Roma Ligocka / Die Handschrift meines Vaters

Jeder, der den Film „Schindlers Liste“ gesehen hat, wird sich an das kleine Mädchen im roten Mantel erinnern.
Roma Ligocka war dieses kleine Mädchen; sie besaß einen roten Mantel, sie irrte bei der Räumung des Krakauer Gettos durch die Straßen.
Als sie gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden bei der Premiere den Film „Schindlers Liste“ sieht, erkennt sie sich wieder und beginnt, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Dies tut sie zunächst in dem wunderbar geschriebenen und sehr berührenden Buch „Das Mädchen in dem roten Mantel“ (Rezension von Ada Mitsou), doch damit ist die Vergangenheitsbewältigung noch nicht vollendet, denn die Bekanntheit, die ihr nun zuteil wird, birgt auch Schattenseiten.

Erst ein seltsamer Anruf, dann ein Brief.

„Es gibt Briefumschläge, die signalisieren: Es ist nichts Gutes darin. Man mag sie gar nicht öffnen.
[…]
Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich tun werde, wenn jemand diese alte Geschichte herausholen sollte. Die Wahrheit ist: Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Selbst mit mir selber nicht. Möglicherweise habe ich das Unglück meiner Familie mein Leben lang mit mir herumgetragen – seitdem ich sieben Jahre alt war.“

Roma öffnet den Brief, er bezieht sich auf den Anruf, anbei ein Zeitungsartikel mit Fotos ihrer Eltern und einem Text, der sie wie ein Keulenhieb trifft:

„Der Vater der Bestsellerautorin Roma Ligocka, deren Buch über eine Kindheit im Holocaust in der Welt bekannt geworden ist, soll ein Kapo im Lager gewesen sein. Angeblich hat er Menschen geschlagen und in den Tod geschickt. Nach dem Krieg ist er verhaftet worden und starb kurze Zeit später im Gefängnis.“

Roma macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.
War ihr Vater wirklich ein grausamer Kapo? Obwohl doch Menschen, die mit ihm im Lager waren, etwas ganz anderes berichten?

In „Die Handschrift meines Vaters“ geht es nicht nur um die Spurensuche an sich, sondern vor allem um das Gefühlsleben von Roma Ligocka, dass sie wunderbar zu Papier zu bringen versteht. Es handelt sich nicht um eine stringente Erzählung, nicht um einen schieren Bericht, viele Passagen sind eher tagebuchartig, psychologisch angehaucht, sehr emotional und stark auf das Umfeld, das Drumherum während der Spurensuche, konzentriert.
Mir gefällt genau dieser Aspekt, mir gefällt die Art, wie hier ein schweres Trauma aufgearbeitet wird und mir gefällt, wie die Autorin schreibt.
Manches hätte vielleicht etwas anders angeordnet sein können, manche Abschnitte wären vielleicht nicht nötig gewesen, aber alles in allem halte ich das Buch für sehr lesens- und empfehlenswert.

Leseprobe: „Die Handschrift meines Vaters“.

Autorin: Roma Ligocka
Titel: Die Handschrift meines Vaters
Broschiert: 335 Seiten
Verlag: Diana
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3453351615

Ein Gedanke zu „Roma Ligocka / Die Handschrift meines Vaters

  1. <3 k.arla <3

    Wie interessant – ich wusste nicht, dass sie noch ein Buch geschrieben hat. Ich habe soeben erst „das Mädchen im roten Mantel“ fertig gelesen, es hat mich tief bewogen. Ihre Schreibweise war mir sehr sympathisch. Danke für die Rezension!

    Antwort

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