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Lorna Martin / Das Leben, die Liebe und ein Jahr auf der Couch.

„Die Therapie hatte mir in vieler Hinsicht geholfen, erwachsen zu werden, doch oft fühlte ich mich auch wieder wie ein Kind, als würde ich von vorn anfangen. Viele Dinge, vor allem einfache Dinge, die ich lange als selbstverständlich betrachtet hatte, bestaunte ich wie kleine Wunder.“

Lorna Martin ist Mitte 30 und hat eigentlich schon einiges in ihrem Leben erreicht – glücklich ist sie aber dennoch nicht. Ständig kommt sie zu spät, macht alles komplizierter als es ist und geht damit auch ihrem Umfeld gehörig auf die Nerven. Trotz anfänglichem Widerstand lässt sie sich schließlich von ihrer Schwester und einer guten Freundin -beide Psychologinnen- dazu bewegen, sich selbst mal einer Bestandsaufnahme durch den Profi zu unterziehen. Zu Beginn begegnet Lorna ihrer Therapeutin Dr. J. mit Argwohn, doch mit der Zeit erkennt sie, dass ihr nichts Besseres hätte passieren können, als bei dieser Frau auf der Couch zu landen. Lorna beginnt, sich mit all den Facetten, die ihre Gefühlswelt so parat hält, aktiv auseinanderzusetzen, mit all der unterdrückten Wut und Eifersucht, dem Neid, dem Egoismus und ihrem Wunsch nach Liebe. Dabei schießt sie oft übers Ziel hinaus, was dem Leser manchen Fremdschäm-Moment, aber auch manchen Lacher beschert.

Alles in allem hat Lorna Martin ein sehr persönliches und durchaus tiefgehendes Buch geschrieben und berichtet ganz offen über viele Dinge, über die wir anderen gerne das Mäntelchen des Schweigens decken. Dabei bedient sie sich einer lockeren, humorigen Sprache, die es leicht macht, das Buch in einem Rutsch zu lesen.
Viele Rezensenten werfen der Autorin vor, absolut jedes Klischee zu bedienen, aber mal ehrlich: Zum Klischee werden die Dinge doch erst, weil sie zum Leben vieler Menschen gehören und immer wieder vorkommen und Lorna Martin erzählt eben aus ihrem Leben; wessen Leben ist denn bitte komplett klischeefrei?
Gerade, weil einem so viele Dinge in dem Buch selbst bekannt vorkommen, gewinnt das Buch an Tiefgang, denn es regt dazu an, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, sich zu fragen, wie man in der jeweiligen Situation reagiert und gehandelt hätte, sich mit dem eigenen „Mut zur Mittelmäßigkeit“ in einer Welt voller vermeintlicher Perfektionisten zu konfrontieren und auch die eigenen weniger erfreulichen Charaktereigenschaften einfach mal hinzunehmen, ohne permanent Selbstkritik zu üben.

Kritikpunkte:
Ich finde das Cover, im Vergleich zur englischen Ausgabe, saumiserabel, kitschig, weibchenmäßig (ok, das amerikanische Cover ist noch fürchterlicher, aber dennoch) und noch saumiserabler finde ich diesen dämlichen Aufkleber auf dem Buch, der einen Zusammenhang zu „Bridget Jones“ herstellen und somit wohl direkt mal die vermeintliche Zielgruppe ansprechen soll: Frauen über 30 mit Hang zu verkitschtem, romantischem Weltbild und geringfügiger Bodenhaftung. Das ist jetzt keine Kritik an „Bridget Jones“ oder allen, die das Buch toll fanden, aber beim besten Willen sehe ich keinen Zusammenhang zwischen diesen Büchern, mal abgesehen vom ähnlichen Alter der Protagonistinnen, und ja, es macht mich richtig ärgerlich, dass dieser Vergleich gezogen wird!
Diese Tendenz, das Buch zu „verniedlichen“, kann man auch gut anhand der Titelgebung beobachten. Heißt das Buch im englischen Original noch „Woman on the Verge of a Nervous Breakdown: Life, Love and Talking It Through“, so trägt es im amerikanischen den Titel „Girl on the Couch: Life, Love, and Confessions of a Normal Neurotic“. Aus der Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs wird das normal-neurotische Mädchen wird ein Pendant zu Bridget Jones. Fehlt nur noch die Schokolade. Och nööööööööööö.

Am Buch selbst habe ich recht wenig auszusetzen, lediglich einige langgezogene, zu arg dahin plätschernde Passagen im letzten Drittel wären meines Erachtens nicht nötig gewesen.

Von mir gibt es vier Sterne für Lorna Martin.

Titel:Das Leben, die Liebe und ein Jahr auf der Couch.
Originaltitel: Woman on the Verge of a Nervous Breakdown: Life, Love and Talking It Through.
Autorin: Lorna Martin
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH; Auflage: 1 (1. Januar 2009)
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3596179244

Gabriel A. Neumann / Masala Highway. Abenteuer Alltag in Indien

Kurzinfo:
Masala nennen sich die Gewürzmischungen, die Curry-Gerichten ihre unverkennbare Note geben. Je nach Region, Ort oder auch Haushalt werden sie anders zusammengestellt, süßlich, mild oder scharf. Genauso vielfältig wie die Masala-Varianten ist das Land selbst, aus dem die Mischung kommt: Indien.

Der Subkontinent ist die der Bevölkerungszahl nach größte Demokratie der Welt – zugleich bleibt es aber auch das Land der bemalten Elefanten, heiligen Männer und des scharfen Essens. Was an einem Maharaja im Land der Könige modern ist und wie man die richtige von neun Eisenbahnklassen wählt, erzählt der Autor, der das Land seit Mitte der neunziger Jahre bereist. Folgen Sie ihm auf seinem persönlichen Masala Highway: Namaste und willkommen in Indien!

Quelle: Dryas Verlag

Indien liegt seit Jahren im Trend, nicht zuletzt dank des weltweiten Erfolgs der Bollywood-Filme.

Indien, das bedeutet für viele Europäer und Amerikaner: exotische Mahlzeiten, überfüllte Städte, Dschungel, Yoga, Selbstfindung.
Doch Indien hat auch darüber hinaus viel zu bieten.

Gabriel A. Neumann schafft es, die typischen westlichen Vorstellungen von Indien mit den tatsächlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen, und das in einem vollkommen kitschfreien Reiseführer – seit „Eat Pray Love“ auch nicht mehr ganz selbstverständlich ;-).

Von Beginn an merkt man, dass der Autor selbst sehr indienerfahren ist, dass er auch abseits der ausgetretenen Touristenpfade unterwegs war, völlig untouristische Dinge entdeckt und erlebt hat.

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, die so schöne Namen tragen wie „Die Zeit läuft anders auf Bahnsteig B“ oder „Auch Heilige müssen arbeiten“.
Im Detail befasst sich der Autor darin mit den Möglichkeiten des Reisens in Indien, mit der Religion, Bollywood und seinen Filmen, Tabus und Fettnäpfchen, Politik, den indischen Tieren und dem Alltag auf dem indischen Land. Alle Kapitel greifen ineinander, sodass man am Ende des Buches alle wesentlichen Bereiche zum Thema Indien-Reise touchiert hat. Garniert werden die Erzählungen mit einigen farbenfrohen und ausdrucksstarken Bildern, die ebenso wie der Text sehr vom eigenen Erleben des Autoren geprägt sind. Und zum Schluss kommt noch ein kleiner Anhang zum Thema Bollywood, in dem einige wesentliche Punkte des indischen Films erläutert werden – genau mein Ding, denn ich bin bekennender Bollywood-Fan ;-).

Das Buch ist keiner jener Reiseführer, die man immer dabei hat, um noch mal nachzuschlagen, sondern eher ideal zur Reisevorbereitung und zum „Appetit anregen“. Dabei ist es aber keinesfalls oberflächlich gehalten, sondern kratzt auch mal etwas kritisch an der Fassade.

Interessant und lobenswert: Mit dem Kauf des Buches wird der Verein „Deutsch-Indische Zusammenarbeit e.V.“ unterstützt, 50 Cent von jedem verkauften Buch gehen direkt an den Verein, der gemeinsam mit lokalen Partnern die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung Indiens zu verbessern versucht.

Bewertung:
Das Buch hat mir sehr gut gefallen und meine Neugier auf Indien deutlich verstärkt.
Vier Sterne.

Titel: Masala Highway. Abenteuer Alltag in Indien.
Autor: Gabriel A. Neumann
Broschiert: 174 Seiten
Verlag: Dryas
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3940855183

Herzlichen Dank an BloggDeinBuch.

Silvia Roth/ Blut von deinem Blute

15 Jahre ist es her, dass Lauras Vater und ihre Stiefmutter in ihrem Haus auf Jersey grausam ermordet wurden- der Täter wurde nicht gefasst. Laura selbst hat keinerlei Erinnerungen an die Nacht. Inzwischen lebt sie in Frankfurt, ist Mitte 30 und hat eine steile Karriere hingelegt. Zwar gibt es einen Mann in ihrem Leben, doch ist die Beziehung eher locker. Umso größer der Schreck, als Laura feststellt, dass sie schwanger ist. Um den Schock zu verarbeiten, aber auch, um den Geistern der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, kehrt Laura zurück nach Jersey, wo ihre Schwester Mia noch immer im Elternhaus lebt. Mia gilt auf der Inseln aus verrückt und durchgeknallt und auch Laura findet nicht wirklich Zugang zu ihr. Im Gegenteil, Mia macht ihr zunehmend Angst. War sie etwa in den Mord an den Eltern verwickelt …?

Meinung:
Dies war mein erstes Buch von Silvia Roth und ich war anfangs etwas skeptisch, da ich ja in jüngster Vergangenheit nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit deutscher Spannungsliteratur gemacht habe. Umso mehr freut es mich, nun sagen zu können: „Blut von deinem Blute“ hat mich gepackt.
Die Atmosphäre des Romans ist herrlich düster und oft auch undurchsichtig, die Charaktere wechselhaft, keinesfalls eindimensional oder leicht zu durchschauen -selbiges gilt für die Familienverhältnisse der Hauptfiguren-, die Sprache fesselt. Mir hat die Geschichte und ihre Entwicklung ausgenommen gut gefallen und ich bin dem Täter auch nur sehr kurz vor der Protagonistin auf die Schliche gekommen ;-).
Das war mit Sicherheit nicht mein letztes Buch von der Autorin.

Der erste Satz:
Ich war neunzehn, als mein Vater mit eingeschlagenem Schädel auf dem Küchenboden gefunden wurde.

Bewertung:
Vier Sterne.

Titel: Blut von deinem Blute
Autorin: Silvia Roth
Gebundene Ausgabe: 542 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3455403107

Jan-Uwe Fitz/ Entschuldigen Sie meine Störung. Ein Wahnsinnsroman.

©Dumont Buchverlag Inhalt:
Man hat es ohnehin nicht leicht, wenn man unter Soziophobie leidet, schließlich ist diese Welt voll von Menschen, sie zu meiden ist recht schwierig. Wenn sich dann aber noch Paranoia, zig weitere Ängste und eine stalkende Wanderbaustelle dazu gesellen, wird es höchste Zeit für die Nervenklinik. Aber eine exklusive, bitte sehr!

Meinung:
Es ist gelb und es ist völlig wahnsinnig, das Buch vom Taubenvergraemer. Wahnsinnig durchgeknallt, wahnsinnig verwirrend, wahnsinnig komisch und irgendwie dann auch noch wahnsinnig liebenswert. Die Dialoge sind manchmal wirklich haarsträubend, wie kommt man bloß auf so etwas? 😀
Den Einfallsreichtum des Autoren kann ich einfach nur bewundern, nicht mal nur wegen der abstrusen Handlungen, sondern auch wegen der herrlichen Wortkreationen; jeder Satz sitzt, es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen.
Solche Bücher braucht die (Literatur)Welt! Bücher, die unterhaltsam sind und dennoch in gewisser Weise den Spiegel vorhalten.

Hätte der Herr Fitz nicht schon längst mit seinen Tweets (@Vergraemer), seinem Blog und diesem Büchlein mein Herz erobert, spätestens die Danksagung an seinen Lektor hätte dafür gesorgt ;-).

Der erste Satz:

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich werde neuerdings von einer Wanderbaustelle verfolgt.

Bewertung:
Vier Sterne und bitte mehr davon!

Titel: Entschuldigen Sie meine Störung. Ein Wahnsinnsroman.
Autor: Jan-Uwe Fitz
Broschiert: 288 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3832161477

[die historische Challenge] Heinz Rölleke / Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung.

So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: ’sag mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.‘ ‚Ach du gottloses Kind‘, sprach die Fee.

Heinz Rölleke liefert mit seinem nur 117seitigen Büchlein „Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung“ eine literaturhistorische Einführung, die sich mit den Brüdern Grimm und speziell deren weltbekannten „Kinder- und Hausmärchen“ (kurz: KHM) befasst.
Dabei geht es zunächst um das Vorfeld der KHM, um die Grimms und die Epoche, in der sie lebten, die Märchensammlung als eigene literarische Gattung sowie die Entstehung und Entwicklung der KHM im Laufe der Zeit.

Da man über die Grimms und die KHM bereits sehr viel weiß, beschränkt sich Rölleke auf die weniger bekannten Aspekte und möchte so lt. Vorbemerkung auch die (seiner Meinung nach mittlerweile zu einseitige) Diskussion wieder in eine offene Richtung führen.
Ob ihm dies nun wirklich gelingt, kann ich schwerlich beurteilen; ich bin keine Literaturwissenschaftlerin und habe mich als Erwachsene mit den KHM und den Brüdern Grimm bislang lediglich im historischen Kontext, marginal auch im linguistischen Kontext befasst.
Interessant fand ich das Büchlein allemal, hat es mich doch nun auf eine ganz andere Weise an die KHM herangeführt. Hierbei fand ich insbesondere die sprachliche Anpassung der ursprünglich nur bedingt kindgemäßen Märchensammlung faszinierend. Ein Beispiel davon sieht man im obigen Zitat, welches in dieser Form heute nicht mehr im Märchen über Rapunzel anzufinden ist ;-). Zwar wusste ich natürlich, dass die Märchensammlung zu Beginn recht derbe Sprache enthielt, inwiefern diese jedoch genau angepasst wurde und anhand welcher Orientierungspunkte, und wie sich der Sprachpurismus durchsetze, das war mir so im Detail neu.

Für mich als interessierten literaturwissenschaftlichen Laien enthielt das Buch so einiges Neues, dazu liest es sich für eine wissenschaftliche Abhandlung recht flüssig.

Ich habe dieses Buch im Rahmen der historischen Challenge „Der Geschichte auf der Spur“ gelesen.

Bewertung:
Vier Sterne.

 

Autor: Heinz Rölleke
Titel: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung.
Taschenbuch: 117 Seiten
Verlag: Reclam, Ditzingen
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3150176504

[Hörbuch] Gerhard Matzig / Meine Frau will einen Garten

Kurzbeschreibung:
Von einem, der auszog, ein Haus zu bauen…

Frühmorgens um fünf liegt ein Mann schlaflos im Bett und wackelt unschlüssig mit den Zehen. Soll er, oder soll er nicht? Soll er seiner Frau Pia und seinen drei Kindern den größten Wunsch erfüllen? Ein eigenes Haus im Grünen: Das ist der Traum seiner Familie. Leider ist das aber genau das, was er nicht will, denn er liebt das Leben in der Stadt, in einer Altbauwohnung in der Nähe von Kinos und Kneipen. Schließlich überwindet er seine Widerstände und trifft eine mutige Entscheidung: Er baut selbst ein Haus. Und eigentlich wäre das ein großartiges Abenteuer – wenn es nicht von haarsträubenden Widrigkeiten, absurden Begegnungen und dem heimlichen Wunsch begleitet wäre, sich aus dem Staub zu machen. Natürlich bleibt der Mann und stellt sich seiner zehenwackelnden Schlaflosigkeit und den Kernfragen des Lebens. Zum Beispiel nach den richtigen Fliesen im Bad.

Quelle: Amazon

ER will eigentlich einfach nur in der Großstadt wohnen bleiben, schön zentral in München, immer in der Nähe von Kinos, Geschäften und der Arbeit.
SIE hingegen will ein Haus am Stadtrand, etwas Eigenes, im Grünen, unbedingt mit Garten, allein schon wegen der Kinder.
Muss man wirklich noch betonen, dass SIE sich durchsetzt? 😉

Gerhard Matzig hat ein unterhaltsames Buch geschrieben, das wohl vielen deutschen Paaren aus der Seele sprechen dürfte, denn die Konstellation „Einer will ins Grüne, einer in die Stadt“ dürfte so selten nicht sein, ebenso wie die Diskussion über die Definition des geographischen „Stadtrands“.
Der Herr Matzig wusste auch recht genau, wovon er schreibt, denn dies ist seine Geschichte, sein ganz persönliches kleines Leid vom Hausbau.

Gelesen wird das Buch von Dieter Moor, der mit dem ihm eigenen trockenen Humor der Geschichte noch das i-Tüpfelchen aufsetzt.
Ich habe mich gut amüsiert und kann das Hörbuch daher besten Gewissens weiterempfehlen.

Bewertung:

Vier Sterne und eine Menge Mitgefühl :-D.

 

 

Audio CD
Titel: Meine Frau will einen Garten
Autor: Gerhard Matzig
Sprecher: Dieter Moor
Verlag: Random House Audio
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3837103069

Tana French / Totengleich

Mord, Identätsdiebstahl und jede Menge Geheimnisse, damit wartet Tana French in ihrem zweiten Roman auf und wie schon bei ihrem Erstling versteht sie es, den Leser in ihren Bann zu ziehen.

Cassie Maddox, eine junge Polizistin, hat ein hartes Jahr hinter sich und ist aus guten Gründen vom Morddezernat in das Dezernat für häusliche Gewalt gewechselt.
Als sie zum Schauplatz eines Mordes gerufen wird, kann das nichts Gutes bedeuten – und tut es auch nicht: Das Mordopfer sieht nicht nur aus wie ihr Spiegelbild, sondern es hat sich eine Identität angeeignet, die Cassie selbst vor Jahren im Rahmen eines Undercover-Einsatzes erfunden hat.
Niemand weiß, wer die Tote wirklich ist, geschweige denn, warum sie ermordet wurde oder was sie dazu gebracht hat, eine falsche Identität anzunehmen und sich einer Gruppe von Außenseitern anzuschließen, mit denen sie in seltsamer Konstellation in der Einöde gelebt hat.
Cassies ehemaliger Chef entwickelt eine absurd anmutende Idee: Da bislang niemand vom Tod der Frau weiß, soll Cassie sich als die Tote ausgeben und wieder undercover gehen …

Nach „Grabesgrün“ konnte mich Tana French auch mit ihrem zweiten Roman davon überzeugen, dass sie eine Meisterin unter den Krimi-Autorinnen ist.

Mit „Totengleich“ knüpft sie dabei an die Handlung ihres ersten Romans an und erzählt die Geschichte von Cassie Maddox, die in „Grabesgrün“ eine der wichtigen Nebenfiguren darstellte.
Das Buch lässt sich jedoch auch problemlos ohne Kenntnis des Vorgängers lesen, da Tana French alle wesentlichen Geschehnisse, die zum Verständnis der Cassie Maddox beitragen, in die Handlung einfließen lässt.

Die Figuren sind fein gezeichnet, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und die Autorin versteht es, alle Wesenszüge, sowohl die sympathischen als auch die unsympathischen, glaubhaft zu vermitteln. Besonders der Aspekt, dass wirklich jede Figur und dem Buch über angenehme und unangenehme Charakterzüge verfügt, hat mir sehr gut gefallen, man findet hier also kein klischeehaftes Schwarz-Weiss-Schema mit den Guten auf der einen und den Bösen auf der anderen Seite. Durch geschickt ausgearbeitete Handlungsstränge gelingt es der Autorin, eine Atmosphäre der Spannung zu erzeugen, manchmal sogar mit Gänsehautbonus.

Dennoch bekommt „Totengleich“ keine ganz so gute Bewertung von mir wie sein Vorgänger, denn zwischendurch gab es doch die eine oder andere Passage oder Schilderung, die mir etwas langatmig erschien.

Alles in allem ein solider Krimi und ich freue mich bereits darauf, in Kürze Tana Frenchs dritten Roman lesen zu können.

Der erste Satz:

Manchmal Nachts, wenn ich alleine schlafe, träume ich noch immer vom Whitethorn House.

Bewertung:
Vier Sterne.

 

Autorin: Tana French
Titel: Totengleich
Originaltitel: The Likeness
Gebundene Ausgabe: 784 Seiten
Verlag: Scherz
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3502101925

Stephen King / Zwischen Nacht und Dunkel

Ein Farmer, der von dem, was er getan hat, in den Irrsinn getrieben wird.
Eine Schriftstellerin, die unbedacht eine Abkürzung wählt.
Ein Todkranker, der um eine Verlängerung bittet.
Eine Ehefrau, die glaubte, ihren Mann zu kennen.

Vier Novellen, eine Aussage:
Es kommt sowieso anders, als du es erwartest und es wird schrecklicher, als du es dir je erträumen könntest.

Stephen King zählt definitiv zu meinen Lieblingsschriftstellern.
Keiner versteht es so wie er, in den Abgründen menschlicher Ängste zu wühlen.
Noch mehr als seine Romane liebe ich seine Kurzgeschichten und „Zwischen Nacht und Dunkel“ hat mich genau darin wieder bestärkt.

Selbst in seinen besten Romanen entsteht nicht solch eine grauslige, packende Stimmung wie in den Novellen und Kurzgeschichten.
Dabei verzichtet King größtenteils dankenswerter Weise auf allzu detaillierte Beschreibungen; die sind auch überhaupt nicht notwendig, das Kopfkino läuft ohnehin auf Hochtouren.
Was in den Romanen auf mehrere hundert Seiten verteilt wird, ist in den Geschichten komprimiert und wirkt umso heftiger auf den Leser.

Das Buch besteht aus vier Novellen: „1922“, „Big Driver“, „Faire Verlängerung“ und „Eine gute Ehe“.
Kein langes Vorgeplänkel, einfach rein in die Geschichte; nicht zu viele Details, nicht zu viele Figuren, dafür umso mehr Atmosphäre und in jeder Geschichte eine Moral: Jeder muss für das, was er tut, einen Preis zahlen.

Ich könnte nicht sagen, welche der vier Geschichten in meinen Augen die stärkste ist, jede für sich hat ihre Vorzüge.
Müsste ich jedoch die schwächste benennen, wäre es für mich eindeutig „Big Driver“, da ich einiges in der Geschichte nicht so schlüssig fand wie in den anderen dreien.
Während ansonsten jeder Gedankengang und jede Handlung für mich gut nachvollziehbar war und das Ergebnis entsprechend passend, gefiel mir bei „Big Driver“ vor allem im letzten Drittel einiges nicht so gut. Mehr will ich dazu an dieser Stelle nicht sagen, es soll schließlich jeder ganz für sich allein die Geschichten auf sich wirken lassen und ich möchte hier nicht spoilern und damit den Lesegenuss verderben ;-).

Kleiner Kritikpunkt:
Für meinen Geschmack hätte der Infotext im Schutzumschlag etwas reduzierter sein können bzw. so formuliert, dass er nicht so viel von der Handlung der einzelnen Geschichten verrät. Das schafft automatisch schon vor dem Lesen eine gewisse Erwartungshaltung und Voreingenommenheit, die den Geschichten durchaus auch schaden kann.

Leseempfehlung? Definitiv!

 

Kleiner Tipp: Wer sich bei „Big Driver“ etwas wundert, weil bei der Sache mit der Abkürzung irgendetwas klingelt, der werfe noch einmal einen Blick auf „Mrs. Todds Abkürzung“, veröffentlicht in den Kurzgeschichtensammlungen „Der Gesang der Toten“ und „Blut“.

 

Wertung:
Vier Sterne.

 

Autor: Stephen King
Titel: Zwischen Nacht und Dunkel
Originaltitel: Full Dark, No Stars
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
gelesen auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3453266995

[Hörbuch] Erlend Loe / Ich bring mich um die Ecke

Julie ist 18 Jahre jung, wohnt in einer reichen Gegend von Oslo – und ist allein. Mutter, Vater und Bruder sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. An Geld mangelt es Julie nicht, wohl aber am Lebenswillen und so beschließt sie am Silvesterabend, im nächsten Jahr zu sterben. Aber ein 08/15- Selbstmord kommt für Julie nicht in Frage, es muss schon etwas besonderes sein. So kreativ Julie auch ist, ihr erster Versuch ist schon einmal nicht von Erfolg gekrönt und um ihrer Familie nahe zu sein und gleichzeitig dem nervenden „Psycho-Geier“ und ihrer nicht minder nervigen Freundin zu entgehen, haut Julie ab und fliegt durch die Welt. Von einem Flughafen zum nächsten, möglichst immer in der Luft, völlig rastlos. Dabei schreibt sie ihre Gedanken auf ironische, skurrile Form in einem Tagebuch nieder, trifft alle mögliche Menschen, erlebt Drama – und Happy End.

Meinung:
So depressiv der Inhalt auch klingt, „Ich bring mich um die Ecke“ ist kein lähmendes Buch und für das Hörbuch gilt das schon mal gleich gar nicht.
Es ist ein Buch, das zwar ein trauriges Thema behandelt, aber durch den Wortwitz und die jugendlich-trotzige Art der Protagonistin verfällt man beim Hören nicht in Trauer und Entsetzen.
Anna Carlsson liest mit viel Gefühl, verleiht den Tagebucheinträgen genau das richtige Maß an Zorn, Trotz, Sarkasmus, aber auch den kleinen verbliebenen Funken Lebensfreude, und ich kann mir keine bessere Sprecherin für Julie denken.

Zwei kleine Kritikpunkte bleiben, für die wahrscheinlich die Übersetzung verantwortlich ist:
1. Eisstockschießen ist nicht mit Curling zu verwechseln und im Gegensatz zum Curling ist Eisstockschießen auch nicht olympische Disziplin. Das wird im Buch leider verkehrt geschildert. Ist zwar eine Nebensächlichkeit und für die Handlung des Buches vollkommen irrelevant, aber für mich als Curling-Fan so nicht akzeptabel ;-).

2. Die Olympischen Spiele mit Olympia abzukürzen- ok. Sie als „Olympiade“ zu bezeichnen, geht hingegen nicht. Der Begriff „Olympiade“ bezeichnet den Zeitraum zwischen den Olympischen Spielen, also vier Jahre. Die Olympischen Spiele sind Bestandteil dieses Zeitraums, sie stellen aber nicht die Olympiade dar.

Bewertung:
Vier Sterne.

 

Audio CD
Autor: Erlend Loe.
Titel: Ich bring mich um die Ecke.
Originaltitel: Muleum.
Verlag: Bastei Lübbe GmbH & Co.KG (Lübbe Audio)
gehört auf: Deutsch
ISBN-13: 978-3785737484

Christoph Scholder / Oktoberfest

Inhalt:
Das Gas wirkte in Sekunden. Plötzlich war es in dem riesigen Bierzelt still. Totenstill. Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, Tausende strömen auf das größte Volksfest der Welt. Partystimmung, so weit das Auge reicht, ausgelassen tanzen die Leute in den riesigen Zelten. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70 000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod …

Quelle: Amazon

Meinung:
Endlich mal wieder ein spannender Thriller von einem deutschen Autoren mit Schauplatz Deutschland!

Das Oktoberfest wird Schauplatz einer gigantischen Geiselnahm: Was zunächst etwas hanebüchen klingt, weiß der Autor geschickt in einer fesselnden Story zu verpacken. Mit zunächst immer wieder wechselnden Handlungsorten wirkt der Einstieg etwas verwirrend, doch genau darin liegt auch das Geheimnis des Spannungsbogens, den Scholder gekonnt aufzieht, zwischendurch abflachen lässt, um ihn zum Ende hin dann noch einmal so richtig gen Himmel schießen zu lassen. So schnell werde ich sicherlich nicht mehr das Bedürfnis haben, Teil einer großen Menschenansammlung zu sein ;-).

Besonders gut gefallen haben mir die wirklich sehr gute und gründliche Recherche zu den militärischen Gegebenheiten und die themenbezogenen Zitate, mit denen die Kapitel eingeleitet werden.

Ein absolut empfehlenswertes Buch, auf das ich ohne die Lovelybooks-Leserunde wahrscheinlich gar nicht aufmerksam geworden wäre, von daher an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an das LB-Team!

Der erste Satz:

Als der alte Mann seinem Besucher lächelnd die Tür öffnete, konnte er nicht wissen, dass er nur noch neunzig Sekunden zu leben hatte.

Bewertung:

 

Autor: Christoph Scholder
Titel: Oktoberfest
Gebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Droemer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3426198889