Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Yoko Ogawa / Das Ende des Bengalischen Tigers

Seltsame Dinge geschehen in Yoko Ogawas „Das Ende des Bengalischen Tigers“: Ein Kind stirbt in einem Kühlschrank, ein Tiger wird in einem Innenhof gefangen gehalten, ein Arzt wird ermordet und ein Herz wird auf, statt in der Brust getragen.

In ruhiger, poetischer Sprache erzählt die Autorin in elf Geschichten von den verschiedensten Menschen und den haarsträubendsten Ereignissen. Elf Geschichten, alle auf vielfältige Art miteinander verwoben, obwohl Protagonisten, Zeit und Orte wechseln. Jede wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers geschildert, jede konzentriert sich auf ein anderes Geschehnis und doch trägt eine jede dazu bei, die anderen Geschichten besser zu verstehen.

Dem Leser bleibt die Aufgabe, die Geschichten in Kontext zueinander zu setzen und ehe man sichs versieht, wird aus den elf Geschichten ein Roman.

Besonders wird das Buch vor allem durch die Sprache. Gerade der Kontrast zwischen der poetischen, sanften Sprache und dem teilweise grauenerregenden Geschehen ist außergewöhnlich und dadurch sehr reizvoll.

Bewertung:
Das Buch hat mich unterhalten, fasziniert, schockiert, gefesselt und überrascht – fünf Sterne.

Titel: Das Ende des Bengalischen Tigers
Autorin: Yoko Ogawa
Originaltitel: Kamokuna Shigai, Midarana Tomurai
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten
Verlag: Liebeskind
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3935890755

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[Geschenktipp] LeseBlüten Prosa 2010

Die Anthologie „LeseBlüten Prosa 2010“ enthält Kurzgeschichten aus vielen verschiedenen Genres.
Spannendes, Witziges, Nachdenkliches, Fantastisches – all das ist in der Kurzgeschichtensammlung, die im Piepmatz-Verlag erschienen ist, zu entdecken.

Dieses Buch enthält so viele verschiedene Geschichten, dass man sich beim Lesen wirklich Zeit nehmen, auch mal Pausen einlegen muss, um diese bunte Mischung wirklich aufnehmen zu können.
Die Themen der 58 enthaltenen Geschichten sind ebenso vielfältig wie die Autoren selbst, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Prosa war das Stichwort, ansonsten gab es keine weiteren Einschränkungen.

Was ich wirklich besonders an dieser Anthologie finde, ist, dass die Geschichten nahezu unverändert abgedruckt wurden, man liest also wirklich das, was die Autoren geschrieben haben – und da tun sich mitunter Welten auf.
Ich gebe es ganz offen zu, einige Geschichten habe ich nicht zu Ende gelesen, sie trafen nicht meinen Geschmack, weder thematisch noch vom Sprachgefühl her; bei manchen wollte sich mir die Aussage auch so gar nicht erschließen.

Manche Geschichten jedoch haben mich richtig umgeworfen, ich möchte sie als wahre Rohdiamanten bezeichnen, von deren Autoren man hoffentlich in Zukunft noch viel mehr lesen und hören wird!
Viele von ihnen sind auf Twitter, bei Facebook oder in eigenen Blogs sehr aktiv, mein FeedReader ist dank der „LeseBlüten“ deutlich dicker geworden, denn ich möchte den Weg dieser Autoren unbedingt weiterverfolgen.

Zur Auseinandersetzung mit der Literatur, mit den eigenen Präferenzen und Wünschen an das geschriebene Wort, aber auch den Vorstellungen anderer Menschen haben mich die „LeseBlüten“ allesamt angeregt und daher kann ich euch dieses Buch guten Gewissens ans Herz legen.

Stephen King / Zwischen Nacht und Dunkel

Ein Farmer, der von dem, was er getan hat, in den Irrsinn getrieben wird.
Eine Schriftstellerin, die unbedacht eine Abkürzung wählt.
Ein Todkranker, der um eine Verlängerung bittet.
Eine Ehefrau, die glaubte, ihren Mann zu kennen.

Vier Novellen, eine Aussage:
Es kommt sowieso anders, als du es erwartest und es wird schrecklicher, als du es dir je erträumen könntest.

Stephen King zählt definitiv zu meinen Lieblingsschriftstellern.
Keiner versteht es so wie er, in den Abgründen menschlicher Ängste zu wühlen.
Noch mehr als seine Romane liebe ich seine Kurzgeschichten und „Zwischen Nacht und Dunkel“ hat mich genau darin wieder bestärkt.

Selbst in seinen besten Romanen entsteht nicht solch eine grauslige, packende Stimmung wie in den Novellen und Kurzgeschichten.
Dabei verzichtet King größtenteils dankenswerter Weise auf allzu detaillierte Beschreibungen; die sind auch überhaupt nicht notwendig, das Kopfkino läuft ohnehin auf Hochtouren.
Was in den Romanen auf mehrere hundert Seiten verteilt wird, ist in den Geschichten komprimiert und wirkt umso heftiger auf den Leser.

Das Buch besteht aus vier Novellen: „1922“, „Big Driver“, „Faire Verlängerung“ und „Eine gute Ehe“.
Kein langes Vorgeplänkel, einfach rein in die Geschichte; nicht zu viele Details, nicht zu viele Figuren, dafür umso mehr Atmosphäre und in jeder Geschichte eine Moral: Jeder muss für das, was er tut, einen Preis zahlen.

Ich könnte nicht sagen, welche der vier Geschichten in meinen Augen die stärkste ist, jede für sich hat ihre Vorzüge.
Müsste ich jedoch die schwächste benennen, wäre es für mich eindeutig „Big Driver“, da ich einiges in der Geschichte nicht so schlüssig fand wie in den anderen dreien.
Während ansonsten jeder Gedankengang und jede Handlung für mich gut nachvollziehbar war und das Ergebnis entsprechend passend, gefiel mir bei „Big Driver“ vor allem im letzten Drittel einiges nicht so gut. Mehr will ich dazu an dieser Stelle nicht sagen, es soll schließlich jeder ganz für sich allein die Geschichten auf sich wirken lassen und ich möchte hier nicht spoilern und damit den Lesegenuss verderben ;-).

Kleiner Kritikpunkt:
Für meinen Geschmack hätte der Infotext im Schutzumschlag etwas reduzierter sein können bzw. so formuliert, dass er nicht so viel von der Handlung der einzelnen Geschichten verrät. Das schafft automatisch schon vor dem Lesen eine gewisse Erwartungshaltung und Voreingenommenheit, die den Geschichten durchaus auch schaden kann.

Leseempfehlung? Definitiv!

 

Kleiner Tipp: Wer sich bei „Big Driver“ etwas wundert, weil bei der Sache mit der Abkürzung irgendetwas klingelt, der werfe noch einmal einen Blick auf „Mrs. Todds Abkürzung“, veröffentlicht in den Kurzgeschichtensammlungen „Der Gesang der Toten“ und „Blut“.

 

Wertung:
Vier Sterne.

 

Autor: Stephen King
Titel: Zwischen Nacht und Dunkel
Originaltitel: Full Dark, No Stars
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453266995

Kurt Vonnegut / Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße

Kurzbeschreibung:
In diesen 14 erstmals auf Deutsch erscheinenden Geschichten erweckt Kurt Vonnegut Mörder, Wahnsinnige und Außenseiter gekonnt und auf skurrile Weise zum Leben. Übersetzt von Harry Rowohlt Mit seinen fantastischen Erzählungen lädt einer der größten Schriftsteller seiner Zeit in eine wunderliche Welt ein und schafft Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergessen wird: Diesmal begleitet Vonnegut einen Laborassistenten, der die Welt verändern will und ein Gerät erfindet, das einem persönliche Ratschläge ins Ohr flüstert zu persönliche, wie sich herausstellt; einen gelangweilten Angestellten, der in seinem staubigen Büro zu seinem Lebensmut zurückfindet; die junge Selma, die den IQ mit dem Körpergewicht verwechselt und die ganze Schule durcheinanderbringt; einen mysteriösen Hypnotiseur, der Rumpelstilzchen heißt; einen Mann, der ein Raumschiff findet und Außerirdische bewirtet; Ameisen, die lesen und schreiben können, und Wahnsinnige, die auf Kommando morden. Vonneguts verschrobener, ironischer und witziger Ton ist unverwechselbar und jede Erzählung in ihrer Perfektion von der ersten Zeile an fesselnd.

Quelle: Amazon

Meinung:
Da reicht eigentlich ein Wort: großartig!
Die Kurzgeschichten von Kurt Vonnegut zeugen von einer unglaublichen Vorstellungskraft. Die meisten in diesem Buch sind (wie unschwer zu erkennen ist) schon vor sehr langer Zeit entstanden, damals müssen seine Schilderungen unglaublich futuristisch gewirkt haben. Ich fand es spannend, aus heutigem Blickwinkel zu lesen, wie sich Vonnegut die Zukunft dachte und was er sowohl an der Gegenwart als auch an der selbst entworfenen Zukunft zu kritisieren hatte. Die Geschichten sind gesellschaftskritisch, konsumkritisch, regierungskritisch und das alles ist verpackt in eine Wortwahl, die ganz grandios von Harry Rowohlt übersetzt wurde.
Vonnegut durchschaut die Menschen, ihre Hoffnungen, ihre Triebe, ihr Tun.
Man merkt, ich bin schwer begeistert ;-).

Der erste Satz:

Der Sommer war friedlich im Schlaf gestorben, und der Herbst, der Vollstrecker mit der leisen Stimme, schloss das Leben sicher weg, bis der Frühling kam, um es zurückzuverlangen.

Bewertung:
Satte 5 Sterne.

 

Autor: Kurt Vonnegut
Titel: Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße
Originaltitel: Look at the Birdie
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Kein & Aber
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3036955766

Susanne Henke / Makellose Morde to go

Klappentext:
„Mit ihren weißen Fluffhaaren sehen sie aus wie ein Löwenzahnstrauß. Einmal pusten, und sie lösen sich in Luft auf. Wenn es doch nur so einfach wäre.“

Aufgeben? Niemals. Henkes Helden sind der Traum eines jeden Arbeitgebers: engagiert, flexibel und lösungsorientiert. Kein Einsatz ist ihnen zu hoch für Quote oder Kundenglück, den Platz in der ersten Reihe, das Lächeln der Liebsten oder die ungestörte Ruhe ihres Refugiums. Menschen wie du und ich, scharfzüngig seziert und pointiert in den Abgrund gestoßen. Ein giftig-guter Cocktail garstiger Geschichten, der (schaden-) freudigen Genuss verspricht.

Meinung:
Ich liebe Kurzgeschichten.
Ich liebe es, bei solchen Erzählungen mitten in die Situation hinein geworfen zu werden, ohne jedwedes Vorwissen belastet und einfach nur den Moment beobachtend.
Meiner Meinung nach sind Kurzgeschichten nicht einfach nur „Einstiegsübungen“, wie es leider in vielen Anleitungen für angehende Schriftsteller geschrieben steht, sondern sie erfordern viel Fingerspitzengefühl und Talent, wenn sie gut sein sollen.

In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dieses Buch sei ja nett, aber doch alles viel zu kurz, man würde ja niemanden kennenlernen können in der Zeit, keine Sympathien entwickeln können, man wüsste ja eigentlich gar nicht, worum es geht – ja aber genau DAS macht doch eine Kurzgeschichte aus!

Die Kurzgeschichte muss in wenigen Zeilen auf den Punkt kommen, sie muss vom ersten Satz an fesseln.
Da hat der Autor nicht kapitelweise Zeit, seine Charaktere zu entwickeln, geschweige denn einen roten Faden.
Da kann der Leser nicht sanft auf das eigentliche Geschehen vorbereitet werden und er wird mit dem, was geschieht, dann auch einfach stehen gelassen.
Das muss so.
Das kann nicht jeder.
Das ist kein Makel, sondern eine Kunst und es ist die Aufgabe des Lesers, den Text auf sich wirken zu lassen, zu analysieren, für sich eine Aussage zu finden (die eben nicht automatisch auf dem Silbertablett serviert wird – manchen verwöhnten Romanleser verwirrt das nachhaltig).

Eine gute Kurzgeschichte setzt voraus, dass der Autor nicht nur mit Worten umgehen kann, sondern dass er auch eine feine Beobachtungsgabe hat.
Susanne Henke beherrscht beides. In ihren Geschichten findet man alltägliche Situationen, ihre Figuren haben alltägliche Namen, alltägliche Berufe. Nur wie sie handeln, das ist eben nicht immer so ganz alltäglich. Nicht immer enden die Geschichten tödlich und nicht immer handelt es sich um Mord, aber Schadenfreude und ein bisschen Gemeinheit ist immer dabei und auch nicht zu knapp Kritik an gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Ich will jetzt keine einzelnen Geschichten raus picken, auf ihre Art und Weise hat mir jede gut gefallen, auch wenn ich bei manchen mehr grübeln musste als bei anderen. Das ist übrigens etwas, was ich sehr mag. Wenn ich nach einer Kurzgeschichte nicht kurz innehalten und nachdenken muss, dann hat sie mir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gefallen und kaum bis gar keinen Eindruck hinterlassen ;-). Und ok, ich gebs zu, speziell bei „Loslassen“ und bei „WM Baby“ war meine Schadenfreude nicht zu leugnen.
Die Sprache ist kraftvoll, punktgenau, aber nicht verschnörkelt oder unverständlich.

Der erste Satz:

„Nur das Blubbern des Whirlpools unterbricht die Stille der Nacht“.

Bewertung:
Saubere vier Punkte und die Hoffnung, bald noch mehr von Frau Henke zu lesen.

Titel: Makellose Morde to go – Erlesene Verbrechen und herzerfrischende Gemeinheiten
Autorin: Susanne Henke
Taschenbuch: 130 Seiten
Verlag: Books on Demand
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3839192528

Nochmals recht herzlichen Dank an BoD für die Zusendung dieses Rezenionsexemplars.