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Kate Eberlen/ Miss you

Tess und Gus kreuzen sich immer wieder über den Weg, ihre Leben verlaufen über Jahre hinweg nah beieinander – aber nicht so nah, dass sie sich wahrnehmen.

Kate Eberlen: Miss you ©buchjunkie.wordpress.com

Tess ist grüblerischer Natur und genießt ihren Sommerurlaub nach dem Schulabschluss, zusammen mit ihrer besten Freundin reist sie durch Italien, doch im Gegensatz zu Doll hat sie nicht ständig einen neuen Typen an der Angel, stattdessen plant sie ihr Leben an der Uni. Zurück in England zerschlagen sich jedoch all ihre Pläne, denn das Leben hat etwas anderes für sie vorgesehen …
Gus verbringt einen furchtbaren Urlaub in Italien, die Stimmung zwischen ihm und seinen Eltern ist frostig, nachdem sein Bruder bei einem Skiunfall ums Leben gekommen ist. Keiner spricht es aus, doch jeder gibt ihm die Schuld am Tod von Ross, auch er selbst. Glücklicherweise beginnt bald sein Medizinstudium und das Studentenwohnheim rettet ihn aus seinem einengenden Elternhaus. Eigentlich will er nicht Mediziner werden, doch der Druck seiner Familie lässt nicht zu, dass er seiner eigentlichen Bestimmung, der Kunst, nachgeht.

Hinweis: In der folgenden Buchbesprechung geht es auch um Inhalt, es könnten für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben, Spoiler enthalten sein. Wer sichergehen will, sollte einfach direkt zur Bewertung nach unten scrollen.

Erster Satz Tess:

Zuhause in der Küche hatten wir einen Teller, den Mum im Urlaub auf Teneriffa gekauft hatte.

Die beiden leben ihr Leben, jeder auf andere Weise. Tess fern der Akademikerschicht und in ein Leben gezwungen, das sie nicht wollte, mit einer Verantwortung, die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Ross an der Uni, später im Krankenhaus, umgeben von Leuten, die er mag – jedoch nicht wirklich liebt. Immer wieder kreuzen sich die Wege der beiden, zuerst im Urlaub in Italien, später auf einem Konzert, im Krankenhaus, und letztlich in der Lebensmitte erneut in Italien. Naturlich ist es Italien, das die beiden letztlich zusammenführt und ein gutes, wenn auch offenes Ende beschert.

Erster Satz Gus:

Ich fing mit dem Laufen an, nachdem mein Bruder gestorben war, weil ich dabei allein sein konnte, ohne mir dafür einen Grund ausdenken zu müssen.

Kate Eberlen beschreibt, wie schnell sich ein Leben auf drastische Weise ändern kann. Im Leben von Tess spielen Asperger und Brustkrebs eine wesentliche Rolle, und der Autorin gelingt es, beides auf sanfte und eindrückliche Weise zu beschreiben, ohne dass es zu kitschig oder moralisch wird.

Ross lebt sein Leben in der Gewissheit, seinen Bruder in den Tod geschickt zu haben, und er versucht, diese Schuld auszugleichen, indem er alles tut, was von ihm erwartet wird. Er studiert Medizin, so wie sein Vater und sein verstorbener Bruder. Er hat eine Beziehung zu der steten, wenn auch langweiligen Lucy, die er betrügt, ausgerechnet mit Charlotte, der Verlobten seines Bruders. Die wiederum betrügt ihn und nimmt die gemeinsamen Kinder mit in die Schweiz, zu einem reichen Mann nach Genf, was ihm das Herz bricht.

… Der Druck, die Alleinverdienende zu sein … mich um alle zu kümmern … das ist dir anscheinend nie in den Sinn gekommen … du hast es einfach nicht kapiert!

Nie wird er den Erwartungen der anderen gerecht, so sehr er sich auch anstrengt, und das hat er mit Tess gemeinsam.

Wenn die Dinge gut laufen, sollte man das Schicksal vielleicht nicht herausfordern und versuchen, sie noch zu optimieren.

Die beiden verbindet die Liebe zu Kunst und Kultur, Stunden können sie in Museen, Galerien und Kirchen verbringen, doch niemand in ihrem Leben hat Verständnis dafür. Gus möchte am liebsten kochen und malen, während Tess von einem Leben als Schriftstellerin träumt.

Natürlich erwartet man, dass die beiden am Ende zusammen kommen, und sicherlich hinkt das Buch an manchen Stellen. Was mir gefallen hat, war jedoch die intensive Beschreibung der Dinge, die ein Leben außerplanmäßig verändern und auf einen Pfad führen, den man eigentlich nicht beschreiten will.

Mein Fazit: (und Spoiler-Ende)

Aber es ist seltsam, sich plötzlich keine Sorgen mehr machen zu müssen, wenn man sich sein ganzes Leben lang welche gemacht hat.

Was das angeht, konnte ich sehr gut mit den Protagonisten mitfühlen. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob mir dieses Buch auch vor 10 Jahren gefallen hätte, und bin zu dem Schluss gekommen: nein. Es hätte mich gelangweilt und das Ende genervt. Vielleicht muss man selbst erst vom Pfad abgekommen sein, um Gefallen daran zu finden, es von anderen zu lesen. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass ich im selben Alter wie die Protagonisten bin. Mir hat gefallen, auf welch sensible Weise die Autorin die Themen Tod, Brustkrebs und Asperger beschrieben hat. Man fühlt mit, wird jedoch von der Thematik nicht erschlagen. Um ehrlich zu sein, anfangs dachte ich, die beiden kommen natürlich zusammen, später war ich jedoch nicht mehr sicher. Egal mit welchem Ende, es wäre so oder so ein schönes, stimmiges Buch gewesen.

Literarisch sicher nicht anspruchsvoll, dennoch mochte ich das Buch sehr und kann die Lektüre wärmstens empfehlen: Vier Sterne.

4sterne

Autorin: Kate Eberlen
Titel: Miss you
Originaltitel: Miss You
Broschiert: 576 Seiten
Verlag: Diana Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3453291836

 

Camilla Grebe/ Åsa Träf: Die Therapeutin

Siri Bergmann ist Psychotherapeutin und arbeitet gemeinsam mit ihrer besten Freundin in einer Gemeinschaftspraxis in Stockholm. Täglich befasst sie sich mit den teils grauenerregenden Schicksalen und Geschichten ihrer Patienten und hilft ihnen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.
Doch sich selbst hat Siri längst nicht mehr im Griff. Erst musste sie den Verlust ihres Babys verkraften, kurz danach kam ihr Mann bei einem Tauchgang in vertrautem Revier ums Leben.
Siri hat panische Angst vor der Dunkelheit, trinkt zu viel, versucht, sich mit Arbeit von ihren eigenen traumatischen Erlebnissen abzulenken, und sie lebt einsam und abgeschieden in dem kleinen Haus am Meer, das sie mit ihrem Mann zusammen renoviert hat. Sie liebt das Haus, es erinnert sie an Stefan, sie will es nicht verlassen, obwohl es einen weiten Weg zur Arbeit bedeutet und obwohl es sie nachts schutzlos und einsam macht. Ihr einziger Gefährte ist ihr Kater, der ihr nachts Sicherheit gibt, während tagsüber ihre Kollegin und beste Freundin Aina versucht, Siri von ihrem tristen Leben abzulenken.Ihre Patienten vertrauen Siri – bis eine von ihnen plötzlich einen Warnbrief erhält und die Therapie abbricht. Dann verschwindet der Kater, und die Leiche eben jener Patientin taucht in der abgelegenen Bucht vor Siris Haus auf …

Vorweg: Normalerweise bekommen Rezensionen bei mir ja auch ein Bildchen vom Cover verpasst, sieht einfach netter aus und ganz ehrlich, so eine Rezension ohne Bild ist schon irgendwie nackt – in diesem Fall müsst ihr leider darauf verzichten, denn seitdem ich das Buch ausgelesen und allen davon vorgeschwärmt habe, ist es im Umlauf. Nach meiner Mutter und meiner Schwester hat es zwei Freundinnen besucht und ist nun aktuell bei der Mutter einer dritten Freundin zu Gast. Wir haben nun alle ein wenig Probleme mit der Dunkelheit, aber hey, für gute Bücher nimmt man das mal in Kauf. Und ihr bekommt dafür den scary Blick meiner Neugierkatze (die mich demletzt so manche Nacht wegen gruseliger Dinge um den Schlaf brachte)

alleswissenwollenCat ©buchjunkie.wordpress.com

Zuallererst mal: Puh. Nein, das reicht nicht: PUH.
Ich habe wirklich seit sehr langer Zeit keinen Spannungsroman mehr gelesen, der mir den Schlaf geraubt hat und der mich am Abend noch dreimal durch die Wohnung tigern ließ, um nachzusehen, ob auch wirklich alle Türen und Fenster verschlossen sind.

Die Autorinnen Camilla Grebe und Åsa Träf sind Schwestern, eine Psychologin, die andere in der Buchbranche tätig – und die beiden verstehen wirklich ihr Handwerk.
In manchen Rezensionen las ich, im Vergleich zu anderen Skandinavien-Thrillern seien diese Bücher lahm, das kann ich so nicht bestätigen. Camilla Grebe und Åsa Träf haben es geschafft, mich nicht nur emotional wirklich zu packen, sondern meine Urängste zutage zu holen; so etwas habe ich schon lange nicht mehr bei einem Buch erlebt.
Ich hab mit Siri so sehr mitgefühlt, mitgebangt, wollte nicht wahrhaben, was offensichtlich war … rundum ein nahezu perfektes Leseerlebnis.

Noch dazu bei einem Buch, das eigentlich gar nicht eingeplant war!
Ich reise ja seit einiger Zeit öfter mal durchs Land, stand an einem Bahnhof, wartete auf meinen viel zu verspäteten Zug, hatte die geplante Reiselektüre beendet –  und da lachte mich das Cover mit dem heimeligen Häuschen geradezu an (ja, ok, der 5€-Superrabatt half auch 😉 ), also kam das Buch mit, und noch im Zug war ich gefesselt. Der Weg durchs dunkle Berlin in meine leere Wohnung war dann eher weniger lustig, zu sehr war ich schon gefangen in dieser Geschichte der Verluste und Ängste, in der die Gefahren aus den unangeahnten Ecken kommen und stets im Dunkeln hervortreten. Ja, ich gebe sogar zu, meine allererste Tat nach dem nach Hause kommen war, die Katzen zu zählen. Man weiß ja nie. Und danach musste ich das Buch noch in derselben Nacht zuende lesen, denn ich hätte ohnehin kein Auge zubekommen.

Ich steh auf Thriller, auf Horror, auf Splatter – aber dieser kleine, unerhoffte schwedische Krimi, der doch eher seichter Natur ist und ohne überzogene Gewalt auskommt, dieser kleine Krimi hat mich wieder das Fürchten gelehrt. Ich ziehe meinen Hut vor den Autorinnen und diesem Erstlingswerk, das ich rundum gelungen finde.

Und, Confession No. 2: Zum ersten Mal würde ich rasend gerne ein Autorinnen-Interview führen, denn dieses Schwesternpaar schreibt nicht nur spannend, sondern scheint auch sonst einiges auf dem Kasten zu haben.
Fünf Sterne:
5sterne

 

Autorinnen:Camilla Grebe/ Åsa Träf
Titel: Die Therapeutin
Originaltitel: Någon sorts frid
Taschenbuch: 576 Seiten
Verlag: btb Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3442746781

Ildikó von Kürthy/ Endlich

„In mein behagliches Nest hat mir die Wahrheit mitten hineingekackt. Ich kann bleiben – und mir die Nase zuhalten.
Ich kann mir eingestehen, dass ich naiv war und unerwachsen, weil ich glaubte, Treue gehöre zur Liebe dazu.
Ich kann mir eingestehen, dass meine Ehe nur funktioniert, weil mein Mann alles bekommt, was er sich wünscht – jedoch nicht nur von mir […]
Willkommen, Vera Hagedorn, in der Realität.
Wurde auch höchste Zeit.“

Vera lebt ein Ildikó von Kürthy: Endlichruhiges Leben mit grauen Schinkenbroten, ätzenden Schwiegereltern und ihrem langweiligen Ehemann Marcus im noch langweiligeren Stade. Vera mag ihr ruhiges, langweiliges Leben. Irgendwie. Abenteuer erlebt sie durch ihre Freundinnen, das ist ihr genug. Glaubt sie jedenfalls. Doch genau durch eins dieser Freundinnen-Abenteuer gerät Veras ruhiges, langweiliges Leben aus dem Tritt, denn anscheinend peppt sich Ehemann Marcus sein langweiliges Leben mithilfe einer blutjungen Kosmetikerin ein bisschen auf, und das kann Vera nicht einfach so hinnehmen …

Vera hört auf, zu verdrängen. Klein beigeben will sie nicht, und so beginnt sie, gemeinsam mit ihren Freunden den Kampf gegen Nebenbuhlerin „Gutemine“ aufzunehmen und sich dabei auch endlich selbst ein Stück weiter zu entwickeln, weg von der langweiligen Kleinstadt-Hausfrau und hin zu einer fitten, begehrenswerten Autorin in der Großstadt.

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Manchmal ist es so, dass Ereignisse in unserem Leben, wirklich üble Ereignisse, unseren Horizont erweitern und unsere Augen auf Dinge lenken, die wir früher nicht wahrgenommen haben.
Genau so geht es mir mit Ildikó von Kürthy.
Früher hätte ich ihre Bücher nicht wirklich beachtet, hab mich davon nicht angesprochen gefühlt.
Dann kam das Leben, und nun sitze ich hier und amüsiere mich ganz köstlich mit ihnen, gespickt mit einem Hauch Wehmut, haufenweise Erinnerungen, aber kein Stück traurig, denn Traurigkeit schubst dieses Buch einfach vom Schirm.

Wobei, selbst jetzt im Nachhinein sehe ich keine Hinweise, nichts, was mich hätte stutzig machen müssen.
Oder?
Die langen Abende im Büro? Die Verabredungen zum Squash? Die Sanitärbedarfsmessen in Frankfurt? Da wirst du doch irre, wenn du hinter jeder Verspätung, hinter jeder Dienstreise gleich einen Betrug witterst.
Vor etwa einem halben Jahr hat er das Rasierwasser gewechselt. Und irgendwann war mir aufgefallen, dass er die Boxershorts mit den ausgeleierten Bündchen aussortiert hatte. Wurde auch höchste Zeit, hatte ich gedacht. Mehr nicht.

In vielen Rezensionen habe ich gelesen, die Story sei überzogen und unrealistisch, und zu einem gewissen Teil mag das auch stimmen – wer allerdings selbst mal etwas Vergleichbares erlebt hat (statistisch gesehen wird jede(r) von uns mindestens einmal im Leben selbst betrogen), wird bei diesem Buch immer mal wieder ganz laut „Ja! JA! Genauso ist es!“ rufen.
Inmitten all der humorigen, überzogenen Szenen liegen verdammt viel Wahrheit, Lebenserfahrung und Menschenkenntnis.

Ja, man darf misstrauisch werden, wenn er auf einmal die ausgeleierten Unterbuchsen freiwillig entsorgt, wenn er auf einmal wieder nach Jahren Rasierwasser benutzt, auffallend viel zum „Sport“ geht, seine Sportsachen aber irgendwie so gar nicht nach Schweiß müffeln. Es sind die kleinen Dinge, die sich auf einmal verändern, die man aber erst im Rückblick wahrnimmt, weil sie im eintönigen Beziehungsalltag irgendwie untergegangen waren – dabei wären sie verlässliche Alarmzeichen gewesen, wäre man nur aufmerksamer gewesen.
Hätte hätte hätte.

Ildikó von Kürthy fasst all diese kleinen Anzeichen geschickt in ihrem Roman zusammen und knüpft daraus eine unterhaltsame Geschichte, die bisweilen alberne Elemente enthält und deren Ende dann doch schon arg verkitscht und am Rande des Erträglichen ist – aber warum denn auch nicht? Warum sollte Romanfigur Vera nach all dem kein Kitsch-Ende bekommen?
Dieses Buch soll unterhalten, das tut es auch ganz fabelhaft, und das Ende tut dem gar keinen Abbruch, denn manchmal darf es eben auch mal ein verkitschtes Happy End sein – das wahre Leben ist schon hart genug und bietet selten ein Happy End.

Vier Sterne.

4sterne

Angelika Felenda/ Der eiserne Sommer

„Ja, lesen S‘ nur, was da steht“, sagte Steiger. „Das ist wirklich unglaublich. Der Konvoi mit dem Erzherzog ist einfach weitergefahren, obwohl bereits eine Bombe auf die Fahrzeuge geworfen worden war. Null Sicherheitsvorkehrungen. Und dann hat sich der Fahrer auch noch verfahren! Und ist umständlich umgekehrt, damit der Attentäter ja genügend Zeit g’habt hat, die Majestäten totzuschießen.“
Reitmeyer blickte auf das Bild unter der Schlagzeile. „Der fährt in einem offenen Wagen durch Sarajewo? Durch ein Gebiet, das die Österreicher annektiert haben?“
„Sag ich doch!“, rief Steiger. Wenn der schon einen Besuch im Pulverfass von Europa machen muss, hätt‘ man wenigstens für einen anständigen Fahrer sorgen müssen, nicht so einen Hornochsen.“

Angelika Felenda/ Der Eiserne Sommer

Es ist Sommer 1914.
Der Kolonialismus ist auf seinem Höhepunkt, Europa greift nach der Welt, der Industrialismus hat die Gesellschaft verändert, politische Krisen an allen Ecken, kurz: Die Welt ist im Umbruch.
Und nun fällt auch noch Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, gemeinsam mit seiner Gattin einem Attentat zum Opfer. Noch weiß man nicht, dass dieses Attentat der Auslöser des Ersten Weltkriegs sein wird und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis der europäischen Bevölkerung das Ausmaß bewusst wird.

„Ein neuer Balkankrieg, meinen Sie? Ich weiß nicht“, sagte Reitmeyer. Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und starrte einen Moment auf die Aktenberge. „Wieder eine Krise.“ Dann drehte er sich zu Klotz um. „Aber haben wir nicht ständig Krisen? Mal geht’s um Nordafrika, das andere Mal um Bosnien. Vor drei Jahren haben wir alle gedacht, die zweite Marokkokrise wäre der Startschuss für den großen europäischen Krieg. Aber jedes Mal ist es wieder abgewendet worden. Man hat sich verständigt. Nichts ist passiert. Und selbst die ewigen Balkankrisen …“
„Der Balkan“, sagte Steiger verächtlich. „Ein Haufen Straßenräuber, Umstürzler und Terroristen. Ist längst an der Zeit, dass da drunten mal einer aufräumt.“

Trotz der Brisanz läuft das Leben in München in gewohntem Gang weiter und auch die Polizei hat wie üblich zu tun, denn Diebe und Mörder nehmen keine Rücksicht auf weltpolitische Krisen.
Eine Reihe von Todesfällen beschäftigt Kommissär Sebastian Reitmeyer. Besonders der anonyme Tote aus der Isar bereitet ihm Kopfzerbrechen, denn was zunächst nach Ertrinken aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als filigraner Mord.
Auf der Suche nach der Identität des Toten führt die Spur in Militärkreise, vor allem in das Café Neptun, einem Treffpunkt für Homosexuelle aus gutbürgerlichen Kreisen und dem Militär. Kommt der Mörder etwa aus diesen gehobenen Schichten? Gegen das Militär darf Reitmeyer nicht ermitteln, doch er will dem Täter unbedingt auf die Spur kommen und legt sich dabei mit jedem an, der ihn zu behindern versucht …

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„Der eiserne Sommer“ ist ein gelungener Debut-Roman, dessen Handlung sorgfältig zwischen Lokalkolorit und Weltgeschehen platziert ist.
Die Hauptfiguren – immer mal wieder mit Mundart versehen – sind interessant gezeichnet, und dank ihrer Blickwinkel bekommt man einen umfassenden Einblick in die damalige Zeit inklusive ihrer gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen. Man spürt die Umbruchstimmung quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch und die aufgeheizte politische Atmosphäre mit ihren Ressentiments und dem wachsenden Nationalismus, und man sieht in den dunklen, stinkenden Abgrund, der sich hinter der Maske von Sitte, Anstand und Moral verbirgt.
Das Ganze wird in einer leichten, bildreichen Sprache erzählt, die allerdings bisweilen etwas langatmig wird – vor allem am Ende hätten ruhig ein paar Seiten zusammengestrichen werden können, das hätte der gelungenen Geschichte keinen Abbruch getan.
Besonders gefallen hat mir, dass man dank Kommissär Reitmeyer einen interessanten Einblick in das pathologische Wissen und Vorgehen sowie die Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit erhält.

Von mir gibt es für Kommissär Reitmeyers ersten Fall vier Sterne.
4sterne

Autorin: Angelika Felenda
Titel: Der eiserne Sommer
Taschenbuch: 435 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518465422

Conni Lubek/ Anleitung zum Entlieben

„Wer je einen Menschen von Herzen geliebt hat und irgendwann aus irgendwelchen Gründen einsah, dass es wohl besser wäre, damit aufzuhören, der weiß, wie schwer das ist.
Die Wege, die jene Glücklichen, die es schaffen, schließlich ans Ziel führen, sind nicht immer gerade. Sie sind verschlungen, voller Schlaufen und Kreise, von denen man manchmal erst im Nachhinein erkennt, dass sie kein Umweg waren. Sondern notwendig.
Und vor allem ist jeder Weg anders. Weil jede Liebe einzigartig ist – und auch jeder Umstand, der einen Menschen so etwas Kostbares aufzugeben zwingt. Einzigartig scheiße, soweit es mich betrifft.“

2013-04-01 13.44.32
Lchen, auch Lpunkt genannt, liebt 119.
119 liebt dummerweise nicht zurück.

Damit lässt sich im Wesentlichen zusammenfassen, worum es in diesem Buch geht und jeder, der schon einmal geliebt hat, ohne zurückgeliebt zu werden, weiß, wie schmerzhaft so etwas sein kann.
In Lchens Fall ganz besonders schmerzhaft, denn 119 mag sie ja. Sehr sogar. Genug jedenfalls, um sie drei Jahre lang hinzuhalten, jeden Freitag mit ihr zu schlafen und ihr immer wieder zu sagen, dass er sie trotzdem nicht liebt. Für jede Frau vermutlich eine Horrorvorstellung, für Frauen wie Lchen, die jenseits der 35 sind und sich doch eigentlich nur Liebe, Disneyfluff und  eine eigene Familie wünschen, ganz besonders.

Immer wieder versucht Lchen, diese unglückselige Beziehung zu beenden, immer wieder scheitert sie.
Irgendwann beginnt sie, anonym in einem Blog über ihre Versuche des Entliebens zu schreiben. Stets dabei ihr treuer (ein wenig sprachgestörter) Begleiter, Stofftier Curd Rock. Und aus dem Blog entstand dann dieses Buch.

Hätte ich es vor einem Jahr gelesen, hätte ich Lpunkt vermutlich einfach nervig gefunden und nicht verstehen können, wie jemand so naiv sein, so ein Schaf sein kann. Nun war das letzte Jahr bei mir aber sehr turbulent und ich musste zwangsläufig lernen, dass man noch so reflektiert, reif, erwachsen und fokussiert sein kann – wenn es um Liebe geht, wird auch die vernünftigste Frau ganz schnell zum Schaf 😉 Dank dieser eigenen Erfahrungen hab ich also kräftig mit Lchen mitgelitten, 119 mehr als einmal im Geiste so richtig kräftig ins Gemächt getreten und mit Curd Rock auf der weißen Couch gekuschelt. Und ich war mächtig traurig, als das Buch zuende war und ich ein wenig ratlos da stand mit der Frage: Liebt Lchen denn nun die holländische Frikandel? Kommt sie dauerhaft von 119 los? Die gute Nachricht ist: Es gibt noch zwei weitere Bücher über Lchens Liebeschaos und sie liegen bereits hier neben mir 😀

4 Sterne (einen musste meine innere Neurotikerin aka Böslektorin wegen wirklich unglaublich vieler Rechtschreib- und Interpunktionsfehler abziehen)

4sterne

Autorin: Conni Lubek
Titel: Anleitung zum Entlieben
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3548268071

Kevin Smith/ Tough Shit. Ein Fettsack mischt Hollywood auf!

Tough Shit. Eigentlich würden genau diese beiden Worte aus dem Titel ausreichen, um das gesamte Buch in kürzester Form zusammenzufassen: TOUGH SHIT.

2013-02-13 23.25.05 Kevin Smith ist wohl so ziemlich jedem bekannt, der seit 1994 mal im Kino war oder Fernsehen geschaut hat. Entweder, weil er die Drehbücher geschrieben und/oder Regie geführt hat, oder auch, weil er der knuffige und schweigsame Part des Idioten-Duos „Jay and Silent Bob“ war. Unvergessen „Dogma“, in dem er Ben Affleck und Matt Damon als rachsüchtige Engel durchs Land ziehen lässt und Gott von Alanis Morissette dargestellt wird.
Also eben jener Kevin Smith hat nun ein Buch geschrieben. Seine Autobiographie, wenn man so will. Und wenn man seine Filme schon schräg findet, dann muss für das Buch wirklich ein komplett neues Adjektiv erfunden werden.

Ich brauchte doch einige Seiten, um mich in den Schreibstil reinzufinden – Beispiel gefällig?

Der heiße Scheiß auf dem Sundance Film Festival zu sein ist nichts im Vergleich zu dem Kraftakt, den ich als Einzelkämpfer-Spermatozoon in der von meinem alten Herrn gedankenlos abgefeuerten und glücklicherweise in meiner Mutter gelandeten Spermaladung vollbrachte. […] Immer wenn mir jemand sagt, dass ich ein Fettsack sei, erwidere ich, dass das nicht immer so war: Irgendwann war ich sogar mal fit genug, um einer Heerschar Spermien davonzuschwimmen. […]
Jeden Tag werden Unmengen von Socken mit zum Tode verurteilten Spermaladungen vollgepumpt. Wie hoch ist da wohl die Chance, dass ausgerechnet du in einer Eizelle statt in einem Tempo-Taschentuch landest? Ich sag’s dir: astronomisch gering.

Der holprige, weil doch ziemlich gewöhnungsbedürftige Start (mal ehrlich, wer von uns will denn wirklich seitenlang über den Flüssigkeitsaustausch seiner Erzeuger nachdenken müssen?) wurde dann aber recht schnell durch unkontrollierte Lachsalven und feuchte Augen belohnt. Vermutlich muss man dafür aber generell auf den Humor von Silent Bob stehen. Was für ein Glück, dass das bei mir der Fall ist 😉

Wer also auf Kevin Smith und schrägen Humor steht, sollte unbedingt einen Blick in „Tough Shit“ riskieren!
Von mir gibts dafür vier Sterne.
4sterne


Autor:
Kevin Smith
Titel: Tough Sh*t
Originaltitel: Tough Sh*t
Broschiert: 336 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453268548

Portia de Rossi / Das schwere Los der Leichtigkeit. Vom Kampf mit dem eigenen Körper.

„Die Krankheit ermöglicht es einem, sich aus dem Leben auszuklinken. Wieder gesund zu werden bedeutet, dass man sich wieder einklinken muss. Und die Bereitschaft dazu ist von zentraler Bedeutung, denn plötzlich hat man das Gefühl, dass nichts mehr so ist, wie es vor der Erkrankung war. Ehe man noch einmal von vorne beginnen will, müssen sich entscheidende Faktoren ändern; was immer einen verunsichert hat, was immer einen gezwungen hat, ein Leben zu leben, das einem nicht entspricht, muss verändert, muss beseitigt werden. […] Um sich wieder ins Leben einzuklinken, muss man sein Leben vollständig neu erfinden.“

Portia de Rossi ist Schauspielerin, bekannt geworden ist sie vor allem durch ihre Rolle als biestige Anwältin in der Serie „Ally McBeal“. Der Serie, die unter anderem deswegen so viel mediale Aufmerksamkeit bekam, weil die Hauptdarstellerin Calista Flockhart extrem dünn war. Doch während alle Augen auf sie und ihr Gewicht gerichtet waren, war es de Rossi, die beinahe ihr Leben an die Magersucht verloren hätte …

Mit ihrer Autobiographie lässt sie dem Leser gegenüber viele Mauern fallen und spricht offen und ehrlich nicht nur über ihre Magersucht, sondern auch über ihren jahrelangen Kampf gegen die eigene Sexualität, den eigenen Körper, den eigenen Charakter und um Perfektion, Anerkennung und Beachtung.
Sensibel geht sie mit dem Thema um, schildert ihr damaliges Erleben und Fühlen, ganz ohne moralische Keule oder die mit Löffeln gefressene Weisheit, dafür mit präzisen, klaren Worten. Ich empfand auch weniger die Essstörung als Hauptthema des Buches, obwohl der Titel das natürlich impliziert, sondern vielmehr diesen permanenten inneren Zwiespalt: Lesbisch sein, aber Angst davor haben, es zu leben oder entdeckt zu werden; Schauspielerin sein, die eigene Persönlichkeit aber ununterbrochen verstecken; nach Anerkennung und Akzeptanz suchen, und doch am liebsten unsichtbar sein wollen.

Gut, ich hatte Untergewicht, aber es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich Magersucht haben könnte. Das Mädchen im Fitnessstudio war nicht magersüchtig. Durchschnittliche Leute hatten keine Magersucht. An dieser Krankheit litten die Perfekten, Gebildeten, Schönen. Diese Krankheit gehörte zu Models, Sängerinnen und Prinzessin Diana.
Insgeheim habe ich Magersüchtige wegen ihrer übermenschlichen Selbstdisziplin immer sehr bewundert. Der Krankheit haftet in meinen Augen eine Aura des Reinen und Perfekten an. Abgesehen davon, dass ich niemals dünn genug sein würde, um magersüchtig zu sein, wünschte ich es mir auch nicht. Ich wollte mich bloß beim Diäthalten hervortun.

Die Diskrepanz, in der de Rossi jahrelang existierte, zeigt sich deutlich und unerbittlich auf jeder Seite des Buches, was man jedoch trotz allem nicht vorfindet, ist Selbstmitleid und Jammer. Diesen Spagat hinzubekommen ist schon eine Meisterleistung.
Indem sie ihre früheren Gedanken und Gefühle schildert, ganz ohne Erklärungen oder therapeutische Ergänzungen, knüpft sich Seite um Seite ein Gesamtbild, das verstehen, begreifen lässt, wie so eine Krankheit entsteht und was in den Betroffenen vorgeht.

Es wirkte so, als habe meine Mutter Angst, etwas sehr Kostbares zu verlieren, und dieses Kostbare war ich.
>Bis zu diesem Moment war ich immer so stark und unabhängig gewesen, dass sich ihre Sorge um mich auf meine Leistungen und Ziele beschränkt hatte wie einen Modeljob oder einen Werbevertrag. Jetzt fühlte ich mich so glücklich, dass ich mich fragte, ob ich vielleicht absichtlich so viel abgenommen hatte, nur um diese Reaktion zu erleben. Ganz plötzlich fühlte ich mich der Sorge wert. ICH war diejenige, um die man sich Sorgen machen musste. Die Sorge für ein schwaches, krankes Kind erforderte eine andere Art von Liebe. Und in diesem Moment dort in der Einfahrt unseres Hauses stellte ich fest, dass ich diese Art von Liebe vorzog.

Literarisch ist das Buch zwar wenig anspruchsvoll und enthält leider auch einige Fehler, doch der Inhalt macht beides wett, denn er geht zu Herzen, ist ehrlich, authentisch und ermutigend.

Vier Sterne.

Titel: Das schwere Los der Leichtigkeit. Vom Kampf mit dem eigenen Körper.
Originaltitel: Unbearable Lightness. A Story of Loss and Gain
Autorin: Portia de Rossi
Verlag: mvg Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3868822380