Archiv für den Monat Mai 2012

Benedict Wells / Fast genial

Lieber Benedict,

ich sag jetzt einfach mal „du“, weil ich die Ältere von uns beiden bin (wenn auch nur unwesentlich älter 😉 ).
Du schuldest mir 3,00€. Und wenn wir schon dabei sind, wäre eine schriftliche Entschuldigung für mich auch nicht schlecht.
Dank dir und deines Buches habe ich nicht nur einen außerplanmäßigen Ausflug in das Berliner Umland gemacht (weil ich mich so festgelesen hatte, dass ich meine Haltestelle um lockere 20 Minuten verpasst habe), nein, ich werde vermutlich noch einige Wochen eine ganz bestimmte Buslinie großräumig meiden. Die Haarfarbe habe ich sicherheitshalber auch gleich gewechselt, so kann ich wenigstens nicht mehr als „die wirre Blonde, die ein Buch anbrüllt“ identifiziert werden. Vielleicht solltest du gleich einen Warnhinweis auf das Buch kleben lassen: „Bitte nicht die letzten Seiten in der Öffentlichkeit lesen, dies kann zu unkontrolliertem, lautstarkem Leseverhalten führen“.
Und für den Fall, dass mich trotz neuer Haarfarbe jemand erkennt, hätte ich dann gerne die schriftliche Entschuldigung, so als Ausgleich für diesen blutdruckerhöhenden letzten Absatz, normalerweise schreie ich Bücher nämlich nicht an, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen die 3,00€ für den Rückfahrschein aus der Tarifzone C. Wobei ich darüber mit mir reden lassen würde, ein Kaffee täte es notfalls auch. 😉

Herzlichst
deine Grete

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„Fast genial“ – damit ist der Protagonist des Buches, Francis Dean, gemeint. Das Buch selbst hätte, ginge es nach mir, durchaus den Titel „Absolut genial“ verdient, denn selten bin ich so in eine Geschichte abgetaucht, dass ich wirklich alles um mich herum vergessen habe, selten hat mich ein Autor so mit seinen Formulierungen auf eine Reise mitgenommen, selten sitzt jedes Wort so perfekt wie in diesem Buch.

Francis ist knapp 18 Jahre alt und lebt mit seiner psychisch kranken und ständig suizidgefährdeten Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey. Wirkliche Zukunftsperspektiven hat er nicht, denn seit der Scheidung der Mutter ist es nur bergab gegangen und während seine Mutter mehr Zeit in Kliniken verbringt als Zuhause, weiß Francis nichts mit sich anzufangen und hat keine Ziele.
Dann lernt er, passenderweise in der Psychiatrie, die labile Anne-May kennen und erfährt zeitgleich von den Umständen seiner Zeugung: Offenbar wurde er nicht von einem Versager gezeugt und im Stich gelassen, sondern er ist das Ergebnis eines gewagten und absurden Experiments, das als „Samenbank der Genies“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Sein Vater soll ein preisgekrönter, herausragender Wissenschaftler sein.
Und auf einmal wendet sich für Francis das Blatt. Er will unbedingt seinen Vater kennenlernen und macht sich zusammen mit Anne-May und seinem besten Freund Grover auf den Weg quer durchs Land, zur Westküste, um herauszufinden, wer er eigentlich ist …

Francis‘ tragisch-komische Geschichte und seine roadtripartigen Erlebnisse auf der Suche nach dem Vater und nach sich selbst haben mich zutiefst berührt, amüsiert und mitgenommen.
Benedict Wells hat ein atemberaubendes Gespür für Sprache und Handlung, überrascht mit immer neuen Entwicklungen, sodass keine Langeweile aufkommt, allenfalls ein Moment Zeit bleibt, um durchzuatmen, bevor es rasant weiter geht. Vermutlich war es der größte Coup des Diogenes-Verlags, diesen jungen Autor direkt unter Vertrag zu nehmen („Fast genial“ ist nun sein dritter Roman), denn ich wage mir kaum auszumalen, welche Geschichten, Worte und überraschende Handlungen noch von ihm zu erwarten sind – und ich kann es kaum erwarten, sie zu lesen!

Der erste Satz:

„Ich werde fliehen!“

Satte fünf Sterne für „Fast genial“, das die Bewertungsmesslatte für alle anderen Bücher in diesem Jahr schier unerreichbar hoch angelegt hat.

Autor: Benedict Wells
Titel: Fast genial
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Diogenes
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3257067897

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