Archiv für den Monat April 2012

[Gastrezension] Lukas Hartmann / Finsteres Glück

Ich freue mich sehr, euch heute erneut eine wunderschöne, gefühlvolle Gastrezension von Amy vorstellen zu dürfen.

Lukas Hartmann: Finsteres Glück   ©Diogenes VerlagSchon recht weit am Ende angelangt, notierte ich mir – einer spontanen Eingebung folgend – meinen eigenen, wesentlich optimistischer gefärbten Titel für dieses kleine, feine Buch: „Familienzusammenführung“ (leider verkauft sich Spektakuläres besser).
Denn obwohl der Kern des Plots exakt das Gegenteil dessen bildet, nämlich die tragische, plötzliche Zerstörung einer fünfköpfigen Familie, einen fürchterlichen, abrupten Riss, dreht sich am Ende doch alles nur darum: Um das, was geblieben ist, zu kitten, zu heilen, die scheinbar nicht (mehr) passenden Bausteine doch wieder irgendwie zusammen zu basteln.
Die alte, verlorene Familie durch ein völlig neues Konstrukt zu ersetzen, mühsam … gewagt, unorthodox.

Ein achtjähriger Junge, Yves, wird Zeuge eines Autounfalls, bei dem sämtliche Mitglieder seiner Familie – Vater, Mutter, Schwester, Bruder – auf dem Heimweg von einer gemeinsam bestaunten Sonnenfinsternis ums Leben kommen. Yves kleine, heile Welt, die längst doch schon keine mehr war, hört binnen weniger Sekunden auf zu existieren. Der Familienwagen bricht in einem Tunnelabschnitt aus unerfindlichem Grund plötzlich aus und kracht ungebremst an die Wand.
Nur Yves überlebt die Tragödie und droht an ihr zu zerbrechen, ins Wahnhafte abzudriften, in der verzweifelten Hoffnung, die geliebten Toten durch imaginäre Gespräche ins Leben zurück zu rufen.
Es ist Aufgabe der erfahrenen Trauma-Psychologin Elaine, und ihr schon bald ein Herzensanliegen, seinen überwältigenden Schmerz über den erlittenen Verlust ins Bewusstsein zu locken, damit er betrauert und integriert werden kann in ein kleines Leben, das ebenfalls zu verlöschen droht.

An Kastanien dachte ich, an Moorwasser, in dem sich der Herbstwald spiegelt …

Die unidentifizierbare Farbe von Yves Augen lässt Elaine nicht mehr los, irgendetwas in ihm rührt sie über alle Profession hinaus und lässt mehr und mehr die Mutter in ihr zu Tage treten.
Eine Mutter, die mit ihren beiden Töchtern in ihrem eigenen Kampf gegen Ablösung, Widerstand, Emanzipation gefangen ist und die mit deren unterschiedlichen Vätern noch längst nicht abgeschlossen hat. Diese fragmentarische Kleinfamilie bildet den Kontrast zu dem für immer Verlorenen. Auch die lebendige Kleinfamilie ist in Auflösung begriffen, sehr zerbrechlich; aber auf einmal ist da Yves – und durch die unfassbare Tragödie, die ihn wie ein schwerer Mantel umhüllt, gelingt es ohne sein eigenes bewusstes Zutun, das in Starrsinn und Sturheit aneinander geschmiedete Dreiersystem langsam aufzuweichen.

Das ist schön zu lesen, herzerwärmend und niemals platt oder billig pathetisch, gar voyeuristisch.
Yves droht an seinem unausgesprochenen Schmerz zu ersticken, man kann es fast körperlich spüren – und wie die drei Mitglieder der (noch) heilen Familie sich erst mit Mitleid und dann mit Liebe und Intuition einbringen, jedes auf seine eigene Weise, um dadurch selbst ungewollt wieder ein Stück weit zusammen zu rücken, das geht schon ans Herz.
Hilfe der (hilflosen) Außen- und doch Nahestehenden kann nur insoweit geleistet werden, als sie eben präsent sind, intensiv und doch geduldig an seiner Seite abwarten, und sich im entscheidenden Moment ungefragt und bereitwillig als Auffangbecken für Tränen, Geschrei, Wutanfälle und den ewigen brennenden Schmerz zur Verfügung stellen.
Mehr kann nicht getan werden.

Dieses Buch über eine Horrorerfahrung, vor der niemand von uns gefeit sein kann, ist zugleich ein positives Beispiel für einen würdevollen, achtsamen Umgang mit den Geschädigten, den Leidenden – ob wir nun selbst unmittelbare Betroffene, LeidTRAGENDE, sind oder „nur“ schreckerstarrte Beobachter.
Letztendlich rückt ein jeder Einzelne der sich um Yyes behutsam kümmernden Parallel-Familie ab vom eigenen Egoismus, von den Ärgernissen und Nichtigkeiten des eigenen Alltags und wird dadurch ein winziges bisschen erhöht zu einem besseren, einem mitfühlenden, mitleidenden Menschen.
Und ganz am Schluss, soviel sei hier verraten, wird sich die Kleinfamilie vergrößert haben.

Fazit:
Für mich persönlich ist es wichtig, dass Bücher von Leid und Elend und dem Umgang mit beidem so wahrhaftig wie möglich erzählen. Ohne Beschönigung, ohne Theatralik, ohne romantisierendes Beiwerk; meiner Ansicht nach beherrschen Bücher und Traktate über großherzige Möchtegern-Heldentaten und den Sehnsuchtswünschen nach einem möglichst leicht zu lebendem Leben leider zu unrecht den Markt. Ich brauche, ja, mich hungert nach Literatur, die von Leid und leidvoller Erfahrung exakt so berichtet, dass sie mich nicht in tiefer Niedergeschlagenheit regunglos verharren lässt, sondern mir bei aller bedrückender Beschreibung von Tod und Düsternis auch immer noch Hoffnung schenkt und mich dazu anspornt, auf meine eigene bescheidene Art und Weise das Leid der Welt wenigstens ein klitzekleines bisschen zu lindern.
Vielleicht auch deshalb der Titel „Finsteres Glück“.
Um die Feinheit und Klarheit der Sprache des Autors deutlich zu machen, hier ein kurzer Textauszug:

Wolken, die an nasse Lappen in ausgewaschenen Farben erinnerten, alles mit Graustich, und dann, wie eine blendende Faust, die dazwischenschlug, das kurze Erscheinen der Sonne.


Bitte unbedingt lesen!!!

***

Titel: Finsteres Glück
Autor: Lukas Hartmann
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257240948

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Robert Harris, der UNESCO-Welttag des Buches und ich

Fröhlichen Welttag des Buches wünsche ich euch allen!

Tag des Buches ©buchjunkie.wordpress.com

Seit 1995 ist der 23. April der UNESCO Welttag des Buches. In diesem Jahr gab es nun erstmals die Aktion „Lesefreunde“.

Die Freude und die Lust am Lesen millionenfach teilen – das ist das Ziel der „Lesefreunde“, einer Aktion, die jetzt erstmalig gemeinsam von der Stiftung Lesen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und deutschen Buchverlagen initiiert wurde.

33.333 Lesefreunde haben insgesamt eine Million Bücher zur Verfügung gestellt bekommen, um sie am heutigen Tag zu verschenken.
Ich habe mich auch als Lesefreund beworben und so hielt ich vor einiger Zeit ein Paket mit 30 Sonderausgaben des Romans „Ghost“ von Robert Harris in den Händen.
Hierüber habe ich mich besonders deswegen gefreut, weil ich das Buch schon vor längerer Zeit gelesen habe und es großartig fand, ebenso wie die Verfilmung von Roman Polanski mit Ewan McGregror und Pierce Brosnan in den Hauptrollen ;-).

Bewaffnet mit meinem Buchpaket machte ich mich also letzte Woche auf den Weg.
Erste Station: Mein Haus. Ich wohne ja erst seit ein paar Monaten wieder in Berlin, und habe, was die Nachbarn angeht, einen richtigen Glückstreffer gelandet. Die Atmosphäre hier im Haus ist toll und weil das nicht selbstverständlich ist, weiß ich es umso mehr zu schätzen. Deswegen waren meine lieben Nachbarn die ersten, die ich mit einem Buch beglücken durfte und sie waren allesamt überrascht und haben sich sehr gefreut.
Weiter ging es in das Institut, in dem ich arbeite. Erst waren die lieben Kollegen dran, danach ein Seminar voller Erstsemester und im Anschluss die lieben Damen der Institutsbibliothek. Auch hier war die Freude riesig, was ganz sicher auch daran lag, dass der Roman, der Autor und die Verfilmung einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und man so einfach ganz schnell ins Gespräch kommt.
Am Ende des Tages dann unbekanntes Revier: Die Tram. Ich hatte ja so meine Zweifel, ob das Verschenken dort ebenso laufen würde wie in bekanntem Terrain, aber diese Zweifel waren vollkommen unbegründet. Die Leute haben sich riesig gefreut, niemand hat ablehnend oder skeptisch reagiert, ich bin die gesamten 40 Minuten Fahrzeit in angenehme Gespräche verwickelt worden, über Bücher, über das Verschenken, über alles mögliche. Nebenbei konnte ich beobachten, dass die meisten Leute das Buch unmittelbar aufschlugen und direkt zu lesen begannen, aber auch, dass vorher wildfremde Menschen, die nun nebeneinander saßen und beide dieses Buch in der Hand hielten, miteinander ins Gespräch kamen.
Ein paar Exemplare waren noch übrig und befinden sich nun auf dem Postweg zu Leuten, von denen ich glaube, dass auch sie sich freuen werden.

Mit Erstaunen las ich also heute einen Beitrag Literaturcafé, der ein so ganz anderes Verschenk-Erlebnis schildert und nicht gegensätzlicher zu den Erfahrungen sein könnte, die ich gemacht habe.
Natürlich drängt sich da die Frage auf: Wie kommt das?
Liegt es am Buch? Denn zweifellos dürfte „Agnes“ einen etwas geringeren Bekanntheitsgrad haben als „Ghost“. Liegt es vielleicht an einer anderen Mentalität, ist Berlin womöglich generell aufgeschlossener und buchaffiner? Oder liegt es an der Art des Verschenkens?
Mir hat es einfach riesigen Spaß gemacht, die Bücher zu verschenken und ich glaube, genau das habe ich den Leuten auch vermittelt. Ich hoffe, dass die Bücher allesamt ein schönes neues Zuhause gefunden haben. Erstes Feedback gab es auch schon, eine Nachbarin erzählte mir, sie habe das Buch in einer Nacht verschlungen und am Freitag kam ich morgens im Büro mitten hinein in eine angeregte Diskussion über das Buch.

Für mich war die Aktion der Lesefreunde ein voller Erfolg und ich gehe mit einem durchweg positiven, schönen Schenk-Erlebnis daraus hervor.

Nachtrag:
Was ich übrigens überhaupt nicht ok finde, weil es dem Sinn der Verschenk-Aktion absolut widerspricht, ist, dass „Verschenker“ ihre Titel in Tauschbörsen oder bei eBay reinsetzen. Dazu fällt mir vieles ein, aber im Sinne der Jugendfreigabe meines Blogs verzichte ich jetzt auf jeden weiteren Kommentar dazu.

Kein gutes Lesejahr

read the unread ... ©sugakusha / Flickr unter CC BY-NC-SA 2.0-LizenzWie der Titel schon sagt, ist 2012 bislang kein gutes Lesejahr für mich. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann ich (seit ich des Lesens mächtig bin) jemals so wenig gelesen habe. Allerdings kann ich mich auch nicht erinnern, je so viel gearbeitet zu haben, womit wir auch bei der Erklärung des Übels wären. Mein derzeitiges Pensum liegt bei rund 60 Arbeitsstunden die Woche, Wochenenden sind inzwischen auch reguläre Arbeitstage geworden und abends warten dann noch private Verpflichtungen, sodass ich im Grunde nur noch in der Tram zum Lesen komme und selbst dort ziehe ich es ab und an vor, mich einfach von Musik berieseln zu lassen.  Für mich ist das eine neue Erfahrung, denn sonst waren Bücher Erholung, Auszeit, Feierabend – und nun bin ich meist zu müde und jeder Versuch, im Bett noch ein paar Seiten zu lesen, endet damit, dass ich über dem Buch einschlafe. Vielleicht wäre das anders, wenn ich nicht arbeitstechnisch so viel lesen müsste (ich unterscheide da sehr strikt zwischen beruflichem und privaten Lesen, alles andere wäre Käse). Diese Leseflaute hält nun seit meinem persönlichen Waterloo schon 7 Monate an und ich hab ein arg schlechtes Gewissen, denn einige Bücher warten nun also seit 7 Monaten darauf, endlich rezensiert zu werden.

Kennt ihr so etwas auch? Habt ihr das vielleicht auch schon mal erlebt, dass sich die Lebensumstände so gravierend verändern, dass euer bis dahin liebstes Hobby darunter leidet? Und, was für mich eigentlich relevanter ist: Hat sich das irgendwann wieder gelegt?