Archiv der Kategorie: Biographie/ Autobiographie

Annick Cojean/ Niemand hört mein Schreien: Gefangen im Palast Gaddafis

„Die vorliegenden Recherchen verdanken viel dem Engagement einer mutigen, unabhängigen Libyerin. Einer Rebellen-Anführerin, die sich vom ersten Tag an mit Leib und Seele der Revolution verschrieben hat und jede Gefahr auf sich nahm, um in aller Diskretion und Zurückgezogenheit Frauen in größter Not zu helfen; Frauen, die Opfer dieses schändlichen Verbrechens waren, das von Gaddafi selbst verübt oder von ihm befohlen wurde und das anzuerkennen Libyen sich bis heute schwertut.“

Annick Cojean - Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis

Wir schreiben das Jahr 2013.
Während in Deutschland Frauen um die Frauenquote kämpfen und die tatsächliche gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau erarbeiten, Sexualdelikte jedweder Form geahndet werden und Gewalt ebenfalls, leben nicht weit entfernt von uns, aber anscheinend in einer vollkommen anderen Welt, Frauen, die sich nicht zeigen dürfen. Deren Missbrauch und Folter von der Gesellschaft als Schmutz, als eigenes Fehlverhalten, als Schande betrachtet werden. Die mit dem Leben bezahlen müssen, weil ihnen Gewalt angetan wurde.

Die Revolution in Libyen haben wir wohl alle mitbekommen, über Nachrichten, Twitter, Facebook. Live-Streams aus einem Krieg, Krieg 2.0.
Zu der Zeit lebte ich in der Schweiz und hatte seit 2008 eifrig jede Information über Libyen und Gaddafi gelesen. Die Schweizer Berichterstattung war eine vollkommen andere als die in Deutschland; hatte ich in Deutschland vielleicht ab und an mal den Namen Gaddafis gehört, tauchte er in der Schweizer Medienlandschaft praktisch jeden Tag auf, vor allem in der Romandie, wo sich der Gaddafi-Clan nicht selten persönlich herumtrieb.
Ich würde sagen, dass ich relativ gut informiert war über Gaddafis Diktatur und Politik.
Was ich jedoch in diesem Buch las, und was immer häufiger auch in der internationalen Berichterstattung belegt wird, schuf neue Dimensionen.

„Muammar al-Gaddafi propagierte einen aufgeklärten Islamismus und die Gleichberechtigung der Frau, offiziell existierte unter Gaddafi keine Gewalt gegen Frauen – dabei, so wird nun bekannt, hielt der Diktator über Jahrzehnte unzählige Mädchen und Frauen im Keller seines Palastes gefangen, misshandelte und missbrauchte sie.“

Nach außen Verteidiger der Frauen, in Wahrheit ihr schlimmster Gegner; Prediger und Vater des modernen Islamismus, aber hinter der Mauer ein Säufer, Drogenabhängiger, der im Rausch Frauen, aber auch Männer missbrauchte und erniedrigte, das war Gaddafi.
Gefiel ihm eine junge Frau, die er bei einem öffentlichen Anlass sah (so besuchte er z.B. nur aus diesem Grund Schulen und Universitäten), legte er ihr die Hand auf den Kopf. Das war das stumme Zeichen für seine Gefolgschaft, ihm dieses Mädchen, und sei es noch so jung, zu eigen zu machen. Es in seinen Keller zu verschleppen, seiner Familie zu entreissen und ihm den Glauben an das Gute für immer zu zerstören. Dabei halfen ihm zahlreiche Machtbesessene; Männer, erschreckenderweise aber auch viele Frauen.
In jeder Stadt, sogar unterirdisch auf dem Campusgelände der Universität in Tripolis, hatte Gaddafi seine „Folterkammern“: Zimmer mit Bett, Bad und Sex“spielzeug“, die er zwischen Politik und Show täglich mehrmals aufsuchte, denn er konnte nie genug bekommen. Nicht genug von Frauen, von Männern, von Drogen, Alkohol, von Macht, es war nie genug.

Ich kann und möchte dieses Buch nicht bewerten.
Stilistisch mag es seine Schwächen haben, das ist recht offensichtlich, doch sind sein Inhalt und seine Intention über diese Schwächen erhaben.

Es ist ein Zeitzeugnis, das ich für wichtig und absolut lesenswert halte und über das zu schreiben mir schwer fällt. Die Ausmaße Gaddafis Tyrannei sind entsetzlich und ebenso, wenn nicht sogar noch viel entsetzlicher, ist die Tatsache, dass seine weiblichen Opfer bis heute statt Gerechtigkeit nur Schweigen ernten – im besten Fall. Im schlimmsten Fall Schande und Tod.
Es ist mir unbegreiflich, dass es auch im neuen, postrevolutionären Libyen keine Gerechtigkeit, nicht einmal Akzeptanz für die vielen von Gaddafi und seinem Clan misshandelten, vergewaltigten, erniedrigten und gequälten Frauen gibt.

„Und auf der ganzen Welt werden Frauen weiterhin schweigen. Schamhafte Opfer eines Verbrechens, das ihren Körper zu einem Machtobjekt oder zu einer Kriegsbeute macht. Sie sind die Zielscheibe von Raubtieren, denen unsere Gesellschaften, von den barbarischsten bis zu den höchstentwickelten, immer noch eine erbärmliche Nachsicht entgegenbringen.“

Umso wichtiger, dass wenigstens einige wenige nicht schweigen und den Mut haben, die Welt über das aufzuklären, was geschah.
Ich ziehe meinen Hut vor all den Frauen und den wenigen Männern, die der Journalistin Annick Cojean bei der Entstehung dieses Buches halfen und so den Opfern, wenn schon nicht Gerechtigkeit, so doch wenigstens Gehör verschafften.

„Ich entdeckte, dass der in einer Familie armer Beduinen geborene Diktator mit dem Sex regierte, besessen von der Vorstellung, eines Tages auch die Frauen oder Töchter der Reichen und Mächtigen, seiner Minister und Generäle, die von Staatschefs und Souveränen zu beschlafen. Den Preis dafür wollte er bezahlen. Jedweden Preis. Da kannte er keine Grenzen.
Aber darüber zu reden ist das neue Libyen nicht bereit. Tabu! Dabei zögert man keineswegs, Gaddafi zu belasten und zu fordern, dass die zweiundvierzig Jahre seiner absoluten Macht mit all ihren Schändlichkeiten ans Licht kommen. Man spricht von den Misshandlungen der politischen Gefangenen, den Ausschreitungen gegen Oppositionelle, der Folterung und Ermordung von Rebellen. Man wird nicht müde, seine Tyrannei und seine Korruption anzuklagen, seine Doppelzüngigkeit und seinen Wahnsinn, seine Manipulationen und seine Perversität. Und man fordert Entschädigung für alle seine Opfer. Aber von den Hunderten junger Mädchen, die er sich unterworfen und die er vergewaltigt hat, will man nichts hören. Sie sollten sich verkriechen oder, unter einem Schleier verborgen, ihren Schmerz zu einem Bündel geschnürt, ins Ausland gehen. Das Einfachste wäre, sie würden sterben. Manch einer der Männer in ihren Familien wäre schon bereit, das zu übernehmen.“

Lest dieses Buch.

Autorin: Annick Cojean
Titel: Niemand hört mein Schreien: Gefangen im Palast Gaddafis
Originaltitel: Le Proies. Dans le harem de Kadhafi
Gebundene Ausgabe: 296 Seiten, gelesen als eBook
Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 2 (6. März 2013)
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3351027667

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Conni Lubek/ Anleitung zum Entlieben

„Wer je einen Menschen von Herzen geliebt hat und irgendwann aus irgendwelchen Gründen einsah, dass es wohl besser wäre, damit aufzuhören, der weiß, wie schwer das ist.
Die Wege, die jene Glücklichen, die es schaffen, schließlich ans Ziel führen, sind nicht immer gerade. Sie sind verschlungen, voller Schlaufen und Kreise, von denen man manchmal erst im Nachhinein erkennt, dass sie kein Umweg waren. Sondern notwendig.
Und vor allem ist jeder Weg anders. Weil jede Liebe einzigartig ist – und auch jeder Umstand, der einen Menschen so etwas Kostbares aufzugeben zwingt. Einzigartig scheiße, soweit es mich betrifft.“

2013-04-01 13.44.32
Lchen, auch Lpunkt genannt, liebt 119.
119 liebt dummerweise nicht zurück.

Damit lässt sich im Wesentlichen zusammenfassen, worum es in diesem Buch geht und jeder, der schon einmal geliebt hat, ohne zurückgeliebt zu werden, weiß, wie schmerzhaft so etwas sein kann.
In Lchens Fall ganz besonders schmerzhaft, denn 119 mag sie ja. Sehr sogar. Genug jedenfalls, um sie drei Jahre lang hinzuhalten, jeden Freitag mit ihr zu schlafen und ihr immer wieder zu sagen, dass er sie trotzdem nicht liebt. Für jede Frau vermutlich eine Horrorvorstellung, für Frauen wie Lchen, die jenseits der 35 sind und sich doch eigentlich nur Liebe, Disneyfluff und  eine eigene Familie wünschen, ganz besonders.

Immer wieder versucht Lchen, diese unglückselige Beziehung zu beenden, immer wieder scheitert sie.
Irgendwann beginnt sie, anonym in einem Blog über ihre Versuche des Entliebens zu schreiben. Stets dabei ihr treuer (ein wenig sprachgestörter) Begleiter, Stofftier Curd Rock. Und aus dem Blog entstand dann dieses Buch.

Hätte ich es vor einem Jahr gelesen, hätte ich Lpunkt vermutlich einfach nervig gefunden und nicht verstehen können, wie jemand so naiv sein, so ein Schaf sein kann. Nun war das letzte Jahr bei mir aber sehr turbulent und ich musste zwangsläufig lernen, dass man noch so reflektiert, reif, erwachsen und fokussiert sein kann – wenn es um Liebe geht, wird auch die vernünftigste Frau ganz schnell zum Schaf 😉 Dank dieser eigenen Erfahrungen hab ich also kräftig mit Lchen mitgelitten, 119 mehr als einmal im Geiste so richtig kräftig ins Gemächt getreten und mit Curd Rock auf der weißen Couch gekuschelt. Und ich war mächtig traurig, als das Buch zuende war und ich ein wenig ratlos da stand mit der Frage: Liebt Lchen denn nun die holländische Frikandel? Kommt sie dauerhaft von 119 los? Die gute Nachricht ist: Es gibt noch zwei weitere Bücher über Lchens Liebeschaos und sie liegen bereits hier neben mir 😀

4 Sterne (einen musste meine innere Neurotikerin aka Böslektorin wegen wirklich unglaublich vieler Rechtschreib- und Interpunktionsfehler abziehen)

4sterne

Autorin: Conni Lubek
Titel: Anleitung zum Entlieben
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3548268071

Kevin Smith/ Tough Shit. Ein Fettsack mischt Hollywood auf!

Tough Shit. Eigentlich würden genau diese beiden Worte aus dem Titel ausreichen, um das gesamte Buch in kürzester Form zusammenzufassen: TOUGH SHIT.

2013-02-13 23.25.05 Kevin Smith ist wohl so ziemlich jedem bekannt, der seit 1994 mal im Kino war oder Fernsehen geschaut hat. Entweder, weil er die Drehbücher geschrieben und/oder Regie geführt hat, oder auch, weil er der knuffige und schweigsame Part des Idioten-Duos „Jay and Silent Bob“ war. Unvergessen „Dogma“, in dem er Ben Affleck und Matt Damon als rachsüchtige Engel durchs Land ziehen lässt und Gott von Alanis Morissette dargestellt wird.
Also eben jener Kevin Smith hat nun ein Buch geschrieben. Seine Autobiographie, wenn man so will. Und wenn man seine Filme schon schräg findet, dann muss für das Buch wirklich ein komplett neues Adjektiv erfunden werden.

Ich brauchte doch einige Seiten, um mich in den Schreibstil reinzufinden – Beispiel gefällig?

Der heiße Scheiß auf dem Sundance Film Festival zu sein ist nichts im Vergleich zu dem Kraftakt, den ich als Einzelkämpfer-Spermatozoon in der von meinem alten Herrn gedankenlos abgefeuerten und glücklicherweise in meiner Mutter gelandeten Spermaladung vollbrachte. […] Immer wenn mir jemand sagt, dass ich ein Fettsack sei, erwidere ich, dass das nicht immer so war: Irgendwann war ich sogar mal fit genug, um einer Heerschar Spermien davonzuschwimmen. […]
Jeden Tag werden Unmengen von Socken mit zum Tode verurteilten Spermaladungen vollgepumpt. Wie hoch ist da wohl die Chance, dass ausgerechnet du in einer Eizelle statt in einem Tempo-Taschentuch landest? Ich sag’s dir: astronomisch gering.

Der holprige, weil doch ziemlich gewöhnungsbedürftige Start (mal ehrlich, wer von uns will denn wirklich seitenlang über den Flüssigkeitsaustausch seiner Erzeuger nachdenken müssen?) wurde dann aber recht schnell durch unkontrollierte Lachsalven und feuchte Augen belohnt. Vermutlich muss man dafür aber generell auf den Humor von Silent Bob stehen. Was für ein Glück, dass das bei mir der Fall ist 😉

Wer also auf Kevin Smith und schrägen Humor steht, sollte unbedingt einen Blick in „Tough Shit“ riskieren!
Von mir gibts dafür vier Sterne.
4sterne


Autor:
Kevin Smith
Titel: Tough Sh*t
Originaltitel: Tough Sh*t
Broschiert: 336 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453268548

E.M. Delafield/ Tagebuch einer Lady auf dem Lande

Im England der 1930er Jahre lebt eine waschechte Lady zusammen mit Familie und Bediensteten in der Provinz auf dem Lande. Eifrig schreibt sie Tagebuch und hält darin alles fest, was ihren Alltag ausmacht, angefangen bei der richtigen Sorte von Hyazinthenzwiebeln über den Tratsch der Gesellschaft bis zu ihrer Intimfeindin, der „grässlich perfekten Lady B.“.

Tagebuch einer Lady auf dem Lande von E M Delafield Wer die Serie „Downton Abbey“ mag, die momentan wohl eine der beliebtesten Fernsehserien weltweit ist, der könnte vermutlich auch Gefallen am „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ finden.

E.M. Delafield, Tochter eines französischen Grafen und einer britischen Schriftstellerin, beschreibt darin in Tagebuchform das Leben als Dame der Gesellschaft. Dies macht sie auf durchaus amüsante Weise und so liest sich das Buch auch gemütlich an einem Nachmittag weg, kommt allerdings auch ohne nennenswerte Höhen und Tiefen aus.
Es ist eben genau so, wie man sich die adlige britische Gesellschaft der damaligen Zeit vorstellt: Gesittet, höflich, charmant und gewürzt mit einer Prise trockenen englischen Humors.

Spannend finde ich die Tatsache, dass die Autorin, die in Großbritannien bis heute sehr bekannt ist, ihre autobiographischen Geschichten ursprünglich als Kolumne für eine feministische Frauenzeitschrift schrieb und während des Zweiten Weltkriegs für das britische Informationsministerium arbeitete, dessen Aufgabe hauptsächlich in der Informationsüberwachung und der Verbreitung von Propaganda lag.

3sterne
3 Sterne.

Autorin: E.M. Delafield
Titel: Tagebuch einer Lady auf dem Lande
Originaltitel: Diary of a Provincial Lady
Gebundene Ausgabe:
208 Seiten
Verlag: Manhattan
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3442546916

Portia de Rossi / Das schwere Los der Leichtigkeit. Vom Kampf mit dem eigenen Körper.

„Die Krankheit ermöglicht es einem, sich aus dem Leben auszuklinken. Wieder gesund zu werden bedeutet, dass man sich wieder einklinken muss. Und die Bereitschaft dazu ist von zentraler Bedeutung, denn plötzlich hat man das Gefühl, dass nichts mehr so ist, wie es vor der Erkrankung war. Ehe man noch einmal von vorne beginnen will, müssen sich entscheidende Faktoren ändern; was immer einen verunsichert hat, was immer einen gezwungen hat, ein Leben zu leben, das einem nicht entspricht, muss verändert, muss beseitigt werden. […] Um sich wieder ins Leben einzuklinken, muss man sein Leben vollständig neu erfinden.“

Portia de Rossi ist Schauspielerin, bekannt geworden ist sie vor allem durch ihre Rolle als biestige Anwältin in der Serie „Ally McBeal“. Der Serie, die unter anderem deswegen so viel mediale Aufmerksamkeit bekam, weil die Hauptdarstellerin Calista Flockhart extrem dünn war. Doch während alle Augen auf sie und ihr Gewicht gerichtet waren, war es de Rossi, die beinahe ihr Leben an die Magersucht verloren hätte …

Mit ihrer Autobiographie lässt sie dem Leser gegenüber viele Mauern fallen und spricht offen und ehrlich nicht nur über ihre Magersucht, sondern auch über ihren jahrelangen Kampf gegen die eigene Sexualität, den eigenen Körper, den eigenen Charakter und um Perfektion, Anerkennung und Beachtung.
Sensibel geht sie mit dem Thema um, schildert ihr damaliges Erleben und Fühlen, ganz ohne moralische Keule oder die mit Löffeln gefressene Weisheit, dafür mit präzisen, klaren Worten. Ich empfand auch weniger die Essstörung als Hauptthema des Buches, obwohl der Titel das natürlich impliziert, sondern vielmehr diesen permanenten inneren Zwiespalt: Lesbisch sein, aber Angst davor haben, es zu leben oder entdeckt zu werden; Schauspielerin sein, die eigene Persönlichkeit aber ununterbrochen verstecken; nach Anerkennung und Akzeptanz suchen, und doch am liebsten unsichtbar sein wollen.

Gut, ich hatte Untergewicht, aber es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich Magersucht haben könnte. Das Mädchen im Fitnessstudio war nicht magersüchtig. Durchschnittliche Leute hatten keine Magersucht. An dieser Krankheit litten die Perfekten, Gebildeten, Schönen. Diese Krankheit gehörte zu Models, Sängerinnen und Prinzessin Diana.
Insgeheim habe ich Magersüchtige wegen ihrer übermenschlichen Selbstdisziplin immer sehr bewundert. Der Krankheit haftet in meinen Augen eine Aura des Reinen und Perfekten an. Abgesehen davon, dass ich niemals dünn genug sein würde, um magersüchtig zu sein, wünschte ich es mir auch nicht. Ich wollte mich bloß beim Diäthalten hervortun.

Die Diskrepanz, in der de Rossi jahrelang existierte, zeigt sich deutlich und unerbittlich auf jeder Seite des Buches, was man jedoch trotz allem nicht vorfindet, ist Selbstmitleid und Jammer. Diesen Spagat hinzubekommen ist schon eine Meisterleistung.
Indem sie ihre früheren Gedanken und Gefühle schildert, ganz ohne Erklärungen oder therapeutische Ergänzungen, knüpft sich Seite um Seite ein Gesamtbild, das verstehen, begreifen lässt, wie so eine Krankheit entsteht und was in den Betroffenen vorgeht.

Es wirkte so, als habe meine Mutter Angst, etwas sehr Kostbares zu verlieren, und dieses Kostbare war ich.
>Bis zu diesem Moment war ich immer so stark und unabhängig gewesen, dass sich ihre Sorge um mich auf meine Leistungen und Ziele beschränkt hatte wie einen Modeljob oder einen Werbevertrag. Jetzt fühlte ich mich so glücklich, dass ich mich fragte, ob ich vielleicht absichtlich so viel abgenommen hatte, nur um diese Reaktion zu erleben. Ganz plötzlich fühlte ich mich der Sorge wert. ICH war diejenige, um die man sich Sorgen machen musste. Die Sorge für ein schwaches, krankes Kind erforderte eine andere Art von Liebe. Und in diesem Moment dort in der Einfahrt unseres Hauses stellte ich fest, dass ich diese Art von Liebe vorzog.

Literarisch ist das Buch zwar wenig anspruchsvoll und enthält leider auch einige Fehler, doch der Inhalt macht beides wett, denn er geht zu Herzen, ist ehrlich, authentisch und ermutigend.

Vier Sterne.

Titel: Das schwere Los der Leichtigkeit. Vom Kampf mit dem eigenen Körper.
Originaltitel: Unbearable Lightness. A Story of Loss and Gain
Autorin: Portia de Rossi
Verlag: mvg Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3868822380

[Gastrezension] Elisabeth Zöller / Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

Elisabeth Zöller: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens ©Fischer VerlageYvonne wollte gerne Bekanntschaft mit Anton machen und so hat sie sich nach meinem Beitrag zum 27. Januar, in dem Bücher zum Thema Nationalsozialismus ein Zuhause suchten, bei mir gemeldet. Anton ist inzwischen wohlbehalten bei ihr angekommen und hier folgt nun ihr Leseeindruck. Herzlichen Dank, liebe Yvonne!

***   ***   ***

Das Buch erzählt die Geschichte von Anton. Anton ist ein sehr liebenswerter Junge, der mir sofort ans Herz gewachsen ist.
Er ist unglaublich gut in Mathematik, aber leider hilft ihm das in der Zeit, in der er aufgewachsen ist nicht viel – es ist die Zeit des Nationalsozialismus.
Anton ist durch einen Unfall behindert. Er stottert, kann seinen rechten Arm nicht richtig bewegen und spricht von sich selbst in der dritten Person.
Trotz seiner Einschränkungen ist Anton ein sehr aufgewecktes Kind mit vielen Fragen und Gedanken.

Das Buch ist ein Jugendbuch und in einer sehr flüssigen Sprache geschrieben, sodass es sich gut lesen lässt.
Ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht und habe im Kopf neben Anton auf dem Schulhof gestanden und die Gemeinheiten der anderen Kinder ertragen. Das fand ich auch eigentlich das Schlimmste. Sicherlich hat der mit einer normalen Allgemeinbildung versehene Mensch von heute eine Vorstellung davon, wie schlimm die im Dritten Reich verübten Gräueltaten waren. Aber so hautnah aus der Sicht eines Kindes zu lesen, wie sehr auch die ganz kleinen Kinder schon von der Ideologie geprägt waren und wie grausam sich erwachsene Menschen gegenüber Kindern verhalten haben, hat mich doch sehr mitgenommen.

Etwas schade fand ich, dass man so wenig darüber erfährt, wie die anderen Kinder der Familie damit umgegangen sind ,einen behinderten Bruder zu haben.
Ich denke mal, dass auch sie wahrscheinlich deswegen Anfeindungen  ausgesetzt waren.
Darüber hätte ich, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Antons Schwester Marie noch lebt und direkt hätte erzählen können, doch gerne mehr erfahren.

Beim Lesen dieses Buches macht man sich deutlich, dass es niemals wieder so weit kommen darf und wir alle dafür einstehen müssen.
Sehr berührt hat mich folgender Dialog von Seite 27:

Marie seufzt. Kleine Brüder konnten einem fast die Seele aus dem Leib fragen. Und Anton erst recht.
Da erklärte Mama: „Wer fragt, lebt.“
„Und wenn er mal nicht mehr fragt?“, fragte Marie.
„Dann ist er tot“, sagte Mama.
Nach einer Weile sagte Anton: „Jetzt weiß Anton, warum Gott nicht alle Fragen beantwortet.“
„Und warum?“, fragten Marie und Mama.
„Weil er will, dass die Menschen leben.“

Mein Fazit: Lesenswert! Aufrüttelnd!

Autorin: Elisabeth Zöller
Titel: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Taschenbuch: 223 Seiten
Verlag: Fischer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3596805167

Gwen Cooper / Homer und ich: Wie mir ein blindes Kätzchen die Freude am Leben zurückgab

Gwen ist mitsamt zwei Katzen, gebrochenem Herzen und reichlich orientierungslos auf Wohnungssuche und lebt vorübergehend bei einer Freundin, als sie einen Anruf von ihrer Tierärztin erhält: Es gäbe da ein sehr besonderes Kätzchen, das dringend ein Zuhause suche und das niemand haben wolle. Um nicht als eiskalt dazustehen, ist Gwen einverstanden, es sich anzusehen – aber nehmen will sie es auf keinen Fall, ihr Leben ist doch schon chaotisch genug, auch ohne eine dritte Katze. Als sie das kleine, augenlose Fellbündel sieht, kippt ihr Entschluss jedoch ganz schnell. Der kleine Kater, nur wenige Wochen alt, konnte nie sehen, wegen einer Infektion mussten ihm die Augen entfernt werden und doch wirkt er kräftig, lebensfroh, richtiggehend selbstbewusst.

„Er ist so winzig, war mein erster Gedanke. Meine beiden Katzen waren fast ebenso jung gewesen, als ich sie aufgenommen hatte, aber ich hatte vergessen, wie unglaublich klein ein vier Wochen altes Kätzchen ist. […] Sein Fell war ganz schwarz und hatte die statisch-elektrische Flaumigkeit, die sehr kleine Kätzchen nun einmal haben, als lehne ihr Pelz sich gegen die Vorstellung auf, flach zu liegen. Wo seine Augen gewesen waren, befanden sich zwei kleine Nähte, und um den Hals trug er einen dieser Plastikkegel, mit denen man Tiere daran hindert, an Nähten oder Wunden zu kratzen.“

Der kleine blinde Kater bekommt den Namen Homer, nach dem blinden Verfasser des Heldenepos „Odysseus“, denn eins steht ohne Zweifel fest: Homer ist ein Held. Mit Heldenart orientiert er sich in seiner neuen Umgebung, erschnüffelt und erlauscht sich Hindernisse und Ziele und passt sich so schnell an, dass Gwen immer wieder nur staunen kann. Homer ist sich seiner Behinderung nicht bewusst – er kennt das Leben ja gar nicht anders! Er springt, spielt, balgt, tollt und kuschelt wie jede andere Katze seines Alters, er erforscht seine Welt und er hat keine Angst.
Und Gwen lernt von ihm. Sie lernt, sich einfach mal etwas zu trauen und ganz selbstverständlich das Gute vom Leben zu erwarten, sie lernt, Verantwortung zu übernehmen und das Leben von einer neuen Warte aus zu betrachten.

„Ich habe Homer also nicht aufgenommen, weil er süß und klein war oder weil er hilflos war und mich brauchte. Wenn man in einem Wesen etwas so Kostbares zu sehen glaubt, sucht man einfach nicht nach Gründen – ungünstige Zeit, Geldmangel und so weiter -, es sich selbst zu überlassen. Man nimmt sich vor, stark genug zu sein, um mit diesem Geschöpf zu leben, egal was passiert. Wenn man das tut, wird man allmählich zu dem, was man bewundert.
Damit will ich sagen, dass ich meine erste wirklich reife Entscheidung hinsichtlich einer Beziehung traf, als ich beschloss, dieses augenlose Kätzchen mit nach Hause zu nehmen.“

Ob Umzüge, Jobwechsel oder Männergeschichten, Homer legt die Rahmenbedingungen fest: Das Umfeld muss passen und wer nicht mit Homer kann, wer nur Mitleid für ihn empfindet und nicht seine Stärke sieht, ist nicht der Richtige für Gwen. Sie und ihre drei Katzen wachsen zu einer festen kleinen Familie zusammen und fast jeder, der Homer trifft, ist überrascht, wie gut der Kater seine Blindheit kompensiert. Natürlich besteht Gwens Leben nicht nur aus Höhen, doch auch die Tiefen wie bspw. den 11. September 2001 (Gwen und die Katzen sind kurz zuvor nach New York und auch noch ausgerechnet in die Nähe der Twin Towers gezogen) meistern sie mit Bravour und schließlich gelingt es auch einem Mann, nicht nur Gwens, sondern auch sämtliche Katzenherzen zu erobern …

„Homer und ich“ ist ein wunderschönes und zu Herzen gehendes Buch, das von tiefer Liebe und viel Verständnis und Einsicht zeugt.
Sicherlich geht mir das Buch auch deswegen so ans Herz, weil auch meine eigenen Katzen weder gesund noch auf gewöhnlichem Weg zu mir gekommen sind, aber ich glaube, das Buch hat diese Wirkung auf jeden, der Tiere und insbesondere Katzen liebt. Gwen Coopers Geschichte ist nicht nur wahr, sie ist auch wunderschön geschrieben.
Ich hatte das Buch binnen einer Nacht durch, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte, denn Homers Wesen hatte mich ganz schnell in seinen Bann gezogen und Gwen Coopers Art, die Dinge in Worte zu packen, fesselt mindestens genauso. Dieses Buch ist wie eine feste, warme, kätzische Umarmung.

Wer Gwen und Homer mal in bewegten Bildern sehen möchte, hat hier die Gelegenheit:

Autorin: Gwen Cooper
Titel: Homer und ich: Wie mir ein blindes Kätzchen die Freude am Leben zurückgab
Originaltitel:Homer’s Odyssey: A Fearless Feline Tale, or How I Learned about Love and Life with a Blind Wonder Cat
Gebundene Ausgabe: 340 Seiten
Verlag: mvg Verlag
Gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3868821673