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Paul Kohl/ 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Peter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der NazisIch liebe liebe liebe es, mit einem Buch in der Hand (m)eine Stadt zu erkunden.

Nun lebe ich ja schon recht lange in Berlin, habe während meines Studiums jahrelang als Stadtführerin gearbeitet und allein deswegen ohnehin alles über die Stadt verschlungen, was mir so in die Finger kam. Wirklich Neues erwarte ich daher kaum noch von Berlin-Büchern, dieses Büchlein hat mir nun allerdings doch so einiges gezeigt, was ich noch nicht kannte, viel Vergessenes in Erinnerung gerufen und war mir in den letzten Wochen bei einigen Stadtspaziergängen ein treuer Begleiter.

Die meisten Sachen kannte ich zwar schon (bspw. die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, das Jüdische Waisenhaus, die „Euthanasie“-Zentrale, die Comedian Harmonists, den Flakturm Humboldthain usw.), fand aber die Aufbereitung sehr gelungen.

So findet man die Beschreibung der Historie auf der linken Seite und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Abbildungen, einmal aus der Zeit des Nationalsozialismus und darunter aus hePeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisutiger Zeit, was die eindeutige Identifikation der Orte ermöglicht. Auch die Zusammenstellung der einzelnen Orte finde ich gut durchdacht.

 

Und dann waren da eben doch einzelne Sachen, die ich bislang nicht kannte.
Zum Beispiel wusste ich nicht, wo Adolf Hitlers Bruder seine Kneipe hatte, von der „Roten Kapelle“ hatte ich irgendwann zwar schon mal gehört, kannte aber weder Details noch den Ort und ebenso ging es mir mit der Fahnenfabrik Geitel, dem Großmufti von Jerusalem und seiner nationalsozialistischen Propaganda sowie dem Murellenberg.

Dadurch, dass das Buch vPeter Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazisom Titel her auf 111 Orte begrenzt ist, fehlen naturbedingt einige Orte, das tut dem Buch insgesamt aber keinen Abbruch.

Wer sich für Berlin und seine Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus interessiert und die Standard-Städteführer leid ist, wird an diesem Buch sicherlich Gefallen finden.

 

5sterne

Autor: Paul Kohl
Titel: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit
Broschiert: 240 Seiten
Verlag: Emons
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3954512201

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[Gastrezension] Edgar Hilsenrath/ Der Nazi und der Friseur

Nach meinem Beitrag zum 27. Januar meldete sich der von mir sehr geschätzte Flattersatz bei mir und bekundete Interesse an Edgar Hilsenraths Buch „Der Nazi und der Friseur“.
Ich freue mich sehr, euch nun seine Rezension der Extraklasse präsentieren zu dürfen. Und dir, lieber Flattersatz, recht herzlichen Dank!

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Es ist schon eine provozierende Konstellation, die der Autor für seinen Roman gewählt hat. „Der Nazi & der Friseur“: ein makabres Rollenspiel, in dem der Max Schulz die Hauptrolle innehat. Aber der Reihe nach…

Im Mai 1907 wurden in einem kleinen schlesischen Städtchen, Wieshalle, zwei Jungen geboren, praktisch gleichzeitig: der Max Schulz und der Itzig Finkelstein. Noch spielt es zwar nicht die große Rolle (das sollte sich später dann ändern), aber so wie der kleine Itzig Finkelstein ein Jude war mit frommen jüdischen Eltern war der ebenso kleine Max Schulz arisch bis ins x-te Glied, wie man es später nannte. Und auch ansonsten unterschieden sich die beiden Knaben… der Itzig war blond und groß mit blauen Augen, seine Eltern sittsam und fromm. Der Vater führte einen gutgehenden Frisiersalon mit guter Kundschaft und verdiente damit sein Geld. Der kleine Max hingegen – sehen wir es so, wie es ist: sah aus, wie später die Hetzkarikaturen des „Stürmers“: Hakennase, wulstige Lippen und dunkle Behaarung, von den Froschaugen ganz zu schweigen. Seine Mutter, die Minna Schulz, war dick und stand auf dünnen Beinen. Oft lag sie auch und verdiente sich ein Zubrot mit den Herrenbesuchen, die sie empfing. So nimmt es nicht wunder, daß nicht weniger als fünf Herren infrage kämen, leibliche Erzeuger des kleinen Max zu sein.

Aufgewachsen ist Max Schulz aber bei einem anderen Mann, dem Friseur Slavitzki, dem ein so großes .. ähämmm.. nachgesagt wurde, daß man vermutete, er würde es mit einem Gummiband an seinem Bein festbinden, damit es nicht so schlackerte. Diese Tatsache ist nicht ganz unwichtig, da der Dachschaden, den man bei Max vermutete, der mütterlichen Ansicht nach davon herrührt, das der Slavitzki dem Kleinen mit seinem Ding bis ins Hirn gestoßen habe… und dann die Prügel, die gab es außerdem.. mit den Stöcken, einen für die Mutter, einen für den Stiefsohn….

Und trotz all dieser Unterschiede und der natürlichen Konkurrenz zwischen dem aus polnischen Wurzeln stammenden Friseur Slavitzki und dem Juden Finkelstein, die sich gegenseitig durchs Fenster beobachten konnten, freundeten sich der Max und der Itzig an… und Max lernte die jüdischen Gebete, die im Haus Finkelstein gesprochen wurden, er ging mit in die Synagoge und lernte die Vorschriften, die der Jude zu befolgen hatte. Sie spielten zusammen, gingen zusammen in die Schule und irgendwann begann der Max eine Ausbildung als Friseur – im Salon „Der Herr von Welt“ des Juden Finkelstein…

Unterschiedlicher hätten die Lebensumstände der beiden Jungens kaum seien können und doch… Hilsenrath läßt da gar keine Illusion aufkommen, sie sind völlig irrelevant. Auch wenn er es nicht weiß, Itzig ist qua Geburt Verlierer und mag er noch so blaue Augen haben und blondes Haar und ebenso ist Max qua Geburt auf der Gewinnerseite, trotz seiner Stürmerjudenaussehens. Weil nämlich eines Tages so etwas wie eine Erscheinung kommt nach Wieshalle, auf den Ölberg, einer wie ein Messias, der den Geknechteten und Entrechteten, die ihm andächtig zuhören, Erlösung verspricht, einen Stock verspricht, mit dem sie zurückschlagen können auf die, die sie beherrschen und unterdrücken.

Und der Führer sprach: „…. Wahrlich ich sage euch: In der Hand des wahren Meisters wird der Stock zum Schwert, auf daß die Hand herrsche bis in alles Ewigkeit. Amen. …“ Und ich sagte zu mir: Max Schulz. Höchste Zeit, daß du selber den Stock in die Hand nimmst, den gelben und den schwarzen.

Es ist keine Rede, die Hitler dort auf dem Ölberg hält, es ist eine Predigt, Hitler ist der Messias der Erniedrigten Deutschlands, er ist der Mensch mit der Vision, dem Heilsversprechen, dem die schreiende, tobende, weinende Masse zujubelt, Hitler ist der Erlöser. [1]

Max bekommt seinen Stock, seinen Prügel, einen Schiessprügel nämlich. Im Gegensatz zu seinem Vater, der nur bei der SA landen kann, tritt Max der SS bei. Als Totenkopfmann fährt er dann im Krieg mit Sonderkommandos durch Polen und andere Länder, um Juden zu liquidieren, hier ein paar, dort ein paar. Wenn die Gegend gesäubert ist, zieht das Kommando weiter. Wegen Herzproblemen wird Max Schulz, der MaSSenmörder dann in ein Vernichtungslager geschickt. Zum Vernichten. Wieviele werden es gewesen sein? Wer weiß das schon, so um die 10.000 sagt der Max Schulz irgendwann am Ende des Romans, einfach, um eine Zahl zu nennen. Und er war gut beim Morden, der Massenmörder und Oberscharführer Schulz. Er musste gut sein, weil er doch aussah wie ein Jude auszusehen hat (dem „Stürmer“ sei dank), sogar ein bischen besser musste er sein als die anderen.. dabei war es ja nicht so, daß er die Juden hasste oder irgendetwas gegen sie hatte. Auch und erst recht nicht gegen die Finkelsteins, die er in Laubwalde auch erschießen musste. Er hatte nur endlich den ersehnten Stock in seiner Hand und die Erlaubnis, den Befehl, zuzuschlagen… die empfangenen Schläge, die Vergewaltigungen, den Dreck, die Entrechtung zurückzuzahlen demjenigen, der ihm benannt worden ist von seinem Erlöser.

Es war hektisch, als die Russen immer näher kamen, der Geschützdonner schon zu hören war. Noch schnell das Lager von Überlebenden befreien und dann im LKW nach Deutschland fliehen, durch den Wald. Doch im Wald, da sind die Partisanen.. piff-paff.. alles tot mit halben Hirnschalen nur noch. Alle? Nein, zwei hingen mit bloßen Arsch über der Reling zum Scheissen: Max Schulz und Hans Müller, der Lagerkommandant. Ihre Hirnschalen blieben heile, auch der Schwanz blieb dran und die Uniform drumherum, um den Körper, den frierenden in der eisigen polnischen Kälte im Wald. Das einzige, was man retten konnte, war eine Schachtel mit Gold. Zähnen. Das Startkapital für ein neues Leben, sozusagen. Max Schulz (wo Müller ist, wissen wir nicht) irrt mit einem Sack auf den Rücken durch den Wald und kommt irgendwann halb erfroren an eine Hütte, in der die Einsiedlerin Veronja haust.

Die alte, seltsame, verhuzelte Veronja sieht einen Gott in ihrer Tür stehen. Einen abgehalfterten Gott auf der Flucht, einen Gott ohne Macht, einen ohnmächtigen Gott, einen Ex-Gott, sozusagen. Und was macht man mit einem Ex-Gott, der ein dunkler Gott war, ein tötender? Man fickt ihn! Max Schulz ist von Veronja abhängig, er kann sie nicht töten, ohne selbst verloren zu sein. Und Veronja… sie gibt ihm Drogen, Kräutersude und sie reitet ihn, ein ums andere mal, bis ihn sein Herz fast im Stich läßt, sie prügelt ihn mit ihrer Peitsche und päppelt ihn dann wieder auf, um einen neuen Ausritt zu wagen… Welch eine Szene! Der SS-Mann auf der Flucht vor der alten, runzeligen, krummbeinigen und peitschenschwingenden Kräuterhexe, die ihm buchstäblich die Seele aus dem Leib schlägt und schläft…. Letztlich aber tötet Max die Hexe doch, in einem Akt von Notwehr und er zieht mit seinem Sack und den Goldzähnen weiter gen Deutschland… oder dem was übrig geblieben ist.

Kürzen wir die Geschichte etwas ab.. Es gelingt dem Max Schulz tatsächlich mit seinen Goldzähen im Gepäck nach einem längeren Zwischenstopp bei Witwe Holle in das zerstörte Berlin zu kommen. Dort entschließt er sich zu zweierlei: zum einen versilbert er die Goldzähne (bis auf drei, die er als Andenken behält) und bekommt so daß Startkapital, um als kleiner jüdischer Schwarzhändler Karriere zu machen. Jawohl, jüdisch, denn natürlich hat er Angst davor, entdeckt zu werden bei der Jagd auf die Nazis, die jetzt einsetzt und so entschließt er sich, aus dem Schein (meint: wie ein „Stürmer“-Jude auszusehen) Sein zu machen: Max Schulz erinnert sich seiner jüdisch geprägten Kindheit und mutiert zum Juden, nicht zu irgend einem, nein, Max Schulz, der Massenmörder wird zu Itzig Finkelstein. Ein alter Kamerad, ein Arzt, schneidet ihm das ab, was er zwischen den Beinen zuviel hat und ein anderer tätowiert ihm eine Lagernummer auf den Arm, die ihn als Insasse von Auschwitz kennzeichnet [2]. Wenn schon, denn schon…

Der kleine Schwarzhändler Itzig Finkelstein macht seine Geschäfte, auch lernt er Frauen kennen, bei denen er logiert. Ihnen gegenüber verteidigt er sein Judentum, er erklärt es, erläutert es, versucht zu überzeugen. So sehr er früher SS-Mann war, so überzeugend und überzeugt ist er jetzt als Jude. Nach einigen geschäftlichen Turbulenzen entschließt sich Itzig Finkelstein, mit einem Blockadebrecher aufzubrechen, ins Land seiner Väter zu fahren, 2000 Jahre Exil zu beenden: Palästina ruft, der Staat der Juden, der dort und nirgends anders gegründet werden soll.

Es ist eine wilde Überfahrt auf einem wilden Seelenverkäufer (der „Exitus“), aber sie kommen an, durchbrechen die britische Blockade. Und Itzig lebt sich ein in Palästina, er fängt wieder an, als Friseur zu arbeiten und unterhält die Kunden mit patriotisch-zionistischen Reden. So werden die örtlichen Untergrundkämpfer auf ihn aufmerksam und da er mit Waffen umgehen kann, wird er in die Gruppe aufgenommen… Später dann, nach Gründung des Staates, wird er Soldat, der heimliche Liebling aller Militärs, ist er es doch in einem der frühen Kriege, der als Speerspitze der Armee mit seinem Jeep den Suez-Kanal erreicht (eine Szene, die von Kishon sein könnte, der Sergeant Finkelstein, der in die falsche Richtung abbiegt und am Kanal landet…).

Auf diese Weise zeigt uns Hilsenrath die Beliebigkeit der Dinge. Ausgerechnet die Fähigkeiten, die er bei den Nazis gelernt hat, bringt er hier für den Judenstaat ein: schießen, Waffenkenntnisse, militärisches Gespür. Eine unendlich schmerzvoll zu lesende Szene ist die, wie er die Kinder auf dem Schiff Vitamine spritzt und zwar so gut, daß alle nachher Freunde sind von „Chawer Itzig“ (Kamerad Itzig). Aber gelernt ist schließlich gelernt, nur daß er in Laubwalde Phenol in den Spritzen hatte, mit denen er dort -zig kleine Engel machte…..

… und so lebt Max Schulz ein ganz normales jüdisches Leben. Er findet sogar eine Frau, so dick, nein, fetter noch als seine Mutter, seine Traumfrau also, eine stumm gewordene in den Lagern, eine, die noch immer vom Hungerengel verfolgt [3] wird. Den Frisiersalon seines Chefs übernimmt er nach dessen Tod als sein fleissigster Geselle, er freut sich über die Siege der Juden gegen die Araber, auch wenn er langsam zu alt geworden ist, selbst zu kämpfen.

… und nie schöpft jemand Verdacht, er übersteht sogar die Begegnung mit entfernten Verwandten, die unerwarteter Weise noch existieren und einen blonden Itzig zu treffen erwarteten. Aber die Lager… alles verändert sich in den Lagern, selbst das Aussehen…. sogar als er in späten Jahren einem alten Bekannten vom Schiff gegenüber bekennt, er sei Max Schulz, ein Massenmörder, man glaubt ihm nicht, er inszeniert eine Gerichtsverhandlung gegen sich selbst: man hält es für ein seltsames Spiel…. erst das jüdische Herz, das ihm transplantiert werden soll, weigert sich, in seiner Brust zu schlagen.

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Manchmal bleibt einem beim Lesen schon das Lachen im Hals stecken. Man kann noch nicht einmal sagen, Max Schulz, dieser Mensch mit dem Allerweltsnamen, sei uns als besonders schlechter Mensch geschildert worden. Im Gegenteil, aus sozialer Unterschicht stammend (die Mutter prostituiert sich, der (Stief)Vater schlägt und vergewaltigt ihn) schafft er mit Hilfe seines jüdischen Freundes und dessen Familie einen gewissen Aufstieg, erwirbt Bildung und Ausbildung, mithin gute Chancen für seine Zukunft. Was also verführt ihn, zum Massenmörder zu werden? Ist es die Chance, mit einem Schlag auch sozusagen offiziell (und nicht nur durch Geburt) auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen und Macht zu bekommen, das erlittene Unrecht, die erlebten Schmerzen zurückzahlen zu können, egal wem? Erliegt er einfach der Faszination der Lichtgestalt Hitler, der ihm erlösergleich befiehlt: „Steh auf und morde!“ Sicherlich ist die Szene, in der Hitler auf dem Ölberg zu den versammelten Menschen spricht, eine Schlüsselszene für das Buch. In dieser Versammlung erscheint Hitler gleich einem Messias und er setzt ein neues Göttergeschlecht ein in Deutschland und bietet den Menschen an, diesem beizutreten und zu huldigen. Und die Masse nimmt die Worte auf in sich, in ihre innere Leere und jubelt ihm in Verzückung zu…

Max Schulz ist eine Hülle, die alle Rollen spielen kann, er hat nichts eigenes. Er ist Judenfreund bis ihm etwas anderes mehr verspricht. Er ist SS-Mann und mordet, bis die Umstände ihn zwingen, damit aufzuhören. Und schließlich schlüpft er in die Haut seiner ehemaligen Opfer, als ihm dies opportun erscheint und wird zum Juden. All diese Rollen spielte er so perfekt, daß zwischen „Sein“ und „Schein“ kein Unterschied zu sein scheint, er ist der Konvertit, der bekanntlich immer noch ein wenig besser ist….

Natürlich, in den Figuren des Itzig Finkelstein, blond und groß, arisch aussehend wie aus dem Bilderbuch und des Max Schulz, im Aussehen wie aus dem „Stürmer“ [4] entsprungen, persifliert Hilsenrath die Stereotypen „Jude“ und „Arier“, die sicherlich heute noch in vielen Köpfen herumgeistern. Die Persiflage hört nicht beim Äußeren auf, die gebildete, strebsame Familie ist die jüdische, während die deutsche soziale Unterschicht darstellt. Ähnlich übrigens überzeichnet der Autor auch andere Personen der Geschichte wie z.B. die israelischen Untergrundkämpfer. Überhaupt gibt das Buch in dieser Hinsicht einen Schnelldurchgang in israelischer Geschichte, angefangen von der illegalen Einwanderung von Juden nach Palästina, der britischen Besatzung des Gebiets über die Staatsgründung bin hin zu den Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten.

Die lange Geschichte des Max Schulz von seiner Geburt bis zu seinem Ende erzählt Hilsenrath in einem oft der gesprochenen Sprache angepasstem Ton. Diese relativ einfache Sprache passt natürlich gut zu seinem einfachen Max Schulz mit dem Dachschaden, den er immer dann hervorholt, wenn er ihn gerade braucht. Im zweiten Teil des Romans (der seinerseits in 6 Bücher aufgeteilt ist) wird ein großer Teil der Geschichte in imaginären Monologen des falschen Itzig an die Adresse des toten erzählt, vllt ein Zeichen dafür, daß dieser Mord dann doch nicht so ganz an Schulz vorbei gegangen ist. Ansonsten mordete Schulz mit ungefähr derselben inneren Beteiligung wie er isst oder mit Frauen schläft oder atmet: es war sein Leben. Zum Teil ist der Text derb bis hin zum obszönen, besonders im ersten Buch, in dem die Minna Schulz eine Rolle spielt, kommt viel geschlechtliches vor, meist in Gossensprache.

Was bleibt nach dem Buch? Es ist seltsam, aber ich habe keine Meinung… Der Roman ist rein aus Tätersicht geschrieben, eines Täters, der nie als solcher erkannt wird, im Gegenteil, der als Opfer gesehen und behandelt wird. Dabei wirkt Schulz in seinem Eifer so harmlos, daß man ihm, von dem man weiß, wie wenig ihm das Morden ausmachte, kaum negative Gefühle entgegenbringt, ein Zwiespalt bricht da auf. Die angedeutete Erklärung der Wirkung Hitlers auf die Massen sind interessant, aber zu eindimensional. Vllt treffen sie auf eine bestimmte soziale Schicht zu, aber so einfach kann es nicht für alle gewesen sein, ein rauschhaftes Erleben, Verzückung und dann Totschlag und Mord….

Natürlich, ein Schelmenroman, einer tut schlimmes und läuft durch die Szene, ohne daß man ihn fassen kann oder es gar weiß. Eine Satire, so wird geschrieben. Aber abgesehen davon, daß ich das Buch gerne gelesen habe, weiß ich einfach nicht, was ich davon halten soll. Nun gut, vllt ist das ja sogar ein Ziel des Buches, gewohnte Gedankengänge ins Schlingern bringen.

Links und Anmerkungen:

[1] Hilsenrath interpretiert in diesen Passagen das Auftreten Hitlers vor den Massen als religiöses Ereignis, an anderer Stelle bezeichnet er die engsten Gefolgsleute des Führers als Apostel. Das erinnert natürlich sofort an Lems Gedanken in „Provokation
[2] Wiki-Artikel zur Kennzeichnung der Häftlinge in Konzentrationslagen
[3] Herta Müller: Atemschaukel
[4] Wiki-Artikel zum „Stürmer

Edgar Hilsenrath
Der Nazi & der Friseur
dtv, 2006, 480 S.

Mila Lippke / Morgen bist du noch da

Provokation war der wichtigste Bestandteil meiner Kunst. Ich setzte sie strategisch ein, um eine Reaktion beim Publikum zu erzielen, und ich war damit weit gekommen. Doch in diesem Augenblick fühlte ich mich befangen. Ich ahnte, dass ich genau dadurch etwas von dem verloren hatte, was ich mit meiner Kunst einmal auszudrücken versucht hatte: Gefühle. Gefühle, die sich sonst nicht beschreiben ließen, die sich den Möglichkeiten meiner Sprache entzogen.

Mila Lippke: Morgen bist du noch da ©Ullstein VerlagLioba ist 42 Jahre alt, Künstlerin und hat, seit sie denken kann, ein schwieriges, sehr distanziertes Verhältnis zu ihrer Mutter.
Umso überraschter ist sie, als ihre Mutter zur Ausstellungseröffnung der Tochter extra nach Berlin anreist.
Konfrontiert mit den ausgestellten „Kuschelmuschis“ und „Fellfotzen“ und den Ansichten ihrer Tochter zum Thema weibliche Sexualität, verlässt die spröde Mutter die Ausstellung schnell wieder, erleidet jedoch in der Bahn einen Schlaganfall.

Meine Mutter war kein körperlicher Mensch. Zärtlichkeiten hatte sie stets sparsam verteilt.

Nun ist Lioba als einzige Verwandte in der Verantwortung, sie muss sich um die Mutter kümmern, muss deren Angelegenheiten regeln.

Trotz aller Aufgewühltheit, trotz aller innerer Zerrissenheit war dies ein Moment, in dem ich die Ironie verspürte, dass ich all die Jahre meines bisherigen Lebens darum gekämpft hatte, mich als eigenständiges Wesen zu definieren. Ausgerechnet während meine Mutter im Krankenhaus lag und ich ihrem Einfluss gänzlich hätte entzogen sein müssen, war ich ihr unmittelbar ausgeliefert.

Dabei ist Liobas Leben gerade kompliziert genug, denn seit Kurzem weiß sie, dass sie ein Kind erwartet. Ungeplant, ungewollt, unehelich, so wie sie selbst einst in die Welt kam.

Sie reist in ihre alte Heimat Köln, in die Wohnung ihrer Mutter. Diese Reise und die Krankheit der Mutter öffnen jedoch eine Tür in die Vergangenheit, durch die Lioba erst unfreiwillig und gequält, dann jedoch wie von einem Sog angezogen schreitet. Sie lernt die Mutter von einer vollkommen neuen Seite kennen, erfährt über die Familie, was ihr bisher vorenthalten wurde und muss ihre Sicht der Dinge so manches Mal überdenken.

Indem ich mich erinnerte, diesmal ganz neu und anders, spürte ich, wie ich meiner Mutter ihre Vergangenheit zurückgab und dadurch auch eine Zukunft für sie und mich schuf.

Die Entwicklung, die die Protagonistin im Laufe des Buches erfährt, lässt auch den Leser nicht unberührt.

Mila Lippke verfügt über ein selten-wunderbares Sprachgefühl und die Fähigkeit, den Leser während der Geschichte mit Worten wie in einen Mantel einzuhüllen. Während Lioba dem Familiengeheimnis näher kommt, das in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht, wärmen wir uns in diesen Worten und den wunderschönen Formulierungen, fühlen uns geborgen und sind doch selbst mittendrin in der Erzählung. Ich wünschte, ich könnte so manchen Satz einfach aus dem Buch herausreißen und in meinem Herzen einschließen, damit er immer bei mir ist.

Schon lange habe ich kein solch vereinnahmendes Buch mehr gelesen, das mich so sehr berührt hat, ohne mich zu erschüttern oder aufzuschrecken; das so eine Tiefe hat, mich aber mit Leichtigkeit bei der Hand nimmt und mitzieht. Es ist ein leises Buch und hinterlässt doch eine laute Erinnerung.

Mir selbst fehlen leider die Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, welche Wirkung das Buch auf mich hatte und mit Beruhigung sehe ich, dass es anderen auch so geht.
Durch die Rezension von Dorota bin ich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam geworden und wollte es unbedingt sofort lesen.An dieser Stelle einen herzlichen Dank dafür, denn ich weiß nicht, ob ich in der Buchhandlung „einfach so“ über den Roman gestolpert wäre und ob mich Cover und Klappentext hätten überzeugen können, es zu kaufen.

Bei Ada Mitsou kann man ein sehr schönes Interview mit der Autorin lesen und sie selbst bloggt gemeinsam mit drei Kolleginnen auch ab und an über sich und ihre Arbeit.

Ein wunderbares Buch, glatte fünf Sterne.

Autorin: Mila Lippke
Titel: Morgen bist du noch da
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3548283494

[Gastrezension] Elisabeth Zöller / Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

Elisabeth Zöller: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens ©Fischer VerlageYvonne wollte gerne Bekanntschaft mit Anton machen und so hat sie sich nach meinem Beitrag zum 27. Januar, in dem Bücher zum Thema Nationalsozialismus ein Zuhause suchten, bei mir gemeldet. Anton ist inzwischen wohlbehalten bei ihr angekommen und hier folgt nun ihr Leseeindruck. Herzlichen Dank, liebe Yvonne!

***   ***   ***

Das Buch erzählt die Geschichte von Anton. Anton ist ein sehr liebenswerter Junge, der mir sofort ans Herz gewachsen ist.
Er ist unglaublich gut in Mathematik, aber leider hilft ihm das in der Zeit, in der er aufgewachsen ist nicht viel – es ist die Zeit des Nationalsozialismus.
Anton ist durch einen Unfall behindert. Er stottert, kann seinen rechten Arm nicht richtig bewegen und spricht von sich selbst in der dritten Person.
Trotz seiner Einschränkungen ist Anton ein sehr aufgewecktes Kind mit vielen Fragen und Gedanken.

Das Buch ist ein Jugendbuch und in einer sehr flüssigen Sprache geschrieben, sodass es sich gut lesen lässt.
Ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht und habe im Kopf neben Anton auf dem Schulhof gestanden und die Gemeinheiten der anderen Kinder ertragen. Das fand ich auch eigentlich das Schlimmste. Sicherlich hat der mit einer normalen Allgemeinbildung versehene Mensch von heute eine Vorstellung davon, wie schlimm die im Dritten Reich verübten Gräueltaten waren. Aber so hautnah aus der Sicht eines Kindes zu lesen, wie sehr auch die ganz kleinen Kinder schon von der Ideologie geprägt waren und wie grausam sich erwachsene Menschen gegenüber Kindern verhalten haben, hat mich doch sehr mitgenommen.

Etwas schade fand ich, dass man so wenig darüber erfährt, wie die anderen Kinder der Familie damit umgegangen sind ,einen behinderten Bruder zu haben.
Ich denke mal, dass auch sie wahrscheinlich deswegen Anfeindungen  ausgesetzt waren.
Darüber hätte ich, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Antons Schwester Marie noch lebt und direkt hätte erzählen können, doch gerne mehr erfahren.

Beim Lesen dieses Buches macht man sich deutlich, dass es niemals wieder so weit kommen darf und wir alle dafür einstehen müssen.
Sehr berührt hat mich folgender Dialog von Seite 27:

Marie seufzt. Kleine Brüder konnten einem fast die Seele aus dem Leib fragen. Und Anton erst recht.
Da erklärte Mama: „Wer fragt, lebt.“
„Und wenn er mal nicht mehr fragt?“, fragte Marie.
„Dann ist er tot“, sagte Mama.
Nach einer Weile sagte Anton: „Jetzt weiß Anton, warum Gott nicht alle Fragen beantwortet.“
„Und warum?“, fragten Marie und Mama.
„Weil er will, dass die Menschen leben.“

Mein Fazit: Lesenswert! Aufrüttelnd!

Autorin: Elisabeth Zöller
Titel: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens
Taschenbuch: 223 Seiten
Verlag: Fischer
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3596805167

Nachtrag zum 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Ursprünglich sollte dieser Artikel natürlich pünktlich gestern Morgen erscheinen, leider war ich aufgrund eines kleinen Unfalls verhindert, sodass er jetzt eben nachträglich kommt, man möge es mir bitte nachsehen.

Wie auch schon im vergangenen Jahr, möchte ich auch 2012 an dieser Stelle an den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, der am gestrigen 27.Januar bundesweit begangen wurde – und dennoch leider den wenigsten Menschen ein Begriff ist. Im Bundestag hielt Marcel Reich-Ranicki eine sehr persönliche Ansprache  und in vielen Landtagen fanden Gedenkstunden statt und sprachen Zeitzeugen über ihre Erinnerungen an das Grauen der NS-Zeit. Dies nicht nur allein zum Gedenken, sondern auch als Warnung, denn wenn uns die Geschichte eins gelehrt hat, dann, dass sich die Geschichte gerne wiederholt.

Wir, in unserer fortschrittlichen Arroganz, glauben, darüber erhaben zu sein, glauben, dass so etwas nicht noch einmal passieren kann, dass genug über den Nationalsozialismus gesprochen wurde und doch langsam mal gut ist.
Viel zu viele Menschen pflegen jedenfalls genau diese Einstellung und behaupten: Wir wissen doch nun alles zu dem Thema, es reicht.
Nein, wir wissen ganz sicher nicht alles dazu, vieles beschäftigt die Forschung noch immer, vieles ist unbekannt, bleibt vielleicht auch für alle Zeiten unbekannt.
Und es reicht sicher auch noch lange nicht, dieses Thema immer wieder anzusprechen – soll man in diesen Zeiten aufhören, an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern, wo doch gerade jetzt die NPD, eine Partei mit „nationalistischer, völkischer und revanchistischer Ideologie“ und agitatorischer (und sicherlich auch darüber hinausgehender) Nähe zur NSDAP, in zwei Landtagen (Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern) vertreten ist, somit also mit ihrem rechtsextremen Gedankengut genügend Wähler mobilisieren konnte?
Laut einer Forsa-Umfrage weiß jeder fünfte Deutsche unter 30 Jahren nicht, wofür Auschwitz steht.
Ein Expertenbericht bescheinigte vor Kurzem jedem fünften Deutschen latenten Antisemitismus.
Nein, ich finde nicht, dass man aufhören sollte, über dieses Thema zu sprechen.

Gestern vor 67 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Und obwohl wir alle die Bilder kennen, solche wie das vom Eingangsbereich zum Lager mit den Eisenbahnschienen, vor allem aber die Fotos der Insassen mit ihren ausgezehrten Körpern, ihren eingefallenen Gesichtern, die Bilder der Baracken, in denen sie unter unwürdigen Umständen hausen mussten, obwohl wir alle spätestens in der Schule von den Grauen, die dort stattgefunden haben, erfuhren und es wirklich genügend Bild-, aber auch Filmmaterial aus dieser Zeit oder zu diesem Thema gibt, obwohl also jeder Mensch sich heutzutage ein umfassendes Bild machen kann, gibt es immer noch Leute, die das alles leugnen. Die Auschwitz leugnen, die die Vernichtungslager leugnen oder die Deportation und Ermordung von Millionen andersdenkender Menschen, von Sinti und Roma, von Juden, Homosexuellen, Kommunisten, Künstlern, Schriftstellern oder geistig und körperlich Behinderten. Die auch die nationalsozialistische Euthanasieaktion abstreiten, bei der – oft willkürlich – das Urteil „lebensunwert“ gefällt wurde.

Es ist mir unbegreiflich, wie man etwas leugnen kann, von dem es so viele stichhaltige Beweise gibt, gänzlich unabhängig von den Zeitzeugen!
Aber darüber will ich mich nicht weiter auslassen, denn es soll hier um das Erinnern gehen.

Dieser Blog wird wohl fast ausschließlich von Literaturliebhabern gelesen – und wer von euch hat nicht bei den Stichworten „Nationalsozialismus“ und „Literatur“ sofort das Bild von tausenden brennenden Büchern vor Augen?
Nein, wir sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem man aufhören kann, immer wieder an diese Geschehnisse zu erinnern; wenn wir diesen Punkt überhaupt jemals erreichen, und ich für meinen Teil werde auch nicht müde, immer wieder daran zu erinnern. Nicht nur, weil ich mich täglich berufswegen mit der Thematik beschäftige, sondern weil ich einfach davon überzeugt bin, dass sich die Geschichte nicht wiederholen MUSS – wenn man aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Das müssen keine eigenen Fehler sein, die wenigsten von uns waren an den Geschehnissen vor rund 70 Jahren beteiligt. Es können auch die Fehler unserer Vorfahren sein, aus denen wir hier und heute lernen können, doch Voraussetzung dafür ist, nicht einfach die Augen zu verschließen, sondern sich zu erinnern und auch mal für eine Sache einzustehen, auch mal zu diskutieren, zu streiten, wenn man von dieser Sache überzeugt ist.

Anlässlich dieses Gedenktages möchte ich in diesem Jahr mehr als nur Worte zur Erinnerung abliefern.
Folgende ausgewählte Bücher zum Thema suchen ein neues Zuhause und warten darauf, gelesen zu werden.
Einige wurden freundlicherweise von den Verlagen zur Verfügung gestellt (an dieser Stelle recht herzlichen Dank!), der größte Teil kommt jedoch aus meinem privaten Bestand, wurde also bereits gelesen und einigen Büchern sieht man das auch an (sie sind nicht zerfleddert, keine Sorge). Ich sage das nur, weil ich nicht bereit bin, mich auf irgendwelche „das Buch ist ja gar nicht nagelneu!“-Diskussionen einzulassen, die man auf anderen Blogs gelegentlich verfolgen kann.

Edda Ziegler
Verboten – verfemt – vertrieben
Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Kaum hatten deutschsprachige Autorinnen Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen, die literarische Szene zu erobern, da wurden sie auch schon ausgebremst: verboten, verfemt und vertrieben von der Literaturpolitik der Nazis – wegen ihrer jüdischen Herkunft, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Schreibart, ihrem Frauenbild. Edda Ziegler gibt einen Überblick über die Schicksale der Autorinnen, berühmter wie unbekannter. In sieben Kapiteln erzählt sie von den Wegen der Schriftstellerinnen ins Exil, ihrem Leben, Schreiben und Publizieren in fremden Ländern und Sprachen und vom schwierigen Verhältnis zur alten Heimat in den Zeiten des Neubeginns nach 1945.

Chasia Bornstein-Bielicka
Mein Weg als Widerstandskämpferin

Chasias unbeschwerte Jugend war abrupt zu Ende, als die Deutschen ihre Heimatstadt in Polen besetzten. Mit ihrer Familie musste sie ins Ghetto umziehen und schloss sich dem Widerstand an. Ausgestattet mit falschen Papieren konnte sie untertauchen und übernahm Kurierdienste sowohl für die Widerstandskämpfer im Ghetto als auch für die Partisanen im Wald vor der Stadt. Mit großem Mut, einer gehörigen Portion Geistesgegenwart und beständiger Umsicht überlebte sie, nicht zuletzt auch dank der Hilfe eines deutschen Unternehmers, den Krieg. Ihre Geschichte gibt einen mitreißenden und bewegenden Einblick in ein Leben unter ständiger Bedrohung.

»Unsere Theatervorstellung hörte nie auf, wir spielten in einem Stück ohne Pause. Eine vertrackte Rolle: Freundlich lächeln, so tun, als ob nichts wäre – und unser Leben riskieren.«

Roger Repplinger
Leg dich, Zigeuner

»Leg dich, Zigeuner, oder wir holen dich!«, brüllen die Zuschauer, wenn Johann Trollmann in den frühen Dreißigerjahren boxt. Und sie holen ihn tatsächlich ins KZ Neuengamme. Einer der SS-Männer dort ist der ehemalige Fußballnationalspieler Tull Harder. In dem Lager sterben bis Kriegsende 55.000 Menschen, unter ihnen auch Trollmann, der 1944 ermordet wird.

Elisabeth Zöller
Anton
oder Die Zeit des unwerten Lebens

Lehrer Heimann hat Anton immer mehr auf dem Kieker.
Er gibt Strafarbeiten, wenn Anton zuckt.
Er schlägt, wenn Anton schweigt.
Er lacht ihn aus, wenn Anton stottert.
Er spottet, wenn Anton rechnet.

Einer wie Anton hat in der Schule nichts zu suchen. Einer wie Anton hat eigentlich überhaupt kein Recht zu leben. Denn Anton ist behindert, und es ist das Jahr 1941.

Wibke Bruhns
Meines Vaters Land
Geschichte einer deutschen Familie

Am 26. August 1944 wird der Abwehroffizier Hans Georg Klamroth wegen Hochverrats hingerichtet. Jahrzehnte später sieht seine jüngste Tochter in einer Fernsehdokumentation über den 20. Juli Bilder ihres Vaters aufgenommen während des Prozesses im Volksgerichtshof. Ein Anblick, der Wibke Bruhns nicht mehr loslässt. Wer war dieser Mann, den sie kaum kannte, der fremde Vater, der ihr plötzlich so nah ist. Die lange Suche nach seiner, ja auch ihrer eigenen Geschichte führt sie zurück in die Vergangenheit: Die Klamroths sind eine angesehene großbürgerliche Kaufmannsfamilie und muten wie ein Halberstädter Pendant zu den Buddenbrooks an. Unzählige Fotos, Briefe und Tagebücher sind der Fundus für ein einzigartiges Familienepos.

Christiane Kohl
Der Jude und das Mädchen

Ein beklemmendes Kapitel deutscher Alltagsgeschichte wird von Christiane Kohl in ihrem Buch aufgegriffen: Denunziation und Justizmord im „Dritten Reich“.
„Rassenschande“, so lautet die Anklage in einem aufsehenerregenden Schauprozess gegen den „Schuhjuden“ Leo Katzenberger und die flotte Mittzwanzigerin Irene Scheffler. Die Mitbewohner des bürgerlichen Mietshauses zerreißen sich das Maul über ihre ungleichen Nachbarn. Man tuschelt im Treppenhaus, spioniert den beiden nach und sammelt fleißig Indizien für die ungeheuerliche Straftat.
Christiane Kohl zeigt in ihrer fesselnden Dokumentation, wie eine fatale Mischung aus Kleinbürgermief, Neid und sexuellen Fantasien der biederen Saubermänner zu Denunziation und Justizmord führten. Leo Katzenberger wird im Juni 1942 hingerichtet, die mitangeklagte Irene Scheffler muss für zwei Jahre ins Zuchthaus. Ein beklemmender Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt ganz gewöhnlicher Deutscher im „Dritten Reich“.

(Ausgabe mit „Mängelexemplar“-Stempel)

Carlo Rossi
Im Vorhof der Hölle

1942 wird der 14-jährige Jude David Rosen nach Theresienstadt gebracht. Dieses Lager, von den Nazis als »Vorzeige-KZ« konzipiert um es der Presse und ausländischen Besuchern vorzuführen, wird von seinen Bewohnern auch »Vorhof zur Hölle« genannt. Jeder hier weiß, dass es aus Theresienstadt nur einen Weg gibt: in die Vernichtungslager. David merkt schnell, dass hinter der künstlichen Fassade der gleiche brutale Alltag von Terror und Angst herrscht, dem die Juden in dieser Zeit überall ausgesetzt sind. Er hat nur ein Ziel: Er will überleben.

Edgar Hilsenrath
Der Nazi und der Friseur

»Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz …« So beginnt Edgar Hilsenraths berühmter Roman über den SS-Mann und Massenmörder, der in die Rolle seines Opfers Itzig Finkelstein schlüpft und ein angesehener Bürger und Friseursalonbesitzer in Tel Aviv wird.

»Dem Romancier Edgar Hilsenrath gelingt in ›Der Nazi und der Friseur‹ scheinbar Unmögliches – eine Satire über Juden und SS […] Ein blutiger Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik, berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz.« (Der Spiegel)

Hans Peter Richter
Damals war es Friedrich

Zwei Jungen wachsen im selben Haus auf und gehen in die selbe Schulklasse. Jeder wird als einziges Kind von verständnis- und liebevollen Eltern erzogen. Selbstverständlich werden sie gute Freunde und jeder ist in der Familie des anderen daheim. Doch Friedrich Schneider ist Jude und allmählich wirft der Nationalsozialismus seine Schatten über ihn. Langsam gleitet die Geschichte aus der heilen Kinderwelt in ein unfassbares Dunkel.

Anonyma
Eine Frau in Berlin
Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. Apri bis 22. Juni 1945

Eine namenlose Frau erzählt von den letzten Tagen des Krieges im Frühjahr 1945 und dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin: Schonungslos offen und mit einem feinsinnigen Gespür für diese beispiellose Zeit berichtet die vielleicht 30-Jährige von Hunger, Ekel, Gewalt und Angst. Drei Schulhefte sind ihr geblieben, in die sie nun notiert, was ihr während des Tages und der Nacht widerfährt, und statt Selbstmitleid oder Hass wächst in der jungen Frau ein unerschütterlicher Überlebenswille heran …

Amelie Fried
Schuhhaus Pallas
Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte

Amelie Fried, Bestsellerautorin und Fernsehmoderatorin, hat durch einen Zufall ein Familiengeheimnis entdeckt: Während des Nationalsozialismus waren auch ihr Vater und Großvater, Eigentümer des Schuhhauses Pallas in Ulm, schlimmsten Repressalien ausgesetzt. Nahe Verwandte ihres Großvaters wurden im Konzentrationslager ermordet, er selbst überlebte durch einen unglaublichen Zufall. Erschüttert fragt sie sich, warum alle, die ihr und ihren Geschwistern etwas über diese Zeit hätten erzählen können, geschwiegen haben. In akribischer Detektivarbeit hat Amelie Fried die eigene Familiengeschichte recherchiert und aufgeschrieben – für ihre Kinder und für alle anderen, die sich mit dem Schweigen nicht abfinden wollen.

Ihr habt Interesse?
Dann müsst ihr nichts weiter tun, als mir bis Sonntag, 5. Februar 2012, 20 Uhr, eine eMail an buchjunkie[at]gmail[punkt]com zu senden und mir darin sagen, welches der Bücher euch interessiert und warum. Das muss kein langer Text sein, ein oder zwei überzeugende Sätze reichen. Ihr müsst weder Werbung machen noch sonst etwas und bitte schickt mir auch nicht direkt eure Adresse mit! Mir geht es lediglich darum, dass die Bücher nicht bei „Gewinnspielgeiern“ landen, die Bücher horten und dann doch nicht lesen.
DIESE Bücher sollen gelesen werden.
Aus diesem Grund bitte ich auch darum, dass mir jeder, der eines der Bücher erhält, innerhalb von etwa 8 Wochen nach Erhalt eine kurze (gerne natürlich auch lange) Buchbesprechung, eine Rezension oder einen Leseeindruck schickt, welche dann hier im Blog veröffentlicht werden.
Bei mehreren Interessenten für ein Buch entscheidet das Los.

Roma Ligocka / Die Handschrift meines Vaters

Jeder, der den Film „Schindlers Liste“ gesehen hat, wird sich an das kleine Mädchen im roten Mantel erinnern.
Roma Ligocka war dieses kleine Mädchen; sie besaß einen roten Mantel, sie irrte bei der Räumung des Krakauer Gettos durch die Straßen.
Als sie gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden bei der Premiere den Film „Schindlers Liste“ sieht, erkennt sie sich wieder und beginnt, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Dies tut sie zunächst in dem wunderbar geschriebenen und sehr berührenden Buch „Das Mädchen in dem roten Mantel“ (Rezension von Ada Mitsou), doch damit ist die Vergangenheitsbewältigung noch nicht vollendet, denn die Bekanntheit, die ihr nun zuteil wird, birgt auch Schattenseiten.

Erst ein seltsamer Anruf, dann ein Brief.

„Es gibt Briefumschläge, die signalisieren: Es ist nichts Gutes darin. Man mag sie gar nicht öffnen.
[…]
Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich tun werde, wenn jemand diese alte Geschichte herausholen sollte. Die Wahrheit ist: Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Selbst mit mir selber nicht. Möglicherweise habe ich das Unglück meiner Familie mein Leben lang mit mir herumgetragen – seitdem ich sieben Jahre alt war.“

Roma öffnet den Brief, er bezieht sich auf den Anruf, anbei ein Zeitungsartikel mit Fotos ihrer Eltern und einem Text, der sie wie ein Keulenhieb trifft:

„Der Vater der Bestsellerautorin Roma Ligocka, deren Buch über eine Kindheit im Holocaust in der Welt bekannt geworden ist, soll ein Kapo im Lager gewesen sein. Angeblich hat er Menschen geschlagen und in den Tod geschickt. Nach dem Krieg ist er verhaftet worden und starb kurze Zeit später im Gefängnis.“

Roma macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.
War ihr Vater wirklich ein grausamer Kapo? Obwohl doch Menschen, die mit ihm im Lager waren, etwas ganz anderes berichten?

In „Die Handschrift meines Vaters“ geht es nicht nur um die Spurensuche an sich, sondern vor allem um das Gefühlsleben von Roma Ligocka, dass sie wunderbar zu Papier zu bringen versteht. Es handelt sich nicht um eine stringente Erzählung, nicht um einen schieren Bericht, viele Passagen sind eher tagebuchartig, psychologisch angehaucht, sehr emotional und stark auf das Umfeld, das Drumherum während der Spurensuche, konzentriert.
Mir gefällt genau dieser Aspekt, mir gefällt die Art, wie hier ein schweres Trauma aufgearbeitet wird und mir gefällt, wie die Autorin schreibt.
Manches hätte vielleicht etwas anders angeordnet sein können, manche Abschnitte wären vielleicht nicht nötig gewesen, aber alles in allem halte ich das Buch für sehr lesens- und empfehlenswert.

Leseprobe: „Die Handschrift meines Vaters“.

Autorin: Roma Ligocka
Titel: Die Handschrift meines Vaters
Broschiert: 335 Seiten
Verlag: Diana
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3453351615

José-Alain Fralon / Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30.000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte.

Die meisten Menschen haben schon einmal von Oskar Schindler gehört, der während des Zweiten Weltkriegs rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bewahrt und ihnen so das Leben gerettet hat. Schindler tat dies jedoch nicht ganz uneigennützig, zumindest anfänglich waren finanzielle Interessen im Spiel.
Doch es ging auch anders, es gab auch Menschen, die völlig ohne Eigennutz halfen.
Einer von ihnen war Aristides de Sousa Mendes.
Er rettete rund 30.000 Menschen, darunter etwa 10.000 Juden, und dennoch ist sein Name bis zum heutigen Tag nur wenigen Menschen außerhalb Portugals ein Begriff.

Das vorliegende Buch befasst sich eingehend mit dem Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes, angefangen bei seiner Kindheit bis weit über seinen Tod hinaus. Detailliert und in angenehm sachlichem Ton schildert der Autor nicht nur das Leben und die äußeren Umstände von Aristides, sondern auch das seiner Familie und macht es so möglich, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der so viel Gutes tat, den die Geschichte jedoch viel zu lange in Vergessenheit ruhen ließ.

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An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass der folgende Text auf Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes Bezug nehmen wird, wie es auch im Buch geschildert ist.
Wer also nichts über den Inhalt des Buches und die Biographie Aristides de Sousa Mendes‘ erfahren möchte, bricht die Lektüre bitte jetzt ab.

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Aristides de Sousa Mendes, geboren 1885, war 1940 portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux.
Flüchtlingsströme aus Deutschland, den besetzten Teilen Frankreichs und des restlichen Europas strömen zu dieser Zeit gen Süden, um über die noch nicht besetzten französischen Teile und via Spanien nach Portugal zu gelangen, von wo aus man sich die Flucht weg vom europäischen Kontinent erhofft.
Doch nach Spanien gelangt nur der, der ein Visum hat …

Der portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, von de Sousa Mendes gerne auch als „der portugiesische Stalin“ bezeichnet, hatte ein Jahr zuvor im Rundbrief „Circular 14“ erlassen, dass für „Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden…“ keine Visa auszustellen seien.
Aristides de Sousa Mendes stürzt dieses Rundschreiben in einen schweren Gewissenskonflikt und in eine schlimme seelische Verfassung. Er sieht täglich die Flüchtlingsströme, er erkennt, was mit ihnen geschehen wird, wenn niemand hilft. Besonders die wachsende Freundschaft mit Rabbi Chaim Krüger lässt ihn mehr und mehr erkennen, was falsch und was richtig ist.
Am 16. Juni, nach drei Tagen Isolation und innerer Einkehr, steht Aristides auf, rasiert sich, kleidet sich an und beginnt, was der Historiker Yehuda Bauer später als „die größte Rettungsaktion, die während des Holocaust von einem einzelnen Menschen durchgeführt wurde“ bezeichnen wird.

„Von nun an werde ich allen ein Visum geben, es gibt keine Nationalitäten, Rassen, Religionen mehr. […] Ich kann nicht zulassen, dass alle diese Menschen umkommen. Viele von ihnen sind Juden, und in unserer Verfassung steht eindeutig, dass Ausländern weder aufgrund ihrer Religion noch ihrer politischen Überzeugung der Aufenthalt in Portugal verweigert werden darf.
Ich habe beschlossen, diesem Prinzip treu zu sein, werde aber nicht zurücktreten. Ich kann dem christlichen Glauben, dem ich angehöre, nur treu bleiben, wenn ich so handle und der Stimme meines Gewissens folge.“

Visum um Visum wird ausgestellt, wie am Fließband wird gestempelt und unterschrieben. Die Nachricht, dass jedermann ein Visum erhalten kann, verbreitet sich wie ein Lauffeuer, immer mehr und mehr Flüchtlinge stürmen die Kanzlei, darunter auch die Familie de Rothschild und Otto von Habsburg, der freilich nicht selbst erscheint, sondern einen Sekretär schickt. Nicht einmal Gebühren erhebt de Sousa Mendes mehr, es muss schnell gehen, Zeit darf nicht verplempert werden, schließlich verstößt er gegen das Gesetz Salazars.
Und dieser erfährt auch bald davon, bereits am 20. Juni fordert die Regierung den Konsul auf, seine Aktivitäten einzustellen, am 23. Juni reist de Sousa Mendes in die Heimat, nicht jedoch, ohne auf dem Weg noch weitere Visa auszustellen und einige Flüchtlinge persönlich über die Grenze zu begleiten.

Am 24. Juni erklärt Salazar sämtliche durch den inzwischen entlassenen Konsul ausgestellte Visa für nichtig, mehr noch, er fordert seine Botschafter auf, in Zukunft nur noch den „reinen Menschen“, also den Nichtjuden, Visa auszustellen.
In Portugal wird Aristides nicht nur seines Amtes enthoben, er wird auch in einem Disziplinarverfahren für schuldig erklärt, sämtliche Gelder, die Pension, sogar seine Lizenz als Rechtsanwalt werden gestrichen. Schlimmer ist jedoch die gesellschaftliche Ächtung, der er und seine gesamte Familie in Zukunft ausgesetzt sein werden; diesbezüglich leistet Salazar ganze Arbeit: Aristides de Sousa Mendes ist nun ein Niemand.

Die ehemals wohlhabende Familie verarmt, ist zeitweise sogar auf die Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen. Gesundheitlich geht es ebenso mit Aristides bergab.
1954 verstirbt er, ohne rehabilitiert zu sein.

Um die Anerkennung der Taten de Sousa Mendes‘ und um seine politische Rehabilitierung müssen seine Nachkommen und Unterstützer lange kämpfen.

Yad Vashem in Jerusalem wird aufmerksam gemacht. Yad Vashem ist die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“, auch die größte Gedenkstätte zur Erinnerung und Dokumentation der Taten nichtjüdischer Personen. Die Verantwortlichen der Gedenkstätte werden mit der Untersuchung des Falles Aristides de Sousa Mendes beauftragt.
1961 wird zu Ehren von Aristides ein Baum in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ gepflanzt – de Sousa Mendes ist bis heute der einzige Portugiese, der in der Allee vertreten ist.
1966 lässt Yad Vashem sogar eine Gedenkmedaille prägen, die Aufschrift lautet: „Für Aristides de Sousa Mendes, das dankbare jüdische Volk“. Auf der Rückseite steht: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die Menschheit“.

Verschiedene amerikanische Zeitschriften berichten über de Sousa Mendes, dies nicht zuletzt, weil die nach Amerika ausgewanderten Familienmitglieder nicht davon ablassen, Aristides rehabilitieren lassen zu wollen. Große Unterstützung erhalten sie von den Kindern Rabbi Krügers und dem portugiesischstämmigen Politiker John Paul, der 1986 eine Petition zur Rehabilitierung von Sousa Mendes initiiert, diese in der New York Times veröffentlicht und an die portugiesische Regierung schickt. 1987 nimmt das amerikanische Abgeordnetenhaus eine Resolution an,  Mitinitiator ist Ted Kennedy.
Auch Otto von Habsburg setzt sich ein und bedankt sich bei den Nachfahren seines Retters:

„Ich möchte Ihnen noch einmal schriftlich mitteilen, dass ich Ihrem Großvater auf ewig dankbar sein werde. Er war ein großer Gentleman, ein Mann von bewundernswertem Mut und Integrität, der seinen Grundsätzen treu blieb, ohne dabei an seine persönlichen Interessen zu denken.
In einer Zeit, in der viele Menschen feige waren, war er ein wirklicher Held des Abendlandes.“

Am 13. März 1988, über 30 Jahre nach dem Tod de Sousa Mendes und fast 50 Jahre nach seinem Einsatz für die Flüchtlinge, wird er durch das Parlament in Lissabon offiziell rehabilitiert.

Die Gesten der Anerkennung mehren sich seitdem. So ist in der Negev-Wüste ein Wald mit etwa 10.000 Bäumen -in Anlehnung an die Zahl der durch de Sousa Mendes geretteten Juden- nach ihm benannt, Straßen und Plätze in Portugal, aber auch in Österreich oder Kanada tragen seinen Namen und seit 2008 initiiert der Verein Vision und Verantwortung e.V. eine Ausstellung.

Vor zwei Jahren erschien unter dem Titel „Désobéir“ (engl: The consul of Bordeaux) ein Film über Leben und Handeln von Aristides de Sousa Mendes. José-Alain Fralon, Autor der Biographie, war als Drehbuchautor maßgeblich an der Entstehung des Films beteiligt.

Eine Leseprobe des Buches findet sich auf der Verlagsseite.

Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
Verlag: Urachhaus; Auflage: 1 (13. April 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3825177683

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