José-Alain Fralon / Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30.000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte.

Die meisten Menschen haben schon einmal von Oskar Schindler gehört, der während des Zweiten Weltkriegs rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bewahrt und ihnen so das Leben gerettet hat. Schindler tat dies jedoch nicht ganz uneigennützig, zumindest anfänglich waren finanzielle Interessen im Spiel.
Doch es ging auch anders, es gab auch Menschen, die völlig ohne Eigennutz halfen.
Einer von ihnen war Aristides de Sousa Mendes.
Er rettete rund 30.000 Menschen, darunter etwa 10.000 Juden, und dennoch ist sein Name bis zum heutigen Tag nur wenigen Menschen außerhalb Portugals ein Begriff.

Das vorliegende Buch befasst sich eingehend mit dem Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes, angefangen bei seiner Kindheit bis weit über seinen Tod hinaus. Detailliert und in angenehm sachlichem Ton schildert der Autor nicht nur das Leben und die äußeren Umstände von Aristides, sondern auch das seiner Familie und macht es so möglich, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der so viel Gutes tat, den die Geschichte jedoch viel zu lange in Vergessenheit ruhen ließ.

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An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass der folgende Text auf Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes Bezug nehmen wird, wie es auch im Buch geschildert ist.
Wer also nichts über den Inhalt des Buches und die Biographie Aristides de Sousa Mendes‘ erfahren möchte, bricht die Lektüre bitte jetzt ab.

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Aristides de Sousa Mendes, geboren 1885, war 1940 portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux.
Flüchtlingsströme aus Deutschland, den besetzten Teilen Frankreichs und des restlichen Europas strömen zu dieser Zeit gen Süden, um über die noch nicht besetzten französischen Teile und via Spanien nach Portugal zu gelangen, von wo aus man sich die Flucht weg vom europäischen Kontinent erhofft.
Doch nach Spanien gelangt nur der, der ein Visum hat …

Der portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, von de Sousa Mendes gerne auch als „der portugiesische Stalin“ bezeichnet, hatte ein Jahr zuvor im Rundbrief „Circular 14“ erlassen, dass für „Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden…“ keine Visa auszustellen seien.
Aristides de Sousa Mendes stürzt dieses Rundschreiben in einen schweren Gewissenskonflikt und in eine schlimme seelische Verfassung. Er sieht täglich die Flüchtlingsströme, er erkennt, was mit ihnen geschehen wird, wenn niemand hilft. Besonders die wachsende Freundschaft mit Rabbi Chaim Krüger lässt ihn mehr und mehr erkennen, was falsch und was richtig ist.
Am 16. Juni, nach drei Tagen Isolation und innerer Einkehr, steht Aristides auf, rasiert sich, kleidet sich an und beginnt, was der Historiker Yehuda Bauer später als „die größte Rettungsaktion, die während des Holocaust von einem einzelnen Menschen durchgeführt wurde“ bezeichnen wird.

„Von nun an werde ich allen ein Visum geben, es gibt keine Nationalitäten, Rassen, Religionen mehr. […] Ich kann nicht zulassen, dass alle diese Menschen umkommen. Viele von ihnen sind Juden, und in unserer Verfassung steht eindeutig, dass Ausländern weder aufgrund ihrer Religion noch ihrer politischen Überzeugung der Aufenthalt in Portugal verweigert werden darf.
Ich habe beschlossen, diesem Prinzip treu zu sein, werde aber nicht zurücktreten. Ich kann dem christlichen Glauben, dem ich angehöre, nur treu bleiben, wenn ich so handle und der Stimme meines Gewissens folge.“

Visum um Visum wird ausgestellt, wie am Fließband wird gestempelt und unterschrieben. Die Nachricht, dass jedermann ein Visum erhalten kann, verbreitet sich wie ein Lauffeuer, immer mehr und mehr Flüchtlinge stürmen die Kanzlei, darunter auch die Familie de Rothschild und Otto von Habsburg, der freilich nicht selbst erscheint, sondern einen Sekretär schickt. Nicht einmal Gebühren erhebt de Sousa Mendes mehr, es muss schnell gehen, Zeit darf nicht verplempert werden, schließlich verstößt er gegen das Gesetz Salazars.
Und dieser erfährt auch bald davon, bereits am 20. Juni fordert die Regierung den Konsul auf, seine Aktivitäten einzustellen, am 23. Juni reist de Sousa Mendes in die Heimat, nicht jedoch, ohne auf dem Weg noch weitere Visa auszustellen und einige Flüchtlinge persönlich über die Grenze zu begleiten.

Am 24. Juni erklärt Salazar sämtliche durch den inzwischen entlassenen Konsul ausgestellte Visa für nichtig, mehr noch, er fordert seine Botschafter auf, in Zukunft nur noch den „reinen Menschen“, also den Nichtjuden, Visa auszustellen.
In Portugal wird Aristides nicht nur seines Amtes enthoben, er wird auch in einem Disziplinarverfahren für schuldig erklärt, sämtliche Gelder, die Pension, sogar seine Lizenz als Rechtsanwalt werden gestrichen. Schlimmer ist jedoch die gesellschaftliche Ächtung, der er und seine gesamte Familie in Zukunft ausgesetzt sein werden; diesbezüglich leistet Salazar ganze Arbeit: Aristides de Sousa Mendes ist nun ein Niemand.

Die ehemals wohlhabende Familie verarmt, ist zeitweise sogar auf die Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen. Gesundheitlich geht es ebenso mit Aristides bergab.
1954 verstirbt er, ohne rehabilitiert zu sein.

Um die Anerkennung der Taten de Sousa Mendes‘ und um seine politische Rehabilitierung müssen seine Nachkommen und Unterstützer lange kämpfen.

Yad Vashem in Jerusalem wird aufmerksam gemacht. Yad Vashem ist die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“, auch die größte Gedenkstätte zur Erinnerung und Dokumentation der Taten nichtjüdischer Personen. Die Verantwortlichen der Gedenkstätte werden mit der Untersuchung des Falles Aristides de Sousa Mendes beauftragt.
1961 wird zu Ehren von Aristides ein Baum in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ gepflanzt – de Sousa Mendes ist bis heute der einzige Portugiese, der in der Allee vertreten ist.
1966 lässt Yad Vashem sogar eine Gedenkmedaille prägen, die Aufschrift lautet: „Für Aristides de Sousa Mendes, das dankbare jüdische Volk“. Auf der Rückseite steht: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die Menschheit“.

Verschiedene amerikanische Zeitschriften berichten über de Sousa Mendes, dies nicht zuletzt, weil die nach Amerika ausgewanderten Familienmitglieder nicht davon ablassen, Aristides rehabilitieren lassen zu wollen. Große Unterstützung erhalten sie von den Kindern Rabbi Krügers und dem portugiesischstämmigen Politiker John Paul, der 1986 eine Petition zur Rehabilitierung von Sousa Mendes initiiert, diese in der New York Times veröffentlicht und an die portugiesische Regierung schickt. 1987 nimmt das amerikanische Abgeordnetenhaus eine Resolution an,  Mitinitiator ist Ted Kennedy.
Auch Otto von Habsburg setzt sich ein und bedankt sich bei den Nachfahren seines Retters:

„Ich möchte Ihnen noch einmal schriftlich mitteilen, dass ich Ihrem Großvater auf ewig dankbar sein werde. Er war ein großer Gentleman, ein Mann von bewundernswertem Mut und Integrität, der seinen Grundsätzen treu blieb, ohne dabei an seine persönlichen Interessen zu denken.
In einer Zeit, in der viele Menschen feige waren, war er ein wirklicher Held des Abendlandes.“

Am 13. März 1988, über 30 Jahre nach dem Tod de Sousa Mendes und fast 50 Jahre nach seinem Einsatz für die Flüchtlinge, wird er durch das Parlament in Lissabon offiziell rehabilitiert.

Die Gesten der Anerkennung mehren sich seitdem. So ist in der Negev-Wüste ein Wald mit etwa 10.000 Bäumen -in Anlehnung an die Zahl der durch de Sousa Mendes geretteten Juden- nach ihm benannt, Straßen und Plätze in Portugal, aber auch in Österreich oder Kanada tragen seinen Namen und seit 2008 initiiert der Verein Vision und Verantwortung e.V. eine Ausstellung.

Vor zwei Jahren erschien unter dem Titel „Désobéir“ (engl: The consul of Bordeaux) ein Film über Leben und Handeln von Aristides de Sousa Mendes. José-Alain Fralon, Autor der Biographie, war als Drehbuchautor maßgeblich an der Entstehung des Films beteiligt.

Eine Leseprobe des Buches findet sich auf der Verlagsseite.

Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
Verlag: Urachhaus; Auflage: 1 (13. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3825177683

Herzlichen Dank an BloggDeinBuch.

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