Archiv der Kategorie: Gelesen

Gastrezensentin [KapitelLiebe] stellt sich vor

Wenn ein Genre generell auf meinem Blog zu kurz kommt, dann sind es wohl die Jugendromane. Ab und an lese ich zwar mal ganz gerne einen, aber die Zeit fehlt momentan einfach an allen Ecken (man merkt es ja an meiner Blogfrequenz).
Aus diesem Grund freue ich mich sehr, euch heute eine neue Gastrezensentin vorstellen zu können, die sich voll und ganz diesem Genre verschrieben hat und die Bücher in einem Tempo verschlingt, das mich regelmäßig nur staunen lässt ;).
Ich wünsche euch viel Spaß bei ihren Besprechungen!

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Hallo ihr Leseeulen, da mich die liebe Grete gefragt hat, ob ich nicht gerne mal auf ihrem Blog Jugendromane als Gastbloggerin rezensieren möchte, und ich ganz verzückt „JA“ geschrien habe, möchte ich mich hier einmal kurz vorstellen:
Ich bin Lisa alias KapitelLiebe♡ und ich bin 20 Jahre alt.
Meine größte Leidenschaft ist das Lesen, und bestimmt auch bald das Rezensieren von Büchern. 🙂 Mein Lieblingsgenre ist Romantasy für Jugendliche. Liebesromane und Dystopien werden aber auch noch sehr gerne in meinem allerliebsten Bücherregal gesehen.

Ich hoffe, ich werde allen Büchern, deren Rezension ich schreiben werde, gerecht werden (ich bin noch eine absolute Anfängerin). 🙂

Ich danke euch schon mal von ganzem ♥ für’s lesen!
Eure KapitelLiebe♡

Stephen King/ Doctor Sleep

Aus dem kleinen Danny Torrance, der vor über 30 Jahren im Hotel Overlook gegen seinen wahnsinnig gewordenen Vater ums Überleben ankämpfen musste, ist ein erwachsener Mann geworden. Dan ist Krankenpfleger, und ihn verfolgt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch der Dämon Alkohol. Ohne es zu wollen, ist er seinem Vater immer ähnlicher geworden.

Ruhelos zieht er von Ort zu Ort, immer auf der Flucht vor seinem „Shining“, das er mit Drogen und Alkohol zu betäuben versucht – aber vor sich selbst kann man nur schwer davonlaufen.
Schließlich landet er als Pfleger in einem kleinen Ort in New Hampshire und entdeckt sein besonderes Talent, Sterbenden den Übergang zu erleichtern, was ihm den Spitznamen „Doctor Sleep“ einbringt. Er nimmt den Kampf gegen seine Sucht auf, findet Freunde, ein Zuhause – und jemanden, der ihm sehr ähnelt und seine Hilfe benötigt …

Stephen King/ Doctor Sleep

Ich kann mich kaum erinnern, schon mal so weit auseinanderklaffende Meinungen zu einem King-Buch gelesen zu haben. Die einen finden es so richtig scheiße, die anderen finden es fantastisch. Und ich siedel mich irgendwo dazwischen an.
Der größte Wurf von Stephen King ist es meines Erachtens nicht, auch wenn man wirklich beim Lesen gespürt hat, wie sehr ihm das Buch und die Geschichte am Herzen liegen und dass er unbedingt die Geschichte von Dan(ny) weitererzählen wollte. Die ersten 2/3 des Buches haben mir unheimlich gut gefallen, da stimmte alles, die Geschichte war gut strukturiert und fesselte mich. Und dann kam, was bei King ja leider öfter mal passiert: ein rapider Absacker.
Ich fand die letzten rund 150 Seiten einfach nur nervig.
Zu viele gewollt-spannungsgeladene Andeutungen, zerhackstückelte Kapitel und, auch das hat leider mittlerweile Tradition, eine immer schlechter werdende Übersetzung. Ich fand Dan nur noch nervig, ich fand Abra unerträglich und der zuvor doch ziemlich interessante „Wahre Knoten“ … naja. Schade.
Ich bin wirklich ein riesiger King-Fan, das wird sich in diesem Leben auch ganz sicher nicht mehr ändern, und ich hatte mich wahnsinnig auf die Fortsetzung von „Shining“ gefreut. Mich hat auch gar nicht gestört, was so viele andere Leser kritisieren, nämlich, dass der (christliche) Einfluss der Anonymen Alkoholiker sich mittlerweile zu stark in Kings Büchern widerspiegelt. Das finde ich im Grunde ok, die AA haben ihm geholfen, gesund zu werden und überhaupt noch am Leben zu sein, natürlich hat das Einfluss auf ihn.
Aber vielleicht sollte er sich wieder mehr Zeit beim Schreiben lassen. Die Bücher kommen in einem solchen Tempo heraus, dass es eigentlich nicht verwundern kann, dass das, was stark beginnt, zum Ende hin derart absackt. Offenbar versucht King, noch so viele Geschichten wie irgend möglich aufs Papier zu bekommen; und dafür sollten wir Leser eigentlich dankbar sein. Dennoch – ich würde bereitwillig auf einige Bücher verzichten, wenn sich dadurch die Qualität konstant hielte.

Autor: Stephen King
Titel: Doctor Sleep
Originaltitel: Doctor Sleep
Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-10: 3453268555

Ben Aaronovitch/ Die Flüsse von London

„Alles begann an einem kalten Dienstag im Januar, morgens um halb zwei, als Martin Turner, Straßenkünstler und nach eigenen Worten Gigolo in Ausbildung, vor der Säulenhalle von St. Paul’s am Covent Garden über eine Leiche stolperte.“

Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London

Frisch ausgebildet wartet Police Constable Peter Grant auf eine glorreiche Zukunft bei der Londoner Polizei – und wird zu seinem Entsetzen den Schnarchnasen zugeteilt, die den Papierkram erledigen sollen. Zum Glück stolpert er über den Fall der kopflosen Leiche und er befragt den einzigen Zeugen am Tatort, Nicholas Wallpenny. Unglücklicherweise ist dieser schon geraume Zeit tot, weswegen ihm natürlich niemand die Zeugenaussage abnimmt, jedoch zieht Peter so die Aufmerksamkeit von Chief Inspector Thomas Nightingale auf sich. Nightingale leitet eine ominöse Ein-Mann-Einheit, die offiziell zum Bereich „Wirtschaftskriminalität und Spezialermittlungen“ gehört, über die aber eigentlich niemand so recht Bescheid weiß.
Schlagartig ändert sich Peters Leben grundlegend, denn Nightingale beschäftigt sich tatsächlich mit allerlei Magischem und ist der letzte Zauberer Londons. Und schon findet sich Peter als Zauberlehrling wieder, der mit Flussgöttern, Vampiren und Geistern zu tun hat und mit ihrer Hilfe den Fall der kopflosen Leiche lösen muss …

Ben Aaronovitch ist ein Meister des Wortwitzes und der Urban Fantasy. Mit Peter Grant hat er eine Figur erschaffen, in die er viel autobiographisches einfließen lässt, zum Beispiel Erlebnisse mit seiner afrikanischen Mutter oder auch die Probleme, die er aufgrund seiner Hautfarbe schon zu meistern hatte. Was ihm noch mit der Figur Peter gemein ist, ist der trockene britische Humor, der jede noch so absurde Situation urkomisch werden lässt. Was sich auf den ersten Blick wie eine „Erwachsenenversion von Harry Potter“ liest (so umschrieb es ein Amazon-Rezensent, leider finde ich die Rezension nicht mehr, um sie hier zu verlinken), ist tatsächlich viel mehr. In der Welt von Peter Grant laufen im realen London vollkommen unerkannt magische Gestalten und Spitzbuben herum, die sich perfekt in die normale Welt integriert haben. Im einen Moment beschreibt Peter noch die Londoner Architektur (und das kann er wirklich sehr vorzüglich), im nächsten spricht er mit Vater Themse über die Zeit von Londons Entstehung. Hier wird nicht einfach nur gezaubert oder der Böse gejagt, hier lernt man etwas über Londoner Stadtgeschichte und Architektur, über die Londoner selbst und darüber, wie es ist, als Kind mit Migrationshintergrund in einem sozialen Brennpunkt aufzuwachsen. Das alles ist in eine temporeiche und witzige Erzählung verpackt, nichts wirkt verbittert oder anklagend, es ist einfach, wie es ist.

Dies ist Ben Aaronovitchs erster veröffentlichter Roman, er war zuvor jedoch schon als Drehbuchautor tätig, unter anderem für die grandiose TV-Serie Doctor Who (wodurch ich überhaupt erst auf ihn aufmerksam wurde); vielleicht gelingt es ihm aufgrund dieser Erfahrungen, so wunderbar bildlich zu erzählen.

Mir hat der erste Band der Reihe um Peter Grant ausgezeichnet gefallen, er hat mich gut unterhalten und Lust auf mehr Peter Grant und mehr magisches London gemacht.

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: Ben Aaronovitch
Titel: Die Flüsse von London
Originaltitel: Rivers of London
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3423213417

Ildikó von Kürthy/ Endlich

„In mein behagliches Nest hat mir die Wahrheit mitten hineingekackt. Ich kann bleiben – und mir die Nase zuhalten.
Ich kann mir eingestehen, dass ich naiv war und unerwachsen, weil ich glaubte, Treue gehöre zur Liebe dazu.
Ich kann mir eingestehen, dass meine Ehe nur funktioniert, weil mein Mann alles bekommt, was er sich wünscht – jedoch nicht nur von mir […]
Willkommen, Vera Hagedorn, in der Realität.
Wurde auch höchste Zeit.“

Vera lebt ein Ildikó von Kürthy: Endlichruhiges Leben mit grauen Schinkenbroten, ätzenden Schwiegereltern und ihrem langweiligen Ehemann Marcus im noch langweiligeren Stade. Vera mag ihr ruhiges, langweiliges Leben. Irgendwie. Abenteuer erlebt sie durch ihre Freundinnen, das ist ihr genug. Glaubt sie jedenfalls. Doch genau durch eins dieser Freundinnen-Abenteuer gerät Veras ruhiges, langweiliges Leben aus dem Tritt, denn anscheinend peppt sich Ehemann Marcus sein langweiliges Leben mithilfe einer blutjungen Kosmetikerin ein bisschen auf, und das kann Vera nicht einfach so hinnehmen …

Vera hört auf, zu verdrängen. Klein beigeben will sie nicht, und so beginnt sie, gemeinsam mit ihren Freunden den Kampf gegen Nebenbuhlerin „Gutemine“ aufzunehmen und sich dabei auch endlich selbst ein Stück weiter zu entwickeln, weg von der langweiligen Kleinstadt-Hausfrau und hin zu einer fitten, begehrenswerten Autorin in der Großstadt.

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Manchmal ist es so, dass Ereignisse in unserem Leben, wirklich üble Ereignisse, unseren Horizont erweitern und unsere Augen auf Dinge lenken, die wir früher nicht wahrgenommen haben.
Genau so geht es mir mit Ildikó von Kürthy.
Früher hätte ich ihre Bücher nicht wirklich beachtet, hab mich davon nicht angesprochen gefühlt.
Dann kam das Leben, und nun sitze ich hier und amüsiere mich ganz köstlich mit ihnen, gespickt mit einem Hauch Wehmut, haufenweise Erinnerungen, aber kein Stück traurig, denn Traurigkeit schubst dieses Buch einfach vom Schirm.

Wobei, selbst jetzt im Nachhinein sehe ich keine Hinweise, nichts, was mich hätte stutzig machen müssen.
Oder?
Die langen Abende im Büro? Die Verabredungen zum Squash? Die Sanitärbedarfsmessen in Frankfurt? Da wirst du doch irre, wenn du hinter jeder Verspätung, hinter jeder Dienstreise gleich einen Betrug witterst.
Vor etwa einem halben Jahr hat er das Rasierwasser gewechselt. Und irgendwann war mir aufgefallen, dass er die Boxershorts mit den ausgeleierten Bündchen aussortiert hatte. Wurde auch höchste Zeit, hatte ich gedacht. Mehr nicht.

In vielen Rezensionen habe ich gelesen, die Story sei überzogen und unrealistisch, und zu einem gewissen Teil mag das auch stimmen – wer allerdings selbst mal etwas Vergleichbares erlebt hat (statistisch gesehen wird jede(r) von uns mindestens einmal im Leben selbst betrogen), wird bei diesem Buch immer mal wieder ganz laut „Ja! JA! Genauso ist es!“ rufen.
Inmitten all der humorigen, überzogenen Szenen liegen verdammt viel Wahrheit, Lebenserfahrung und Menschenkenntnis.

Ja, man darf misstrauisch werden, wenn er auf einmal die ausgeleierten Unterbuchsen freiwillig entsorgt, wenn er auf einmal wieder nach Jahren Rasierwasser benutzt, auffallend viel zum „Sport“ geht, seine Sportsachen aber irgendwie so gar nicht nach Schweiß müffeln. Es sind die kleinen Dinge, die sich auf einmal verändern, die man aber erst im Rückblick wahrnimmt, weil sie im eintönigen Beziehungsalltag irgendwie untergegangen waren – dabei wären sie verlässliche Alarmzeichen gewesen, wäre man nur aufmerksamer gewesen.
Hätte hätte hätte.

Ildikó von Kürthy fasst all diese kleinen Anzeichen geschickt in ihrem Roman zusammen und knüpft daraus eine unterhaltsame Geschichte, die bisweilen alberne Elemente enthält und deren Ende dann doch schon arg verkitscht und am Rande des Erträglichen ist – aber warum denn auch nicht? Warum sollte Romanfigur Vera nach all dem kein Kitsch-Ende bekommen?
Dieses Buch soll unterhalten, das tut es auch ganz fabelhaft, und das Ende tut dem gar keinen Abbruch, denn manchmal darf es eben auch mal ein verkitschtes Happy End sein – das wahre Leben ist schon hart genug und bietet selten ein Happy End.

Vier Sterne.

4sterne

Stephen King/ Böser kleiner Junge


„Das Leben kann schön sein. Es kann es wert sein, dass man darum kämpft.“
„Für manches Leben gilt das bestimmt. Für meines nicht […]“

Stephen King: Böser kleiner Junge
George Hallas sitzt im Todestrakt und soll in Kürze hingerichtet werden. Er hat ein Kind getötet.
Bislang hat er zu seiner Tat geschwiegen, doch nun öffnet er sich seinem Pflichtverteidiger Leonard Bradley und erzählt ihm, wie ihn der böse kleine Junge mit der Propellermütze um einfach alles gebraucht hat, schließlich auch um sein Leben  …

Im November 2013 war Stephen King zum ersten Mal in Deutschland zu Gast. Man sagt ja immer, man solle möglichst nie seine Idole treffen, aber in diesem Fall habe ich es keine Sekunde bereut und bin unheimlich froh darüber, diesen einmaligen Autor einmal live getroffen zu haben.
Kurz nach seiner Reise kündigte er an, dass er von Deutschland und Frankreich so begeistert wäre, dass in Kürze eine Novelle zunächst nur auf Deutsch und Französisch erscheinen würde. Mit „Böser kleiner Junge“ hat er seine Ankündigung in die Tat umgesetzt.

„Böser kleiner Junge“ ist eine großartige, wenn auch kurze Novelle, sprachlich wie gewohnt famos und, wie die meisten seiner Bücher, mit Zitaten und Querverweisen zu seinen anderen Geschichten gespickt.

Viele Leser kritisieren die Kürze der Geschichte und empfinden sie als öde und langweilig – dem kann ich mich nicht anschließen, mir hat sie sehr gut gefallen und das war bislang nicht unbedingt bei jeder King’schen Kurzgeschichte der Fall.

Empfehlung!

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: Stephen King
Titel: Böser kleiner Junge
Originaltitel: Bad Little Kid
Format: eBook/ ePup
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 62 Seiten
Verlag: Heyne Verlag

Angelika Felenda/ Der eiserne Sommer

„Ja, lesen S‘ nur, was da steht“, sagte Steiger. „Das ist wirklich unglaublich. Der Konvoi mit dem Erzherzog ist einfach weitergefahren, obwohl bereits eine Bombe auf die Fahrzeuge geworfen worden war. Null Sicherheitsvorkehrungen. Und dann hat sich der Fahrer auch noch verfahren! Und ist umständlich umgekehrt, damit der Attentäter ja genügend Zeit g’habt hat, die Majestäten totzuschießen.“
Reitmeyer blickte auf das Bild unter der Schlagzeile. „Der fährt in einem offenen Wagen durch Sarajewo? Durch ein Gebiet, das die Österreicher annektiert haben?“
„Sag ich doch!“, rief Steiger. Wenn der schon einen Besuch im Pulverfass von Europa machen muss, hätt‘ man wenigstens für einen anständigen Fahrer sorgen müssen, nicht so einen Hornochsen.“

Angelika Felenda/ Der Eiserne Sommer

Es ist Sommer 1914.
Der Kolonialismus ist auf seinem Höhepunkt, Europa greift nach der Welt, der Industrialismus hat die Gesellschaft verändert, politische Krisen an allen Ecken, kurz: Die Welt ist im Umbruch.
Und nun fällt auch noch Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, gemeinsam mit seiner Gattin einem Attentat zum Opfer. Noch weiß man nicht, dass dieses Attentat der Auslöser des Ersten Weltkriegs sein wird und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis der europäischen Bevölkerung das Ausmaß bewusst wird.

„Ein neuer Balkankrieg, meinen Sie? Ich weiß nicht“, sagte Reitmeyer. Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und starrte einen Moment auf die Aktenberge. „Wieder eine Krise.“ Dann drehte er sich zu Klotz um. „Aber haben wir nicht ständig Krisen? Mal geht’s um Nordafrika, das andere Mal um Bosnien. Vor drei Jahren haben wir alle gedacht, die zweite Marokkokrise wäre der Startschuss für den großen europäischen Krieg. Aber jedes Mal ist es wieder abgewendet worden. Man hat sich verständigt. Nichts ist passiert. Und selbst die ewigen Balkankrisen …“
„Der Balkan“, sagte Steiger verächtlich. „Ein Haufen Straßenräuber, Umstürzler und Terroristen. Ist längst an der Zeit, dass da drunten mal einer aufräumt.“

Trotz der Brisanz läuft das Leben in München in gewohntem Gang weiter und auch die Polizei hat wie üblich zu tun, denn Diebe und Mörder nehmen keine Rücksicht auf weltpolitische Krisen.
Eine Reihe von Todesfällen beschäftigt Kommissär Sebastian Reitmeyer. Besonders der anonyme Tote aus der Isar bereitet ihm Kopfzerbrechen, denn was zunächst nach Ertrinken aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als filigraner Mord.
Auf der Suche nach der Identität des Toten führt die Spur in Militärkreise, vor allem in das Café Neptun, einem Treffpunkt für Homosexuelle aus gutbürgerlichen Kreisen und dem Militär. Kommt der Mörder etwa aus diesen gehobenen Schichten? Gegen das Militär darf Reitmeyer nicht ermitteln, doch er will dem Täter unbedingt auf die Spur kommen und legt sich dabei mit jedem an, der ihn zu behindern versucht …

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„Der eiserne Sommer“ ist ein gelungener Debut-Roman, dessen Handlung sorgfältig zwischen Lokalkolorit und Weltgeschehen platziert ist.
Die Hauptfiguren – immer mal wieder mit Mundart versehen – sind interessant gezeichnet, und dank ihrer Blickwinkel bekommt man einen umfassenden Einblick in die damalige Zeit inklusive ihrer gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen. Man spürt die Umbruchstimmung quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch und die aufgeheizte politische Atmosphäre mit ihren Ressentiments und dem wachsenden Nationalismus, und man sieht in den dunklen, stinkenden Abgrund, der sich hinter der Maske von Sitte, Anstand und Moral verbirgt.
Das Ganze wird in einer leichten, bildreichen Sprache erzählt, die allerdings bisweilen etwas langatmig wird – vor allem am Ende hätten ruhig ein paar Seiten zusammengestrichen werden können, das hätte der gelungenen Geschichte keinen Abbruch getan.
Besonders gefallen hat mir, dass man dank Kommissär Reitmeyer einen interessanten Einblick in das pathologische Wissen und Vorgehen sowie die Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit erhält.

Von mir gibt es für Kommissär Reitmeyers ersten Fall vier Sterne.
4sterne

Autorin: Angelika Felenda
Titel: Der eiserne Sommer
Taschenbuch: 435 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518465422

Miriam Pielhau/ Radiergummitage

„Radiergummitage. So hießen Tage, die ein Fall waren für den Radiergummi des Universums. Tage, die Maja Pauly im Kalender gedanklich mit lauter wütendem Gekrickel überzogen hatte, weil sie dem ureigenen Maßstab nach misslungen waren. Wobei sie persönlich für dieses Misslingen verantwortlich war. Und zwar allein.“

Miriam Pielhau: RadiergummitageMaja ist Single, Schauspielerin an einem Braunschweiger Theater und hat bereits Zeit ihres Lebens eine unglaubliche Abneigung gegen die Zahl 35. Sie meidet sie, wo es nur geht, ist sogar einmal nicht in eine Traumwohnung gezogen, weil das Haus die Nummer 35 trug. Nun wird sie jedoch 35 Jahre alt und kann dieser Zahl schwerlich entgehen.

Um das Jahr mit der „35“ besser zu überstehen, überlegt sie sich, sich selbst jeden Monat eine Aufgabe zu stellen, die es zu meistern gilt. Aufgaben, die es in sich haben, bei denen sie etwas tun muss, das sie bislang noch nie getan hat, die sie aus ihrer Komfortzone herausbringen und ihren Horizont erweitern. Unterstützt wird sie dabei von ihren Freundinnen und der 85jährigen Nachbarin und Zieh-Oma Lina …

Da ich selbst kürzlich 35 Jahre alt wurde und kinderloser Single bin, klang die Thematik des Buches für mich recht verlockend, vor allem, weil man gleich zu Beginn des Buches erfährt, dass die Autorin alle beschriebenen Aufgaben selbst gemeistert hat.
Miriam Pielhau hat, wie ich finde, eine angenehme Art zu schreiben, ungeschnörkelt, frisch, das Buch liest sich flott und enthält einiges an Umgangssprache.
Mit der Handlung an sich und der Protagonistin bin ich leider dennoch nicht so richtig warm geworden. Vermutlich hatte ich ein Buch erwartet, mit dessen Hauptakteurin ich mich irgendwie identifizieren könnte, dies ist hier aber so gar nicht der Fall.
Viele Rezensenten bezeichnen das Buch als „urkomisch“, so weit würde ich jedoch nicht gehen. Es ist bisweilen amüsant, aber wirklich zum lachen hat es mich nicht gebracht und auch nennenswerte neue Einblicke und Sichtweisen habe ich nicht gewonnen. Ein wenig schade fand ich, dass der Titel (und damit die Beschreibung von Tagen, die man am liebsten aus dem Kalender ausradieren würde), nur am Anfang aufgegriffen wird und dann dieser Zusammenhang, der ein roter Faden hätte werden können, verloren geht.

Ich hatte einen kurzweiligen Nachmittag mit dem Buch, dauerhaft in Erinnerung bleiben wird es mir über den Titel hinaus allerdings wohl eher nicht.

Drei Sterne.

3sterne

Autorin: Miriam Pielhau
Titel: Radiergummitage
Broschiert: 352 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3832162627

Marisha Pessl/ Die alltägliche Physik des Unglücks

„… ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mr van Meer. Der Name ist nicht gesund. Die anderen Mitschüler machen sich darüber lustig. Sie nennen sie Marineblau. Ein paar ganz Schlaue sagen Kobalt zu ihr. Und Cordon bleu. Sie sollten sich eine Alternative ausdenken.“

Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des UnglücksBlue van Meer führt ein für einen Teenager eher ungewöhnliches Leben. Ihre Mutter ist schon früh verstorben und ihr Vater, der Universitätsprofessor Gareth van Meer, Spezialist auf dem Fachgebiet der Kriegsführung, zieht seitdem wie ein Nomade durch das Land und bleibt selten länger als ein Semester am selben Ort.
So ist Blue gezwungen, ebenfalls alle paar Monate die Schule zu wechseln, nirgends kann sie Wurzeln schlagen, nirgends findet sie Freunde, überall ist sie „der Freak“. Da ist es nicht verwunderlich, dass ihr Bücher mehr Heimat sind als jeder Ort.

In ihrem letzten Schuljahr beschließt ihr Vater, mit ihr das ganze Jahr am selben Ort zu bleiben, um die verbleibende gemeinsame Zeit vor dem College genießen zu können.
Blue besucht eine renommierte Schule, wird schnell eine der besten Schülerinnen dort (was bei einem IQ von 175 nicht verwundert) und lernt zum ersten Mal ihre Mitschüler näher kennen. Die Schauspiellehrerin Hannah Schneider nimmt Blue unter ihre Fittiche und führt sie in einen Kreis von Schülern ein, der sich jeden Sonntag bei der Lehrerin zum Essen trifft. Jene Mitschüler heben sich deutlich durch ihre Eigenarten vom Rest der Schule ab, sodass Blue sich ihnen nach einer Zeit des Fremdelns und Annäherns schnell zugehörig fühlt – bis Hannah plötzlich stirbt …

Wer weder metaphernreiche Sprache noch Querverweise zu anderer Literatur mag, wird mit diesem Buch sicherlich so seine Schwierigkeiten haben. Daher verwundert es nicht, dass die Meinungen zu „Die alltägliche Physik des Unglücks“ wie eine Schere auseinanderklaffen.
Die bildhafte Sprache mag nicht jedermanns Ding sein, mir hat sie jedoch sehr gut gefallen, ich empfand sie nicht als überladen oder schwerverdaulich, ganz und gar unkitschig. Die Sprache an sich hat mir ebenso gefallen wie die vielen Metaphern, literarischen Verweise und auch die immer wieder im Buch untergebrachten Illustrationen.

Das Ganze gibt der Geschichte ein wenig den Aufbau einer wissenschaftlichen Abhandlung, und ganz so verkehrt ist das auch nicht: Blue van Meer ist zwar jung, aber durch den Einfluss ihres Vaters ein durch und durch verkopfter Mensch, der zu jedem Ereignis automatisch nach Zuordnungen und Querverweisen sucht. Ihr analytisches Wesen findet sich so in der Erzählweise wieder und das ist auch goldrichtig, denn schließlich wird die ganze Geschichte aus ihrer Sicht geschildert. Ganz nebenbei bekommt der Leser so auch interessante Literaturempfehlungen und ich empfinde diesen Stil auch ganz und gar nicht als den Lesefluss hemmend, langatmig oder störend.
Diesem analytischen, querdenkenden Charakter als absoluter Kontrast gegenübergestellt ist das Cover, das doch eher verspielt, mädchenhaft, rosarot ist. Anscheinend fühlten sich einige LeserInnen von diesem Cover fehlgeleitet, anders kann ich mir die vielen Rezensionen nicht erklären, die bemängeln, das Buch sei zu schwer und würde so gar nicht zum Cover passen.
Aber gut, es soll ja immer noch Leute geben, die ein Buch ausschließlich nach seinem Cover beurteilen … Wer meint, den Inhalt nach der Verpackung beurteilen zu können, dürfte nicht nur in literarischer Hinsicht so manchen Denkfehler haben. Ich empfinde das Cover durch den Kontrast zur Protagonistin sehr stimmig und wenn man die Handlung verstanden hat, fügt es sich ebenfalls gut ins Gesamtbild ein.

Sprache, Geschehen, Tempo, Darstellung – mir hat an diesem Buch einfach alles gefallen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe und beim zweiten Lesen noch so manchen AHA-Moment haben werde. Dass ich dieses Buch irgendwann ein zweites Mal lesen werde, steht für mich bereits jetzt fest, sodass das Buch in meinem „re-read-Regal“ seinen Platz gefunden hat (Ordnung muss schließlich sein).

Fünf Sterne

5sterne

Autorin: Marisha Pessl
Titel: Die alltägliche Physik des Unglücks
Originaltitel: Special Topics in Calamity Physics
Gelesen auf: Deutsch
Taschenbuch: 720 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN-13: 978-3596170739

Paul Kohl/ 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Peter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der NazisIch liebe liebe liebe es, mit einem Buch in der Hand (m)eine Stadt zu erkunden.

Nun lebe ich ja schon recht lange in Berlin, habe während meines Studiums jahrelang als Stadtführerin gearbeitet und allein deswegen ohnehin alles über die Stadt verschlungen, was mir so in die Finger kam. Wirklich Neues erwarte ich daher kaum noch von Berlin-Büchern, dieses Büchlein hat mir nun allerdings doch so einiges gezeigt, was ich noch nicht kannte, viel Vergessenes in Erinnerung gerufen und war mir in den letzten Wochen bei einigen Stadtspaziergängen ein treuer Begleiter.

Die meisten Sachen kannte ich zwar schon (bspw. die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, das Jüdische Waisenhaus, die „Euthanasie“-Zentrale, die Comedian Harmonists, den Flakturm Humboldthain usw.), fand aber die Aufbereitung sehr gelungen.

So findet man die Beschreibung der Historie auf der linken Seite und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Abbildungen, einmal aus der Zeit des Nationalsozialismus und darunter aus hePeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisutiger Zeit, was die eindeutige Identifikation der Orte ermöglicht. Auch die Zusammenstellung der einzelnen Orte finde ich gut durchdacht.

 

Und dann waren da eben doch einzelne Sachen, die ich bislang nicht kannte.
Zum Beispiel wusste ich nicht, wo Adolf Hitlers Bruder seine Kneipe hatte, von der „Roten Kapelle“ hatte ich irgendwann zwar schon mal gehört, kannte aber weder Details noch den Ort und ebenso ging es mir mit der Fahnenfabrik Geitel, dem Großmufti von Jerusalem und seiner nationalsozialistischen Propaganda sowie dem Murellenberg.

Dadurch, dass das Buch vPeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisom Titel her auf 111 Orte begrenzt ist, fehlen naturbedingt einige Orte, das tut dem Buch insgesamt aber keinen Abbruch.

Wer sich für Berlin und seine Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus interessiert und die Standard-Städteführer leid ist, wird an diesem Buch sicherlich Gefallen finden.

 

5sterne

Autor: Paul Kohl
Titel: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Emons
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3954512201

Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet Barol

Richard Mason/ Die geheimen Talente des Piet BarolAmsterdam im Jahr 1907:
Der junge Piet Barol, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, jedoch eine gute Ausbildung genossen hat, ist gewillt, es im Leben zu etwas zu bringen.
Er bekommt dank eines Empfehlungsschreibens und seines außergewöhnlichen Charmes eine Stelle als Hauslehrer bei der vermögenden Hoteliers-Familie Vermeulen-Sickerts.
Sein ungewöhnlich gutes Aussehen, sein Talent für Sprache und Musik und sein Vermögen, jedermann um den kleinen Finger zu wickeln, scheinen ihm den Weg in die feine Gesellschaft zu ebnen. Doch sein Traum ist es, in Amerika das große Geld zu machen und er ist bereit, dafür viel zu riskieren …

Ehrlich gesagt habe ich von diesem Buch lediglich ein bisschen leichte Unterhaltung erwartet. Ich hatte es schon etwa ein Jahr ungelesen im Regal stehen – und könnte mich dafür ohrfeigen.
Was ich bekommen habe, war ein Meisterwerk der schönen Sprache und der bildlichen, fabelhaften Erzählkunst.
Richard Mason hat mich von der ersten Seite an mit seinen Worten verzaubert und das Amsterdam der Belle Époque vor meinen Augen auferstehen lassen, sodass ich das Buch eigentlich am liebsten nie beendet hätte.
Piet Barol ist nicht immer ein feiner Mensch, aber er weiß, was er will und was er dafür tun muss, und er scheut kein Risiko – wie könnte man so einen Protagonisten nicht ins Herz schließen?
Mit Freude habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung des Buches geben soll – ich kann es kaum erwarten!

 

Fünf Sterne.
5sterne

Autor: Richard Mason
Titel: Die geheimen Talente des Piet Barol
Originaltitel: History of a Pleasure Seeker
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3570101360