Archiv der Kategorie: Historisches

Herbert Beckmann / Mark Twain unter den Linden

„I don’t believe there is anything in the whole earth that you can’t learn in Berlin except the German language.“
[Mark Twain nach seinem Aufenthalt in Berlin im Winter 1891/92]

Mark Twain liebt die deutsche Sprache und Berlin – aber die deutsche Sprache und Berlin lieben nicht unbedingt zurück. Kein Fettnäpfchen lässt der beliebte amerikanische Schriftsteller während seines Berlin-Aufenthaltes aus, düpiert die deutschen Verwandten, den Adel und obendrein auch noch den Kaiser höchstpersönlich. Zum Glück hat er seinen treuen Sekretär Harris, der sich um die daraus resultierenden Probleme kümmert…

Aus dem Klappentext:
Berlin, 1891. Der Kaiser steht stramm, um Mark Twain zu empfangen. Wissenschaftler wie Virchow und Helmholtz schmücken sich mit seinem Besuch. Und beim amerikanischen Botschafter geht er mitsamt seiner Familie ein und aus. Als Mark Twain im Herbst und Winter des Jahres 1891 in Berlin lebt, kann er sich über öffentliche Würdigungen nicht beklagen. Doch hinter der heilen Fassade spielen sich mysteriöse Dinge ab: Twains Scherze kommen nicht bei allen gut an, er wird von einer fremden Frau verfolgt, und auch die Berliner Unterwelt scheint sich auf einmal für den Schriftsteller und seine Familie zu interessieren …

Quelle: Gmeiner

Eigentlich hatte ich vor, das Buch im Rahmen der historischen Challenge zu lesen, aber da ich die entsprechende Zeit bereits durch ein anderes Buch abgedeckt hatte, musste es nun einfach so just for fun dran glauben. 😀 Mit Betonung auf FUN.
Ich hab richtig viel Spaß an diesem Buch gehabt!

Da man über den Aufenthalt der Familie Twain in Berlin nicht allzu viel weiß, blieb dem Autor umso mehr Spielraum für seine Geschichte.

Erzählt ist das Geschehen aus der Sicht von Mark Twains Sekretär Harris (da dieser nicht in der Liste der historischen Personen aufgeführt ist, kann man wohl von einem erdichteten Sekretär ausgehen).
Die bekannten Fakten über die Twains in Berlin sind aufgelockert mit fiktiven Episoden,  in denen zahlreiche historische Persönlichkeiten (hier seien auszugsweise Oscar Wilde, Kaiser Wilhelm oder Theodor Mommsen genannt) und Anekdoten auftauchen.

Der Zeitgeist des Jahres 1891 ist ganz wunderbar getroffen und die Berliner Örtlichkeiten sehr bildlich beschrieben. Man sieht förmlich die dunkel gekleideten, distinguierten Herren im Billardzimmer vor sich, man spürt den aufkeimenden Antisemitismus und kann den infernalischen Krach am Potsdamer Platz erahnen.
Am meisten lebt das Buch vom Wortwitz des Autoren, der wirklich sehr gut zum Humor Mark Twains passt und beim Lesen für ein Dauergrinsen sorgt.
Von mir aus hätte das Buch auch gerne doppelt so lang sein dürfen ;-).

Den Namen Herbert Beckmann werde ich mir auf jeden Fall gut merken und ich freue mich schon sehr auf weitere Bücher des Autoren!

Der erste Satz:

„Packen Sie ihre Siebensachen, Harris.“

Bewertung:
Fünf Sterne.

 

Autor: Herbert Beckmann
Titel: Mark Twain unter den Linden
Broschiert: 276 Seiten
Verlag: Gmeiner
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3839210512

Robert Brack / Blutsonntag

©Edition Nautilus Mein Name ist Klara Schindler. Ich werde einen Menschen töten. Vorsätzlich, aber nicht aus niedrigen Beweggründen, es ist meine Pflicht … Geht das so? … Wenn ich jetzt zurückspule, kann ich mich dann hören?

– Mein Name ist Klara Schindler. Ich werde einen Menschen töten …

Tatsächlich … aber es klingt eigenartig. Ist das wirklich meine Stimme?

Die Kommunistin Klara Schindler, selbstbewusste Reporterin der Hamburger Volkszeitung, hat mit einer neuen technischen Errungenschaft der Sowjetunion, einem Magnetophon, Zeugen über die Geschehnisse des sogenannten Altonaer Blutsonntags am 17. Juli 1932 befragt. Sie will die Aussagen möglichst genau dokumentieren, um damit die Lügen der Hamburger Polizei, der preußischen Behörden und der Presse über die Straßenkämpfe zwischen SA und Kommunisten aufzudecken.

Sie findet heraus, dass die Opfer allesamt von einem Kommando der Hamburger Polizei unter dem Befehl von Oberleutnant Kosa erschossen wurden.

Da niemand etwas gegen die deutlich sichtbaren Putsch-Aktivitäten der Nazis tut und die Mörder vom Staat geschützt werden, entschließt Klara sich zur Selbstjustiz …

Quelle: Edition Nautilus

Meinung:
Am 17. Juli 1932 kam es während eines Aufmarsches der SA durch das überwiegend kommunistische Altona zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, in deren Folge 18 Menschen getötet wurden. Dieser Tag sollte als „Altonaer Blutsonntag“ in die deutsche Geschichte eingehen.

18 Tote, das mag aus heutiger Sicht nicht so dramatisch klingen, erzählen uns doch die Nachrichten täglich von schlimmen blutigen Auseinandersetzungen in dieser oder jener Ecke der Welt, von soundsoviel Toten hier, soundsoviel Opfern da. Aber unter dem Aspekt der Außerkraftsetzung der demokratischen Verfassung Preußens als direkte Folge des Altonaer Blutsonntags und der Machtergreifung der Nationalsozialisten im darauf folgenden Jahr bekommt dieses Ereignis eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.

Bis heute sind sich die Historiker uneins über den genauen Ablauf des Blutsonntags, wer wann zuerst auf wen geschossen, wer nun genau wen getötet hat. Man kennt die Ergebnisse – die Opfer, die Angeklagten, die Hingerichteten, die politischen Konsequenzen- und ansonsten gibt es eine ganze Menge „wahrscheinlich“, „vielleicht“, „möglicherweise“ und „vermutlich“.
Sich mit diesem Thema belletristisch zu befassen kommt einer Gratwanderung gleich, will man dem Anlass gerecht werden.

Es ist schon eine Weile her, dass mir die Auseinandersetzung mit einem Buch so an die Nieren gegangen ist.
Ich habe mich während meines Studiums recht intensiv mit der der SA-Gewalt befasst und wusste also in etwa, was inhaltlich mit diesem Buch auf mich zukommen würde.

Ich war allerdings nicht auf die Sprache Robert Bracks gefasst, die es mir praktisch unmöglich gemacht hat, Distanz zu wahren.

Klara Schindler und ihre Zerrissenheit, die kleinen Hinterhöfe und Mietskasernen, die schmutzigen Kneipen, die Aggressivität, Armut, Trostlosigkeit, die aufgeheizte politische Stimmung, das geschehene Unrecht werden lebendiger, als man es erwarten sollte und so manches Mal habe ich mich sehr unwohl gefühlt, wollte das Buch am liebsten weglegen, noch lieber vor der Geschichte davon laufen, mir am liebsten einreden: „Es ist doch nur eine Geschichte!“.
Ja, es ist eine Geschichte, aber der Blutsonntag hat unleugbar stattgefunden. Es ist eine Geschichte über unsere Geschichte und wenn man sich auch noch in Hamburg und Umgebung auskennt oder einfach schon mal dort war, dann wird diese Geschichte noch greifbarer.

Robert Brack hat es geschafft, die politischen Spannungen des Jahres 1932 auf dem Papier lebendig werden zu lassen und zeichnet sich dabei durch eine äußerst genaue Recherche aus. Er bediente sich für die geschilderten Details bei zeitgenössischen Zeitungsartikeln, Polizeiberichten, Spitzelprotokollen und dokumentierten Zeugenaussagen und das merkt man dem Buch deutlich an, das macht es so besonders bildhaft.

Natürlich ist der Fokus hauptsächlich auf die Protagonistin und ihr kommunistisches Umfeld gerichtet.
Klara geht auf die Straße, ausgerüstet mit einem russischen Tonbandgerät, befragt die Menschen und will so herausfinden, was wirklich geschehen ist.
Die Berichte der Menschen, so erfährt man es im Nachwort, basieren auf authentischen Zeugenaussagen, die nur wenig bis gar nicht verändert wurden.

Möglicherweise fällt es dem Leser, der ohne jegliche Vorkenntnisse zu diesem Buch greift, an manchen Stellen schwer, dem Geschehen zu folgen. Das sollte jedoch kein Grund sein, nicht zu diesem Buch zu greifen.
Man sollte sich jedoch im Vorfeld darauf einstellen, dass es kein Buch ist, das sich einfach runter liest, es ist kein Wohlfühlbuch, sondern macht nachdenklich und wühlt auf.

Eine Leseprobe und nähere Informationen zu Buch und Autor findet man auf den Verlagsseiten der Edition Nautilus.

Bewertung:
Was mich so berührt, so exakt recherchiert und dann auch noch mit so viel Gefühl formuliert ist, bekommt die Höchstnote.

 

Titel: Blutsonntag
Autor: Robert Brack
Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Edition Nautilus
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3894017286

Jane Eagland / Mein Herz so wild

Inhalt:
Ein junges Mädchen wird um 1870 herum in die englische Irrenanstalt Wildthorn Hall eingeliefert. Auf ihren Einlieferungspapieren steht der Name Lucy Childs, doch sie selbst behauptet, Louisa Cosgrove zu sein und sich zu Unrecht in der Klinik zu befinden. Niemand glaubt ihr und so muss sie sich in den Anstaltsalltag einfügen, der brutale Wärterinnen und unzumutbare Zustände bereit hält. Doch ist sie wirklich nervenkrank oder handelt es sich vielleicht um eine Verschwörung? Vielleicht, weil sie einfach nicht so sein will, wie eine Frau sein soll …?

Meinung:
Zu Beginn des Buches weiß man nicht:
Handelt es sich nun um Lucy oder um Louisa? Ist die junge Frau wirklich verwirrt und zu Recht in der Anstalt oder etwa doch nicht?
Leider hält diese spannende Fragestellung nicht allzu lange an, denn schon anhand der Einschübe aus der Vergangenheit erkennt man bald, um wen es sich bei der jungen Frau handelt und es lässt sich auch schnell die Ursache ihres Dilemmas erahnen.
Die Geschichte plätschert vor sich hin. Die Stellen, die eigentlich als Spannungsgipfel hätten enden sollen, kamen so kaum zur Geltung, die Erzählweise wirkte auf mich recht eintönig.

Im Interesse all jener, die das Buch noch lesen möchten, setze ich heute erstmals einen Spoiler, denn es ist mir ausnahmsweise nicht möglich, meine Meinung zu formulieren, ohne auf die Handlung einzugehen. Wer also weiter lesen möchte, braucht nur den folgenden weißen Abschnitt markieren und schon wird der Text lesbar ;-).

Mir fiel es insgesamt sehr schwer, mich auf diese Geschichte einzulassen.
Zum einen lag das an der Erzählweise; ich bin kein Fan von Präsensschilderungen.
Zum anderen aber wurde ich auch inhaltlich nicht warm mit diesem Buch. Möglicherweise liegt das auch daran, dass mein derzeitiger Arbeitsschwerpunkt die Psychiatriegeschichte ist und das, was ich über Nervenheilanstalten im 19. Jahrhundert weiß, mit diesem Buch nur mäßig konform geht. Grade unter dem Aspekt, dass sich das Buch an jugendliche LeserInnen wendet, werde ich mit der Schilderung der Geschehnisse in der Anstalt nicht glücklich.

Die Hauptfigur ist für mich in jeder Hinsicht „too much“:
Sie ist klug, sie ist emanzipiert, sie ist entschlossen. So weit so gut. Doch diese ganze Anstaltsschilderung (de wirklich so ziemlich jedes Psychiatrieklischee bedient, das sich bis heute in den Köpfen der Menschen gehalten hat…), die Tatsache, dass sich die Protagonistin immer wieder von allen anderen abhebt, immer wieder besonderer als besonders ist, sich mit Gewalt befreit und schlussendlich sämtliche Konventionen sprengt, indem sie nicht nur Medizin studiert, sondern auch noch die gleichgeschlechtliche Liebe auslebt, das war mir einfach zu viel und dadurch wirkte das Buch auf mich sehr unrealistisch. Etwas weniger dick aufgetragen, ein paar weniger bediente Klischees oder auf weniger Punkte fokussiert, wäre die Geschichte runder und zu Herzen gehender geworden. Manchmal ist weniger eben wirklich mehr.

Der erste Satz:

Die Kutsche holpert in den ausgefahrenen, vom strömenden Novemberregen überfluteten Spurrinnen dahin.

Bewertung:
Von mir gibt es für „Mein Herz so wild“ leider nur zwei Sterne.

 

Autorin: Jane Eagland
Titel: Mein Herz so wild
Originaltitel: Wildthorn
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3423248396 Pick It!
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 16 Jahre

Herzlichen Dank an DTV für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

Philippe Nessmann / Absturz in den Anden

Stefanie von den Bücherkindern hat mir dieses Buch netterweise zur Verfügung gestellt, herzlichen Dank dafür (nicht nur in meinem Namen 😉 )!

Henri Guillaumet ist 14 Jahre alt, als er seine Berufung findet: das Fliegen.
Im Jahr 1916 ist das alles andere als gewöhnlich, Flugzeuge gibt es noch nicht allzu lange und der Weg zum Piloten ist hart und kostet viele Anwärter das Leben. Doch Guillaumet schafft es und erfüllt sich seinen Traum, wird zunächst Flieger bei der Armee, später dann bei der neugegründeten Luftpost. Diese bringt ihn schließlich nach Südamerika – wo er und sein Flugzeug am 13. Juni 1930 über den Anden als vermisst gemeldet werden.
Antoine Saint-Exupéry und Jean Mermoz, enge Freunde Guillaumets, begeben sich auf die verzweifelte Suche nach dem Verunglückten, doch um zu überleben, muss dieser sein Schicksal selbst in die Hand nehmen…

Phillippe Nessmann ist ein sehr gründlich recherchiertes und feinfühliges Buch über den in Frankreich noch heute hoch verehrten Henri Guillaumet und die Anfänge der Luftpost gelungen. Statt nüchtern zu berichten, lässt Nessmann die Freunde und Gefährten Guillaumets und natürlich den Flieger selbst zu Wort kommen.
Das Buch zeichnet sich durch eine lebendige, bildhafte Sprache aus, die auch für Kinder gut verständlich sein dürfte (wenn man von einigen veralteten Begriffen wie „Kinematograph“ absieht, die sicherlich elterlicher Erläuterung bedürfen).

Besonders gelungen und erwähnenswert ist die Dokumentation „Die Pioniere der Luftpost“, die in der Mitte des Buches zu finden ist und kurze Lebensläufe und Fotos der Piloten enthält sowie Abbildungen der Flugzeuge und Erläuterungen rund um das Thema Luftpost.

Von mir gibt es für dieses Buch, das sich mittlerweile in den Händen meiner Neffen befindet, die Höchstnote.

Tipp: Philippe Nessmann hat noch weitere historische Romane für Kinder und Jugendliche verfasst, die sich durch eine ebenso lebendige Sprache und hervorragende Recherche auszeichnen.

 

Autor: Philippe Nessmann
Titel: Absturz in den Anden
Originaltitel: A l‘ assaut du ciel
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Kerle in Herder
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3451709920
empfohlenes Alter: 10 – 15 Jahre

Melanie Benjamin / Alice und ich

Inhalt:
„Ach, ich bin es leid, Alice im Wunderland zu sein. Klingt das undankbar? Aber ich bin es wirklich leid.“

Alice Pleasance Liddell Hargreaves ist die zweitälteste Tochter des Dekans von Oxford und wächst mit ihren zahlreichen Geschwistern in der kleinen Universitätsstadt auf. Der Vater ist selten anwesend, die Mutter streng und unterkühlt. Da kommt die Freundschaft zu dem 20 Jahre älteren Mathematikprofessor Charles Lutwidge Dodgson (bekannter unter seinem Künstlernamen Lewis Carroll) grade recht, der Alice und ihre Schwestern Ina und Edith auf Ausflüge mit nimmt und ihnen viele unterhaltsame und abenteuerliche Geschichten erzählt. Besonders zu Alice, die anders ist als ihre Schwestern, verbindet ihn eine enge Freundschaft und sie ist es auch, die ihn zu einer besonderen Geschichte inspiriert. Es ist ebenfalls Alice, die Dodgson bittet, diese eine besondere Geschichte aufzuschreiben, die ihrer beider Leben für immer verändern soll, denn Dodgons „Alice im Wunderland“ wird bald zum bekanntesten Kinderbuch der Welt.
Doch das Leben von Alice ist nicht nur wunderbar, birgt nicht nur schöne Abenteuer und auch das Wunderland existiert für sie nur in dem Buch, das sie erst im hohen Alter selbst lesen wird…

Meinung:
Ein Buch über die wahre Alice- da konnte ich nicht lange widerstehen und ich gebe zu, ich habe mich auch ein bisschen in diesen wunderschönen Schutzumschlag verliebt.
Melanie Benjamin hat ein wunderbares Buch geschaffen, das vor allem von seiner gefühlvollen Sprache lebt und das den Zeitgeist des viktorianischen Zeitalters vortrefflich eingefangen hat.
Es ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich dem Leben der kleinen Alice, der Jugendlichen und der alten Frau widmen. Jedes Kapitel wird von einer Fotografie eingeleitet, sodass Alice beim Lesen wirklich lebendig wird und man immer ihr Gesicht vor Augen hat.

Ich kann mich nicht an viele Bücher erinnern, die es geschafft haben, mich zum Weinen zu bringen.
Eins davon waren „Die Leiden des jungen Werther“ (ich war 15, emotional aufgewühlt, da kann einen dieses Buch schon mal abschießen), ein anderes war „Die Bücherdiebin“ und kurz danach „Das Buch der verlorenen Dinge“. Zwischen Werther und den anderen beiden Büchern lagen 16 Jahre tränenfreien Lesens. Werde ich einfach nur älter und weicher oder habe ich in diesem Jahr wirklich schon das dritte Buch erwischt, dass mich so berührt hat, dass die Tränen nur so liefen? Ich weiß es nicht, aber es ist ein Fakt: „Alice und ich“ hat mich hemmungslos schluchzen lassen.

Ich weiß nicht mehr genau, auf wessen Blog ich die erste Rezension zu diesem Buch gelesen habe, dennoch an dieser Stelle vielen vielen Dank dafür, denn dieses Buch ist einfach nur wunderbar und womöglich wäre es sonst völlig an mir vorbei gegangen.

Bewertung:
Höchstnote.

Mein herzlicher Dank geht an den C. Bertelsmann Verlag für die Bereitstellung dieses Leseexemplars.

 

Autorin: Melanie Benjamin
Titel: Alice und ich
Originaltitel: Alice I have been
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3570100479

Kate Mosse / Wintergeister

Kurzbeschreibung:
Die Trauer im Herzen reist der junge Frederick Watson 1928 durch den Süden Frankreichs. Er hofft, Ablenkung zu finden von seinen trüben Gedanken, die ihn nun schon zu lange begleiten. Durch Zufall landet er in einem kleinen, abgelegenen Dorf inmitten der Pyrenäen, nimmt dort an einer traditionsreichen Feier teil und lernt ein umwerfendes Mädchen kennen. Doch kaum ist sie da, ist sie auch wieder verschwunden und niemand will sie kennen. Frederick begibt sich auf die Suche…

Meinung:
Kate Mosse hat mit „Wintergeister“ einen wunderschönen, stimmungsvollen Roman abgeliefert, der mich sehr überrascht hat. Fredericks eigenes Schicksal steht im Mittelpunkt, aber auch die Hoffnung, Schicksalsschläge überwinden und wieder am Leben teilnehmen zu können. Ebenso im Mittelpunkt steht die Geschichte der Region, ohne dass jedoch eine dröge historische Belehrung daher kommt (was bei der Thematik durchaus schnell passieren kann). Kate Mosse versteht es vielmehr, beide Geschichten so miteinander zu verweben, dass sie Hand in Hand gehen, auch wenn sie Jahrhunderte auseinander liegen. Die Trauer, die zunächst das beherrschende Gefühl ist, weicht mehr und mehr und am Ende fühlt man sich erleichtert und hoffnungsvoll. Zwar wird nicht alles gut, aber es wird besser.
Die Sprache ist einfach, dicht, atmosphärisch und sehr bildhaft, man fühlt sich durch die exakten Beschreibungen schnell mitten in den Süden Frankreichs und die spröden Pyrenäen versetzt und auch die Figuren bleiben einem nicht lange fremd.
Ich bin mit gänzlich anderen Erwartungen an dieses Buch herangegangen und wirklich mehr als positiv überrascht von dieser wunderschönen Geschichte, auch wenn ich mir am Ende irgendwie noch etwas „mehr“ gewünscht hätte. Objektiv betrachtet ist das Ende perfekt so, wie es ist, aber hier kommt einfach das Mädchen in mir durch ;-).

Der erste Satz:

Er ging wie jemand, der erst kürzlich wieder auf die Beine gekommen ist.

Bewertung:
Vier Sterne.

Herzlichen Dank an den DROEMER Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

 

Autorin: Kate Mosse
Titel: Wintergeister
Originaltitel: The Winter Ghosts
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3426198902

[die historische Challenge] Kai Meyer / Das Gelübde

Wie zu erwarten war, habe ich mich bereits jetzt nicht an meinen Plan für die historische Challenge gehalten :-D.
Macht nichts, denn hätte ich gewusst, dass dieses Buch bei meinen Eltern auf mich wartet, hätte ich es von Anfang an eingeplant und im Leben kommt ja sowieso nichts so, wie man es geplant hat. 😉

Inhalt:
Es ist der Herbst des Jahres 1818, als der Dichter Clemens Brentano in Dülmen im Münsterland eintrifft. Die kleine Stadt ist vom Herbstlaub regelrecht überflutet, weit mehr Laub türmt sich in den Gassen, als es eigentlich möglich sein kann und erschwert den Alltag.
Brentano,  ein bekennender Atheist, ist auf Drängen seines Bruders nach Dülmen gekommen, um sich hier mit der Nonne Anna Katharina Emmerick zu treffen. Diese ist seit über fünf Jahren bettlägerig und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für ihre Stigmata und Marienvisionen. Brentano, der die Echtheit der Visionen und Stigmata anzweifelt, will sich selbst ein Bild machen und wird auch zu Anna vorgelassen. Diese erkennt in ihm auf Anhieb einen Seelenverwandten, einen „Pilger“, der auf der Suche nach der Wahrheit ist, und vertraut ihm schließlich das ganze Ausmaß ihrer Visionen und deren tatsächliche Inhalte an…

 

Meinung:
Ich lese die Bücher von Kai Meyer sehr sehr gerne und bin seit Jahren ein großer Fan.
Bislang hat mir nur eins seiner Bücher nicht besonders gut gefallen – nun sind es zwei.
„Das Gelübde“ hat mich nicht wirklich überzeugt.
Grundsätzlich ist die Geschichte spannend, ich wusste bislang nicht viel über Clemens Brentano und schon gar nicht, dass er jahrelang am Bett einer Nonne gesessen und Visionen aufgezeichnet hat.
Was mir einfach nicht gefallen hat, war der Schwerpunkt in diesem Buch, der auf den fast schon pornographischen Schilderungen der Marienvisionen lag. Irgendwie hat mich das unangenehm berührt, obwohl ich eigentlich nicht sonderlich prüde veranlagt bin. Mich hätten an der Geschichte andere Aspekte mehr interessiert und ich hab einfach auch nicht mit einem solchen Inhalt gerechnet, auch wenn auf dem Buch „unheimlich und erotisch“ drauf steht.
Die Erzählweise ist wie gewohnt flüssig und bildhaft, man kann sich der Geschichte beim Lesen nur bedingt entziehen und auch wenn mir der Inhalt nun nicht so sonderlich gefallen hat, beweist Meyer doch nur einmal mehr, wie variantenreich seine Ideen und sein Schreiben sind.

Der erste Satz:

Er geht in die Knie, gleich neben dem Bett der Toten.

Bewertung:
Bei all meiner Begeisterung für Kai Meyer gebe ich diesem Buch dennoch nur 2 Sterne.

 

Autor: Kai Meyer
Titel: Das Gelübde
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3404155040

Corinna Kastner / Die verborgene Kammer

Inhalt:
Viktoria erbt eine Haushälfte an der mecklenburgischen Ostsee. Kurios daran ist, dass sie weder den verstorbenen Herrn kennt, der ihr das Erbe vermacht hat, noch den jungen Mann, der die andere Hälfte erben soll. Einzige Bedingung des Erblassers: Viktoria und Roman sollen zwei Monate gemeinsam in der Villa leben, erst dann wird das Erbe rechtskräftig.
Diese Zwangswohngemeinschaft stellt sich als schwieriger umsetzbar heraus als gedacht und erst die Neugier der beiden auf das verschlossene Zimmer unterm Dach und auf die frühere Bewohnerin bringt Roman und Viktoria einander näher und vor allem näher an das Geheimnis des Erblassers, der die beiden nicht ohne Grund in sein Testament aufgenommen hat…

Meinung:
Ok, die Inhaltsangabe klingt jetzt etwas lahm, aber den Klappentext fand ich noch lahmer ;-). Man will ja auch nicht zu viel verraten, das würde die Spannung des Buches ruinieren. Also müsst ihr, meine lieben Leser, euch einfach damit begnügen, wenn ich sage: das Buch ist nicht so lahm wie meine Inhaltsangabe.

Der Anfang kommt etwas mühsam daher, die Autorin stellt die Charaktere und die Handlungsorte doch recht ausgiebig vor, aber danach, ab etwa Seite 50, kommt geballte Spannung ins Spiel.
Die Geschichte springt zwischen den Zeiten hin und her, von der Gegenwart zurück ins längst vergangene Mecklenburg, von dem man ein umfassendes (und manchmal erschreckendes) Sittengemälde erhält. Die Zeitsprünge sind zunächst ein wenig verwirrend, mich hat diese Technik auch an Kate Mortons „Der geheime Garten“ erinnert, aber für den Spannungsbogen erweist sich diese Vorgehensweise als wirklich grandios, weil sie Gelegenheit für Cliffhanger bietet.
Man erfährt, wer die Villa früher bewohnt hat, man steigt allmählich durch verworrene Verwandtschaftsverhältnisse durch und begleitet die beiden Protagonisten auf der Spurensuche.
Ich muss zugeben, dass mich besonders die Textabschnitte fasziniert haben, die in der Vergangenheit spielen, denn ich finde die Darstellung Mecklenburgs beziehungsweise der höheren Gesellschaft in dieser Zeit recht gelungen und hätte das im Vorfeld nicht von dem Buch erwartet.
Auf manche Dinge hätte ich gut verzichten können, ein bisschen weniger Romantik an einigen Stellen hätte mir persönlich besser gefallen und die ersten Seiten waren doch ein wenig langatmig.
Aber alles in allem ein sehr gelungenes Buch, das mich wirklich überrascht und gut unterhalten hat!

Der erste Satz:

Über die Staffelei hinweg schweift mein Blick zum offenen Fenster.

Bewertung:
Ich hab jetzt lange zwischen drei und vier Sternen geschwankt.
Der für mich nicht so gut gelungene Einstieg spricht für drei, die Idee und die restlichen etwas mehr als 500 Seiten dann aber doch für vier.
Letztlich siegt jetzt die gebürtige Mecklenburgerin in mir, die da sagt: Das Buch hat mich ein Stückchen Heimat schnuppern lassen, gib ihm gefälligst vier Sterne.
Aye aye.

Titel: Die verborgene Kammer
Autorin: Corinna Kastner
Taschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3404162796

Genevieve Hill / Das verschwundene Mädchen

Genevieve Hill: Das verschwundene Mädchen. Die Aufzeichnungen der Idilia Dubb.Inhalt:
1851 geht die 17jährige Schottin Idilia Dubb mit ihrer Familie auf eine Reise entlang des deutschen Rheins. Die Eltern haben gravierende Eheprobleme und Idilia selbst ist frisch entlobt, nachdem ihr Verlobter sie betrogen hat. Idilia zeichnet für ihr Leben gern und so hält sie die meisten Stationen ihrer Reise auch in Bildern fest, wichtiger ist ihr jedoch ihr Tagebuch, in das sie akribisch alles Erlebte einträgt. Eines Morgens verschwindet sie spurlos. Ein Jahrzehnt später werden ihre Gebeine auf der Burg Lahneck entdeckt, zusammen mit ihrem Tagebuch, das Aufschluss darüber gibt, was mit Idilia geschehen ist…

Meinung:
Angeblich soll dies also ein authentisches Tagebuch sein. Das wahre Tagebuch der tatsächlich 1851 verschollenen Idilia Dubb. Das Tagebuch, dass die Familie erst nach dem Tod der Eltern herausgegeben hat.

Ich möchte hiermit meine starken Zweifel an der Echtheit äußern und mich damit der Meinung Wikipedias anschließen:

In den bisher durchgeführten Recherchen ließen sich wenige Beweise für die Authentizität ermitteln. Somit sprechen die oben aufgeführten Fakten momentan für eine moderne Sage, die erst 1863 durch die Artikel des Adenauer Kreis- und Wochenblattes in Umlauf gebracht wurde.

Das Buch ist geschrieben wie ein konzipierter Roman. Was Idilia in wenigen Tagen an Abenteuern erlebt (oder erlebt haben will), lässt einem die Haare vor lauter Ungläubigkeit zu Berge stehen und es tauchen auch immer wieder Ungereimtheiten auf, wie beispielsweise eine Bahnstrecke, die erst 7 Jahre nach Idilias Verschwinden gebaut wurde oder fehlerhafte Namen und Ortsbeschreibungen. Das fällt einem selbst mit nur rudimentären Kenntnissen der Rheingegenden auf und man muss auch nicht erst den doch sehr skeptischen Wikipedia-Artikel oder die Rezension in der ZEIT lesen, um selbst Zweifel zu bekommen.

Der erste Satz:

Meine liebste Gwendolyn, du mein Ein und Alles, meine Seelenfreundin (ich will dich so nennen, da die Seele, wie unsere Freundschaft, ewig ist)!

Bewertung:
Das Buch bekommt von mir einen Stern, und den auch nur, weil mir die Beschreibungen des Rheins gefallen haben.

Titel: Das verschwundene Mädchen. Die Aufzeichnungen der Idilia Dubb.
Originaltitel: The Diary of Miss Idilia
Autor: Genevieve Hill (Hg.)
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: cbt
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3570302743