Archiv der Kategorie: Historisches

Angelika Felenda/ Der eiserne Sommer

„Ja, lesen S‘ nur, was da steht“, sagte Steiger. „Das ist wirklich unglaublich. Der Konvoi mit dem Erzherzog ist einfach weitergefahren, obwohl bereits eine Bombe auf die Fahrzeuge geworfen worden war. Null Sicherheitsvorkehrungen. Und dann hat sich der Fahrer auch noch verfahren! Und ist umständlich umgekehrt, damit der Attentäter ja genügend Zeit g’habt hat, die Majestäten totzuschießen.“
Reitmeyer blickte auf das Bild unter der Schlagzeile. „Der fährt in einem offenen Wagen durch Sarajewo? Durch ein Gebiet, das die Österreicher annektiert haben?“
„Sag ich doch!“, rief Steiger. Wenn der schon einen Besuch im Pulverfass von Europa machen muss, hätt‘ man wenigstens für einen anständigen Fahrer sorgen müssen, nicht so einen Hornochsen.“

Angelika Felenda/ Der Eiserne Sommer

Es ist Sommer 1914.
Der Kolonialismus ist auf seinem Höhepunkt, Europa greift nach der Welt, der Industrialismus hat die Gesellschaft verändert, politische Krisen an allen Ecken, kurz: Die Welt ist im Umbruch.
Und nun fällt auch noch Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, gemeinsam mit seiner Gattin einem Attentat zum Opfer. Noch weiß man nicht, dass dieses Attentat der Auslöser des Ersten Weltkriegs sein wird und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis der europäischen Bevölkerung das Ausmaß bewusst wird.

„Ein neuer Balkankrieg, meinen Sie? Ich weiß nicht“, sagte Reitmeyer. Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und starrte einen Moment auf die Aktenberge. „Wieder eine Krise.“ Dann drehte er sich zu Klotz um. „Aber haben wir nicht ständig Krisen? Mal geht’s um Nordafrika, das andere Mal um Bosnien. Vor drei Jahren haben wir alle gedacht, die zweite Marokkokrise wäre der Startschuss für den großen europäischen Krieg. Aber jedes Mal ist es wieder abgewendet worden. Man hat sich verständigt. Nichts ist passiert. Und selbst die ewigen Balkankrisen …“
„Der Balkan“, sagte Steiger verächtlich. „Ein Haufen Straßenräuber, Umstürzler und Terroristen. Ist längst an der Zeit, dass da drunten mal einer aufräumt.“

Trotz der Brisanz läuft das Leben in München in gewohntem Gang weiter und auch die Polizei hat wie üblich zu tun, denn Diebe und Mörder nehmen keine Rücksicht auf weltpolitische Krisen.
Eine Reihe von Todesfällen beschäftigt Kommissär Sebastian Reitmeyer. Besonders der anonyme Tote aus der Isar bereitet ihm Kopfzerbrechen, denn was zunächst nach Ertrinken aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als filigraner Mord.
Auf der Suche nach der Identität des Toten führt die Spur in Militärkreise, vor allem in das Café Neptun, einem Treffpunkt für Homosexuelle aus gutbürgerlichen Kreisen und dem Militär. Kommt der Mörder etwa aus diesen gehobenen Schichten? Gegen das Militär darf Reitmeyer nicht ermitteln, doch er will dem Täter unbedingt auf die Spur kommen und legt sich dabei mit jedem an, der ihn zu behindern versucht …

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„Der eiserne Sommer“ ist ein gelungener Debut-Roman, dessen Handlung sorgfältig zwischen Lokalkolorit und Weltgeschehen platziert ist.
Die Hauptfiguren – immer mal wieder mit Mundart versehen – sind interessant gezeichnet, und dank ihrer Blickwinkel bekommt man einen umfassenden Einblick in die damalige Zeit inklusive ihrer gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen. Man spürt die Umbruchstimmung quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch und die aufgeheizte politische Atmosphäre mit ihren Ressentiments und dem wachsenden Nationalismus, und man sieht in den dunklen, stinkenden Abgrund, der sich hinter der Maske von Sitte, Anstand und Moral verbirgt.
Das Ganze wird in einer leichten, bildreichen Sprache erzählt, die allerdings bisweilen etwas langatmig wird – vor allem am Ende hätten ruhig ein paar Seiten zusammengestrichen werden können, das hätte der gelungenen Geschichte keinen Abbruch getan.
Besonders gefallen hat mir, dass man dank Kommissär Reitmeyer einen interessanten Einblick in das pathologische Wissen und Vorgehen sowie die Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit erhält.

Von mir gibt es für Kommissär Reitmeyers ersten Fall vier Sterne.
4sterne

Autorin: Angelika Felenda
Titel: Der eiserne Sommer
Taschenbuch: 435 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518465422

Paul Kohl/ 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Peter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der NazisIch liebe liebe liebe es, mit einem Buch in der Hand (m)eine Stadt zu erkunden.

Nun lebe ich ja schon recht lange in Berlin, habe während meines Studiums jahrelang als Stadtführerin gearbeitet und allein deswegen ohnehin alles über die Stadt verschlungen, was mir so in die Finger kam. Wirklich Neues erwarte ich daher kaum noch von Berlin-Büchern, dieses Büchlein hat mir nun allerdings doch so einiges gezeigt, was ich noch nicht kannte, viel Vergessenes in Erinnerung gerufen und war mir in den letzten Wochen bei einigen Stadtspaziergängen ein treuer Begleiter.

Die meisten Sachen kannte ich zwar schon (bspw. die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, das Jüdische Waisenhaus, die „Euthanasie“-Zentrale, die Comedian Harmonists, den Flakturm Humboldthain usw.), fand aber die Aufbereitung sehr gelungen.

So findet man die Beschreibung der Historie auf der linken Seite und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Abbildungen, einmal aus der Zeit des Nationalsozialismus und darunter aus hePeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisutiger Zeit, was die eindeutige Identifikation der Orte ermöglicht. Auch die Zusammenstellung der einzelnen Orte finde ich gut durchdacht.

 

Und dann waren da eben doch einzelne Sachen, die ich bislang nicht kannte.
Zum Beispiel wusste ich nicht, wo Adolf Hitlers Bruder seine Kneipe hatte, von der „Roten Kapelle“ hatte ich irgendwann zwar schon mal gehört, kannte aber weder Details noch den Ort und ebenso ging es mir mit der Fahnenfabrik Geitel, dem Großmufti von Jerusalem und seiner nationalsozialistischen Propaganda sowie dem Murellenberg.

Dadurch, dass das Buch vPeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisom Titel her auf 111 Orte begrenzt ist, fehlen naturbedingt einige Orte, das tut dem Buch insgesamt aber keinen Abbruch.

Wer sich für Berlin und seine Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus interessiert und die Standard-Städteführer leid ist, wird an diesem Buch sicherlich Gefallen finden.

 

5sterne

Autor: Paul Kohl
Titel: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Emons
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3954512201

Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet Barol

Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet BarolAmsterdam im Jahr 1907:
Der junge Piet Barol, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, jedoch eine gute Ausbildung genossen hat, ist gewillt, es im Leben zu etwas zu bringen.
Er bekommt dank eines Empfehlungsschreibens und seines außergewöhnlichen Charmes eine Stelle als Hauslehrer bei der vermögenden Hoteliers-Familie Vermeulen-Sickerts.
Sein ungewöhnlich gutes Aussehen, sein Talent für Sprache und Musik und sein Vermögen, jedermann um den kleinen Finger zu wickeln, scheinen ihm den Weg in die feine Gesellschaft zu ebnen. Doch sein Traum ist es, in Amerika das große Geld zu machen und er ist bereit, dafür viel zu riskieren …

Ehrlich gesagt habe ich von diesem Buch lediglich ein bisschen leichte Unterhaltung erwartet. Ich hatte es schon etwa ein Jahr ungelesen im Regal stehen – und könnte mich dafür ohrfeigen.
Was ich bekommen habe, war ein Meisterwerk der schönen Sprache und der bildlichen, fabelhaften Erzählkunst.
Richard Mason hat mich von der ersten Seite an mit seinen Worten verzaubert und das Amsterdam der Belle Époque vor meinen Augen auferstehen lassen, sodass ich das Buch eigentlich am liebsten nie beendet hätte.
Piet Barol ist nicht immer ein feiner Mensch, aber er weiß, was er will und was er dafür tun muss, und er scheut kein Risiko – wie könnte man so einen Protagonisten nicht ins Herz schließen?
Mit Freude habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung des Buches geben soll – ich kann es kaum erwarten!

 

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: Richard Mason
Titel: Die geheimen Talente des Piet Barol
Originaltitel: History of a Pleasure Seeker
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3570101360

[Gastrezension] Edgar Hilsenrath/ Der Nazi und der Friseur

Nach meinem Beitrag zum 27. Januar meldete sich der von mir sehr geschätzte Flattersatz bei mir und bekundete Interesse an Edgar Hilsenraths Buch „Der Nazi und der Friseur“.
Ich freue mich sehr, euch nun seine Rezension der Extraklasse präsentieren zu dürfen. Und dir, lieber Flattersatz, recht herzlichen Dank!

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Es ist schon eine provozierende Konstellation, die der Autor für seinen Roman gewählt hat. „Der Nazi & der Friseur“: ein makabres Rollenspiel, in dem der Max Schulz die Hauptrolle innehat. Aber der Reihe nach…

Im Mai 1907 wurden in einem kleinen schlesischen Städtchen, Wieshalle, zwei Jungen geboren, praktisch gleichzeitig: der Max Schulz und der Itzig Finkelstein. Noch spielt es zwar nicht die große Rolle (das sollte sich später dann ändern), aber so wie der kleine Itzig Finkelstein ein Jude war mit frommen jüdischen Eltern war der ebenso kleine Max Schulz arisch bis ins x-te Glied, wie man es später nannte. Und auch ansonsten unterschieden sich die beiden Knaben… der Itzig war blond und groß mit blauen Augen, seine Eltern sittsam und fromm. Der Vater führte einen gutgehenden Frisiersalon mit guter Kundschaft und verdiente damit sein Geld. Der kleine Max hingegen – sehen wir es so, wie es ist: sah aus, wie später die Hetzkarikaturen des „Stürmers“: Hakennase, wulstige Lippen und dunkle Behaarung, von den Froschaugen ganz zu schweigen. Seine Mutter, die Minna Schulz, war dick und stand auf dünnen Beinen. Oft lag sie auch und verdiente sich ein Zubrot mit den Herrenbesuchen, die sie empfing. So nimmt es nicht wunder, daß nicht weniger als fünf Herren infrage kämen, leibliche Erzeuger des kleinen Max zu sein.

Aufgewachsen ist Max Schulz aber bei einem anderen Mann, dem Friseur Slavitzki, dem ein so großes .. ähämmm.. nachgesagt wurde, daß man vermutete, er würde es mit einem Gummiband an seinem Bein festbinden, damit es nicht so schlackerte. Diese Tatsache ist nicht ganz unwichtig, da der Dachschaden, den man bei Max vermutete, der mütterlichen Ansicht nach davon herrührt, das der Slavitzki dem Kleinen mit seinem Ding bis ins Hirn gestoßen habe… und dann die Prügel, die gab es außerdem.. mit den Stöcken, einen für die Mutter, einen für den Stiefsohn….

Und trotz all dieser Unterschiede und der natürlichen Konkurrenz zwischen dem aus polnischen Wurzeln stammenden Friseur Slavitzki und dem Juden Finkelstein, die sich gegenseitig durchs Fenster beobachten konnten, freundeten sich der Max und der Itzig an… und Max lernte die jüdischen Gebete, die im Haus Finkelstein gesprochen wurden, er ging mit in die Synagoge und lernte die Vorschriften, die der Jude zu befolgen hatte. Sie spielten zusammen, gingen zusammen in die Schule und irgendwann begann der Max eine Ausbildung als Friseur – im Salon „Der Herr von Welt“ des Juden Finkelstein…

Unterschiedlicher hätten die Lebensumstände der beiden Jungens kaum seien können und doch… Hilsenrath läßt da gar keine Illusion aufkommen, sie sind völlig irrelevant. Auch wenn er es nicht weiß, Itzig ist qua Geburt Verlierer und mag er noch so blaue Augen haben und blondes Haar und ebenso ist Max qua Geburt auf der Gewinnerseite, trotz seiner Stürmerjudenaussehens. Weil nämlich eines Tages so etwas wie eine Erscheinung kommt nach Wieshalle, auf den Ölberg, einer wie ein Messias, der den Geknechteten und Entrechteten, die ihm andächtig zuhören, Erlösung verspricht, einen Stock verspricht, mit dem sie zurückschlagen können auf die, die sie beherrschen und unterdrücken.

Und der Führer sprach: „…. Wahrlich ich sage euch: In der Hand des wahren Meisters wird der Stock zum Schwert, auf daß die Hand herrsche bis in alles Ewigkeit. Amen. …“ Und ich sagte zu mir: Max Schulz. Höchste Zeit, daß du selber den Stock in die Hand nimmst, den gelben und den schwarzen.

Es ist keine Rede, die Hitler dort auf dem Ölberg hält, es ist eine Predigt, Hitler ist der Messias der Erniedrigten Deutschlands, er ist der Mensch mit der Vision, dem Heilsversprechen, dem die schreiende, tobende, weinende Masse zujubelt, Hitler ist der Erlöser. [1]

Max bekommt seinen Stock, seinen Prügel, einen Schiessprügel nämlich. Im Gegensatz zu seinem Vater, der nur bei der SA landen kann, tritt Max der SS bei. Als Totenkopfmann fährt er dann im Krieg mit Sonderkommandos durch Polen und andere Länder, um Juden zu liquidieren, hier ein paar, dort ein paar. Wenn die Gegend gesäubert ist, zieht das Kommando weiter. Wegen Herzproblemen wird Max Schulz, der MaSSenmörder dann in ein Vernichtungslager geschickt. Zum Vernichten. Wieviele werden es gewesen sein? Wer weiß das schon, so um die 10.000 sagt der Max Schulz irgendwann am Ende des Romans, einfach, um eine Zahl zu nennen. Und er war gut beim Morden, der Massenmörder und Oberscharführer Schulz. Er musste gut sein, weil er doch aussah wie ein Jude auszusehen hat (dem „Stürmer“ sei dank), sogar ein bischen besser musste er sein als die anderen.. dabei war es ja nicht so, daß er die Juden hasste oder irgendetwas gegen sie hatte. Auch und erst recht nicht gegen die Finkelsteins, die er in Laubwalde auch erschießen musste. Er hatte nur endlich den ersehnten Stock in seiner Hand und die Erlaubnis, den Befehl, zuzuschlagen… die empfangenen Schläge, die Vergewaltigungen, den Dreck, die Entrechtung zurückzuzahlen demjenigen, der ihm benannt worden ist von seinem Erlöser.

Es war hektisch, als die Russen immer näher kamen, der Geschützdonner schon zu hören war. Noch schnell das Lager von Überlebenden befreien und dann im LKW nach Deutschland fliehen, durch den Wald. Doch im Wald, da sind die Partisanen.. piff-paff.. alles tot mit halben Hirnschalen nur noch. Alle? Nein, zwei hingen mit bloßen Arsch über der Reling zum Scheissen: Max Schulz und Hans Müller, der Lagerkommandant. Ihre Hirnschalen blieben heile, auch der Schwanz blieb dran und die Uniform drumherum, um den Körper, den frierenden in der eisigen polnischen Kälte im Wald. Das einzige, was man retten konnte, war eine Schachtel mit Gold. Zähnen. Das Startkapital für ein neues Leben, sozusagen. Max Schulz (wo Müller ist, wissen wir nicht) irrt mit einem Sack auf den Rücken durch den Wald und kommt irgendwann halb erfroren an eine Hütte, in der die Einsiedlerin Veronja haust.

Die alte, seltsame, verhuzelte Veronja sieht einen Gott in ihrer Tür stehen. Einen abgehalfterten Gott auf der Flucht, einen Gott ohne Macht, einen ohnmächtigen Gott, einen Ex-Gott, sozusagen. Und was macht man mit einem Ex-Gott, der ein dunkler Gott war, ein tötender? Man fickt ihn! Max Schulz ist von Veronja abhängig, er kann sie nicht töten, ohne selbst verloren zu sein. Und Veronja… sie gibt ihm Drogen, Kräutersude und sie reitet ihn, ein ums andere mal, bis ihn sein Herz fast im Stich läßt, sie prügelt ihn mit ihrer Peitsche und päppelt ihn dann wieder auf, um einen neuen Ausritt zu wagen… Welch eine Szene! Der SS-Mann auf der Flucht vor der alten, runzeligen, krummbeinigen und peitschenschwingenden Kräuterhexe, die ihm buchstäblich die Seele aus dem Leib schlägt und schläft…. Letztlich aber tötet Max die Hexe doch, in einem Akt von Notwehr und er zieht mit seinem Sack und den Goldzähnen weiter gen Deutschland… oder dem was übrig geblieben ist.

Kürzen wir die Geschichte etwas ab.. Es gelingt dem Max Schulz tatsächlich mit seinen Goldzähen im Gepäck nach einem längeren Zwischenstopp bei Witwe Holle in das zerstörte Berlin zu kommen. Dort entschließt er sich zu zweierlei: zum einen versilbert er die Goldzähne (bis auf drei, die er als Andenken behält) und bekommt so daß Startkapital, um als kleiner jüdischer Schwarzhändler Karriere zu machen. Jawohl, jüdisch, denn natürlich hat er Angst davor, entdeckt zu werden bei der Jagd auf die Nazis, die jetzt einsetzt und so entschließt er sich, aus dem Schein (meint: wie ein „Stürmer“-Jude auszusehen) Sein zu machen: Max Schulz erinnert sich seiner jüdisch geprägten Kindheit und mutiert zum Juden, nicht zu irgend einem, nein, Max Schulz, der Massenmörder wird zu Itzig Finkelstein. Ein alter Kamerad, ein Arzt, schneidet ihm das ab, was er zwischen den Beinen zuviel hat und ein anderer tätowiert ihm eine Lagernummer auf den Arm, die ihn als Insasse von Auschwitz kennzeichnet [2]. Wenn schon, denn schon…

Der kleine Schwarzhändler Itzig Finkelstein macht seine Geschäfte, auch lernt er Frauen kennen, bei denen er logiert. Ihnen gegenüber verteidigt er sein Judentum, er erklärt es, erläutert es, versucht zu überzeugen. So sehr er früher SS-Mann war, so überzeugend und überzeugt ist er jetzt als Jude. Nach einigen geschäftlichen Turbulenzen entschließt sich Itzig Finkelstein, mit einem Blockadebrecher aufzubrechen, ins Land seiner Väter zu fahren, 2000 Jahre Exil zu beenden: Palästina ruft, der Staat der Juden, der dort und nirgends anders gegründet werden soll.

Es ist eine wilde Überfahrt auf einem wilden Seelenverkäufer (der „Exitus“), aber sie kommen an, durchbrechen die britische Blockade. Und Itzig lebt sich ein in Palästina, er fängt wieder an, als Friseur zu arbeiten und unterhält die Kunden mit patriotisch-zionistischen Reden. So werden die örtlichen Untergrundkämpfer auf ihn aufmerksam und da er mit Waffen umgehen kann, wird er in die Gruppe aufgenommen… Später dann, nach Gründung des Staates, wird er Soldat, der heimliche Liebling aller Militärs, ist er es doch in einem der frühen Kriege, der als Speerspitze der Armee mit seinem Jeep den Suez-Kanal erreicht (eine Szene, die von Kishon sein könnte, der Sergeant Finkelstein, der in die falsche Richtung abbiegt und am Kanal landet…).

Auf diese Weise zeigt uns Hilsenrath die Beliebigkeit der Dinge. Ausgerechnet die Fähigkeiten, die er bei den Nazis gelernt hat, bringt er hier für den Judenstaat ein: schießen, Waffenkenntnisse, militärisches Gespür. Eine unendlich schmerzvoll zu lesende Szene ist die, wie er die Kinder auf dem Schiff Vitamine spritzt und zwar so gut, daß alle nachher Freunde sind von „Chawer Itzig“ (Kamerad Itzig). Aber gelernt ist schließlich gelernt, nur daß er in Laubwalde Phenol in den Spritzen hatte, mit denen er dort -zig kleine Engel machte…..

… und so lebt Max Schulz ein ganz normales jüdisches Leben. Er findet sogar eine Frau, so dick, nein, fetter noch als seine Mutter, seine Traumfrau also, eine stumm gewordene in den Lagern, eine, die noch immer vom Hungerengel verfolgt [3] wird. Den Frisiersalon seines Chefs übernimmt er nach dessen Tod als sein fleissigster Geselle, er freut sich über die Siege der Juden gegen die Araber, auch wenn er langsam zu alt geworden ist, selbst zu kämpfen.

… und nie schöpft jemand Verdacht, er übersteht sogar die Begegnung mit entfernten Verwandten, die unerwarteter Weise noch existieren und einen blonden Itzig zu treffen erwarteten. Aber die Lager… alles verändert sich in den Lagern, selbst das Aussehen…. sogar als er in späten Jahren einem alten Bekannten vom Schiff gegenüber bekennt, er sei Max Schulz, ein Massenmörder, man glaubt ihm nicht, er inszeniert eine Gerichtsverhandlung gegen sich selbst: man hält es für ein seltsames Spiel…. erst das jüdische Herz, das ihm transplantiert werden soll, weigert sich, in seiner Brust zu schlagen.

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Manchmal bleibt einem beim Lesen schon das Lachen im Hals stecken. Man kann noch nicht einmal sagen, Max Schulz, dieser Mensch mit dem Allerweltsnamen, sei uns als besonders schlechter Mensch geschildert worden. Im Gegenteil, aus sozialer Unterschicht stammend (die Mutter prostituiert sich, der (Stief)Vater schlägt und vergewaltigt ihn) schafft er mit Hilfe seines jüdischen Freundes und dessen Familie einen gewissen Aufstieg, erwirbt Bildung und Ausbildung, mithin gute Chancen für seine Zukunft. Was also verführt ihn, zum Massenmörder zu werden? Ist es die Chance, mit einem Schlag auch sozusagen offiziell (und nicht nur durch Geburt) auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen und Macht zu bekommen, das erlittene Unrecht, die erlebten Schmerzen zurückzahlen zu können, egal wem? Erliegt er einfach der Faszination der Lichtgestalt Hitler, der ihm erlösergleich befiehlt: „Steh auf und morde!“ Sicherlich ist die Szene, in der Hitler auf dem Ölberg zu den versammelten Menschen spricht, eine Schlüsselszene für das Buch. In dieser Versammlung erscheint Hitler gleich einem Messias und er setzt ein neues Göttergeschlecht ein in Deutschland und bietet den Menschen an, diesem beizutreten und zu huldigen. Und die Masse nimmt die Worte auf in sich, in ihre innere Leere und jubelt ihm in Verzückung zu…

Max Schulz ist eine Hülle, die alle Rollen spielen kann, er hat nichts eigenes. Er ist Judenfreund bis ihm etwas anderes mehr verspricht. Er ist SS-Mann und mordet, bis die Umstände ihn zwingen, damit aufzuhören. Und schließlich schlüpft er in die Haut seiner ehemaligen Opfer, als ihm dies opportun erscheint und wird zum Juden. All diese Rollen spielte er so perfekt, daß zwischen „Sein“ und „Schein“ kein Unterschied zu sein scheint, er ist der Konvertit, der bekanntlich immer noch ein wenig besser ist….

Natürlich, in den Figuren des Itzig Finkelstein, blond und groß, arisch aussehend wie aus dem Bilderbuch und des Max Schulz, im Aussehen wie aus dem „Stürmer“ [4] entsprungen, persifliert Hilsenrath die Stereotypen „Jude“ und „Arier“, die sicherlich heute noch in vielen Köpfen herumgeistern. Die Persiflage hört nicht beim Äußeren auf, die gebildete, strebsame Familie ist die jüdische, während die deutsche soziale Unterschicht darstellt. Ähnlich übrigens überzeichnet der Autor auch andere Personen der Geschichte wie z.B. die israelischen Untergrundkämpfer. Überhaupt gibt das Buch in dieser Hinsicht einen Schnelldurchgang in israelischer Geschichte, angefangen von der illegalen Einwanderung von Juden nach Palästina, der britischen Besatzung des Gebiets über die Staatsgründung bin hin zu den Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten.

Die lange Geschichte des Max Schulz von seiner Geburt bis zu seinem Ende erzählt Hilsenrath in einem oft der gesprochenen Sprache angepasstem Ton. Diese relativ einfache Sprache passt natürlich gut zu seinem einfachen Max Schulz mit dem Dachschaden, den er immer dann hervorholt, wenn er ihn gerade braucht. Im zweiten Teil des Romans (der seinerseits in 6 Bücher aufgeteilt ist) wird ein großer Teil der Geschichte in imaginären Monologen des falschen Itzig an die Adresse des toten erzählt, vllt ein Zeichen dafür, daß dieser Mord dann doch nicht so ganz an Schulz vorbei gegangen ist. Ansonsten mordete Schulz mit ungefähr derselben inneren Beteiligung wie er isst oder mit Frauen schläft oder atmet: es war sein Leben. Zum Teil ist der Text derb bis hin zum obszönen, besonders im ersten Buch, in dem die Minna Schulz eine Rolle spielt, kommt viel geschlechtliches vor, meist in Gossensprache.

Was bleibt nach dem Buch? Es ist seltsam, aber ich habe keine Meinung… Der Roman ist rein aus Tätersicht geschrieben, eines Täters, der nie als solcher erkannt wird, im Gegenteil, der als Opfer gesehen und behandelt wird. Dabei wirkt Schulz in seinem Eifer so harmlos, daß man ihm, von dem man weiß, wie wenig ihm das Morden ausmachte, kaum negative Gefühle entgegenbringt, ein Zwiespalt bricht da auf. Die angedeutete Erklärung der Wirkung Hitlers auf die Massen sind interessant, aber zu eindimensional. Vllt treffen sie auf eine bestimmte soziale Schicht zu, aber so einfach kann es nicht für alle gewesen sein, ein rauschhaftes Erleben, Verzückung und dann Totschlag und Mord….

Natürlich, ein Schelmenroman, einer tut schlimmes und läuft durch die Szene, ohne daß man ihn fassen kann oder es gar weiß. Eine Satire, so wird geschrieben. Aber abgesehen davon, daß ich das Buch gerne gelesen habe, weiß ich einfach nicht, was ich davon halten soll. Nun gut, vllt ist das ja sogar ein Ziel des Buches, gewohnte Gedankengänge ins Schlingern bringen.

Links und Anmerkungen:

[1] Hilsenrath interpretiert in diesen Passagen das Auftreten Hitlers vor den Massen als religiöses Ereignis, an anderer Stelle bezeichnet er die engsten Gefolgsleute des Führers als Apostel. Das erinnert natürlich sofort an Lems Gedanken in „Provokation
[2] Wiki-Artikel zur Kennzeichnung der Häftlinge in Konzentrationslagen
[3] Herta Müller: Atemschaukel
[4] Wiki-Artikel zum „Stürmer

Edgar Hilsenrath
Der Nazi & der Friseur
dtv, 2006, 480 S.

[Gastrezension] Elisabeth Zöller / Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

Elisabeth Zöller: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens ©Fischer VerlageYvonne wollte gerne Bekanntschaft mit Anton machen und so hat sie sich nach meinem Beitrag zum 27. Januar, in dem Bücher zum Thema Nationalsozialismus ein Zuhause suchten, bei mir gemeldet. Anton ist inzwischen wohlbehalten bei ihr angekommen und hier folgt nun ihr Leseeindruck. Herzlichen Dank, liebe Yvonne!

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Das Buch erzählt die Geschichte von Anton. Anton ist ein sehr liebenswerter Junge, der mir sofort ans Herz gewachsen ist.
Er ist unglaublich gut in Mathematik, aber leider hilft ihm das in der Zeit, in der er aufgewachsen ist nicht viel – es ist die Zeit des Nationalsozialismus.
Anton ist durch einen Unfall behindert. Er stottert, kann seinen rechten Arm nicht richtig bewegen und spricht von sich selbst in der dritten Person.
Trotz seiner Einschränkungen ist Anton ein sehr aufgewecktes Kind mit vielen Fragen und Gedanken.

Das Buch ist ein Jugendbuch und in einer sehr flüssigen Sprache geschrieben, sodass es sich gut lesen lässt.
Ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht und habe im Kopf neben Anton auf dem Schulhof gestanden und die Gemeinheiten der anderen Kinder ertragen. Das fand ich auch eigentlich das Schlimmste. Sicherlich hat der mit einer normalen Allgemeinbildung versehene Mensch von heute eine Vorstellung davon, wie schlimm die im Dritten Reich verübten Gräueltaten waren. Aber so hautnah aus der Sicht eines Kindes zu lesen, wie sehr auch die ganz kleinen Kinder schon von der Ideologie geprägt waren und wie grausam sich erwachsene Menschen gegenüber Kindern verhalten haben, hat mich doch sehr mitgenommen.

Etwas schade fand ich, dass man so wenig darüber erfährt, wie die anderen Kinder der Familie damit umgegangen sind ,einen behinderten Bruder zu haben.
Ich denke mal, dass auch sie wahrscheinlich deswegen Anfeindungen  ausgesetzt waren.
Darüber hätte ich, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Antons Schwester Marie noch lebt und direkt hätte erzählen können, doch gerne mehr erfahren.

Beim Lesen dieses Buches macht man sich deutlich, dass es niemals wieder so weit kommen darf und wir alle dafür einstehen müssen.
Sehr berührt hat mich folgender Dialog von Seite 27:

Marie seufzt. Kleine Brüder konnten einem fast die Seele aus dem Leib fragen. Und Anton erst recht.
Da erklärte Mama: „Wer fragt, lebt.“
„Und wenn er mal nicht mehr fragt?“, fragte Marie.
„Dann ist er tot“, sagte Mama.
Nach einer Weile sagte Anton: „Jetzt weiß Anton, warum Gott nicht alle Fragen beantwortet.“
„Und warum?“, fragten Marie und Mama.
„Weil er will, dass die Menschen leben.“

Mein Fazit: Lesenswert! Aufrüttelnd!

Autorin: Elisabeth Zöller
Titel: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Taschenbuch: 223 Seiten
Verlag: Fischer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3596805167

Roma Ligocka / Die Handschrift meines Vaters

Jeder, der den Film „Schindlers Liste“ gesehen hat, wird sich an das kleine Mädchen im roten Mantel erinnern.
Roma Ligocka war dieses kleine Mädchen; sie besaß einen roten Mantel, sie irrte bei der Räumung des Krakauer Gettos durch die Straßen.
Als sie gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden bei der Premiere den Film „Schindlers Liste“ sieht, erkennt sie sich wieder und beginnt, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Dies tut sie zunächst in dem wunderbar geschriebenen und sehr berührenden Buch „Das Mädchen in dem roten Mantel“ (Rezension von Ada Mitsou), doch damit ist die Vergangenheitsbewältigung noch nicht vollendet, denn die Bekanntheit, die ihr nun zuteil wird, birgt auch Schattenseiten.

Erst ein seltsamer Anruf, dann ein Brief.

„Es gibt Briefumschläge, die signalisieren: Es ist nichts Gutes darin. Man mag sie gar nicht öffnen.
[…]
Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich tun werde, wenn jemand diese alte Geschichte herausholen sollte. Die Wahrheit ist: Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Selbst mit mir selber nicht. Möglicherweise habe ich das Unglück meiner Familie mein Leben lang mit mir herumgetragen – seitdem ich sieben Jahre alt war.“

Roma öffnet den Brief, er bezieht sich auf den Anruf, anbei ein Zeitungsartikel mit Fotos ihrer Eltern und einem Text, der sie wie ein Keulenhieb trifft:

„Der Vater der Bestsellerautorin Roma Ligocka, deren Buch über eine Kindheit im Holocaust in der Welt bekannt geworden ist, soll ein Kapo im Lager gewesen sein. Angeblich hat er Menschen geschlagen und in den Tod geschickt. Nach dem Krieg ist er verhaftet worden und starb kurze Zeit später im Gefängnis.“

Roma macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.
War ihr Vater wirklich ein grausamer Kapo? Obwohl doch Menschen, die mit ihm im Lager waren, etwas ganz anderes berichten?

In „Die Handschrift meines Vaters“ geht es nicht nur um die Spurensuche an sich, sondern vor allem um das Gefühlsleben von Roma Ligocka, dass sie wunderbar zu Papier zu bringen versteht. Es handelt sich nicht um eine stringente Erzählung, nicht um einen schieren Bericht, viele Passagen sind eher tagebuchartig, psychologisch angehaucht, sehr emotional und stark auf das Umfeld, das Drumherum während der Spurensuche, konzentriert.
Mir gefällt genau dieser Aspekt, mir gefällt die Art, wie hier ein schweres Trauma aufgearbeitet wird und mir gefällt, wie die Autorin schreibt.
Manches hätte vielleicht etwas anders angeordnet sein können, manche Abschnitte wären vielleicht nicht nötig gewesen, aber alles in allem halte ich das Buch für sehr lesens- und empfehlenswert.

Leseprobe: „Die Handschrift meines Vaters“.

Autorin: Roma Ligocka
Titel: Die Handschrift meines Vaters
Broschiert: 335 Seiten
Verlag: Diana
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3453351615

José-Alain Fralon / Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30.000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte.

Die meisten Menschen haben schon einmal von Oskar Schindler gehört, der während des Zweiten Weltkriegs rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bewahrt und ihnen so das Leben gerettet hat. Schindler tat dies jedoch nicht ganz uneigennützig, zumindest anfänglich waren finanzielle Interessen im Spiel.
Doch es ging auch anders, es gab auch Menschen, die völlig ohne Eigennutz halfen.
Einer von ihnen war Aristides de Sousa Mendes.
Er rettete rund 30.000 Menschen, darunter etwa 10.000 Juden, und dennoch ist sein Name bis zum heutigen Tag nur wenigen Menschen außerhalb Portugals ein Begriff.

Das vorliegende Buch befasst sich eingehend mit dem Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes, angefangen bei seiner Kindheit bis weit über seinen Tod hinaus. Detailliert und in angenehm sachlichem Ton schildert der Autor nicht nur das Leben und die äußeren Umstände von Aristides, sondern auch das seiner Familie und macht es so möglich, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der so viel Gutes tat, den die Geschichte jedoch viel zu lange in Vergessenheit ruhen ließ.

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An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass der folgende Text auf Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes Bezug nehmen wird, wie es auch im Buch geschildert ist.
Wer also nichts über den Inhalt des Buches und die Biographie Aristides de Sousa Mendes‘ erfahren möchte, bricht die Lektüre bitte jetzt ab.

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Aristides de Sousa Mendes, geboren 1885, war 1940 portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux.
Flüchtlingsströme aus Deutschland, den besetzten Teilen Frankreichs und des restlichen Europas strömen zu dieser Zeit gen Süden, um über die noch nicht besetzten französischen Teile und via Spanien nach Portugal zu gelangen, von wo aus man sich die Flucht weg vom europäischen Kontinent erhofft.
Doch nach Spanien gelangt nur der, der ein Visum hat …

Der portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, von de Sousa Mendes gerne auch als „der portugiesische Stalin“ bezeichnet, hatte ein Jahr zuvor im Rundbrief „Circular 14“ erlassen, dass für „Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden…“ keine Visa auszustellen seien.
Aristides de Sousa Mendes stürzt dieses Rundschreiben in einen schweren Gewissenskonflikt und in eine schlimme seelische Verfassung. Er sieht täglich die Flüchtlingsströme, er erkennt, was mit ihnen geschehen wird, wenn niemand hilft. Besonders die wachsende Freundschaft mit Rabbi Chaim Krüger lässt ihn mehr und mehr erkennen, was falsch und was richtig ist.
Am 16. Juni, nach drei Tagen Isolation und innerer Einkehr, steht Aristides auf, rasiert sich, kleidet sich an und beginnt, was der Historiker Yehuda Bauer später als „die größte Rettungsaktion, die während des Holocaust von einem einzelnen Menschen durchgeführt wurde“ bezeichnen wird.

„Von nun an werde ich allen ein Visum geben, es gibt keine Nationalitäten, Rassen, Religionen mehr. […] Ich kann nicht zulassen, dass alle diese Menschen umkommen. Viele von ihnen sind Juden, und in unserer Verfassung steht eindeutig, dass Ausländern weder aufgrund ihrer Religion noch ihrer politischen Überzeugung der Aufenthalt in Portugal verweigert werden darf.
Ich habe beschlossen, diesem Prinzip treu zu sein, werde aber nicht zurücktreten. Ich kann dem christlichen Glauben, dem ich angehöre, nur treu bleiben, wenn ich so handle und der Stimme meines Gewissens folge.“

Visum um Visum wird ausgestellt, wie am Fließband wird gestempelt und unterschrieben. Die Nachricht, dass jedermann ein Visum erhalten kann, verbreitet sich wie ein Lauffeuer, immer mehr und mehr Flüchtlinge stürmen die Kanzlei, darunter auch die Familie de Rothschild und Otto von Habsburg, der freilich nicht selbst erscheint, sondern einen Sekretär schickt. Nicht einmal Gebühren erhebt de Sousa Mendes mehr, es muss schnell gehen, Zeit darf nicht verplempert werden, schließlich verstößt er gegen das Gesetz Salazars.
Und dieser erfährt auch bald davon, bereits am 20. Juni fordert die Regierung den Konsul auf, seine Aktivitäten einzustellen, am 23. Juni reist de Sousa Mendes in die Heimat, nicht jedoch, ohne auf dem Weg noch weitere Visa auszustellen und einige Flüchtlinge persönlich über die Grenze zu begleiten.

Am 24. Juni erklärt Salazar sämtliche durch den inzwischen entlassenen Konsul ausgestellte Visa für nichtig, mehr noch, er fordert seine Botschafter auf, in Zukunft nur noch den „reinen Menschen“, also den Nichtjuden, Visa auszustellen.
In Portugal wird Aristides nicht nur seines Amtes enthoben, er wird auch in einem Disziplinarverfahren für schuldig erklärt, sämtliche Gelder, die Pension, sogar seine Lizenz als Rechtsanwalt werden gestrichen. Schlimmer ist jedoch die gesellschaftliche Ächtung, der er und seine gesamte Familie in Zukunft ausgesetzt sein werden; diesbezüglich leistet Salazar ganze Arbeit: Aristides de Sousa Mendes ist nun ein Niemand.

Die ehemals wohlhabende Familie verarmt, ist zeitweise sogar auf die Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen. Gesundheitlich geht es ebenso mit Aristides bergab.
1954 verstirbt er, ohne rehabilitiert zu sein.

Um die Anerkennung der Taten de Sousa Mendes‘ und um seine politische Rehabilitierung müssen seine Nachkommen und Unterstützer lange kämpfen.

Yad Vashem in Jerusalem wird aufmerksam gemacht. Yad Vashem ist die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“, auch die größte Gedenkstätte zur Erinnerung und Dokumentation der Taten nichtjüdischer Personen. Die Verantwortlichen der Gedenkstätte werden mit der Untersuchung des Falles Aristides de Sousa Mendes beauftragt.
1961 wird zu Ehren von Aristides ein Baum in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ gepflanzt – de Sousa Mendes ist bis heute der einzige Portugiese, der in der Allee vertreten ist.
1966 lässt Yad Vashem sogar eine Gedenkmedaille prägen, die Aufschrift lautet: „Für Aristides de Sousa Mendes, das dankbare jüdische Volk“. Auf der Rückseite steht: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die Menschheit“.

Verschiedene amerikanische Zeitschriften berichten über de Sousa Mendes, dies nicht zuletzt, weil die nach Amerika ausgewanderten Familienmitglieder nicht davon ablassen, Aristides rehabilitieren lassen zu wollen. Große Unterstützung erhalten sie von den Kindern Rabbi Krügers und dem portugiesischstämmigen Politiker John Paul, der 1986 eine Petition zur Rehabilitierung von Sousa Mendes initiiert, diese in der New York Times veröffentlicht und an die portugiesische Regierung schickt. 1987 nimmt das amerikanische Abgeordnetenhaus eine Resolution an,  Mitinitiator ist Ted Kennedy.
Auch Otto von Habsburg setzt sich ein und bedankt sich bei den Nachfahren seines Retters:

„Ich möchte Ihnen noch einmal schriftlich mitteilen, dass ich Ihrem Großvater auf ewig dankbar sein werde. Er war ein großer Gentleman, ein Mann von bewundernswertem Mut und Integrität, der seinen Grundsätzen treu blieb, ohne dabei an seine persönlichen Interessen zu denken.
In einer Zeit, in der viele Menschen feige waren, war er ein wirklicher Held des Abendlandes.“

Am 13. März 1988, über 30 Jahre nach dem Tod de Sousa Mendes und fast 50 Jahre nach seinem Einsatz für die Flüchtlinge, wird er durch das Parlament in Lissabon offiziell rehabilitiert.

Die Gesten der Anerkennung mehren sich seitdem. So ist in der Negev-Wüste ein Wald mit etwa 10.000 Bäumen -in Anlehnung an die Zahl der durch de Sousa Mendes geretteten Juden- nach ihm benannt, Straßen und Plätze in Portugal, aber auch in Österreich oder Kanada tragen seinen Namen und seit 2008 initiiert der Verein Vision und Verantwortung e.V. eine Ausstellung.

Vor zwei Jahren erschien unter dem Titel „Désobéir“ (engl: The consul of Bordeaux) ein Film über Leben und Handeln von Aristides de Sousa Mendes. José-Alain Fralon, Autor der Biographie, war als Drehbuchautor maßgeblich an der Entstehung des Films beteiligt.

Eine Leseprobe des Buches findet sich auf der Verlagsseite.

Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
Verlag: Urachhaus; Auflage: 1 (13. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3825177683

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