Denis Avey und Rob Broomby/ Der Mann, der ins KZ einbrach

Ich bin fremdgegangen. Sozusagen😉.
Die liebe Dorota, auch bekannt als Bibliophilin, hat mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte, für sie das Buch „Der Mann, der ins KZ einbrach“ zu rezensieren.
Klar, hatte ich!
Die Rezension ist nun auf ihrem Blog erschienen und netterweise darf ich sie auch hier noch einmal veröffentlichen.
Die Auseinandersetzung mit dem Buch war überaus interessant, darum an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an dich, Dorota!

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Als Historikerin mit Arbeitsschwerpunkt Nationalsozialismus lese ich viele Bücher zu dem Thema und selbstverständlich auch solche, die nicht unbedingt als Fachliteratur oder als authentische Biographie anzusehen sind. Dabei bleibt allerdings immer ein Funken Skepsis im Hinterkopf aktiviert; man muss wachsam bleiben, darf nicht alles glauben, was einem präsentiert wird, insbesondere dann nicht, wenn es weder belegende Quellen noch Zeugen für das geschilderte Geschehen gibt.
Dieses Buch hat mich in dieser Herangehensart bestätigt.

Denis Avey, geboren 1918 und aus einer wohlhabenden Familie stammend, meldete sich im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger zum Militärdienst und wurde während des Afrika-Feldzugs eingesetzt.
Die Details des Feldzugs sind schier unglaublich und erstrecken sich über die ersten etwas mehr als 100 Seiten des Buchs. Da werden Personen akribisch beschrieben, Fahrzeuge, Gefechtstellungen, das Wetter, Gedankengänge. Zahlreiche Details in Hülle und Fülle, über die man sich in einem Roman nicht wundern würde – aber in einem autobiographischen Werk, das Erlebnisse von vor über 60 Jahren schildert, kommt man angesichts dieser Akribie um das Wundern doch nicht herum. Aber nun gut, vielleicht hat Mr. Avey trotz seiner über 90 Lebensjahre ein unglaubliches Gedächtnis, wer weiß das schon.
Der junge Avey gerät in ein Gefecht, wird verletzt und gefangen genommen und gerät nun auf Umwegen in das Kriegsgefangenenlager E715, das unmittelbar neben dem Konzentrationslager Monowitz (Monowice) liegt, auch bekannt als Auschwitz III. Das Leben im Lager ist nicht leicht, doch nicht mit dem Elend zu vergleichen, dass Avey nebenan, im KZ, erahnt. Er sieht die jüdischen Gefangenen, abgemagert und ausgemergelt. Sie müssen gemeinsam mit den Kriegsgefangenen für die IG Farben arbeiten. Und er lernt den holländischen Juden Hans kennen.
Avey will sich selbst ein genaues Bild vom Leben der Juden in Auschwitz machen und so beschließt er, mit Hans für eine Nacht die Rollen zu tauschen, als Gegenleistung bekommt der Holländer Zigaretten, eine beliebte Währung, mit der sich auch der Kapo bestechen lässt. Lange bereitet Avey sich auf den Austausch vor, rasiert sich die Haare, wird noch dünner. Sie wechseln die Kleidung und so wird aus Avey der Jude Hans. Zum Glück geht alles gut, der Rücktausch klappt, angeblich tauschen er und Hans noch ein weiteres Mal die Rollen. Avey ist über das Erfahrene schockiert und tut nun alles in seiner Macht stehende, um Hans und anderen das Leben ein wenig zu erleichtern. Wie sich das für einen  (angeblichen) Helden eben gehört. „Erzähl ihnen von uns!“, geben ihm die Gefangenen mit auf den Weg.
Doch angeblich will nach Ende des Kriegs niemand die Geschichten vom Elend der Juden hören. Und so schweigt Avey. Schweigt über 60 Jahre lang, bis ihn zufällig der Journalist Rob Broomby ausfindig macht, einen Film über ihn dreht und mit ihm zusammen ein Buch über seine Erinnerungen schreibt.

Der Leser bleibt zurück mit Zweifeln.
Avey war Kriegsgefangener in E715, das zumindest ist zweifelsfrei wahr.
Doch war so ein Personentausch überhaupt denkbar?
Die noch lebenden Zeitzeugen aus beiden Lagern sagen übereinstimmend „nein“.
Und doch will Avey es geschafft haben. Und dann schweigt er so lange? Obwohl ihm doch die Worte der Juden und die Bitte, an sie zu erinnern, so auf der Seele lasten? Und vor allem: Wem hat es genützt? Wem hat diese waghalsige, riskante Aktion genützt, warum sollte jemand so etwas getan haben?
Fragen über Fragen, Zweifel an Zweifel.

Der Jüdische Weltkongress hat ebenfalls Zweifel am Wahrheitsgehalt des Buches, den Verlag zu einer Prüfung der Echtheit der Geschichte aufgefordert und fürchtet eine „Trivialisierung des Holocaust“:
„We are deeply concerned about the charges that a significant part of Mr. Avey’s story, i.e. that he supposedly smuggled himself into the Auschwitz-Buna concentration camp, may be exaggerated if not largely fabricated. If this book turns out to be the latest in a succession of false or partly fictionalized Holocaust tales, following on such hoaxes as Binjamin Wilkomirski’s ‘Fragments: Memories of a Wartime Childhood’ and Herman Rosenblat’s ‘Angel at the Fence’, its publication could be a boon to Holocaust deniers and others who seek to trivialize or disparage the cataclysmic murder of more than 6,000,000 European Jews during World War I.“

Die Gedenkstätte Yad Vashem denkt nicht im Traum daran, Avey auszuzeichnen und lehnt eine Ehrung in der „Allee der Gerechten“  ab, solange nicht eindeutige Beweise für die Echtheit der Geschichte vorliegen (auch wenn Co-Autor Broomby das Gegenteil noch so oft medial verbreitet – was sagt allein das schon über die Glaubwürdigkeit eines unter seiner Mitarbeit entstandenen Buches aus?).
Piotr Setkiewicz vom Museum Auschwitz bezweifelt ebenfalls die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Die britischen Kriegsgefangenen seien zu eindeutig zu erkennen gewesen, selbst wenn sie mit den jüdischen Gefangenen die Kleidung gewechselt hätten. Kaum einer von ihnen sprach Deutsch und die Kapos hätten regelmäßig ihre Gruppen durchgezählt. Dazu die allgegenwärtige SS. Das Risiko, so Setkiewicz, sei einfach zu groß gewesen. Er geht vielmehr davon aus, dass Avey während der Gefangenschaft im Lager E715 Geschichten über Auschwitz gehört und unter anderem daraus seine eigene Geschichte zusammengesetzt hat.

All diese Zweifel fasst die FAZ in einem überaus kritischen Beitrag zusammen: http://www.faz.net/artikel/C30870/umstrittenes-buch-schoa-zum-anfassen-30337614.html

Sicherlich waren allein der Kriegseinsatz und die Gefangenschaft traumatische Erlebnisse. Eine wahrheitsgemäße Schilderung dieser (belegbaren!) Geschehen wären in meinen Augen ausreichend gewesen, um ein Buch zu schreiben. Doch offenbar reicht die Wahrheit allein nicht aus, schon gar nicht, wenn ein ehrgeiziger Journalist mit im Spiel ist.

Unwahrheit im Zusammenhang mit solchen Berichten ist jedoch ein Schlag ins Gesicht all jener, die Opfer des Holocausts geworden sind und ebenso all jener, die an der wahrheitsgemäßen Aufarbeitung des Holocausts und des Nationalsozialismus arbeiten.
Unwahrheit ist, wie es der Jüdische Weltkongress zurecht befürchtet, der Wegbereiter der Trivialisierung eines unmenschlichen, kaum vorstellbaren, grausamen Geschehens, dessen Gedenken es zu bewahren gilt, damit es sich nicht wiederholt.

Vereinzelt findet man eine gute Bewertung dieses Buches, doch vermisse ich dort jegliche kritische Auseinandersetzung mit dem Text. Die Rezensenten haben das Buch wie einen Roman behandelt; es geht ans Herz, also muss es gut sein und was ans Herz geht, kann ja auch nicht gelogen sein … doch, kann es. Ob es in diesem Fall so ist, sei mal dahingestellt, man wird es wohl nie wirklich erfahren, aber gesunde Skepsis im Umgang mit Büchern wie diesem sei wirklich jedem am Thema Interessierten ans Herz gelegt.

Ein Gedanke zu „Denis Avey und Rob Broomby/ Der Mann, der ins KZ einbrach

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