Giuseppina Torregrossa / Kirschen auf Ricottaschnee

„Als die Geschichte zu Ende war, hing ein merkwürdiger Duft nach Heiligkeit und Ricotta in der Luft.“

Cassatelle sind heilig in Agatas Familie.
Cassatelle, das sind die kleinen Agathenküchlein; Küchlein in Form von Brüsten, gefüllt mit Ricottaschnee und verziert mit einer Kirsche.
Traditionell werden sie am Tag des Festes der Heiligen Agatha gebacken.
Die Heilige und ihre Küchlein spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte der Familie, um die es in diesem Buch geht.

Die Hl. Agatha lebte einst in Catania auf Sizilien und war der Legende nach eine gottesfürchtige, von allen geachtete Jungfrau. Von der Schönheit der jungen Frau angezogen, machte der Statthalter ihr Avancen, die Agatha ablehnte. Aus Zorn verschleppte der Statthalter sie und steckte sie für einen Monat in ein Hurenhaus, doch auch danach zeigte sich die junge Frau standhaft und wehrte die Annäherungsversuche des Mannes ab. Aus Zorn ließ dieser ihr schließlich die Brüste abschneiden. In der Nacht darauf erschien Agatha im Traum Petrus, der ihre Wunden versorgte und wie durch ein Wunder waren die Brüste am kommenden Morgen nachgewachsen.

Aufgrund dieser Legende gilt die Hl. Agatha unter anderem als Helferin bei Brusterkrankungen und wird besonders auf Sizilien verehrt.
So auch in der Familie von Agata, um die es in dieser Geschichte geht und die die Tradition der Cassatelle, der Agathenküchlein, sehr ernst nimmt.

Agata erfährt nicht besonders viel Liebe oder gar Aufmerksamkeit durch ihre Eltern. Die einzigen Konstanten in ihrem Leben sind Großmutter Agata, die wie Klein-Agatas Familie in Palermo lebt, sowie die Großeltern Margherita und Alfonso draußen auf dem sizilianischen Land, im Dorf Malavacata, wohin Agata von ihren Eltern für einige Zeit abgeschoben wird.

Von ihren beiden Großmüttern lernt Agata viel über die Geschichte der Frauen ihrer Familie und über deren oft tragische Schicksale.
Von Urgroßmutter Luisa beispielsweise, einer emanzipierten Frau und glühenden Anhängerin der Heiligen Agatha. Luisa mit den schönen Brüsten, die ihr schließlich zum Verhängnis wurden.
Von deren Tochter, Großmutter Agata, die in einer höllischen Ehe gefangen war und ihre Brüste als Gefahr empfand.
Von den Tanten Nellina und Titina, die ebenfalls weder mit den Männern noch mit den Brüsten viel Glück im Leben zu haben scheinen.
Und schließlich schließt sich der Kreis bei Agata selbst, die zunächst aus Trotz einen Lebensweg einschlägt, der so manchen steinigen Pfad bereit hält und auf dem sich die Tradition um die Hl. Agatha als Hilfe in der Not erweist …

Ich bin bekanntlich nicht die typische Leserin von Frauenromanen und kann mich nur für ganz wenige Bücher aus diesem Genre begeistern, aber „Kirschen auf Ricottaschnee“ gehört definitiv dazu!
Das Buch beginnt sanft, fast schon verträumt und legt dann rasant an Tempo zu. Ich war wie gefangen in der dynamischen Erzählung, gefesselt vom Stil der Autorin.
Die anfänglich sanfte Sprache entwickelt sich ebenso wie die Geschichte, wird schließlich regelrecht derbe, passt sich dem Geschehen an.

Ich saß mit offenem Mund über dem Buch, konnte die Entwicklung kaum fassen – wie kann ein Buch, das anfangs leicht wie eine Feder ist, auf einmal zum Aufschrei und zur schmetternden Ohrfeige und dann doch wieder leicht, fast beschwingt werden?

Für mich ist dieses Buch ein absolutes Highlight, sowohl vom Schreibstil als auch von der Geschichte her.
Besonders schön finde ich, dass gleich zu Anfang des Buches das Rezept zu den Cassatelle zu finden ist – man fühlt sich diesen Küchlein nach der Lektüre einfach irgendwie verbunden.

Der erste Satz:

Am Vorabend des Festes der heiligen Agatha holte mich meine Großmutter Agata, die ebenso herzensgut wie die Heilige war, von zu Hause ab.

Bewertung:
Fünf Sterne.

 

Autorin: Giuseppina Torregrossa
Titel: Kirschen auf Ricottaschnee
Originaltitel: Il conto delle minie
Gebundene Ausgabe: 347 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3455402513

3 Gedanken zu „Giuseppina Torregrossa / Kirschen auf Ricottaschnee

  1. Bibliophilin

    Dank Deiner Rezension lese ich nun das Buch. Hätte ich eh gemacht aber vielleicht viel später. Nun aber lasse ich mich gut unterhalten und denke ständig an Brüste. Ein wunderbares Buch, das ich sehr geniesse. Vielen Dank!

    Antwort

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