Archiv für den Monat Juni 2011

Silvia Roth/ Blut von deinem Blute

15 Jahre ist es her, dass Lauras Vater und ihre Stiefmutter in ihrem Haus auf Jersey grausam ermordet wurden- der Täter wurde nicht gefasst. Laura selbst hat keinerlei Erinnerungen an die Nacht. Inzwischen lebt sie in Frankfurt, ist Mitte 30 und hat eine steile Karriere hingelegt. Zwar gibt es einen Mann in ihrem Leben, doch ist die Beziehung eher locker. Umso größer der Schreck, als Laura feststellt, dass sie schwanger ist. Um den Schock zu verarbeiten, aber auch, um den Geistern der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, kehrt Laura zurück nach Jersey, wo ihre Schwester Mia noch immer im Elternhaus lebt. Mia gilt auf der Inseln aus verrückt und durchgeknallt und auch Laura findet nicht wirklich Zugang zu ihr. Im Gegenteil, Mia macht ihr zunehmend Angst. War sie etwa in den Mord an den Eltern verwickelt …?

Meinung:
Dies war mein erstes Buch von Silvia Roth und ich war anfangs etwas skeptisch, da ich ja in jüngster Vergangenheit nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit deutscher Spannungsliteratur gemacht habe. Umso mehr freut es mich, nun sagen zu können: „Blut von deinem Blute“ hat mich gepackt.
Die Atmosphäre des Romans ist herrlich düster und oft auch undurchsichtig, die Charaktere wechselhaft, keinesfalls eindimensional oder leicht zu durchschauen -selbiges gilt für die Familienverhältnisse der Hauptfiguren-, die Sprache fesselt. Mir hat die Geschichte und ihre Entwicklung ausgenommen gut gefallen und ich bin dem Täter auch nur sehr kurz vor der Protagonistin auf die Schliche gekommen ;-).
Das war mit Sicherheit nicht mein letztes Buch von der Autorin.

Der erste Satz:
Ich war neunzehn, als mein Vater mit eingeschlagenem Schädel auf dem Küchenboden gefunden wurde.

Bewertung:
Vier Sterne.

Titel: Blut von deinem Blute
Autorin: Silvia Roth
Gebundene Ausgabe: 542 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3455403107

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Danijela Pilic / Yoga Bitch

Wer „in“ ist, macht Yoga. Ob nun Stars wie Madonna oder die stylishe Großstadtfrau aus Berlin. Wobei „Yoga machen“ es nicht ganz trifft; manche Frauen leben Yoga. Nicht in der ursprünglichen Weise, sondern eher im durchaus weltlichen Stil, der vor allem darauf abzielt, einen knackigen Hintern und straffe Kurven zu bekommen. Dazu gehören nicht einfach nur die Asanas, sondern auch die Wahl des richtigen Lehrers, des richtigen Studios, der richtigen Klamotten, des richtigen Essens. Und wenn frau nicht aufpasst, erweitert sich das Ganze schnell hin zur Wahl des richtigen Schönheitsdoktors und sie selbst wird zur Yoga Bitch …

Yoga Bitch, die: (ugs.)
Frau über 30 auf der Suche nach ihrem perfekten Selbst. Dafür ist sie bereit, nie wieder Kohlenhydrate zu essen, chemische Peelings und Radiofrequenztherapie durchführen zu lassen und fünfmal die Woche ins Yoga zu gehen, um fit auszusehen und nebenbei noch die Erleuchtung zu erlangen.

Danijela Pivic beschreibt in dem Buch ihre eigenen Erfahrungen und die ihres Freundinnenkreises mit dem Yoga-Lifestyle. Das ist manchmal recht erheiternd, an vielen Stellen macht es jedoch nachdenklich. Der spirituelle Aspekt bleibt nahezu vollkommen auf der Strecke, dafür konzentriert sich das Buch viel mehr auf den ICH-Kult, den immer mehr Frauen in den thirtysomethings betreiben. Frau muss gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen, Erfolg im Beruf haben, Partner, Familienplanung, gutes Aussehen, gutes Auftreten und das -bitte schön- auch noch komplett im Reinen mit sich selbst, ausgeglichen und entspannt. Das stellt für die Frauen, die sich darauf einlassen, eine Überforderung dar – es ist doch auch schlichtweg übermenschlich, all diesen Dingen gerecht zu werden. Die Frage ist: Wollen wir das?

Danijela Pivic möchte das im Buch zunächst nicht. Dann leckt sie Blut und begibt sich in den Hype rund um die Selbstoptimierung, will nicht nur die überflüssigen Pfunde killen, sondern sich selbst auf das bestmögliche Maß trimmen, angefangen beim idealen Hintern über die Zahnkorrektur bis hin zur Botoxbehandlung, nur um am Ende festzustellen, dass der einzige Weg zum Glück die Zufriedenheit ist.

Ursprünglich hatte ich mir das Buch in der Annahme gekauft, es ginge wirklich intensiv um Yoga und war dann doch einigermaßen überrascht vom breiten Spektrum der „Yoga Bitch“ und der Abwesenheit der eigentlichen Yoga-Philosophien.
Manche Kapitel haben mir gut, manche weniger gut gefallen.
Alles in allem berichtet das Buch doch eher von Frauen, die es sich leisten können, mal eben 200 Euro für Yoga-Hosen auszugeben und bei denen Optik und Status im Vordergrund stehen. Da zähle ich mich nicht unbedingt zu, von daher war einiges doch sehr befremdlich für mich.
Das wirklich Erschreckende war dann allerdings, dass ich mich immer wieder selbst dabei ertappt habe, bei Selbstoptimierungsschilderungen zu nicken oder für mich zu denken „Stimmt, es reicht nicht wie ich bin, ich muss besser sein“. Glücklich all jene Frauen, die von diesen Gedanken frei sind!
Ich begann unweigerlich, einige meiner Verhaltensweisen zu hinterfragen, auch wenn ich weit von dem entfernt bin, was die Autorin in ihrem Buch schildert und mich auch nicht zu dem beschriebenen Typ Frau zähle, der dem aktuellen Schönheitsideal hinterherhechelt und für die Optik auch immense Schulden in Kauf nimmt.

Besonders gut gefallen haben mir die immer wieder eingestreuten Fakten und die „Aufklärungskästchen“ (so nenne ich sie einfach mal), in denen beispielsweise Unterschiede zwischen Couch Potatoes und Fitness Freaks und die Eigenarten des „Lebenswandel-Schizos“ erklärt werden oder Auflistungen zum Thema „sie sagen – sie meinen“ zu finden sind.

Leider wirkte der Text auf mich an vielen Stellen zu sehr distanziert, zu sachlich für eine Erlebnisschilderung.
Alles in allem ist das Buch jedoch recht unterhaltsam, hält so manchen AHA-Effekt parat und regt auch zum reflektieren und nachdenken über das eigene Leben, das persönliche Schönheitsideal und eigene Verhaltensweisen an.

Bewertung:
Drei Sterne.

Titel: Yoga Bitch
Autorin: Danijela Pivic
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: mvg Verlag (15. November 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3868822038

Offizielle Beschwerde!

Ich bin sauer!

Ja, ich. Aus Gründen der Anonymität verschweige ich meinen Namen, nennen Sie mich einfach die Untigerin, genauso  fühle ich mich nämlich gerade: untigerig.

Da lese ich ein ums andere Buch und bin auch noch so gnädig, mich mit diesem Knipsdings für diesen Blog ablichten zu lassen.

Aber interessiert das jemanden? Werde ich wahrgenommen? Nein!

Wahrgenommen wird dagegen die blöde Kuh – ich weigere mich, sie Schwester zu nennen.

Diese hellfellige dumme Nuss, die sich immer so ganz und gar unkätzisch verhält (und ich schwöre, sie tut nur so als würde sie lesen!), schämen muss man sich für die!

Aber gucken Sie doch selbst:

Da! DA! Sehen Sie das? Die hält sich für Salat und findet es im Kochtopf kuschelig, unkätzisch ist das, eine Schande für die Felidae!

Und dennoch ist sie es, in den sich Kater Tommy verguckt hat und der auf Thriller Online gehuldigt wird!

Ich beschwere mich hiermit offiziell und drohe den Lesestreik an, ich will Beachtung!

Alles klar?

[Gastrezension] Eva Baronsky / Herr Mozart wacht auf

Da ich ja so meine Probleme mit dem lieben Herrn Mozart hatte, hat sich die liebe Regina bereit erklärt, nicht nur dem Buch ein neues Zuhause zu geben, sondern es auch für meinen Blog zu rezensieren. Und anscheinend ist das Buch in die richtigen Hände geraten 😉

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„Der Mann, der sich nur daran erinnert, am Vorabend als Wolfgang Amadé Mozart auf dem Sterbebett gelegen zu haben, kann sich die bizarre Umgebung nicht erklären, in der er erwacht: Musik ohne Orchester, Fuhrwerke ohne Pferde, Licht ohne Kerzen. Ist er im Vorhof zur Hölle oder im Paradies angelangt, und vor allem: mit welchem Auftrag? Ein göttlicher Spaß, verblüffend und tragikomisch, ein Spiel mit Zeiten und Identitäten.“ (Klappentext)

Er wacht in einem fremden Zimmer auf, hat keine Ahnung, wie er in dieses Zimmer kam, noch dazu in dieses Bett, weiß nicht, wer die Männer in der Wohnung sind. Nur an eins erinnert er sich, seinen Namen: Wolfgang Amadé Mozart, Compositeur. Die beiden Männer indes finden das gar nicht komisch und werfen ihn kurzerhand hinaus. Sie haben eine WG-Party veranstaltet und dachten, einer ihrer Gäste hätte den komischen Kauz einfach mitgebracht. Weil Wolfgang seine Kleidung verdorben hat und offensichtlich auch sonst völlig neben der Spur ist, hat Enno, einer der beiden WG-Bewohner, Mitleid und drückt ihm eine Altkleidertüte in die Hand, bevor er ihn am Stephansdom aus dem Auto lässt. So beginnt eine irrwitzige Reise durch Zeit und Raum, denn das Wien des Wolfgang Mozart existiert nicht mehr. Stellen wir uns vor, wir würden über Nacht im Jahr 2500 landen! Wir würden verrückt werden.

Das Buch hat mir ausnehmend gut gefallen.
Eva Baronsky nutzt eine sehr gefühlvolle Sprache, fast schon „musikalisch“, ohne je kitschig zu werden.
Sie beschreibt die kleinen und großen Dramen dieses Lebens oft sehr witzig, manchmal auch melancholisch. Und Dramen gibt es viele. Sei es die Annäherung an moderne sanitäre Anlagen oder die simple Tatsache, ohne ein Ausweispapier einfach nicht existent zu sein. Sein Freund Pjotr, ein polnischer Geiger, der illegal in Wien arbeitet und den „Penner“ Wolfgang auf der Straße aufgegabelt hat, hält ihn für verrückt, erkennt aber das musikalische Genie und verschafft ihm Arbeit in verschiedenen Bars und Restaurants. So bleibt es auch nicht aus, dass Menschen mit Musikverstand auf ihn aufmerksam werden, was einerseits natürlich wunderbar ist, andererseits aber neue Probleme schafft. Heutzutage kann man einfach nicht genial sein, ohne irgendwo her zu kommen. Ein Musikverleger, dem Wolfgang seine Arbeiten vorlegt, bringt es auf den Punkt: „Das alles ist wirklich großartig, aber es klingt einfach zu sehr nach… Mozart!“

Ein wirklich empfehlenswertes, wunderbares Buch für jeden Mozartliebhaber, fünf Sterne! 

Hans Fallada / Jeder stirbt für sich allein

Um ausnahmsweise mal das Fazit vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist ein Erlebnis. Ich habe die gekürzte Fassung bereits als Jugendliche gelesen und fand sie damals sehr beeindruckend, doch diese nun erstmals vollständige Fassung setzt die Messlatte noch einmal höher. Das Buch ist nicht nur beispielhaft, um den „Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Kleinen“ vor Augen zu führen, es gibt auch einen Eindruck davon, wie in unmittelbarer Nachkriegszeit mit dem Thema umgegangen wurde.

Unbedingte Leseempfehlung!

Achtung:
Folgende Besprechung enthält Aussagen, die auf die Handlung und den Ausgang des Buches hinweisen.
Ich spoiler sehr ungern, in diesem Fall lässt es sich zum Zweck einer eingehenden Besprechung allerdings nicht vermeiden.
Wer das Buch also noch lesen und NICHT wissen möchte, wie es endet, der liest bitte nicht weiter!

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Gern sagt man, jeder Einzelne könne durch sein Handeln etwas bewirken.
Ohne diese Vorstellung wäre das Leben doch recht trostlos, denn wer würde sich noch für eine Sache engagieren, wenn er davon ausgehen müsste, dass er nicht dazu beitragen kann, etwas zu verändern? Wir brauchen das Gefühl, etwas bewirken zu können und die Welt wenigstens im kleinen Rahmen mit zu gestalten. Und weil wir überzeugt sind, dass das Handeln jedes Einzelnen etwas bewirken kann, stellen wir uns gerne mit einer gewissen Arroganz hin und strafen jene, die nichts tun, die sich einfach in ihr Schicksal fügen, mit Überheblichkeit, manchmal sogar mit Verachtung.

„Warum habt ihr nichts getan?“, war eine beliebte Frage der Nachkriegsgeneration an Eltern und Großeltern. Noch heute zeigen viele Menschen nur Unverständnis dafür, dass sich die Mehrheit der Deutschen nicht gegen den Nationalsozialismus aufgelehnt hat; dass sie es einfach geschehen ließen.
Aber vielleicht gab es doch viele Menschen, die sich aufgelehnt haben, die gesagt haben „Ich nehme das so nicht hin!“. Im Kleinen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die keine solche Bekanntheit erlangten wie die Scholls oder von Stauffenberg. Deren Aktionen praktisch lautlos ins Leere liefen.

Hans Fallada hält in „Jeder stirbt für sich allein“ den Spiegel vor.
Das wirklich Schockierende daran: Die Geschichte basiert zu Teilen auf einer wahren Begebenheit.

Das Ehepaar Anna und Otto Quangel ist ein durchschnittliches deutsches Paar, die klassischen „kleinen Leute“ aus dem Arbeitermilieu. Am Tag der Kapitulation Frankreichs erhalten sie die Nachricht, dass ihr einziger Sohn im Kampf gefallen ist. Während das nationalsozialistisch gesinnte Deutschland feiert, bricht für die Quangels die Welt zusammen. Nach einem zornigen Ausbruch Annas reift in Otto der Entschluss: Er macht nicht mehr einfach wortlos mit, er lehnt sich auf, gegen diesen Führer, der Söhne in den Tod und Mütter in die Verzweiflung treibt!
Er entwickelt einen Plan. Postkarten will er schreiben, auf ihnen soll die Wahrheit stehen über diesen Führer und über sein Regime. Ablegen will er sie dann in gut besuchten Häusern, wo sie von anderen Menschen gefunden und gelesen werden. In Quangels Vorstellung werden die Karten nicht nur gelesen, sie werden weitergereicht, diskutiert, sie sollen das Denken der Menschen verändern.
Notgedrungen muss er Anna in seinen Plan einweihen und die will ihren Mann unterstützen. Die Quangels, die ohnehin ein sehr abgeschiedenes Leben ohne soziale Kontakte pflegen, schotten sich noch mehr ab und schaffen es, aus Arbeiterfront und Frauenschaft ausgeschlossen zu werden, ohne den Verdacht des Verrats auf sich zu ziehen. Sonntag für Sonntag schreibt Handwerker Quangel seine Karten, in anonymer Druckschrift, mühsam, langsam, eine, höchstens zwei schafft er pro Tag. Anna sitzt daneben, macht Handarbeiten, hilft Otto, die richtigen Worte zu finden. Montags ziehen sie los, suchen die richtigen Häuser – nicht zu nah, sie wollen ja nicht den Verdacht auf sich ziehen, aber auch nicht zu weit entfernt, schließlich muss Otto pünktlich zur Schicht in die Fabrik. Welch Ironie, dass ausgerechnet diese Sorgfalt auf ihre Spur führen soll.
Was die Quangels nicht einkalkulieren: Niemand will die Karten. Niemand will sie lesen, niemand will sie weitergeben; sie erzeugen bei denen, die sie finden, nur Angst. Fast alle werden sie bei der Gestapo abgegeben, wo Kommissar Escherisch langsam die Schlinge zuzieht …

Während die Quangels den sprichwörtlichen kleinen Mann versinnbildlichen, hat Fallada aber auch an alle weiteren Prototypen der Gesellschaft gedacht und sie in sein Buch integriert. Fast alle leben sie im selben Haus wie die Quangels.
Da sind die Persickes: die Söhne bei der SS, der Jüngste -Baldur- sogar auf einer nationalsozialistischen Eliteschule, der Vater schwerer Alkoholiker, allesamt treue Nationalsozialisten, die nicht davor zurückschrecken, zu ihren Gunsten andere in die Pfanne zu hauen.
Der alte Kammergerichtsrat Fromm, der zurückgezogen lebt, selbst den Persickes Respekt einflößt und der das Richtige tun will und im Rahmen seiner Möglichkeiten auch tut.
Emil Barkhausen, ein arbeitsscheuer, kleinkrimineller Hallodri aus dem Hinterhof, dessen unzählige Kinder vielleicht, vielleicht aber auch nicht von ihm sind und dessen Frau regelmäßig fremde Männer im ehelichen Bett beherbergt.
Die Jüdin Frau Rosenthal, deren Mann deportiert wurde und die in Angst und Panik lebt und der Willkür der Persickes ausgesetzt ist, bis die Tragödie ihren Lauf nimmt.
Oder auch Trudel Baumann, die Verlobte des gefallenen Ottochen Quangels, die zunächst mit dem Kommunismus sympathisiert, dann jedoch ein ruhiges, abgeschiedenes Leben vorzieht, nur um schließlich doch im Keller der Gestapo zu landen.

Viele Figuren, die oft unnahbar wirken und deren Charakterisierung wie angerissen scheint, doch genau dieses manchmal Unkonkrete macht ihre Authentizität aus.

Die Sprache es Romans ist einfach, prägnant, wirkt manchmal rau und derbe.

In knapp vier Wochen soll Hans Fallada die Geschichte rund um die Quangels wie im Rausch niedergeschrieben haben. Nicht nur im übertragenen Sinne „wie im Rausch“ – Fallada war schwer morphiumabhängig, alkohol-, nikotin-, kokain- und schlafmittelsüchtig.
Der Dichter und spätere Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, war an der Entstehung des Buches maßgeblich beteiligt. Becher war auch Präsident und Mitbegründer des Kulturbundes, in dessen Besitz sich zahlreiche Prozessakten von exekutierten Widerstandskämpfern befanden. Heinz Willmann, späteres Gründungsmitglied des Aufbau-Verlags und Generalsekretär des Kulturbundes, brachte Fallada die Prozessakten des Ehepaars Otto und Elise Hampel, welches Widerstand gegen das NS-Regime geübt hatte, indem es regimekritische Postkarten und Briefe verbreitet hatte.
Zunächst lehnte Fallada die literarische Verarbeitung ab: „Er selbst habe sich im großen Strom mittreiben lassen und wolle nicht besser erscheinen, als er gewesen war.“ [„Jeder stirbt für sich allein“, Aufbau Verlag, Berlin 2011, Nachwort S. 689, nach: Heinz Willmann: „Steine klopft man mit dem Kopf“, Berlin 1977, S. 294f.]

Doch schließlich gewann Falladas Interesse die Oberhand, er begründete das in einem Essay folgendermaßen:

„Diese beiden Eheleute […] zwei bedeutungslose Einzelwesen im Norden Berlins, […] nehmen eines Tages im Jahr 1940 den Kampf auf gegen die ungeheure Maschinerie des Nazistaates, und das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht.“

Gedenktafel Otto und Elise Hampel, , Amsterdamer Straße 10, Berlin-Wedding

©OTFW, Berlin / WikiCommons, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Die nun im Aufbau Verlag erschienene Ausgabe basiert auf dem Typoskript der Erstausgabe und zeigt den Roman erstmals in ungekürzter Originalfassung.
Die zuvor veröffentlichten Fassungen basierten auf der von Paul Wiegler lektorierten Fassung, die zahlreiche Streichungen enthielt. So fehlte bisher u.a. das 17. Kapitel und zahlreiche Stellen des Textes waren aus politischen und ideologischen Gründen gestrichen worden.
Diese Ausgabe enthält im Umschlag einen Stadtplan, was besonders für die, die Berlin nicht so gut kennen, sehr hilfreich sein kann, den Überblick über die Örtlichkeiten zu wahren.
Dazu kommt ein Anhang mit Glossar, biographischen Daten Falladas, Bildern und Nachwort.
Insbesondere die Bilder der Hampels und die Kopien aus deren Akten lassen die Geschichte noch lebendiger wirken, machen es noch unmöglicher, das Buch als „nur eine Geschichte“ abzutun.

Die Quangels/ Hampels haben anscheinend wie Don Quijote gegen die Windmühlen gekämpft und verloren. Doch heute, fast 70 Jahre später, erinnert man sich an sie; nicht nur in Berlin, sondern dank der Neuauflage des Aufbau Verlags und zahlreicher Übersetzungen sogar weltweit – die Hampels haben es geschafft, dank Hans Fallada zum Bestseller zu werden. Sie sind zu einem Inbegriff von Zivilcourage geworden und ihr Beispiel zeigt uns, dass wir sehr vorsichtig mit dem Vorwurf der Kollektivschuld umgehen sollten.

Titel: Jeder stirbt für sich allein
Autor: Hans Fallada
Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 8 (28. Februar 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3351033491

Denis Avey und Rob Broomby/ Der Mann, der ins KZ einbrach

Ich bin fremdgegangen. Sozusagen ;-).
Die liebe Dorota, auch bekannt als Bibliophilin, hat mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte, für sie das Buch „Der Mann, der ins KZ einbrach“ zu rezensieren.
Klar, hatte ich!
Die Rezension ist nun auf ihrem Blog erschienen und netterweise darf ich sie auch hier noch einmal veröffentlichen.
Die Auseinandersetzung mit dem Buch war überaus interessant, darum an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an dich, Dorota!

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Als Historikerin mit Arbeitsschwerpunkt Nationalsozialismus lese ich viele Bücher zu dem Thema und selbstverständlich auch solche, die nicht unbedingt als Fachliteratur oder als authentische Biographie anzusehen sind. Dabei bleibt allerdings immer ein Funken Skepsis im Hinterkopf aktiviert; man muss wachsam bleiben, darf nicht alles glauben, was einem präsentiert wird, insbesondere dann nicht, wenn es weder belegende Quellen noch Zeugen für das geschilderte Geschehen gibt.
Dieses Buch hat mich in dieser Herangehensart bestätigt.

Denis Avey, geboren 1918 und aus einer wohlhabenden Familie stammend, meldete sich im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger zum Militärdienst und wurde während des Afrika-Feldzugs eingesetzt.
Die Details des Feldzugs sind schier unglaublich und erstrecken sich über die ersten etwas mehr als 100 Seiten des Buchs. Da werden Personen akribisch beschrieben, Fahrzeuge, Gefechtstellungen, das Wetter, Gedankengänge. Zahlreiche Details in Hülle und Fülle, über die man sich in einem Roman nicht wundern würde – aber in einem autobiographischen Werk, das Erlebnisse von vor über 60 Jahren schildert, kommt man angesichts dieser Akribie um das Wundern doch nicht herum. Aber nun gut, vielleicht hat Mr. Avey trotz seiner über 90 Lebensjahre ein unglaubliches Gedächtnis, wer weiß das schon.
Der junge Avey gerät in ein Gefecht, wird verletzt und gefangen genommen und gerät nun auf Umwegen in das Kriegsgefangenenlager E715, das unmittelbar neben dem Konzentrationslager Monowitz (Monowice) liegt, auch bekannt als Auschwitz III. Das Leben im Lager ist nicht leicht, doch nicht mit dem Elend zu vergleichen, dass Avey nebenan, im KZ, erahnt. Er sieht die jüdischen Gefangenen, abgemagert und ausgemergelt. Sie müssen gemeinsam mit den Kriegsgefangenen für die IG Farben arbeiten. Und er lernt den holländischen Juden Hans kennen.
Avey will sich selbst ein genaues Bild vom Leben der Juden in Auschwitz machen und so beschließt er, mit Hans für eine Nacht die Rollen zu tauschen, als Gegenleistung bekommt der Holländer Zigaretten, eine beliebte Währung, mit der sich auch der Kapo bestechen lässt. Lange bereitet Avey sich auf den Austausch vor, rasiert sich die Haare, wird noch dünner. Sie wechseln die Kleidung und so wird aus Avey der Jude Hans. Zum Glück geht alles gut, der Rücktausch klappt, angeblich tauschen er und Hans noch ein weiteres Mal die Rollen. Avey ist über das Erfahrene schockiert und tut nun alles in seiner Macht stehende, um Hans und anderen das Leben ein wenig zu erleichtern. Wie sich das für einen  (angeblichen) Helden eben gehört. „Erzähl ihnen von uns!“, geben ihm die Gefangenen mit auf den Weg.
Doch angeblich will nach Ende des Kriegs niemand die Geschichten vom Elend der Juden hören. Und so schweigt Avey. Schweigt über 60 Jahre lang, bis ihn zufällig der Journalist Rob Broomby ausfindig macht, einen Film über ihn dreht und mit ihm zusammen ein Buch über seine Erinnerungen schreibt.

Der Leser bleibt zurück mit Zweifeln.
Avey war Kriegsgefangener in E715, das zumindest ist zweifelsfrei wahr.
Doch war so ein Personentausch überhaupt denkbar?
Die noch lebenden Zeitzeugen aus beiden Lagern sagen übereinstimmend „nein“.
Und doch will Avey es geschafft haben. Und dann schweigt er so lange? Obwohl ihm doch die Worte der Juden und die Bitte, an sie zu erinnern, so auf der Seele lasten? Und vor allem: Wem hat es genützt? Wem hat diese waghalsige, riskante Aktion genützt, warum sollte jemand so etwas getan haben?
Fragen über Fragen, Zweifel an Zweifel.

Der Jüdische Weltkongress hat ebenfalls Zweifel am Wahrheitsgehalt des Buches, den Verlag zu einer Prüfung der Echtheit der Geschichte aufgefordert und fürchtet eine „Trivialisierung des Holocaust“:
„We are deeply concerned about the charges that a significant part of Mr. Avey’s story, i.e. that he supposedly smuggled himself into the Auschwitz-Buna concentration camp, may be exaggerated if not largely fabricated. If this book turns out to be the latest in a succession of false or partly fictionalized Holocaust tales, following on such hoaxes as Binjamin Wilkomirski’s ‘Fragments: Memories of a Wartime Childhood’ and Herman Rosenblat’s ‘Angel at the Fence’, its publication could be a boon to Holocaust deniers and others who seek to trivialize or disparage the cataclysmic murder of more than 6,000,000 European Jews during World War I.“

Die Gedenkstätte Yad Vashem denkt nicht im Traum daran, Avey auszuzeichnen und lehnt eine Ehrung in der „Allee der Gerechten“  ab, solange nicht eindeutige Beweise für die Echtheit der Geschichte vorliegen (auch wenn Co-Autor Broomby das Gegenteil noch so oft medial verbreitet – was sagt allein das schon über die Glaubwürdigkeit eines unter seiner Mitarbeit entstandenen Buches aus?).
Piotr Setkiewicz vom Museum Auschwitz bezweifelt ebenfalls die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Die britischen Kriegsgefangenen seien zu eindeutig zu erkennen gewesen, selbst wenn sie mit den jüdischen Gefangenen die Kleidung gewechselt hätten. Kaum einer von ihnen sprach Deutsch und die Kapos hätten regelmäßig ihre Gruppen durchgezählt. Dazu die allgegenwärtige SS. Das Risiko, so Setkiewicz, sei einfach zu groß gewesen. Er geht vielmehr davon aus, dass Avey während der Gefangenschaft im Lager E715 Geschichten über Auschwitz gehört und unter anderem daraus seine eigene Geschichte zusammengesetzt hat.

All diese Zweifel fasst die FAZ in einem überaus kritischen Beitrag zusammen: http://www.faz.net/artikel/C30870/umstrittenes-buch-schoa-zum-anfassen-30337614.html

Sicherlich waren allein der Kriegseinsatz und die Gefangenschaft traumatische Erlebnisse. Eine wahrheitsgemäße Schilderung dieser (belegbaren!) Geschehen wären in meinen Augen ausreichend gewesen, um ein Buch zu schreiben. Doch offenbar reicht die Wahrheit allein nicht aus, schon gar nicht, wenn ein ehrgeiziger Journalist mit im Spiel ist.

Unwahrheit im Zusammenhang mit solchen Berichten ist jedoch ein Schlag ins Gesicht all jener, die Opfer des Holocausts geworden sind und ebenso all jener, die an der wahrheitsgemäßen Aufarbeitung des Holocausts und des Nationalsozialismus arbeiten.
Unwahrheit ist, wie es der Jüdische Weltkongress zurecht befürchtet, der Wegbereiter der Trivialisierung eines unmenschlichen, kaum vorstellbaren, grausamen Geschehens, dessen Gedenken es zu bewahren gilt, damit es sich nicht wiederholt.

Vereinzelt findet man eine gute Bewertung dieses Buches, doch vermisse ich dort jegliche kritische Auseinandersetzung mit dem Text. Die Rezensenten haben das Buch wie einen Roman behandelt; es geht ans Herz, also muss es gut sein und was ans Herz geht, kann ja auch nicht gelogen sein … doch, kann es. Ob es in diesem Fall so ist, sei mal dahingestellt, man wird es wohl nie wirklich erfahren, aber gesunde Skepsis im Umgang mit Büchern wie diesem sei wirklich jedem am Thema Interessierten ans Herz gelegt.