Maya Onken/ Nestkälte. Vom Lügen, Betrügen und Verzeihen.

Maya Onken: Nestkälte. Alé führt eine festgefahrene Ehe und so kommt es zu dem, was eigentlich zu vermeiden ist, nämlich einem Seitensprung. Zu groß ist die Kälte innerhalb der Beziehung, zu sehr vermisst Alé (als Stellvertreterin für viele sich als vernachlässigt betrachtende Ehefrauen) das Prickeln, die Spannung, die Begierde. Und doch wünscht sie sich eigentlich nichts mehr, als mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter ein glückliches Leben zu führen.

Er scheint in einer anderen Welt zu leben. Am Morgen geht er in seine Computerfirma, und am Abend kommt er zwar nach Hause, aber seine Gehirnausläufer sind immer noch im Office. Er quatscht mich und Lea dann voll über Meetings, den doofen Chef, den idiotischen Programmierer. Er erzählt von der Implementierung eines neuen Programms bei einem wichtigen Kunden und kündigt somit seine nächsten Absenzen an – und merkt dabei nicht, dass ich beim Friseur war und extra für ihn den Lippenstift weggelassen haben.

Die Problematik werden sicher viele kennen, die sich in langjährigen Beziehungen befinden oder befunden haben. In unserer Gesellschaft ist das „… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ längst überholt. Wir leben schneller, wir leben intensiver, wir erwarten mehr – auch von unseren Beziehungen. Und wenns total schief geht, gibts ja noch die Scheidung … (an dieser Stelle mag mir ein Hauch Zynismus verziehen sein). Anstatt aktiv zu reparieren, wird zerstört und alles auf Anfang gesetzt.
Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und sage (ebenso wie die Autorin es m.E. transportiert):
Jeder steht irgendwann mal auf einer der beiden, wenn nicht sogar auf beiden Seiten – als der, der betrügt und der, der betrogen wird. Beides ist schwer, beides tut weh, mit beidem müssen alle Beteiligten fertig werden. Dass das nicht immer einfach ist, versteht sich wohl von selbst.

Maya Onken hat mit diesem Buch ihren zweiten Roman über Alé und deren Liebesleben abgeliefert, auch wenn „Ratgeberroman“ wohl besser passt, wie es der liebe Flattersatz in seiner Rezension so schön gesagt hat. So gibt es zum Buch dazu ein kleines Büchlein im Hosentaschenformat, in dem die Autorin alle Seiten der Dreiecksbeziehungen beleuchtet, auch die unvermeidliche Schuldfrage, und wertvolle Hinweise gibt und Beratungsstellen nennt. Wer will schließlich schon beim Fremdgehen erwischt werden (sorry, wieder dieser zynische Unterton …).
Auch schlägt Maya Onken im gesamten Buch einen Ton an, den ich irgendwo zwischen erzählend, beratend und aufklärend-erläuternd anordnen würde; manchmal ist mir die Sprache zu gewollt, irgendwo zwischen flappsig und hochgestochen; in jedem Fall ein für mich gewöhnungsbedürftiger, ungewöhnlicher Schreibstil.
Man merkt ihrer Schreibe deutlich den pädagogischen Background an.
Maya Onken lässt ihre Protagonistin alles analysieren, reflektieren, auswerten – für meinen Geschmack ein wenig zu sehr, worunter auch die erzählerische Ebene leidet. Für alles hat sie Fallbeispiele in Form von Freundinnen, alles wird bis ins Kleinste auseinandergenommen und systematisiert. Vielleicht wäre eine Markierung als Ratgeber treffender gewesen; ich sortiere das Buch hier im Blog kurzerhand in beide Rubriken ein, als Ratgeber UND als Roman.

Es ist mir, trotz eines guten Beginns, nicht gelungen, eine Verbindung zu Alé aufzubauen, weder im Positiven noch im Negativen. Ich blieb nach dem Lesen zurück mit dem Gefühl: Joa. Nett. Aber ein Roman war das jetzt nicht wirklich und eine Initialzündung hat das Buch auch nicht ausgelöst.
Wenn überhaupt, haben mich einige Dinge ziemlich sauer gemacht und daran erinnert, dass ich in meinem Denken und Beziehungsleben offenbar naiv-konservativ bin und nicht schwarz-weiß denke; bei Problemen gibt es in meinen Augen immer zwei Beteiligte und Probleme sind auch nur zu lösen, indem beide daran arbeiten. Gemeinsam. Keiner sollte sich für den Partner aufgeben, aber beide müssen sehr wohl investieren: Gefühle, Zeit, Achtsamkeit.
So gesehen muss ich der Autorin dann doch zugestehen, dass sie mich schon emotional gepackt hat – wenn auch wohl anders als erhofft.

Um es deutlich zu sagen: Ich habe ja in den letzten Jahren einiges zur grundlegenden Thematik gelesen (aufmerksamen LeserInnen wird dies wohl nicht entgangen sein und sie werden ihre -wohl treffenden- Rückschlüsse gezogen haben …) und sollte ich ein Buch empfehlen – „Nestkälte“ wäre es wohl eher nicht.
Das mag bei jemandem, der sich noch so gar nicht mit Affairen, Seitensprüngen, Beziehungsdramen und dergleichen, vor allem deren Folgen befasst hat, ganz anders sein und ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch vielen Frauen in festgefahrenen Beziehungen helfen kann, sich zu sortieren.
Ich war dafür offenbar nicht die richtige Leserin, vielleicht gerade weil ich nicht unbelastet an das Thema herangehen konnte.

Maya Onken: Nestkälte.

Ich gebe dem Buch drei Sterne. Auch wenn ich mit der Protagonistin nicht warmgeworden bin, ist es stilistisch doch interessant zu lesen und sprachlich sauber aufgebaut.
3sterne

Eine sehr schöne (und wie immer umfassende) Rezension zu dem Buch gibt es beim lieben Blogger-Kollegen Flattersatz zu lesen, auf den ich an dieser Stelle nachhaltig verweisen möchte, allein schon, um auch die männliche Sicht auf das Buch kennenzulernen😀.

Autorin: Maya Onken
Titel: Nestkälte. Vom Lügen, Betrügen und Verzeihen.
Broschiert: 250 Seiten
Verlag: Xanthippe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3905795240

2 Gedanken zu „Maya Onken/ Nestkälte. Vom Lügen, Betrügen und Verzeihen.

  1. Ursula Kahi (@hevosia)

    Vielen Dank für deine – wie immer! – sehr interessante Besprechung.
    Ich finde es immer wieder spannend, wie unterschiedlich Bücher ankommen. Die Quintessenz von Flattersatz ist eine Empfehlung. Du bist damit nicht warm geworden. Das macht mich eigentlich fast neugieriger auf das Buch, als wenn ihr euch einig wärt.
    Eine Frage liegt mir aber noch auf der Zunge: Welches Buch zum Thema WÜRDEST du denn empfehlen?

    Lieber Gruss, Ursula

    Antwort
    1. Grete_o_Grete Autor

      Das kommt ganz drauf an, für welchen Teil dieser kniffligen Variationen du dich interessierst. Ich glaube, dazu quatschen wir am besten mal auf FB😉
      Bei „Nestkälte“ schwanke ich wirklich sehr. Ich merke doch, es hat mich emotional am Kragen gepackt, auch wenn ich damit nicht warmgeworden bin, aber es beschäftigt mich. Da musst du dir vielleicht selbst einen Eindruck verschaffen, als Schweizerin hast du zu dem Schreibstil sicher noch einmal einen ganz anderen Zugang (im Buch sind übrigens auch Schweizer Anlaufstellen genannt).

      Antwort

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