttern lernt Agata viel über die Geschichte der Frauen ihrer Familie und über deren oft tragische Schicksale.
Von Urgroßmutter Luisa beispielsweise, einer emanzipierten Frau und glühenden Anhängerin der Heiligen Agatha. Luisa mit den schönen Brüsten, die ihr schließlich zum Verhängnis wurden.
Von deren Tochter, Großmutter Agata, die in einer höllischen Ehe gefangen war und ihre Brüste als Gefahr empfand.
Von den Tanten Nellina und Titina, die ebenfalls weder mit den Männern noch mit den Brüsten viel Glück im Leben zu haben scheinen.
Und schließlich schließt sich der Kreis bei Agata selbst, die zunächst aus Trotz einen Lebensweg einschlägt, der so manchen steinigen Pfad bereit hält und auf dem sich die Tradition um die Hl. Agatha als Hilfe in der Not erweist …

Ich bin bekanntlich nicht die typische Leserin von Frauenromanen und kann mich nur für ganz wenige Bücher aus diesem Genre begeistern, aber „Kirschen auf Ricottaschnee“ gehört definitiv dazu!
Das Buch beginnt sanft, fast schon verträumt und legt dann rasant an Tempo zu. Ich war wie gefangen in der dynamischen Erzählung, gefesselt vom Stil der Autorin.
Die anfänglich sanfte Sprache entwickelt sich ebenso wie die Geschichte, wird schließlich regelrecht derbe, passt sich dem Geschehen an.

Ich saß mit offenem Mund über dem Buch, konnte die Entwicklung kaum fassen – wie kann ein Buch, das anfangs leicht wie eine Feder ist, auf einmal zum Aufschrei und zur schmetternden Ohrfeige und dann doch wieder leicht, fast beschwingt werden?

Für mich ist dieses Buch ein absolutes Highlight, sowohl vom Schreibstil als auch von der Geschichte her.
Besonders schön finde ich, dass gleich zu Anfang des Buches das Rezept zu den Cassatelle zu finden ist – man fühlt sich diesen Küchlein nach der Lektüre einfach irgendwie verbunden.

Der erste Satz:

Am Vorabend des Festes der heiligen Agatha holte mich meine Großmutter Agata, die ebenso herzensgut wie die Heilige war, von zu Hause ab.

Bewertung:
Fünf Sterne.

 

Autorin: Giuseppina Torregrossa
Titel: Kirschen auf Ricottaschnee
Originaltitel: Il conto delle minie
Gebundene Ausgabe: 347 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3455402513

Stephen Kelman / Pigeon English

Ich kann furzen, dass es sich wie ein Specht anhört. Ichschwör, es stimmt.

Harri ist 11 Jahre alt und lebt noch nicht lange in London. Er stammt aus Ghana und lebt nun seit einiger Zeit mit seiner Mutter und der Schwester im 9. Stock eines Londoner Sozialbaus. Stolz ist er auf seine Turnschuhe, die er mit selbstgemalten Adidas-Streifen versehen hat, er liebt den Aufzug und seine Taube. Doch er versteht die neue Welt um ihn herum nicht. In dem Viertel herrscht ein rauer Ton, die meisten Menschen sind illegal eingewandert, niemand hat genug Geld, die Mädchen werden jung schwanger und dann wird auch noch ein Nachbarsjunge auf offene Straße erstochen – und niemanden kümmert es. Niemanden, außer Harri, der auf seine eigene Weise Ermittlungen anstellt und zu verstehen versucht, wer gut ist und wer böse, wer lügt und wer die Wahrheit sagt.

Der erste Satz:

Du konntest das Blut sehen.

Meinung:
Harri ist ein netter Junge – und er macht sich Gedanken. Das hebt ihn schon sehr von seinem Umfeld ab. Er sieht die Welt mit Kinderaugen. Klar, er ist ja ein Kind. Was er da sieht, sollten Kinder allerdings nicht zu sehen bekommen: Kriminalität, Gewalt, Gettoleben in Reinform.
Das Buch hinterlässt immer wieder ein beklemmendes Gefühl, zeigt es doch eine Welt, die zum Glück nur die wenigsten von uns aus eigener Erfahrung kennen.
Doch ist am Anfang dieser „Harri-Sprech“ noch irgendwie niedlich, fand ich genau das am Ende einfach nur noch nervig; es hat mich zunehmend an die Jahre in Berlin erinnert, in denen ich „Alder!“ und „Ichschwör!“ viel zu oft auf der Straße und in der U-Bahn hören musste.
Daher bin ich etwas hin- und hergerissen. Thematisch hat mir das Buch gut gefallen, allerdings war die Schreibe wirklich so gar nicht mein Ding.

Bewertung:
Drei Sterne.

Da der Schreibstil vielleicht nicht jedermanns Sache ist, empfehle ich, vorab die Leseprobe zu konsultieren.

 

Titel: Pigeon English
Autor: Stephen Kelman
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3827009753

Frühlingsbegleitliteratur

An dieser Stelle mal keine Rezension. Stattdessen möchte ich euch gerne einige Bücher vorstellen, die mich durch Frühling, Sommer und Herbst begleiten :-).

Wir sind gerne in der Natur unterwegs und interessieren uns für Tiere und Pflanzen. Klar, dass da entsprechende Nachschlagewerke mit dabei sein müssen, man entdeckt ja immer irgendetwas, was man noch nicht kennt ;-). Für diese Bücher haben wir uns entschieden, weil sie über einen ordentlichen (wenn auch bei weitem nicht vollständigen) Inhalt verfügen, vor allem aber auch, weil sie fast alle Hosentaschenformat haben und so wirklich auf jedem Ausflug dabei sein können.

 

Habt ihr auch solche Begleitbücher oder könnt ihr welche empfehlen?